Ohne Hilfsmittel im Gelände unterwegs zu sein - das gehört zur hohen Kunst der Orientierung. Die Wildnis-Experten Tobias Krüger und Heiko Gärtner erläutern, wie man sich anhand von Landmarken, Wegpunkten und dem Sonnenstand im Gelände zurechtfindet.

Wenn man in der Wildnis unterwegs ist, gibt es kaum ein Thema, das so wichtig ist wie die Orientierung im Gelände. Orientierung – das ist die Kunst stets zu wissen, wo man ist, wo man hin will und wie man wieder zurückfindet. Es geht bei der Orientierung also immer um drei zentrale Fragen:

  1. „Wo bin ich?“
  2. „Wo will ich hin?“
  3. „Wie stelle ich das an?“

Um diese Fragen zu beantworten, gibt es heute eine Menge technischer Hilfsmittel wie Karten, Kompasse, Navigationssysteme und GPS-Geräte. Doch wer sich wirklich frei in der Natur bewegen und seinen Standort bestimmen will, muss sich auch ohne diese Hilfsmittel orientieren können. Dafür haben wir im Folgenden einige Tipps zusammengestellt.

1. Mit offenen Augen im Gelände unterwegs

Speziell bei schwierigen Sichtverhältnissen wie hier in den Cottischen Alpen sollte man sich das Gelände gut einprägen. | Foto: Arnold Zimprich
Speziell bei schwierigen Sichtverhältnissen wie hier in den Cottischen Alpen sollte man sich das Gelände gut einprägen. | Foto: Arnold Zimprich

Es klingt lapidar – aber die Aufmerksamkeit ist das A und O bei der Outdoor-Orientierung. Erst recht, wenn man keinen Kompass, keine Karte und kein GPS-Gerät zur Verfügung hat. Verlaufen tun wir uns meist nur deshalb, weil wir uns nicht merken, woher wir gekommen sind. Und dies passiert, weil wir nicht aufmerksam genug auf unsere Umgebung achten.

Wenn man beispielsweise das erste Mal in einer neuen Stadt umherstreift, passiert es leicht, dass man sich verläuft. Hält man sich jedoch länger in der Stadt auf, dann bekommen die einzelnen Straßen und Ecken eine Art Persönlichkeit. Man nimmt sie genauer wahr, verknüpft sie mit Erinnerungen. Allmählich entsteht im Kopf ein Bild, ein Relief.

Je aufmerksamer man umherstreift, desto schneller prägt sich dieses Bild im Kopf ein. Desto weniger passiert es auch, dass man sich verläuft. Wandert man von Beginn an aufmerksam durch die Straßen und nimmt ihre Besonderheiten bewusst wahr, erinnert man sich im Idealfall auch ohne Wiederholung an den Weg und kann sich kaum mehr verlaufen.

Der Blick zurück ist wichtig

Bedenken sollte man dabei stets, dass man auf dem Rückweg aus der anderen Richtung kommt. Daher ist es wichtig, ab und zu einen Blick zurückzuwerfen und zu sehen, wie die Straßen, Bäume und Gebäude aus der anderen Richtung aussehen!

Die Orientierung im Wald ist letztlich nicht anders als die in der Stadt. Die Schwierigkeit besteht lediglich darin, dass sich Bäume für unseren oberflächlichen Blick viel stärker ähneln als Häuser und Straßen. Wir haben das Gefühl, dass ohnehin alles gleich aussieht und so schaltet unser Geist in der Regel ab und versucht gar nicht mehr, sich den Weg zu merken.

Hier ist es also besonders wichtig, mit „geöffneten Sinnen“ unterwegs zu sein. Man sollte stets versuchen, so viel wahrzunehmen wie möglich. Nicht nur mit den Augen – sondern auch mit Nase, Ohren und Füßen. Je mehr Informationen über die Umgebung in das Bewusstsein gelangen, desto leichter fällt es, sich später wieder an den Heimweg zu erinnern.

2. Outdoor – Orientierung per „Songline“

Um sich den Rückweg noch leichter merken zu können, gibt es eine uralte Methode – die sogenannte Songline. Sie stammt von den Ureinwohnern Australiens, den Aborigines.

