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5 Gipfel Gewinnspiel

Bergzeit Alpincamp – Auf den Mont Blanc mit Millet Mountain

10 Minuten Lesezeit
Einmal im Leben auf das Dach Europas! Für Bergzeit-Alpincamp Gewinnerin Maren wurde dieser Traum Wirklichkeit. Wie die anspruchsvolle Gipfelbesteigung auf den Mont Blanc ablief erfährst Du hier im Bericht.

„Ob das noch was wird?“. Der Regen prasselt erbarmungslos auf unser Auto herunter, während wir mit fünf Metern Sicht im Dunkeln eine kurvige Bergstraße in der Nähe von Chamonix hinaufkurven. Wir hoffen hier noch irgendwo einen überdachten Schlafplatz für unsere Isomatten zu finden. Es ist der Vorabend der großen Tour. Maren, die Teilnehmerin des Bergzeit Alpincamps, und ich als Fotograf, sind hier um auf den höchsten Berg der Alpen zu steigen. Aber in diesem Moment können wir uns das beim besten Willen nicht vorstellen. Als wir beobachten, wie der Starkregen vor uns auf der Straße Bäche bildet, wissen wir: „Da oben am Mont Blanc ist das alles Neuschnee“.

Dabei sind wir doch eigentlich so gut auf diese Herausforderung vorbereitet. Ein 4810 Meter hoher Berg erfordert schon gute Akklimatisierung bevor man den Gipfelanstieg in Angriff nimmt. Daher haben Maren und ich uns bereits fünf Tage vorher getroffen und sind zusammen auf das Nadelhorn (4327m) und das Stecknadelhorn (4241m) in den Walliser Alpen gestiegen. Zusätzlich zu der Nacht auf der Mischabelhütte (3340m) haben wir an hohen Pässen und Bergseen biwakiert, denn gerade das Übernachten in der Höhe hilft für die Anreicherung der roten Blutkörperchen, die wir oben am Mont Blanc brauchen, damit wir nicht höhenkrank werden.

Zustieg zum Refuge du Goûter

Am Morgen des 21. Septembers sind wir – trotz leichter Desillusionierung durch das Wetter – pünktlich im Talort Le Fayet. Dort treffen wir am Bahnhof unseren Schweizer Bergführer Beat. Mit der Ausrüstung von Millet Mountain im Gepäck machen wir uns auf den Weg. Unser Abenteuer beginnt auf 580m, (schlappe 4230m unter unserem Zielpunkt) von wo aus uns eine Zahnradbahn zum „Nid D’aigle“ hinaufbringt, dem Adlersnest auf 2362m. Nach gut einer Stunde kurviger und aussichtsreicher Fahrt kann es dann so richtig losgehen, ab hier nur noch aus eigener Kraft.

Bergsteiger am Mont Blanc
Ab hier zu Fuß. Vor den Alpincamp Teilnehmern liegt ein anstrengender Aufstieg. | Foto: Thomas Herdieckerhoff

Noch ist das Wetter passabel, also geben wir Gas um möglichst schnell zu unserem Tagesziel aufzusteigen – dem Refuge du Goûter (3835m). Durch triste Schuttberge steigen wir höher und sind schon bald umhüllt von den tief hängenden Wolken. Ein kleines Hüttchen taucht nach 700hm aus den Nebelschwaden auf. Hier wird normalerweise kontrolliert, ob man eine Reservierung auf einer der beiden Hütten hat. Jeder der nichts vorweisen kann, muss umkehren. So spät in der Saison ist das Häuschen allerdings unbesetzt. Über die kläglichen Überreste des Tête Rousse Gletschers steigen wir ein Stück links an der gleichnamigen Hütte (3167m) vorbei und beschließen hier bereits Helm und Klettergurt anzulegen.

Aufstieg Richtung Hütte
Wer auf die Schneebedeckten Gipfel des Mont Blanc Massivs möchte muss einen weiten Aufstieg hinter sich bringen | Foto: Thomas Herdieckerhoff

Kurze Zeit später gelangen wir zum Grand Couloir. Diese Schuttrinne ist der objektiv gefährlichste Punkt der ganzen Tour, da kein Weg daran vorbeiführt sie zu queren und sie berüchtigt für regelmäßigen Steinschlag ist. Wie gebannt stehen wir vor der Rinne und lauschen in die Nebelschwaden hinein. Manchmal hört man irgendwo ein paar Steine poltern. Als wir eine Weile nichts mehr hören, rennen wir los. Auf 3300m geht einem schnell die Puste aus, aber stehen bleiben geht jetzt nicht. Keuchend aber erleichtert erreichen wir 40 Sekunden später die andere Seite des Couloirs, wo wir wieder in Sicherheit sind. Von hier an geht es in festerem Blockgelände aufwärts. Da es sich um IIer-Gelände (UIAA) handelt, kommen wir ungesichert in einfacher Kraxelei gut voran. Im mittlerweile einsetzenden Schneeregen können die Millet Hardshell-Jacken direkt ihre Wetterfestigkeit unter Beweis stellen. Wir klettern stetig weiter und nach und nach wird die Felslandschaft um uns herum verschneiter. Dann sehen wir über uns die ehemalige Goûter Hütte. Über eine Leiter steigen wir hinauf und erreichen den Gletscher. Auf einer Firnschneide queren wir im dichten Nebel hinüber bis vor uns plötzlich ein futuristisch aussehender, eiserner Zylinder mit Fensterluken auftaucht.

