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Radlabor: Via Bikefitting zur optimalen Sitzposition am Rad

6 Minuten Lesezeit
Kribbelnde Finger, schmerzende Schultern, Zwicken im Rücken - all das hemmt den Spaß am Fahrradfahren. Bei der Suche nach der optimalen Sitzposition auf MTB und Rennrad hilft ein professionelles Bikefitting. Klaus Lehner hat's im Radlabor ausprobiert.
Die Leiden des K.: Mit schmerzenden Schultern und eingeschlafenen Händen machen hohe Alpenpässe wie das Stilfserjoch keinen Spaß. Eine richtig abgestimmte Sitzposition am Rennrad kann helfen die Situation maßgeblich zu verbessern. | Foto: Klaus Lehner
Die Leiden des Bikers K.: Mit schmerzenden Schultern und eingeschlafenen Händen machen hohe Alpenpässe wie das Stilfserjoch keinen Spaß. Eine richtig abgestimmte Sitzposition am Rennrad kann helfen, die Situation maßgeblich zu verbessern. | Foto: Klaus Lehner

Viele Jahre ist es her, dass ich mich mit dem Rennrad übers Stilfserjoch, den höchsten Alpenpass, quälte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in den letzten Serpentinen über meine damaligen Begleiter und deren „sinnlose“ Idee für diese Tour geschimpft hatte. Mein Rennrad war schwer, die Übersetzung viel zu groß und ich völlig untrainiert. Das sollte sich diesmal ändern, denn das Stilfserjoch stand vor kurzem wieder auf meinem Urlaubsplan.

Erstmal optimieren: Hardware und Settings

Mit meinem neuen Cannondale Synapse habe ich einen extrem bequemen und super leichten Rennrad-Rahmen gefunden, aber an Steigungen im Alpenvorland ist mein Tritt bisher unrund. Nach längerer Zeit werden zudem meine Hände leicht taub und Verspannungen und Schmerzen machen sich im Schulterbereich bemerkbar. Klar ist: bis zum Urlaub muss dafür eine Lösung her! Ein Bekannter empfiehlt mir schließlich ein professionelles Bikefitting im Radlabor. Ein erster Blick ins Internet hinterlässt noch leichte Zweifel: ist das nicht nur was für Profis? Die Preise von 110 Euro aufwärts machen die Entscheidung auch nicht leichter. Die gute Erfahrung meines Bekannten veranlasst mich letztlich trotzdem zu einer Terminvereinbarung.

Als nächstgelegenes Radlabor kommt für mich nur München in Frage, weitere Standorte sind Freiburg und Frankfurt. Bei Pascal Kletterer, dem Leiter des Münchner Radlabors, buche ich das Analyse-Paket Pro, das neben der obligatorischen Körper- und Radvermessung eine aufwendige Pedalkraftanalyse beinhaltet. Dazu gleich mehr. Der Preis für das Paket liegt bei 295 Euro, wobei der Termin vor Ort gute zwei Stunden in Anspruch nimmt. Zur Vorbereitung auf die Analyse fülle ich bereits vorab zuhause den zugeschickten Fragebogen aus.

Mein Termin im Radlabor München

Obwohl man mir mit fast 55 Jahren klar ansieht, dass ich nicht zu der Truppe der Profisportler gehöre, nimmt mich Pascal im Münchner Radlabor total freundlich in Empfang. Wir reden auf Augenhöhe und ich komme mir als Hobbyradler defintiv nicht als Kunde zweiter Klasse vor. Pascal protokolliert zunächst die Angaben zur Person, fragt nach meinen persönlichen Zielen und meinen aktuellen Problemen auf dem Rad. Dann vermisst er mein Rennrad und meine Körpermaße. Insgesamt bringen diese ersten Minuten für mich noch nichts Neues, denn in ähnlicher Form gibt’s eine derartige Vermessung in jedem guten Radladen als kostenfreien Service.

Grundlage für die optimale Sitzposition am Fahrrad

Erstmal vermessen: Grundlage für das Bikefitting im Radlabor ist eine exakte Erfassung der Anatomie von Mensch und Fahrrad. | Foto: Archiv Lehner
Erstmal vermessen: Grundlage für das Bikefitting im Radlabor ist eine exakte Erfassung der Anatomie von Mensch und Fahrrad. | Foto: Archiv Lehner

„Auch für das professionelle Bikefitting dient die genaue Körpervermessung als Grundstein, denn daraus wird die optimale Position berechnet, um die weitere Analyse in der Dynamik durchzuführen“, erklärt Pascal Kletterer. „Je nach gebuchtem Paket und Beschwerdebild wird diese mit einer Pedalkraftanalyse oder bei Sitzbeschwerden mit einer Satteldruck- oder Videoanalyse verfeinert“. Häufig erkennen Pascal und seine Kollegen bei der Vermessung ihrer Kunden einen Beckenschiefstand oder eine Blockade. „In so einem Fall erhalten unsere Kunden ein passendes Trainings- und Mobilisationsprogramm. Bei unterschiedlichen Beinlängen passen wir die Radeinstellung entsprechend der Differenzen an.“

In meinem Fall schraubt Pascal als nächstes meine Klick-Pedale an das SRM-Hochleistungs-Ergometer und überträgt meine aktuelle Lenker- und Sitzposition auf das Ergometer. Sämtliche Positionen, selbst die Kurbellänge, können schnell und exakt am Ergometer verändert werden. Das Wichtigste ist aber das Powerforce-Pedalkraftsystem, mit dem sowohl die tangentialen Kräfte (effektiven Kräfte, 90 Grad zur Kurbel) als auch die radialen Kräfte (ungenutzte Kräfte, die in Längsrichtung der Kurbel wirken) beim Treten gemessen und direkt mittels Software-Analyse visualisiert werden.

