Dr. Rudi Mair ist ausgewiesener Lawinenexperte und Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol in Innsbruck. Bergzeit Magazin-Redakteur Arnold Zimprich hat sich mit Mair über die veränderte Gefahrenlage und die Aufgaben des Lawinenwarndienstes unterhalten.

Er ist einer der erfahrensten Lawinenexperten im deutschsprachigen Raum, Autor und Mitautor zahlreicher Bücher und Artikel zum Thema sowie Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol in Innsbruck. Sein in Zusammenarbeit mit Patrick Nairz erschienenes Buch „Lawine. Die 10 entscheidenden Gefahrenmuster erkennen“ gilt als Standardwerk für die Praxis. Doch auch Dr. Rudi Mair sieht sich komplexeren klimatischen Bedingungen und Veränderungen im Freizeitverhalten der Skitourengeher gegenüber.

Das Bergzeit Magazin hat sich mit Mair darüber unterhalten, ob und wie sich die globale Erwärmung auf die Lawinengefahr in den Tiroler Alpen auswirkt und welche Konsequenzen das für Tourengeher wie auch Retter hat.

Arnold Zimprich: Herr Dr. Mair, lassen Sie uns über Schnee reden. Wie sieht es aktuell (Anfang Januar 2017) aus, wenn sie von Innsbruck Richtung Nordkette blicken?

Rudi Mair: Bis nach Neujahr sah es eher traurig aus, wie im Herbst … jetzt ist der Schnee aber gekommen, die Nordkette tief verschneit. Und die Prognosen versprechen weiteren Neuschnee …

„Die Tourengeher weichen schon im Frühwinter auf die hochgelegenen Tourengebiete aus“

Dr. Rudi Mair im hochalpinen Einsatz. | Foto: Dr. Rudi Mair
Dr. Rudi Mair im hochalpinen Einsatz. | Foto: Dr. Rudi Mair

2015 endete mit dem „wärmsten Dezember der Messgeschichte“, wie ich im Archiv des Blogs des Lawinenwarndienstes lese. Werden Lawinen – zumindest in den Alpen – ähnlich wie Gletscher in ein paar Jahrzehnten „ausgestorben“ sein?

Wenn sich der Klimatrend fortsetzt, ist eher mit einer Verlagerung zu rechnen, jedenfalls in Tirol. Weg von den tiefer gelegenen Tourengebieten im Nordtiroler Unterland und hin zu den hochalpinen Regionen im Oberland und im Norden Osttirols. Damit würde sich das Skitourengehen aber auch in die in Bezug auf Lawinengefährdung kritischeren Regionen verlagern.

Welche Herausforderungen bringen die sich verändernden klimatischen Verhältnisse für die Arbeit des Lawinenwarndienstes generell mit sich?

Wie schon oben angesprochen: Der moderne Lawinen-Prognostiker muss sich zunehmend darauf einstellen, dass die Tourengeher schon im Frühwinter in die hochalpinen Tourengebiete ausweichen, wo sie aber schon im Herbst von Lawinen bedroht sein können. Im Winter 2016/17 gab es im Oktober und November in Nord- und Südtirol schon sieben Lawinentote im hochalpinen Gelände!

Ist die Erstellung des Lawinenlageberichts (LLB) für den Lawinenwarndienst dadurch komplizierter geworden?

Die Erstellung des Lawinenlageberichts wird herausfordernder, weil die eher flachen Grashänge des Unterlandes (und damit niedriger gelegenen Regionen, Anm. d. Red.) leichter zu beurteilen sind als die komplexeren, hochalpinen Regionen.

„Auf Modetouren passiert relativ wenig“

Tirol beherbergt einige der beliebtesten Skitourenregionen in den Ostalpen – Stichwort Sellrain. Die Nähe von Großstädten wie München und Innsbruck sorgt dafür, dass Touren wie der Zwieselbacher Rosskogel oder Rietzer Grießkogel an schönen Tagen Scharen von Tourengehern anlocken. Können Sie bei solchen Touren auf die Saison hochgerechnet einen Anstieg von Lawinenunfällen verzeichnen?

