Und endlich geht's ans Meer! Zum Abschluss führt der 1.008 Kilometer lange Pyrenäen-Cross die Mountainbiker von Etxalar zum Badestrand von Hondarribia. Bis zum Ziel am Cabo Higuer an der Atlantikküste sind es dann nur noch wenige Meter.

Nach Etxalar, am weiteren Weg zu unserem Pyrenäen-Cross-Ziel in Cabo Higuer wird es wieder steil. Völlig einsam und mit tollen Talblicken kurbeln wir auf einem schmalen Betonweg knappe 200 Höhenmeter mit 15 Prozent bergan und weitere 150 Höhenmeter auf Schotter, die aber nur noch mit zehn Prozent. Dann münden wir auf der Teerstraße, die ebenfalls von Etxalar hochkommt. Sie ist landschaftlich nicht ganz so reizvoll wie unsere Route, und Autos fahren hier natürlich auch. Aber sie hat durchgängig nur fünf Prozent Steigung, ist also durchaus eine „Easy-Going-Alternative“ für müde Beine. Auf der Teerstraße rollen wir auf den Rädern die letzten Meter weiter bis zum Collado de Lizaieta. Rechts und links sehen wir zwischen den Eichen und Buchen immer wieder hohe Holzkonstruktionen, die an Türme erinnern.

Pyrenäen Cross | Foto: B. Wenzl, F. Hartl
Traditioneller Taubenfang in Etxalar. Diese Art der Jagd gibt es hier in der Gegend seit dem 15. Jahrhundert. Auf den traditionellen Festen wird dann das Taubenragout (Guisado de torcades) angeboten.

In der kleinen Gastwirtschaft am Pass lassen wir uns während des Mittagessens aufklären. Es handelt sich hierbei um „Taubentürme“. Jeden Spätherbst findet in Etxalar ein Spektakel der ganz besonderen Art statt: Der dritte Sonntag im Oktober ist der „Tag der Tauben“ (El día de las palomeras). An diesem Tag schwärmt das gesamte Dorf zum Taubenfang aus. Etxalar beziehungsweise die Berge nördlich des Dorfes liegen genau auf der Flugroute der Ringeltauben, die zu dieser Jahreszeit zu Tausenden hier vorbeiziehen.

Die Trepas von Etxalar

Im 15. Jahrhundert warf ein hungriger Priester ein paar Steine nach den Vögeln. Erlegt hat er auf diese Weise zwar keine der Tauben, aber er beobachtete, dass der gesamte Schwarm sofort die Richtung änderte und nur knapp über dem Boden weiterflog. Scheinbar hielten die Tauben die Steine für angreifende Raubvögel, denen sie so zu entkommen versuchten. Der Priester erzählte den Dorfbewohnern von seiner Beobachtung. Schnell entwickelte sich daraus eine in den Pyrenäen einzigartige Jagdtechnik, die bis heute praktiziert wird: Zwischen hohen Holztürmen (Trepas), die versteckt zwischen den Eichen und Buchen stehen, werden Netze gespannt. Sobald die Vögel herannahen, schleudern die auf den Türmen stehenden Taubenfänger die hölzernen Paletas, die aussehen wie weiß getünchte Tischtennisschläger, hoch in den Himmel und simulieren dadurch den Angriff eines Falken.

Die verschreckten Tauben fliegen daraufhin tiefer und verfangen sich in den Netzen. Per Hebel werden diese gelöst und sinken mit den Vögeln auf den Boden, wo sie dann leicht von den schon wartenden Dorfbewohnern erlegt werden können. Am Abend feiert dann das ganze Dorf ein großes Straßenfest mit Wein, Musik und Taubenragout (Guisado de torcaces). Übrigens: Trotz der intensiven Bejagung, nicht nur in Etxalar, sondern in ganz Europa, ist die Ringeltaube nicht gefährdet. Der weltweite Bestand wird auf bis zu 70 Millionen Tiere geschätzt.

