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Höher, kälter, Manaslu

Manaslu-Umrundung: Per Bike auf Nepals einsamer Trekking-Runde

10 Minuten Lesezeit
Neun Tage, hart und zäh, dauert es bis Thomas Plank endlich den Passübergang Larkya La am Manaslu erreicht. Die Umrundung des nepalesischen Bergriesen per Mountainbike ist das große Finale seiner Bike-Reise und fordert ihn bis an seine Grenzen.

Der sechste Tag unserer Manaslu-Umrundung ist zugleich der erste leichte Tag der Tour. Nachdem wir den Abstecher ins Tsum Valley abgehakt haben, fällt uns der Rest der Runde mental leichter. Ab jetzt ist Einbahnstraße angesagt. Es gibt kein Zurück, der Fokus ist nicht mehr geteilt, sondern konkret auf den Passüberquerung gerichtet. Den Weg bis zur Abzweigung kennen wir bereits, die Kraft ist gut eingeteilt und wir kommen gut voran. Lediglich im zweiten Abschnitt bremst uns nach einer längeren Tragepassage die enorm schwierige und ausgesetzte Abfahrt. Fast alles bewältige ich fahrend. Bei der einen oder anderen Stelle muss ich dann dennoch nicht wissen, wie lange man bei einem Fahrfehler fällt bis man im Fluss tief unten im Tal landet. Geschweige denn, was dieser mit einem macht. Wer es wagt, die Steintreppen zu fahren, sollte sein Fahrkönnen gut einschätzen können und unbedingt auf sein Bauchgefühl hören, immer nach der Devise „besser nicht“.

Von Chumling nach Sama: Fiktive Räder

Nach dem kniffligen Part geht es auf Sand zuerst flach, dann steil hinab zum Abzweig. Wir biegen in Fahrtsinn rechts ab und überqueren eine Brücke auf die linke Flussseite. Mit deutlich mehr Tragepassen, aber auch längeren fahrbaren Stücken geht es zu unserem Nachtquartier nach Deng. So früh waren wir noch nie in unserer Unterkunft und wir haben endlich Zeit uns auszuruhen. Ganesh, unser Porter, ist bester Laune. Er meint, dass die nächsten drei Tage ähnlich dem heutigen sein werden. Auf die Frage wie der Weg beschaffen ist und ob wir fahren können antwortet er nur „easy“ und „Highway“.

Ganeshs Einschätzung bewahrheitet sich und wir können viele Teile des Weges fahren. Besonders das Stück von Bihi Phedi bis zur zweiten Hängebrücke nach Ghap ist gut fahrbar und landschaftlich unglaublich eindrucksvoll. Nach der wackeligen Brücke schultere ich mein Bike. Es geht steil und anhaltend hinauf zum Hotel nach Namrung. Viele Trecker die wir überholen fragen uns, ob wir unsere Mountainbikes hierher getragen haben. „Nein, selbstverständlich nicht. Das sind nur Illusion, ein Streich ihrer Einbildung“, denke ich, antworte aber stattdessen nur mit „Ja“. Letztlich ist wiederkehrende Frage nur ein Zeugnis ihrer Verwunderung darüber, in einer der hintersten Ecken Nepals Räder zu sehen. Bald fühlen wir uns dadurch jedes Mal geehrt und die anfängliche Frustration verpufft in Wohlgefallen.

Auch der folgende Tag bietet viel Fahrspaß in einer tollen Kulisse. Das anfangs enge und steile Tal weitet sich und liegt nun breit und offen vor uns. Von weiten sehen wir das gewaltige Kloster von Lho. Es steht auf einem Hügel und bietet einen tollen 360-Grad-Blick. Der Manaslu versteckt sich uns heute. Zu dicht hängen die Wolken an der Stelle wo wir den 8.000er vermuten. Viele Trekker besuchen das Kloster an einem Ruhetag, den sie auch zur Akklimatisation nutzen. Wir hingegen essen nur zu Mittag und machen uns auf nach Sama.

Am Abend beginnt es in Sama zuerst kräftig zu regen. Später geht der Regen in Schnee über und ich mach mir ernsthaft Sorgen: Schaffen wir es nicht über den Pass wegen der erneuten Wetter-Kapriole, haben wir ein schwerwiegendes Problem. Ein, zwei Tage könnten wir ausharren. Müssten wir allerdings umkehren, dann hebt unser Flieger nach Deutschland ohne uns ab. Der Rückweg würde mit sechs bis sieben Tage zu lange dauern.