Bei diese Orientierungsmethode späht man während des Gehens immer wieder markante Punkte aus. Besonders dann, wenn man seine Richtung ändert. Diese Geländepunkte – ein auffälliger Baum, ein markanter Felsen, ein riesiger Ameisenhaufen – baut man in eine möglichst lebhafte Geschichte ein.

Am Anfang ist es hilfreich, wenn man die Geschichte laut ausspricht. So baut man einen noch intensiveren Bezug zu ihr auf. Wichtig ist vor allem, dass die erdachte Geschichte möglichst intensive Bilder, Farben und Gefühle in einem hervorruft. So bleibt sie besonders gut im Kopf haften.

Macht man sich nun auf den Rückweg, geht man die einzelnen Stationen der Geschichte in umgekehrter Reihenfolge noch einmal durch. Die Songline leitet einen so Abschnitt für Abschnitt zum Ausgangspunkt zurück.

Die Methode hat allerdings den Nachteil, dass man sich – zumindest wenn man nicht schon Songline-Routinier ist – sehr stark auf die Geschichte und den Weg konzentrieren muss. Dadurch hat man kaum Gelegenheit, auch die Gegend rechts und links der Route wahrzunehmen.

3. Den Weg im Gelände selbst markieren

Nicht immer ist es so leicht wie hier, eine zuvor gelegte Spur zurückzuverfolgen. | Foto: Arnold Zimprich
Nicht immer ist es so leicht wie hier, eine zuvor gelegte Spur zurückzuverfolgen. | Foto: Arnold Zimprich

Wenn man ohne Kompass und ohne Karte in einem Gebiet unterwegs ist, in dem es wenig auffällige Orientierungspunkte gibt, kann man seinen Weg auch in regelmäßigen Abständen markieren. Am besten eignen sich dafür Äste oder Steine, die man in ungewöhnlichen Formationen anordnet oder an Stellen legt, an denen sie auffallen.

Je nachdem wo und wie man unterwegs ist, muss man abwägen, ob es in der momentanen Situation hilfreicher ist eine möglichst auffällige Spur zu legen, die dann aber auch von jedem anderen verfolgt werden kann, oder lieber eine, die man nur erkennen kann, wenn man weiß, dass sie da und wie sie angelegt ist. Doch Achtung: Letztere Variante birgt natürlich die Gefahr, dass man sie selbst übersieht!

4. Orientierung anhand von Landmarken

Das wichtigste Mittel bei der Orientierung sind die sogenannten Landmarken. Dies sind auffällige Geländemerkmale, die eine Landschaft ausmachen. In der Regel kann man sie gut erkennen. Denn sie sind so groß, dass man sich an ihnen über eine längere Strecke hinweg orientieren kann.

Zu den Landmarken zählen Bergrücken, Flüsse, Waldränder, Schluchten – und in unseren Wäldern natürlich auch Wege und Straßen. In einigen Gebieten – wie beispielsweise den Appalachen in Virginia – verlaufen die Berge relativ gerade und parallel (in diesem Fall von Südwest nach Nordost). Hat man die Verlaufsrichtung einer solchen Geländemarke einmal bestimmt, weiß man automatisch in welche Richtung man läuft, wenn man z.B. einem Tal folgt.

Auch Bergkämme können die richtige Himmelsrichtung weisen - hier ist allerdings Vorsicht und, im Idealfall, der Abgleich mit einer Karte geboten! | Foto: Arnold Zimprich
Auch Bergkämme können die richtige Himmelsrichtung weisen – hier ist allerdings Vorsicht und, im Idealfall, der Abgleich mit einer Karte geboten! | Foto: Arnold Zimprich

Sobald man dies einmal erkannt hat, kann man sich relativ frei im Gelände bewegen. Denn man weiß ja, dass man zum Lager zurückkommt, wenn man beispielsweise so geht, dass der Bergrücken immer rechts von einem liegt. Nur wenn man den Berg überquert wird es wichtig, sich neue Landmarken zu suchen, die einen zurück zum Ausgangspunkt führen können.

