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Das sind die Neuen!

Meshuga & Parthian: Wild Country Kletterschuhe im Test

8 Minuten Lesezeit
Neben Black Diamond hat auch Wild Country für 2018 eigene Kletterschuhe auf den Markt gebracht. Stefan Rehm hat Parthian (Schnürer) und Meshuga (Klett) einem intensiven Test unterzogen und an eigenen Projekten sowie Klassikern ausprobiert.

Eigene Kletterschuhe zu entwickeln, scheint für 2018 im Trend zu liegen. Nicht nur Black Diamond hat für dieses Jahr vollständig neu entwickelte Kletterschuhe angekündigt, sondern auch Wild Country. Und wer die Schotten kennt, weiß: Wenn die etwas anfangen, dann hat das Hand und Fuß (man denke nur an die Hardware der Trad-Climbing-Spezialisten). Ein Tusch also für die neuen Kletterschuhe von Wild Country, den Meshuga (Velcro) und den Parthian (Schnürer).

Highlight der Wild Country Kletterschuhe: die Sohle

Und weil Wild Country es gleich richtig machen wollte, hat man überlegt, wo denn richtig viel Kompetenz in Sachen Sohlengummi aufzutreiben wäre? Nein, die Antwort lautet nicht – wie bei vielen anderen Kletterschuhherstellern – Vibram. Stattdessen entwickelten die Jungs und Mädels von Wild Country zusammen mit dem französischen Reifenhersteller Michelin eine neuartige Sohle.

Damit sind wir auch schon beim Knackpunkt: Was ist das Besondere an den neuen Wild Country-Kletterschuhen? Es sind vor allem zwei Dinge:

  1. Kletterschuh-Sohlengummi von Michelin (denn wer hat mehr Ahnung von Gummi-Herstellung und -Verarbeitung als einer der weltgrößten Reifenhersteller, der übrigens schon eine ganze Weile mit Schuhsohlen experimentiert >> Hier Testbericht der Salewa Ultra Train mit Michelin-Sohle)
  2. Die Kletterschuhsohle ist bei den Wild Country Kletterschuhen aus einem Stück gegossen – ein absolutes Novum. Andere Kletterschuhe werden aus mehreren Komponenten zusammengeklebt. Die Wild Country-Kletterschuhe Meshuga und Parthian aber bestehen aus einem Stück. Warum? So ergibt sich zum einen der perfekte Formschluss zwischen Schuh und Fuß. Zum andere lässt sich noch mehr Feingefühl erzielen. „Fits like a second skin“ lautet das Werbeversprechen dazu. Wollen wir doch mal sehen!

Soweit die Theorie. Vorschusslorbeeren gab‘s jedenfalls 2017 mit dem Outdoor Industry Award schon genug.

Kletterschuhe Meshuga und Parthian im Test

Meine Geschichte mit den Wild Country Kletterschuhen fängt wie so viele Geschichten in der Küche an – in der Bergzeit Kaffeeküche. „Dazu müssen wir unbedingt was machen“ und „Probier doch mal“ und schon habe ich mir zwei neue Kletterschuhe aufschwatzen lassen.

Ehrlich gesagt schauen Meshuga und der Parthian recht unspektakulär aus und ich kippe etwas aus den Latschen, als ich den Preis dazu höre. Der Sohlengummi fühlt sich anders an, als ich es von Kletterschuh-Sohlengummis gewohnt bin, viel glatter. Ob der eine gute Reibung haben wird?

  • Was mich gerade beim Meshuga von Anfang an begeistert ist, dass er sich weniger anfühlt wie ein Kletterschuh, sondern eher wie eine feste Socke.
  • Der Parthian ist recht unscheinbar, keine Vorspannung, kein Downturn, ein Schnürer. Als würde der Schuh vollends auf seine neuartige Sohlenkonstruktion und deren Gummi vertrauen.
Selbe Größe - unterschiedliches Feeling: der Parthian und Meshuga von Wild Country im Vergleich. | Foto: Stefan Rehm
Selbe Größe – unterschiedliches Feeling: der Parthian und Meshuga von Wild Country im Vergleich. | Foto: Stefan Rehm

Größenwahl und Passform beim Meshuga und Parthian

Meine normale Straßenschuhgröße beträgt etwa 42,5 – die beiden Wild Country Kletterschuhe nehme ich jeweils eine Größe kleiner, also 41,5. Allerdings fühlen sie sich damit sehr unterschiedlich an. Der Meshuga sitzt richtig eng und vermittelt ein Gefühl wie  Kompressionsstümpfe aus etwas dickerem Gummi.