Von Sama nach Bimthang: Schnee, Pass passé und Flucht nach vorne

Am nächsten Morgen ist alles weiß. Die Schneefallgrenze ist in der Nacht noch tiefer gesunken. Es ist eisigkalt. Hätte ich doch eine Daunenjacke und Handschuhe mitgenommen! Meine löchrigen Bike-Handschuhe flicke ich notdürftig mit Tape. Zumindest so, dass Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand wieder im Handschuh sind. Normalerweise schneit es in dieser Gegend nicht vor Mitte Dezember. Jammern hilft an dieser Stelle aber nicht und so machen wir uns – unter vielen anderen  – auf den Weg. Eine lange Kolonne aus Trägern und Trekkern schlängelt sich auf einer schlammigen und braunen Spur im unbefleckten Weiß der Natur.

Etwas später stapfen wir mit unseren Rädern durch Schnee. Völlig skurril und unwirklich wirken unsere Räder in dieser Umgebung. Wie Fremdkörper, die sich hilflos verirrt haben. Die Tageserwärmung nässt den Schnee und bringt uns zum Schwitzen. In Samdo, das 300 Höhenmeter höher gelegen ist als Sama, endet für Träger und Trekker die Tagesetappe und seltsamerweise auch der Schnee. Es hat anscheinend nur am Manaslu und in den angrenzenden Tälern und Bergen geschneit. Das Nebental, in das wir nun fahren, ist komplett niederschlags- und schneefrei geblieben.

Leider verbirgt sich der Manaslu auch heute hinter Wolken und zeigt sich nicht. Ganesh meint, dass wir dafür morgen bei der Passüberquerung einen wundervollen und wolkenlosen Tag erwischen. Neben dieser Vorhersage stimmt mich im Besonderen die Tatsache zuversichtlich, dass uns bis jetzt keine Trekker entgegengekommen sind. Der Pass ist offen und wird trotz des Schnees überquert. Allmählich merke ich die Höhe und die letzten Meter nach Dharmasala sind zäh. Die Kälte und der scheußliche Wind setzen uns seit der Hälfte des Tages zu.

Harte Nacht vor dem Pass

In Dharmasala bekommen wir ein Zelt für die Übernachtung. Die Zimmer sind schon längst voll. Das Essen ist schlecht und teuer, wohl oder übel erwartet uns eine kalte und eklige Nacht mit wenig Schlaf. Wir betten uns auf dünne Schaumstoffmatten, die am Zeltboden liegen und decken uns mit stinkenden Decken zu. Wir tragen all unsere Klamotten und bibbern trotzdem die ganze Nacht. Die Anspannung und Nervosität vor dem nächsten Tag hält uns lange wach. Irgendwann dämmere ich trotzdem ein und gefühlt im nächsten Moment klingelt der Wecker. Wir packen unsere Sachen, frühstücken wenig und starten schließlich um fünf Uhr.

Die Stirnlampen vor uns weisen den Weg. Schnell überholen wir die ersten Trekker. Der Boden ist gefroren, es ist klirrend kalt. Schiebend und tragend kämpfen wir uns voran. Ständig muss ich meine frierenden Finger wärmen. Wir verlassen das schneelose Gelände und folgen einer eingetretenen weißen Spur in das Morgengrauen. Endlich kriecht die Sonne gemächlich über die ersten Gipfel . Weit vor uns bildet sich eine Schattenlinie, die ich gut 20 Minuten hoffnungsfroh erreiche. Doch der ersehnte Temperaturunterschied bleibt aus. Noch hat die Sonne zu wenig Kraft, um die kalte Luft zu durchschneiden und zu wärmen.

Das flache Gelände wirkt endlos. Der Pass ist noch immer nicht in Sicht. Es geht anhaltend und zäh über viele Aufschwünge und flache Passagen. Ausdauer und Willenskraft ist gefragt. Höher, kälter, Manaslu kommt mir in den Sinn. Irgendwann ist es dann vollbracht. Wir stehen auf dem Larkya La (5.160 Meter). Wir sind oben. Wir haben es geschafft. Der Rundblick ist wunderschön und Tränen kullern vor lauter Freude über meine Wangen. Hart und zäh waren die letzten neun Tage. In diesem Moment auf dem Pass zu stehen, übertrifft alles.

Wir halten uns nicht sonderlich lange auf, denn die schneebedeckte Abfahrt wird schwierig. Die Spur ist eisiger als angenommen. Reihenweise rutschen die Sherpas mit ihren abgelaufenen Schuhen aus. Unsere Five-Ten sind nicht minder rutschig, schließlich sind sie für guten Halt auf Pedalen und nicht als griffige Winterschuhe konzipiert. Es bleibt nur die Flucht nach vorn, denn das Profil meines Reifens ist deutlich besser als das meiner Schuhe.