Der Vorteil dieser extrem viel begangenen „Standard-Touren“ ist: sie werden schon vom Herbst/Frühwinter an begangen und befahren. Dadurch wird der natürliche Schneedeckenaufbau gestört und Schwachschichten gleichsam „niedergebügelt“. Daher passiert auf diesen Modetouren relativ wenig!

Erstaunlich, wo doch auch Touren wie der Zwieselbacher Rosskogel über markante Gefahrenstellen – zum Beispiel die Hangquerung unter der „oberen Zwing“ – verfügen. Sorgen auf der anderen Seite die „eigenartigen“ Schnee- und Wetterlagen zu einem Anstieg der Lawinengefahr und der Lawinenunfälle?

Was wir jetzt öfters beobachten, ist das Gefahrenmuster „bodennahe Schwachschicht vom Frühwinter“. Häufig (wie diesen und letzten Winter) schneit es im Herbst schon ein paar Mal. Sonnseitig und in tiefen Lagen verschwindet dieser erste Schnee bald wieder, hochalpin und schattseitig bleibt er aber liegen. Er wandelt sich in klaren, kalten Nächten immer mehr zu kantigen, bindungslosen Kristallen um, die ein denkbar schlechtes Fundament für die nachfolgenden Schneefälle abgeben. Und dieses Problem kann sich dann über Wochen hinziehen (im vergangenen Winter über acht Wochen!) und auch noch bei Durchfeuchtung im Frühjahr ein Thema werden.

Welches Gefahrenmuster führt angesichts der sich verändernden klimatischen Bedingungen am häufigsten zu Lawinenabgängen oder „Lawinenereignissen“, wie es in der Fachsprache auch heißt?

In Bezug auf das Unfallgeschehen führt das Gefahrenmuster (GM) 6 (lockerer Schnee und Wind) vor GM 1 (bodennahe Schwachschicht vom Frühwinter) und GM 10 (Frühjahrssituation, Durchfeuchtung). GM 5 (Schnee nach langer Kälteperiode) wäre zwar brandgefährlich, aber die langen Kälteperioden haben in den letzten Wintern ganz einfach gefehlt! Platz 1 durch GM 6 ist aber verwunderlich, da Windzeichen im Gelände auch von nicht so erfahrenen Tourengehern leicht erkannt werden könnten …

„Ein Großteil der Lawinenunfälle ließe sich durch Information vermeiden“

Was wünschen Sie sich von Skitouren- und Schneeschuhgehern, ehe sie den ersten Schritt in den Schnee wagen?

Rudi Mair ist Lawinen-Experte und Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol. | Foto: Dr. Rudi Mair
Rudi Mair ist Lawinen-Experte und Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol. | Foto: Dr. Rudi Mair

INFORMATION ist DAS A und O! Vorher Lagebericht lesen, Karten studieren, lokale Infos einholen. Damit würde sich ein Großteil der Lawinenunfälle vermeiden lassen.

Munters Lawinen 3×3, SnowCard, Faktorencheck – was ist denn nun die richtige Methode zur Beurteilung der Lawinengefahr?

Würde ich dem persönlichen Geschmack überlassen. Eines ist aber allen Methoden positiv gemeinsam: um sie anzuwenden, muss man vorher Informationen einholen … siehe oben!

Nennen Sie uns zu guter Letzt drei kurze Tipps, die man auf jeder Tour beachten sollte.

Gut informieren, gut ausgerüstet sein, im Zweifel oder bei schlechtem Gefühl lieber umdrehen: es gibt auch in den nächsten Wintern garantiert Schnee auf Tirols Bergen!

Herr Mair, herzlichen Dank für das Gespräch!

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