Über den Collado de Lizaieta

Pyrenäen Cross | Foto: B. Wenzl, F. Hartl
Kurz nach dem Collado de Lizaieta

Über den Collado de Lizaieta verläuft die Grenze zu Frankreich. Diesmal überqueren wir sie jedoch nicht, sondern biegen direkt davor links auf einen guten Schotterweg ein, auf dem wir bis zum Collado Lizuniaga hinunterrollen. Hier treffen wir auf die breite Teerstraße, die nach Bera hinunterführt. Wir folgen ihr gut einen Kilometer und zweigen dann auf eine schmälere Teerstraße bergauf ab. Mit anfänglich noch sehr humanen sieben Prozent Steigung kurbeln wir durch das Valle de Errekaundi an mehreren sehr hübschen und ziemlich neu aussehenden Häusern vorbei. Dann wird es wieder steil (17 Prozent). Nach dieser Rampe sind wir am Collado de Landagaineta. Ich setzte mein gewinnendstes Lächeln auf und schaue in die Runde. Hier zweigt der Gipfelanstieg zum Larrun ab, der mit seinen 900 Metern einen wahrlich prachtvolles 360°-Panorama bietet: Im Norden die französische Atlantikküste mit ihren zahlreichen Stränden, im Osten Hondarribia und das Cabo Higuer, im Westen das französische Dörfchen Sara und im Südosten das spanische Dörfchen Bera.

Frank, Wolfgang und Gabi schütteln nur den Kopf: Keine unnötigen Verzögerungen mehr, sie wollen endlich ans Meer! Ralph will das zwar auch, rechnet aber kurz nach: 530 Höhenmeter zusätzlich, die locken ihn schon. Und dann, grinst er, hätte er sich das Baden auch wirklich verdient. Das hat er in der Tat, denn diese 530 Höhenmeter sind zwar auf allerbestem Schotter, aber ordentlich steil: im Schnitt 15 Prozent mit kurzen Rampen bis zu 25 Prozent – gutes Testgelände für die Schaltwerke der Bikes. Für unseren Youngster genau das Richtige. Er kommt gerade mal fünf Minuten nach uns am Strand von Hondarribia an und strahlt. Wir hätten etwas versäumt, meint er. Das Panorama wäre die Anstrengung wirklich wert. Wir vier anderen indes kurbeln das letzte Stückchen dieses Anstiegs hoch bis zum Collado Arizmendi, jetzt auf Schotter, aber bei nur mehr sechs Prozent Steigung. Und dann, kurz nach dem höchsten Punkt, sehen wir es zum ersten Mal – das Meer. Und sogar den Leuchtturm am Cabo Higuer können wir ausmachen!

Der Leuchtturm von Cabo Higuer

Pyrenäen Cross | Foto: B. Wenzl, F. Hartl
Der Trail hinunter von der Venta Yasola zur Venta Zahar

Unser Ziel ist aber leider noch lange nicht so nah, wie wir gehofft hatten. Etwas frustriert rollen wir auf Schotter das kurze Stück bis zur kleinen Einkehr Venta Yasola, wo wir uns erst einmal mit einem Café con Leche stärken. Dann machen wir uns an das letzte Teilstück unserer Tour, das gleich mit einem satten Trail von 300 Höhenmeter beginnt. Zwischen Farngebüsch führt der GR10 anspruchsvoll mit kurzen Schiebepassagen hinunter zur Venta Zahar. Dabei passieren wir oben die Landesgrenze nach Frankreich und unten sind wir bereits wieder zurück in Spanien. Vor der Venta Zahar stehen einladend Tische und Stühle und es duftet lecker. Aber wir wollen nur noch ankommen, wir wollen endlich ans Meer! Dafür müssen wir zunächst wieder hoch. Und wieder ist es ordentlich steil (im Schnitt zehn Prozent, mit Rampen bis zu 15 Prozent), aber zum Glück ist der Weg betoniert, und die 190 Höhenmeter sind recht schnell bewältigt. Oben, direkt unterhalb des Monte Okalarre, treffen wir auf eine etwas breitere Straße, die wir nach Ibardin hinunterrollen.