In der Kreisdarstellung wird jeder Position der Kurbel auf dem Kreis ein Punkt zugeordnet. Je größer die Kraftkompenente ist, umso größer ist an der entsprechenden Stelle des Kreises der Abstand der Messkurve (farbig) zum Nullkreis (schwarz).
In der Kreisdarstellung wird jeder Position der Kurbel auf dem Kreis ein Punkt zugeordnet. Je größer die Kraftkompenente ist, umso größer ist an der entsprechenden Stelle des Kreises der Abstand der Messkurve (farbig) zum Nullkreis (schwarz).

Stimmt die Kraftübertragung, stimmt auch die Einstellung

Dann geht es für mich auch schon aufs Rad, sprich den Ergometer. Bei mittlerer und höherer Watt-Leistung zeichnet Pascal jeweils 30 Sekunden lang die Kraftprofile auf. Danach analysiert er die Ergebnisse und verändert je nach Resultat die Sitzposition am Ergometer. Die Prozedur wiederholt sich, bis nach etlichen Versuchen die Kraftübertragung optimal ist. Genau in dieser Feinarbeit liegt der Unterschied zu den meisten anderen Bikefitting-Einstellungen im Fahrrad-Laden. Dort werden Mountainbikes und Rennräder meist ausschließlich an Hand von Erfahrungswerten für Geometrie, Winkel und Abmessungen eingestellt. Das Radlabor findet über echte Kräftemessung die perfekte Sitzposition. Und dies erfordert neben einem umfangreichen Gerätepark und Software auch viel persönliche Beratung und damit Zeit.

Am Ziel: Die richtige Sitzposition auf meinem Rad

Ist die perfekte Sitzposition am Ergometer gefunden, überträgt Pascal diese auf das eigene Bike und kontrolliert das Ergebnis auf der Rolle im Labor nochmals. Abschließend erhalte ich eine umfangreiche Dokumentation der einzelnen Testeinstellungen und deren Ergebnisse, sowie eine finale Empfehlung. Die Daten überreicht mir Pascal am Ende in Papierform, aber auch online kann ich in einem persönlichen Kundenkonto darauf zugreifen.

Mit ungebremstem Spaß über alle Berge - dank leichtem Bike, richtiger Schaltung und einer perfekt im Radlabor abgestimmten Sitzposition. | Foto: Klaus Lehner
Mit ungebremstem Spaß über alle Berge – dank leichtem Bike, richtiger Schaltung und einer perfekt im Radlabor abgestimmten Sitzposition. | Foto: Klaus Lehner

Optimal beraten & Lerneffekt nebenbei:
Der runde Tritt

Noch während Pascal seine Auswertungen abschließt, habe ich die Möglichkeit meinen Tritt selbst genauer zu analysieren und mit anderen Sportlern zu vergleichen. Die Sensoren an der Kurbel erfassen alle Kräfte, und eine Visualisierung in Echtzeit zeigt, wo der runde Tritt noch ein bisschen eckig läuft. Die persönlichen Schwachstellen werden dadurch optimal sichtbar – ebenso der Unterschied zwischen mir als Hobbyradler und einem trainiertem Wettkampfbiker: Während ein Hobbyfahrer in der Aufwärtsbewegung der Kurbel seinen Vortrieb teilweise abbremst (Kraftkurve liegt innerhalb der idealen Kreisbahn), gelingt es dem trainierten Radler ohne Bremswirkung stilsicher und damit effizient zu pedalieren. In der Theorie heißt das: die Kurbel am oberen Totpunkt nach vorne schieben und dann erst nach unten drücken. Kurz vor dem unteren Totpunkt nach hinten ziehen und dann das Pedal aktiv nach oben heben – soweit die Kurzfassung zum „runden Tritt“. Mehr dazu und zum idealen Kraftverlauf gibt’s übrigens auch in Roadbike 10/2012.

Mein Fazit nach dem Bikefitting im Münchner Radlabor

Stilfserjoch und Umbrailpass liegen zwischenzeitlich hinter mir. In die Pedale treten muss ich zwar immer noch, aber eingeschlafene Hände sind Vergangenheit und auch meine Schulterschmerzen haben sich deutlich verbessert. Auf den Pässen habe ich diesmal mehr Rennradler hinter mir gelassen, als mich selbst überholt haben, und auch der Groll wegen „so einer sinnlosen Idee“ blieb mir erspart. Viel mehr konnte ich die Rennrad-Tour auch an den Kernstellen in vollen Zügen genießen. Ein leichtes Rennrad, die richtige Schaltung und eine perfekte Radeinstellung sind beim Rennradfahren echte Spaßfaktoren. Ein professionelles Bikefittig ist daher für mich auch als Hobbybiker sehr empfehlenswert, damit die nächste Tour noch besser wird!

Linktipp zum Bikefitting

  • Alle Infos zum Radlabor, deren Preise und deren Geräte findet Ihr unter: www.radlabor.de

 

Mehr zum Thema Ausrüstung und Radpflege gibt’s im Magazin

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