Auf der steilen und eisigen Bobbahn mache ich einen vorsichtigen Test. Genial, die Schneetrasse ist gut fahrbar und die Kurven machen sogar richtig Spaß. Ich lenke zuerst mit dem Vorderrad um die Kurve, drücke die Hinterbremse und warte bis mein Hinterrad um die Kurve rutscht. Als wir den Schnee hinter uns lassen, finden wir uns in stark verblockten Gelände. Wir müssen viel bergab schieben und tragen. Die wenigen fahrbaren Stücke sind enorm technisch und anspruchsvoll. Bei mehreren Versuchen lege ich mich schmerzhaft über den Lenker ab. Unverletzt aber gewarnt, dass ich in müder Verfassung nicht die Grenzen meines Fahrkönnens ausloten sollte, schiebe ich weite Strecken der Abfahrt. Erst als Bimthang, das vor der mächtigen Ostflanke des Manaslu liegt, in Sicht kommt wird der Trail flowiger. Kurz nach Mittag sitzen wir in Bimthang und sehen zum ersten Mal den Hauptgipfel des 8.163 Meter hohen Manaslu. Wir laben uns an der warmen Sonne. Geschafft, es ist geschafft!!!

Von Bimthang nach Besi Sahar: Am Schluss, Bike und Körper am Ende

Voller Vorfreude gehen wir die letzten beiden Tage an, doch der Trail ist ebenso schwierig wie am Tag zuvor. Viel schieben ist angesagt und das Fahren erfordert vollen Körpereinsatz und Konzentration. Ständig muss das Hinterrad versetzt werden und das Auge wachsam sein. Die beste Linie ist erforderlich, um überhaupt fahren zu können. Ich kann nicht sagen ob es an mir liegt, weil ich am Ende meiner Kräfte bin, oder ob der Trail tatsächlich so eklig und unflowig ist, wie ich mich auf ihm bewege.

Am Anfang ist der Ausblick auf die Bergwelt, samt Manaslu-Gipfel, noch herrlich. Später finden wir uns im Buschwerk wieder, so dass die Abfahrt zu einem Einzelkampf wird. Ich nehme den ein oder anderen harten Sturz, der mich wachrüttelt. „Konzentrier dich und bau keinen Scheiß so kurz vor Schluss!!!“ Derart mahnende Sätze sind leichter gedacht als getan. Ich bin am Ende meiner Kräfte und der elendige Rhythmus fahren, schieben, fahren und wieder schieben macht es unmöglich „rein zu kommen“.

Im ewigen Wechsel schleppen wir uns bis zu einer Hängebrücke. Nach dieser geht es etwas besser und schneller voran, bis sich uns eine gewaltige Rampe in den Weg stellt. Mein Geduldsfaden ist zum Reißen gespannt, doch genau diese Stelle ist der lang ersehnte Wendepunkt der Abfahrt. Ab sofort beginnt ein wahnsinniger Spaß. Der Trail ist sandig und leichter zu fahren. Wir fahren lange Passagen am Stück und erreichem dieselbe Geschwindigkeit wie der Fluss neben uns. Der Weg zieht unverblockt nach unten.

Für den zweiten Teil der Tagesetappe benötigen wir fast dieselbe Zeit wie für den ersten und legen dabei das dreifache an Strecke zurück. Kurz vor Dharapani, dem heutigen Ziel müssen noch zwei gewaltige Hängebrücken überquert werden. Ein Gefühl, dass ich lieben gelernt habe. Das Rad beschleunigt hinab bis in den tiefsten Punkt der Brücke. Gerade während dieser Beschleunigung spürt man die Schwingungen der Brücke, den Wind im Gesicht und die Tiefe unter sich.

In Dharapani checken wir in die Annapurna Conservation Area ein und lassen das Manaslu-Gebiet hinter uns. Der letzte Tag ist technisch einfach und konditionell überschaubar. Über den Jeep-Track, den ich bereits von der Annapurna-Umrundung kenne, geht es mit vielen Gegenanstiegen hinab nach Besi Sahar. Erwähnenswert ist der Kulturschock, der hier auf einen wartet. Nach elf Tagen Einsamkeit und Abgeschiedenheit überrumpeln uns die Trekker-Horden, die sich den Weg zur Annapurna bahnen. Auch Jeeps verkehren auf der Straße. Alle paar Meter reißen Touristen ihre Kameras in aller Hektik aus ihren Rucksäcken, um ein Foto von uns zu schießen. Einige versuchen es sogar aus dem wackelnden Jeep. Wie absurd die Welt doch ist! Der Dreck und das Wasser auf dem Weg machen unser Getriebe zu einer Komposition des Knirschens. Als wir in Besi Sahar ankommen sind wir und unsere Räder völlig verdreckt und am Ende. Am Ende sind auch unsere Kräfte, unser Willen und unsere Zeit in Nepal. Nach acht Wochen MTB- Führer Recherche sehnen wir uns danach, endlich nach Hause zu kommen …

Freeride Nepal: Mehr von Thomas Planks Projekt

Mehr Bilder zur Manaslu-Umrundung per Mountainbike

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