Hütte im Nebel
Die Hütte taucht aus dem Nebel auf | Foto: Thomas Herdieckerhoff

Zufrieden darüber, dass wir es in 3h 15min auf die Hütte geschafft haben ohne wirklich nass zu werden, klatschen wir uns ab und betreten die Hütte. Im modern eingerichteten Inneren lassen wir uns im gemütlich warmen Essensraum nieder. Verrückt, dass wir hier bisher alleine sitzen; in der Goûter Hütte, die bekannt dafür ist immer weit im Voraus ausgebucht zu sein. Uns wird noch einmal bewusst, dass wir uns am Ende der Nebensaison für eine Mont Blanc Besteigung befinden. Da wir schon um kurz nach eins auf der Hütte sind, bleibt uns am Nachmittag noch viel Zeit zur Erholung. Zum Abendessen gibt es Kartoffelgratin. Wir schlagen ordentlich zu, denn wir werden den Brennstoff am nächsten Tag brauchen. Immer wieder frage ich mich, ob es bei dem schlecht vorhergesagten Wetter wohl möglich sein wird den Gipfel zu erreichen. Als wir den Hüttenwirt fragen wie er die Chancen einschätzt antwortet er kryptisch: „Ce n’est pas gagné… mais ce n’est pas perdu non plus.“ „Es ist noch nichts gewonnen… aber auch noch nichts verloren“. Das bringt uns nicht viel weiter, aber wir beschließen es zu probieren und gehen mit wachsender Aufregung ins Bett.

Aufstieg ins Ungewisse

Um 2:45 beendet der Wecker unsere kurze Nacht im Hüttenlager. Nach einem mageren Frühstück aus Weißbrot und Marmelade geht es hinunter in den Ausrüstungsraum. Als erste Seilschaft treten wir aus der Hütte in die dunkle Nacht. Vorne spurt Beat den nur noch schwach erkennbaren Weg im Neuschnee ein, dann folgen Maren und ich. Es herrscht dichtes Schneetreiben, sodass man nicht weit sieht, weil man vom hellen Schein der Schneeflocken vor der Stirnlampe geblendet wird. Kapuze auf, nach unten schauen und wie in Trance dem vor mir baumelnden Seil und Maren hinterherlaufen. Mir kommt das Lied „Leise rieselt der Schnee“ in den Sinn während ich nur dem monotonen Geräusch der Schneeflocken lausche, die auf meinen Kopf fallen. Ein Blick auf meine Höhenuhr verrät mir, dass wir gut 400 Höhenmeter die Stunde laufen, ganz schön flott dafür, dass wir auf inzwischen 4000 Metern sind. Gut so, denn wer weiß wie lange das Wetter passabel bleibt. Es weht bisher noch kein starker Wind und so komme ich ins Schwitzen, obwohl ich nur ein dünnes Long-Sleeve und eine Hardshell Jacke trage. Eine Lage ausziehen geht also auch nicht.

Bergsteiger am Seil
Wer in diese Höhen vordringen möchte, sollte sich nach dem „Zwiebelprinzip“ warm anziehen | Foto: Thomas Herdieckerhoff

Am Fuße des Dôme du Goûter (knapp 4300m) verliert sich die Spur vollends im tiefer werdenden Schnee. Wir umrunden diesen Schneeberg auf gleicher Höhe bleibend im Halbkreis und verlieren anschließend wieder einige Höhenmeter. Jetzt weht ein eisiger Wind. Da wir zudem absteigen, wird mir im angeschwitzten Merino-Shirt richtig kalt. Es graust mir jedoch auch davor mich bei diesen Temperaturen auf die nackte Haut auszuziehen und mein Wechselshirt anzuziehen. Also geht es frierend weiter und ich spüre wie meine klamme Kleidung in der Kälte langsam steif wird.

Mir fällt ein, dass irgendwo hier in der Gegend noch eine Notbiwakschachtel steht – das Refuge Vallot. Da wir mit unserem Tempo sowieso zu früh am Gipfel wären, hoffe ich, dass wir das Biwak für eine Pause mit Schutz vor Wind und Schnee nutzen können. Inzwischen ist die Kälte für mich extrem unangenehm. Dann taucht im Schein unserer Stirnlampen endlich eine Hütte über uns auf. Wir steigen von unten her über eine Leiter durch eine Luke ins Innere des leeren Biwaks. Es tut gut sich hier ohne Wind umziehen zu können und sich in einige der Decken einzuwickeln. Wir trinken von unserem leicht angefroren Wasser und versuchen einen Riegel herunter zu bekommen.