Pyrenäen Cross | Foto: B. Wenzl, F. Hartl
Leuchtturm am Cabo Higuer

Ibardin liegt unmittelbar an der Grenze zu Frankreich. Es präsentiert sich als ideales Ausflugsziel für den grenznah lebenden Franzosen, der das immer noch deutlich unterschiedliche Preisniveau in Frankreich und Spanien nutzen möchte: Erst ausgiebig Shoppen, dann gut Essen, vielleicht noch ein kleiner Spaziergang durch den Park und schließlich noch den Autotank randvoll mit günstigem spanischen Benzin füllen. Das Konzept geht seit Jahren auf und auch heute ist hier wieder die Hölle los. Der riesige Parkplatz ist brechend voll – fast ausschließlich mit französischen Autos. Wir biegen am Eingang des Parkplatzes rechts auf den dort beginnenden Schotterweg ab, und schon nach ein paar Metern ist der Trubel verflogen. Seit Beginn des Weges sind wir wieder in Frankreich. Die Staatsgrenze verläuft direkt an der rechten Außenkante des Parkplatzes entlang.

Vom Lac d’Ibardin nach Béhobie

Leicht rollen wir bergab zu dem sehr hübsch gelegenen kleinen Stausee Lac d’Ibardin und dann an seinem Südufer entlang. Unsere Freude über die wunderbare Landschaft findet jedoch ein jähes Ende, als wir den neuerlichen Anstieg am Seeende sehen. Ein paar finstere Blicke treffen mich. Die Alternative wäre eine breite Teerstraße mit viel Verkehr, verteidige ich mich. Und außerdem sei das nun wirklich der allerletzte Anstieg. 50 teilweise wieder recht steile Höhenmeter später sind wir oben am Col des Poiriers. Und zur Belohnung gibt es dann noch einmal ein echtes, flowiges Trailschmankerl mit einer langen Querung am Hang entlang, das meine Mitstreiter wieder versöhnt.

Pyrenäen Cross | Foto: B. Wenzl, F. Hartl
Blick zurück auf den Weg an der Steilküste entlang

In Biriatou treffen wir wieder auf Teer und rollen auf ihm weiter bis zum Río Bidasoa hinunter, der zugleich die Staatsgrenze bildet. Wir bleiben bis Béhobie auf der rechten Flussseite und queren am Ortseingang über die Brücke nach Spanien zurück, jetzt ins Baskenland, unserer vierten autonomen Region. Die Grenze zu Navarra haben wir sozusagen „in Abwesenheit“ passiert. Auf der linken Flussseite rollen wir weiter. Schon nach ein paar Metern sehen wir rechts eine kleine unbewohnte Insel im Fluss liegen: die Isla de los Faisanes, die sowohl zu Spanien als auch zu Frankreich gehört. Sie ist damit eines der wenigen Kondominate, also Gemeinschaftseigentum zweier Staaten, die es heute noch gibt. Mit Bildung der modernen Nationalstaaten wurden die meisten aufgelöst beziehungsweise, so wie Andorra, in souveräne Staaten umgewandelt. Aufgrund ihrer besonderen Lage wurde die Fasaneninsel 1659 als Unterzeichnungsort für den Pyrenäenfrieden erwählt, der ein halbes Jahr später mit der pompösen Hochzeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV mit der spanischen Königstochter Maria Theresa in Béhobie besiegelt wurde. Wobei „pompös“ hier absolut wörtlich zu nehmen ist: Das Hochzeitsfest dauerte volle 30 Tage, an denen sich die komplette Stadt im Ausnahmezustand befand. Heute teilen sich Frankreich und Spanien die Verwaltungshoheit über die Insel im Sechsmonatswechsel.