Flüsse leiten im Idealfall zu Siedlungen

Auch Flüsse sind besonders gute Orientierungshilfen, da sie einem nicht nur einen langfristigen Anhaltspunkt liefern, sondern durch die Fließrichtung auch gleich noch anzeigen, in welche Richtung man gehen muss. Wenn man sich also in der Wildnis verirrt hat und den Weg zurück in die Zivilisation sucht, kann ein Fluss ebenfalls hervorragende Dienste leisten. Menschen siedeln seit jeher am liebsten am Wasser und so wird man früher oder später automatisch auf einen Ort oder eine Stadt treffen, wenn man einem Fluss abwärts folgt.

Die einzige Ausnahme sind natürlich Wüstengebiete. Wenn du in einer Wüste auf einen Fluss oder ein Rinnsal triffst, folge ihm flussaufwärts. Anders als in anderen Gebieten sammelt sich das Wasser hier nicht zu immer größeren Flüssen zusammen, sondern versiegt oft früher oder später im Sand oder einem Binnendelta. Geht man dem Wasser jedoch entgegen, trifft man früher oder später auf die Quelle und, im Idealfall, auf eine Siedlung.

Es ist jedoch wichtig, dass man sich bewusst macht, dass man nicht der einzige sein wird, der Flüsse als Orientierungshilfe auswählt. Je nachdem in welchen Regionen der Erde man unterwegs ist, kann es riskant sein, direkt neben dem Fluss zu laufen. In Kanada, Russland und anderen Bärenregionen ist hier die Chance am größten, auf einen der pelzigen Riesen zu treffen!

Markante Wegpunkte wie die Kaltwasserkarspitze im Karwendel sind ausgezeichnete Wegpunkte, wenn man sie nicht mit anderen Gipfeln verwechselt. | Foto: Arnold Zimprich
Markante Wegpunkte wie die Kaltwasserkarspitze im Karwendel sind ausgezeichnete Wegpunkte, wenn man sie nicht mit anderen Gipfeln verwechselt. | Foto: Arnold Zimprich

5. Orientierung mit akustischen Signalen

Wenn man gerade an einem Punkt ist, an dem die sich keine der oben genannten Methoden zur Orientierung anbieten, kann es sein, dass die Ohren ein gutes Stück weiterhelfen! Man kann in bestimmten Abständen einen Moment stehenbleiben und auf markante Geräusche wie Wasserrauschen, Straßenlärm und dergleichen achten – auch das kann bei der Orientierung helfen.

Wenn man zurück in eine Stadt finden will, gibt es meist eine ganze Palette an Geräuschen, die verraten, ob man ihr näher kommt und in welche Richtung man weiterziehen sollte. Wichtig ist, dass man sehr aufmerksam und genau hinhört. Denn oftmals klingt das Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume, das Rauschen des Wassers in einem Fluss oder an einer Küste und das Rauschen vorbeifahrender Autos auf einer Autobahn von weitem sehr ähnlich. Es kann also schnell passieren, dass man sich davon in die Irre führen lässt!

6. Navigation mit markanten Wegpunkten

Ebenfalls eine wichtige Rolle spielen kleinere Auffälligkeiten in der Landschaft, die man vielleicht nicht von weitem sehen kann. Die aber, wenn man unmittelbar an ihnen vorbeikommt, einen bestimmten Weg markieren können.

Hierzu zählen beispielsweise auffällig gewachsene Bäume, besondere Felsen, große Steine oder Findlinge und alle anderen ungewöhnlichen Naturerscheinungen, die man unterwegs ausfindig machen kann. Man kann sie entweder in seine Songline einbauen oder als wichtige Wegpunkte merken. Ein Fluss oder ein Bergrücken als Orientierungshilfe ist zwar gut und wichtig – wenn man aber sein Lager nicht direkt neben ihnen aufgebaut hat, dann braucht man etwas, woran man erkennt, in welche Richtung man abbiegen muss.

7. Orientierung mit Hilfe der Sonne

Die Erde dreht sich innerhalb von 24 Stunden genau einmal gegen den Uhrzeigersinn (von Westen nach Osten) um ihre eigene Achse. Dadurch scheint sich die Sonne exakt von Osten nach Westen über den Himmel zu bewegen – wobei sie pro Stunde um ca. 15° nach Westen wandert.

Wenn die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat, steht sie auf der Nordhalbkugel genau im Süden, auf der Südhalbkugel genau im Norden und in der Äquatorgegend fast genau senkrecht über dem Betrachter (also im sogenannten Zenit).

