Sonne satt statt Nordstau? Manchmal lohnt sich der Blick auf die Großwetterlage richtig. Während in Oberbayern der Himmel weint, flüchten zwei Sonnenkinder auf die Alpensüdseite, um an der Marmolada perfekte Bedingungen zu finden.

Schon wieder Regen! Die letzten Wochen sind geprägt von diesem Satz. Kaum taucht ein kurzes Schönwetterfenster auf, ist der Wettergott sadistisch genug, die knapp bemessenen Tage garantiert dann zu platzieren, wenn man keine Zeit hat. Natürlich trifft das auch an diesem Wochenende zu. Die Staulage hängt diesmal an der Alpennordseite – zum Glück. Die Südseite ist wetterbegünstigt, der Wetterbericht meldet für Südtirol sogar sonniges Wetter. Bei dieser Prognose formt sich sofort ein Plan: Ab in die Dolomiten! Viel zu schade wäre es, diese Gelegenheit auszulassen. Wer weiß schon wie das Wetter in den nächsten Tagen oder Wochen spielt?

Bei Tiefdruck hilft nur Hochdruck

Im Schatten die Nordwand der Marmolada
Während  sich die Alpennordseite in Regen hüllt, strahlt der Süden im Sonnenlicht. Im Schatten die Nordwand der Marmolada.

„Eine Nordwand?! … Skifahren?!“ Meine Tourenpartnerin Viola schaut ungläubig, als ich ihr meinen Plan für das Wochenende präsentiere. „Können wir nicht zum Klettern gehen?“, stellt sie mir entgegen. Mit einem Tourenbericht, der beste Verhältnisse prognostiziert, kann ich sie recht schnell begeistern. Ein Blick in die Südtiroler Webcams regelt den Rest.  Noch am selben Abend sind wir nach Canazei in den Dolomiten unterwegs.
Punkt 6 Uhr stehen wir am nächsten Tag in den Startlöchern. Nach dem schneereichem Winter in den Dolomiten können wir direkt vom Parkplatz mit den Tourenski starten. In gleißendem Blau strahlt der Himmel über uns. Keine Wolke trübt die Sicht, nichts lässt uns an den perfekten Bedingungen für unser Vorhaben zweifeln – ganz glauben können wir unser Glück trotzdem nicht: Wir haben perfektes Wetter! Perfektes Wetter!
Eineinhalb Stunden brauchen wir für den Zustieg zur Wand. Es ist anstrengend, doch das traumhafte Dolomitenpanorama entschädigt uns sofort. Langkofel, Sella, Tofana und die Drei Zinnen – beim Anblick der Felsriesen juckt es in den Fingern. Hell und einladend strahlen sie im Morgenlicht. Aber, dieses Mal sind wir nicht zum Klettern da. Alles zu seiner Zeit …

Schlag für Schlag nach oben

Am Wandfuß erwartet uns eine desillusionierende Überraschung. Eine mächtige Lawine, die vor Wochen abgegangen sein muss, bedeckt den kompletten Einstieg. Angesichts der hartgefrorenen Eisbrocken wird unser Tatendrang gebremst, eigentlich wollten wir die Nordwand mit Skiern abfahren. Wir schieben den Gedanken an die Abfahrt vorerst zur Seite, auch wenn die Brocken noch eine Weile vor meinen Augen herumspucken.
Ski auf den Buckel, Steigeisen an die Schuhe, Eisgeräte in die Hand – es geht los. Die 55 Grad steile Nordwand empfängt uns mit besten Firnverhältnissen. Schlag für Schlag erarbeiten wir uns die Höhenmeter. Es knirscht, es knackt und es hält. Stück für Stück nähern wir uns dem Ziel. Nach oben hin wird die Wand immer steiler. Wir genießen die mächtige Szenerie der Dolomiten und das Gefühl der puren Ausgesetztheit in der Nordwand. Dass man sich hier oben keine Fehler erlauben sollte, wissen wir. Konzentriert setzen wir Steigeisen und Eisgeräte in den Firn.

Arbeit muss sein

Tiefblick aus der Wand. Fehler sind in einer Wand wie dieser nicht drin.
Tiefblick aus der Wand. Fehler sind in einer Wand wie dieser nicht drin.

Das rhythmische Klacken klingt nicht nur nach Arbeit, es ist auch Arbeit! Nach etwa eineinhalb Stunden Dauerbelastung für Waden und Arme erreichen wir den Ausstieg der Nordwand. Ein breiter, flacher  Schneerücken führt direkt zur Punta Penia (3.343 Meter). Sie ist die höchste Erhebung der Marmolada und damit auch der höchste Gipfel der Dolomiten. Von hier führt der Gebirgsstock  in gratähnlichem Verlauf über die Punta Rocca (3.309 Meter), die Punta Ombretta (3.230 Meter) über den Pizzo Serauta (3035 Meter) bis zur Punta Serauta (3.069 Meter). Der Gratrücken bricht nach Süden in einer geschlossenen, über zwei Kilometer breiten und bis zu 800 Meter hohen Steilwand in das Ombrettatal ab. Auf der Nordseite zum Passo Fedaia geht es relativ sanft hinunter, die Flanke trägt (noch) den einzigen größeren Gletscher der Dolomiten.

Am Gipfel
Am Gipfel pfeift uns der Wind sauber um die Ohren. Die Pause haben wir vorbeugend schon nach unten verlegt.

Wir machen uns auf in Richtung Gipfelaufbau, wo uns orkanartige Böen empfangen. Die verdiente Brotzeit wird eher schnell als genüsslich verdrückt, noch bevor wir uns an die letzten Meter zum Gipfel machen. Ungeachtet der stürmischen Stimmung kommen wir strahlend an. Unser Blick fällt auf den Alpenhauptkamm, wo das endlose Wolkenmeer unschwer erkennen lässt was uns daheim erwartet. Umso freudiger saugen wir die Eindrücke auf, die strahlende Sonne und die schroffen Dolomitengipfel. Dann machen wir uns für die Abfahrt bereit.
Viola, meine mutige Begleiterin, ist etwas enttäuscht als wir beschließen nicht über die Nordwand abzufahren. So können wir den vereisten Lawinenresten über die Nordwest-Schulter ausweichen. Der Entschluss fällt uns nicht leicht, doch letztlich siegt die Vernunft. Schon die ersten Schwünge mit geräuschvollem Schneekontakt lassen erahnen, dass die Entscheidung richtig ist. Die Verhältnisse sind knüppelhart und wir sind plötzlich ziemlich froh diese Variante gewählt zu haben. Obwohl die Abfahrt nicht unbedingt zu den Highlights des Winters gehört, hat das keinen Einfluss mehr auf den tollen Gesamteindruck der Tour. Einen Tag lang sind wir dem Regen entkommen, und das bei ausgesprochen guten Bedingungen.

Facts zur Mamolada Nordwand

  • Schwierigkeit: Eiswand bis 55°, 600 Meter Wandhöhe, AD+
  • Charakter: Beeindruckende Hochtour in einer herrlichen Kulisse. Aufgrund der Ausgangshöhe als Tagestour leicht machbar.
  • Zeitangabe: Je nach Verhältnisse 4 bis 6 Stunden.
  • Führer: Firn- und Eisklettern in den Ostalpen, Alpinverlag
  • Material: Komplette Eisausrüstung (Kantenschleifen beim Tourenski)

Ausrüstung für die Hochtour gibts natürlich bei Bergzeit:

Mehr zum Thema (Ski)Hochtour im Bergzeit Magazin:

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