Der Parthian fühlt sich hingegen lockerer an – klar, er hat ja auch weniger Vorspannung. Er fühlt sich so ganz ohne Felskontakt erst mal an wie eine recht gute Mischung zwischen Komfort und Performance. Schon nach dem ersten Test in der Kaffeeküche ist für mich klar: Meshuga = Boulder, steil, Körperspannung. Parthian = eher Route, senkrecht & leicht überhängend, viel Gefühl.

Einziger Wermutstropfen für mich ist die Passform: Denn beide Schuhe fallen eher schmal aus – was mir weniger entgegenkommt. Ich kann mir vorstellen, dass gerade bei schmaleren Füßen der Meshuga noch besser passt und damit die Mega-Allzweck-Waffe ist. Beim Parthian hat es mich persönlich eher weniger gestört.

Die Kletterschuhe Meshuga im Test

Nach einigen Runden in der Boulderhalle dürfen die Meshuga endlich Fels schnuppern. Das etwas rutschige Gefühl der Sohle bewahrheitet sich am Fels gar nicht. Die Spitze saugt sich perfekt fest, die Reibung ist top (dazu beim Parthian später mehr).

In einem offenen Boulderprojekt sehe ich endlich Land – der Schlüssel ist eine winzige Noppe links – der Meshuga bleibt stehen. Beim Hooken sitzt der Kletterschuh wie angegossen. Für mich funktioniert der Wild Country Kletterschuh bei kleinen Leistchen ebenso wie bei großen, runderen Strukturen.

Ich finde die Kletterschuhe perfekt ausgewogen zwischen weichem Gummi und Spannung – und sie schaffen es sogar meine geschätzten Python-Bouldersocken nochmal etwas zu überbieten. Allerdings merke ich hier, dass die eher schmale Passform auf die Dauer recht anstrengend für meinen Fuß ist…

Neuer Liebling: Wild Country Parthian Kletterschuhe im Test

Ja, ich gebe es zu, es war nicht gerade Liebe auf den ersten Blick zwischen dem Parthian und mir, aber jetzt ist es halt passiert. Nach über einem Jahrzehnt werde ich meiner Langzeitbeziehung – dem 5.10 Anasazi – untreu werden. Eigentlich könnte man ja meinen, es ist nicht so viel dran an einem Kletterschuh, bisserl Sohle, bisserl Obermaterial, bisserl Schnürung – fertig! Also, hier mal ein klares Statement: Der Wild Country Parthian ist meine Empfehlung und mein neuer Lieblingskletterschuh. Punkt.

Wie es dazu kam? Dazu brachten mich zwei Schlüsselerlebnisse. Ein, zwei Mal war der Schuh in der Kletterhalle dabei. Alles gut, recht angenehm, gutes Gefühl dachte ich mir da und ja, der Gummi hält auch ganz gut.

Viel Gefühl für präzises Treten, das ist Tumpf beim Wild Country Parthian. | Foto: Markus Stadler
Viel Gefühl für präzises Treten, das ist Tumpf beim Wild Country Parthian. | Foto: Markus Stadler

Richtig verliebt in den Schuh habe ich mich dann, als ich mit dem Parthian in einem echten Klassiker antrat: Tequila, erstbegangen 1986 von Gerhard Hörhager. Eine kontinuierlich leicht überhängende Platte mit kleinen, extrem abgespeckten und schmierigen Griffen und Tritten. Hier gilt das Motto: Einmal unsauber getreten – weg, und das bei fast jedem Zug. Schon der erste Zug ist legendär: einfach auf zwei kleinen, abgeschmierten Tritten hochbalancieren und dann ohne Griff aufstehen. Wer hier nicht sauber steht, schmiert schon vor dem ersten Haken ab! Nach dem Ausbouldern dürfen die Parthians ran und die Anasazis müssen im Rucksack pausieren – wo sie dann auch den restlichen Tag, den ich in der Route verbringe, bleiben müssen. Der Grund ist einfach: Die Parthians vermitteln eine so ungeheuer gute Rückmeldung, dass sie in dieser Route schlicht unschlagbar sind. Mir war ganz klar: Diese Route will ich mit den Parthians klettern!