Am Ziel: Erst Hondarribia, dann das Cabo Higuer

Pyrenäen Cross | Foto: B. Wenzl, F. Hartl
Am Strand von Hondarribia

Wir folgen weiter dem Flusslauf und passieren den kleinen Binnenflughafen San Sebastián, der täglich mehrmals von Madrid und Barcelona aus angeflogen wird. Zwei Kilometer später sind wir dann endlich am Meer, am Strand von Hondarribia. Der Strand mit seinem hellen Sand sieht wunderbar einladend aus: Zeit für unseren wohlverdienten Badestopp! Das Wasser ist herrlich, wenn auch deutlich kühler als erwartet. Zusammen mit Ralph, der uns am Strand wieder eingeholt hat, rollen wir dann die letzten Meter hinaus bis zum Leuchtturm am Cabo Higuer. Der Leuchtturm wurde 1878 erbaut, nachdem sein Vorgänger von den Carlisten zerstört worden war. Er ist 65 Meter hoch und sein Lichtkegel hat eine Reichweite von 23 Meilen, mit der er die gefährlichen Felsen am Cap und auch die kleine vorgelagerte Insel Isla de Amuitz erreicht.


Pyrenäen-Cross

Pyrenäen-Cross, Foto: B. Wenzl, F. Hartl
Das Buch zur Serie: Pyrenäen-Cross – mit dem Mountainbike vom Mittelmeer zum Atlantik.

Mit dem Mountainbike vom Mittelmeer zum Atlantik

Im Bergzeit Magazin beleuchten wir etappenweise einen Pyrenäen Mountainbike Cross vom Mittelmeer zum Atlantik. Es geht in 14 Etappen von Ost nach West, also vom Mittelmeer zum Atlantik. Insgesamt sind es 1.008 Kilometer und 27.045 Höhenmeter, die hier gefahren werden. Jede Etappe wird jeweils in zwei Teilen beschrieben, so dass die Distanz auch einfach in zwei Tagen zu fahren ist. Immerhin sind die Etappen sportlich und mitunter recht anspruchsvoll, auch Tragepassagen können vorkommen. Durch die Aufteilung kann man den Pyrenäen Mountainbike Cross auch langsamer und ruhiger angehen. Die Autoren und ihre Mitfahrer haben sich für ihre Tour den Luxus des Gepäcktransportes gegönnt, damit sie sich voll und ganz auf die Fahrt durch die beeindruckende Landschaft der Pyrenäen konzentrieren können. Das Buch zu unserer Pyrenäencross-Serie ist mit vielen Tipps und weiteren Infos als Taschenbuch im Verlag Editorial Montana erschienen und über den Bergzeit Shop erhältlich.

Pyrenäen-Cross | Birgit Wenzl und Frank Hartl | Verlag Editorial Montana | ISBN: 978-3-9814962-1-5 | 224 Seiten | Format 148 x 210 mm | mehr als 150 Farbbilder | 24,95 Euro

Die Etappen im Überblick

1. Etappe: Cap de Creus – Llançá // Llançá – Darnius
2. Etappe: Darnius – Albanyà // Albanyà – Beget
3. Etappe: Beget – Pardines // Pardines – Toses
4. Etappe: Toses – Bellver de Cerdanya // Bellver de Cerdanya – Andorra
5. Etappe: Andorra – Llavorsí // Llavorsí – Espot
6. Etappe: Espot – Sant Maurici – Espot // Espot – Espui
7. Etappe: Espui – Castellars // Castellars – Bonansa
8. Etappe: Bonansa – Seira // Seira – Plan
9. Etappe: Plan – Nerín // Nerín – Torla
10. Etappe: Torla – Biescas // Biescas nach Sallent de Gállego
11. Etappe: Sallent de Gállego nach Gabas // Gabas nach Candanchu
12. Etappe: Candanchu – Ansó // Ansó nach Ochagavia
13. Etappe: Ochagavia – Roncesvalles // Roncesvalles – Elizondo
14. Etappe: Elizondo nach Etxalar // Etxalar – Cabo Higuer

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
wpDiscuz