Die Sonne ist eine sehr vielseitige Orientierungshilfe - schönes Wetter vorausgesetzt! | Foto: Arnold Zimprich
Die Sonne ist eine sehr vielseitige Orientierungshilfe – schönes Wetter vorausgesetzt! | Foto: Arnold Zimprich

Diese Grundregel kann man nutzen, um anhand der Sonne die Himmelsrichtungen zu bestimmen. So kann man sich wieder neu orientieren, wenn man nicht mehr weiß, in welche Richtung man gehen muss. Am einfachsten funktioniert dies, wenn man eine Uhr dabei hat. Man sollte allerdings berücksichtigen, dass sich unsere Sommerzeit entgegen der „echten“ Zeit um eine Stunde vorverschiebt.

Man muss also von der Uhrzeit, die auf der Uhr angezeigt wird, eine Stunde abziehen. Hat man nur eine Digitaluhr zur Hand, lässt sich mittels Papier und Stift auch eine improvisierte Analoguhr basteln, indem man das Ziffernblatt aufmalt und die 12 Uhr-Marke sowie den Stundenzeiger zur aktuellen Zeit einträgt. Diese Technik ist umso genauer, je weiter man vom Äquator entfernt ist.

Schattenwurf als Hilfsmittel

Man muss dafür die Uhr waagerecht halten und den Stundenzeiger genau auf die Sonne richten. Um noch genauer zu sein, kann man ihn auch anhand des Schattenwurfs eines geraden Objektes ausrichten. Nun denkt man sich eine Linie, die den Winkel zwischen dem Stundenzeiger und der 12 Uhr-Marke genau in der Hälfte teilt. Diese gedachte Linie zeigt auf der Nordhalbkugel in Richtung Süden.

Eine Ausnahme bildet die Zeit vor 6 Uhr und nach 18 Uhr. Hier zeigt die gedachte Linie nach Norden – vorausgesetzt, man kann die Sonne um diese Zeit schon erkennen. Auf der Südhalbkugel richtet man hingegen die 12 Uhr-Marke auf die Sonne und halbiert den Winkel bis zum Stundenzeiger. Die dabei entstehende gedachte Linie zeigt (zwischen 6 und 18 Uhr) nach Norden.

Wenn man keine Uhr, dafür aber etwas Zeit hat, kann man die Himmelsrichtungen auch mit einem Stock bestimmen. Diesen steckt man an einer ebenen Stelle senkrecht in den Boden, sodass sein Schatten gut sichtbar ist. Nun markiert man das Ende des Schattens mit einem Stein oder etwas ähnlichem und wartet, bis der Schatten ein gutes Stück weitergewandert ist.

Je länger man wartet, desto genauer wird die Bestimmung. Man sollte aber mindestens eine viertel Stunde Zeit haben, damit diese Methode auch funktioniert. Wenn die viertel Stunde vergangen ist, markiert man das „neue Ende“ des Schattens mit einem Stein und verbindet beide Markierungen mit einer Linie oder einem geraden Stock. Diese Linie verläuft nun ungefähr in Ost-West-Richtung, wobei die zuerst gesetzte Markierung in West-, und die zweite in Ostrichtung weist.

Fazit zur Orientierung im Gelände

Egal welche Methode(n) man nun anwendet – wer die simpelste aller Orientierungsregeln verinnerlicht hat, kommt im Gelände besser zurecht. Diese Grundregel lautet schlicht und ergreifend, mit „offenen Sinnen“ im Gelände unterwegs zu sein. Obwohl wir als „zivilisierte“ Menschen viele technische Geräte zur Verfügung haben, hat es seinen Reiz, sich auf seine Sinne, den Instinkt und natürliche Hilfsmittel zu verlassen, wenn man ins Gelände startet.

Trotzdem zum Schluß eine kurze Warnung: Das Bergzeit Magazin weist ausdrücklich darauf hin, dass zur Outdoor-Orientierung und Standortbestimmung ohne Hilfsmittel ein gerüttelt Maß an Übung und Routine gehört. Wir raten allen Wildnisabenteurern, jedes verfügbare Hilfsmittel wie GPS-Gerät, Kompass und Karte auf Berg- und Geländetouren mitzunehmen.

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