Parthian: Erfolg am Projekt

Das zweite Erlebnis spielt sich in einem Projekt ab, das sich drei Jahre erfolgreich gegen einen Durchstieg gewehrt hat. Ist der Einstiegsboulder geschafft, wartet ganz oben ein tückischer Rausschmeißer: Der rechte Fuß steht mit dem Großteil des Körpergewichts auf Reibung auf einer abschüssigen Platte. Und was ist mir dieser rechte Fuß beim Ausbouldern oder den Durchstiegsversuchen schon weggegangen…

Es ist ein perfekter Herbsttag und das erste Mal, dass ich dort mit dem Parthian auflaufe. Wieder komme ich – natürlich schon gut angepumpt – an dieser Stelle an. Einmal tief einatmen, den rechten Fuß auf die Platte stellen, mit dem linken an der Kante drücken, Minizwicker mit rechts, Sloperleiste mit links – und der rechte Fuß steht immer noch! Deshalb – hepp – zum nächsten Seitgriff gehechtet und ab jetzt weiß ich, dass ich nicht mehr fallen darf (Stichwort Kastenzone, auch wenn‘s noch recht knapp geworden ist…).

Zugegeben, das hört sich jetzt nach echtem Klettererlatein an, aber: Ich bin nach diesen Erlebnissen ein großer Fan des Parthian, weil er kombiniert, was ich am liebsten mag: eine schlichte, einfache Konstruktion ohne Vorspannung und Brimborium, mit dem ich im senkrechten und leicht überhängenden Gelände bei diffizilen Klettereien gut dastehe. Und der riesige Trumpf ist ganz einfach die feinfühlige Sohlenkonstruktion.

Angstvoller Blick auf den rechten Fuß - steht er noch? | Foto: Markus Stadler
Angstvoller Blick auf den rechten Fuß – steht er noch? | Foto: Markus Stadler

Mein Testfazit zu den Wild Country Kletterschuhen Meshuga und Parthian

Ist jemandem aufgefallen, welcher der beiden Kletterschuhe mich mehr begeistert hat? Richtig, der Parthian, einfach weil er meinem Kletterstil am meisten entgegenkommt. Meiner Meinung nach kann die neuartige Michelin-Sohlenkonstruktion hier ihre Stärke am besten ausspielen. Ein perfekter Kletterschuh, nicht zu hart, nicht zu weich, viel Gefühl. Hooken kann man damit natürlich auch, aber meiner Meinung nach ist das nicht das, wofür dieser Kletterschuh primär erfunden wurde. Auch wenn ich bei vielen Kletterschuhen der Meinung bin, dass sie zu teuer sind – diesen hier würde ich mir wohl trotzdem kaufen!

Nur bitte noch ein Appell an Wild Country: Macht das mit den Anziehschlaufen noch richtig: Beim Anziehen der Prototypen hatte ich mehr Angst vor Fingerverletzungen als bei einem Einfingerloch! Was man so hört, soll das bei den normalen Serienmodellen besser gelöst sein.

Nach dieser Wild-Country-Lobeshymne steht der Meshuga Velcro jetzt natürlich etwas im Schatten. Damit tu ich dem Schuh etwas unrecht denn ich bin überzeugt, dass speziell eingefleischte Boulderer den Schuh und sein Sockengefühl schätzen lernen werden. Und hätte ein bemützter Boulderer an meiner Stelle den Meshuga getestet, wäre das Fazit vielleicht genau umgekehrt ausgefallen. Falls Du also noch drei Gründe brauchst, den Meshuga auszuprobieren, hier sind sie: Spannung, Gefühl und Präzision!

Die neuen Kletterschuhe von Wild Country sind ab Ende März 2018 bei Bergzeit verfügbar.

Mehr zum Thema Klettern im Bergzeit Magazin

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