Biwakschachtel
Aufwärmen im windgeschützten Notbiwak | Foto: Thomas Herdieckerhoff

Nach einer knappen halben Stunde brechen wir wieder auf. Wir fühlen uns wesentlich wohler. Die kurze Pause hat geholfen und mit trockenem Base Layer und einer Schicht mehr als vorher lässt sich die Kälte jetzt aushalten. Die Steigung nimmt zu, wir sind nun auf dem Bosses-Grat der uns über zwei Erhebungen, Grande und Petite Bosse, weiter ins Nichts führt. Langsam wird der Nebel im ersten Dämmerlicht in verschiedene Blautöne getüncht und hin und wieder können wir durch den Schleier Strukturen der Gletscherwelt um uns herum erahnen. Als wir auf ca. 4600m ankommen, passiert das Unglaubliche: Wir merken, dass sich die Sicht bessert und stehen kurze Zeit später über einem schier endlosen Wolkenmeer. Es erscheint fast so, als ob der Mont Blanc in diesem Moment der einzige Berg Europas ist, der seine Spitze über das schlechte Wetter erhebt. Ein wunderbarer Moment!

Eisiger Wind am Mont Blanc
Plötzlich durchbrechen Thomas und seine Begleiter das Wolkenmeer – ein fantastischer Anblick! | Foto: Thomas Herdieckerhoff

Mit neuer Energie beschwingt stapfen wir am schmalen Grat weiter. Die steilen Schneeflanken auf beiden Seiten verlieren sich unter uns im Nebel. Jetzt konzentriert bleiben und ordentlich die Steigeisen im hart gefrorenen Schnee platzieren. Tief schnaufend atmen wir die kalte Luft ein, die hier nur noch gut die Hälfte des Sauerstoffgehalts auf Meereshöhe hat. Dann erscheint vor uns die Sonne durch Nebelschleier und wir erkennen, dass es nicht mehr höher geht. Es ist geschafft, wir sind am Dach Europas auf 4810m angekommen – Bergzeit Alpincamp Mission erfolgreich! Wir umarmen uns und sind überglücklich. Vorher hatten wir es uns kaum zu hoffen getraut, jetzt stehen wir ganz oben und das auch noch mit einem atemberaubenden Ausblick und ganz alleine.

Über den Wolken beim Bergzeit Alpincamp
Über den Wolken beim Bergzeit Alpincamp | Foto: Thomas Herdieckerhoff

Im Süden erkennen wir nicht weit von uns entfernt den Mont Blanc du Courmayeur (4748m) auf der italienischen Seite des Massivs. Da es erst kurz vor 8 Uhr ist und wir noch motiviert sind, beschließen wir auch diesen noch zu besteigen – ist ja immerhin der zweithöchste Berg der Alpen. Erst in einfachem Gehgelände abwärts und dann mit Querung und Aufstieg in einem steilen Firnhang hochpickelnd erreichen wir den Gipfel. Beeindruckend ist hier die starke Überwächtung durch den unablässigen Wind.

Abstieg über den Dôme du Goûter

Mit einem anstrengenden Gegenanstieg erreichen wir um 9:30 Uhr ein zweites Mal den Gipfel des Mont Blanc und beginnen den Abstieg. Inzwischen ragen Berge wie Mont Maudit und Aiguille Verte im Morgenlicht aus dem Wolkenmeer. Nach dem Bosses-Grat kommen wir am Biwak vorbei – so sieht das also bei Tageslicht aus. Auch der flache Schneehügel Dôme du Goûter (4304m) ist ein eigenständiger 4000er und so lassen wir es uns nicht nehmen noch einen kleinen Abstecher dorthin zu machen.

Hochtourengeher am Mont Blanc
Nach dem anstrengenden Aufstieg muss man noch den langen Abstieg bewältigen | Foto: Thomas Herdieckerhoff

Etwas später entdecken wir das Refuge du Goûter, das am Rande des Gletschers über dem Abgrund steht. Abwärts kommt man hier schnell voran und so erreichen wir schon bald die Hütte. Allerdings wollen wir noch am selben Tag zurück ins Tal und so brechen wir nach einer kurzen Pause in der Hütte wieder auf. Die Kletterpassage erweist sich mit frischer Schneeauflage als rutschig und erfordert vorsichtiges, konzentriertes Abklettern. Ein weiteres Mal heißt es beim Grand Couloir Beine in die Hand nehmen und hoffen, aber wieder geht alles gut. Eine gute Stunde später erreichen wir hochzufrieden das Nid D’aigle. Mit der Zahnradbahn geht es wieder hinunter nach Le Fayet. Unten angekommen, bricht ein mehrstündiges Gewitter mit sintflutartigen Regenfällen über uns herein. Da sind wir wohl gerade noch rechtzeitig vor dem Saisonende in einem kurzen Wetterfenster auf den Mont Blanc gestiegen – was für ein grandioses Abenteuer!

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