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Das grüne Herz Europas

Radreise durch Irland: einzigartig, emotional, erlebnisreich

9 Minuten Lesezeit
Wer einmal nach Irland reist, schwärmt nach seiner Rückkehr von der saftig, grünen Natur, der Ruhe & Friedlichkeit - und vor allem von der Herzlichkeit der Iren selbst. So erging es auch Bergzeit Autor Udo Kewitsch, als er mit seinem Fahrrad durch Irland reiste. Aber lies' am besten selbst!

Lieber Leser, komm‘, wir unternehmen eine kleine Radreise ins irische Grün und ich erzähle Dir eine wahre Begebenheit, eine berührende Geschichte, die das Leben schrieb. Es ist darüber hinaus aber auch eine Erzählung, wie sie nur auf – oder genauer, durch das – Reisen entstehen kann.

Von der Poesie des Reisens und Erlebens währenddessen

Ich nehme Dich mit nach Dingle, Provinz Munster, einem kleinen romantischen Ort an der irischen Südwest-Küste, südlich vom berühmten Ring of Kerry, einem der fünf „Finger” die dort ins Meer ragen. In Dingle leben knapp 2.000 Seelen, der raue Wind der Küste hat Spuren in ihren Gesichtern hinterlassen, das abwechslungsreiche Klima jedoch der Lebensfreude und Herzlichkeit keinerlei Schaden zugefügt. Ich werde mit Dir“virtuell” ein irisches Bier trinken gehen und dieses Pub wirst Du – einmal real besucht – in Deinem Leben nicht mehr vergessen. Am Ende unserer Reise erzähle ich Dir eine wahre Geschichte und wage die Prognose, diese Geschichte findet einen Platz in Deinem Herzen, so wie auch Irland es versteht nachhaltig in Erinnerung zu bleiben.

Radreise Irland: Grüne Wiesen soweit das Auge reicht.
Grün, grüner, Irland. | Foto: Udo Krewitsch

Lass‘ uns starten. Ich bin seit nunmehr drei Wochen mit meinem Trekkingbike von Dublin, der quicklebendigen irischen Hauptstadt, gegen den Uhrzeigersinn über Belfast, die eindrucksvolle Coastalroad entlang des Giants Causeway weiter nach Letterkenny, Donegal, Sligo, bis das kulturelle Galway hinaus unterwegs. Gestern noch führte meine Route an den mächtig aus dem Atlantik aufragenden Cliffs of Moher vorbei.

Radreise nach Dingle

Sand soweit das Auge reicht. | Foto: Udo Krewitsch
Sand soweit das Auge reicht. | Foto: Udo Krewitsch

Stell‘ Dir einfach vor, Du radelst nun mit mir gemeinsam in einer Tagesetappe von Listowel, Tralee schließlich über Derrymore und den imposanten Connor Pass hinunter in die Hafenstadt Dingle. Der Connor Pass selbst ist ein Naturschauspiel der besonderen Art. Der Anstieg – besonders im Vergleich zu der bisherigen Radreise, rund um die Insel Irland, ist stet und steil. Links und rechts wuchert üppiges Gras, der traumhafte Ausblick auf die umliegenden Berge und die entfernt liegende Küste wird heute zwar von einem dichten Nebel verhüllt.

Wir wären nicht überrascht, wenn aus dem Nichts plötzlich Stollentrolle oder sonstige Herr-der-Ringe-Fabelwesen sich in den Weg stellen und dieser märchenhaften Kulisse eine reale Note geben würden. Doch Mordor ist weit entfernt. Vielmehr ist die Stimmung trotz Nebel und Nässe eine einzigartige. Als würde die Natur sich persönlich um uns kümmern, ganz nah bei uns sein, ja, in den Arm nehmen. Als wolle sie sagen: „Nimm mich wahr, es müssen nicht immer Postkarten Motive sein, Stimmung und Staunen lässt sich auch anders erzeugen.”

Die Bergflanken sind saftig grün, immer wieder unterbrechen Steinmauern oder wilde Bachläufe die einzelnen Flächen, der Weitblick ins neblige Tal lässt erahnen, wie phantastisch es hier erst aussehen muss, wenn blauer Himmel und die so gerne aufragenden weißen Quellwolken den Horizont begrenzen.

Als wir endlich den höchsten Punkt des Passes (256m) erreichen, empfängt uns ein rauschender Wasserfall und auffrischender Wind. Niedrige Steinmauern begrenzen den Asphalt links und rechts. Die sich schmal verengende Passstraße bekommt nun eine abenteuerliche Kurvenführung – einer der Gründe, warum der Connor Pass nicht für den Schwerverkehr freigegeben und daher eher beschaulich frequentiert ist. Wir lassen die Bremsen los und gleiten einsam ins Tal. Die Feuchtigkeit ist gewichen, Wolkenfetzen geben den Blick frei. Traumhafte Perspektiven.

Willkommen in Dingle. In unmittelbarer Nachbarschaft zum berühmten Ring of Kerry und vor allem mit den Naturschönheiten „Funghi’s Bay” und „Dolphin Bay“. Tausendmal erwähnt, verfilmt und doch sich treu geblieben. Das Stadtbild ist typisch irisch. Bunte Häuserfassaden und ebenso vielfarbige Schilder an den Geschäften, Lokalen und Hotels bekunden eine Fröhlichkeit, wie man sie sonst nur selten in Europa antrifft. Wir sind von unserer Tagestour wohlig erschöpft, haben eine Vielzahl von Eindrücken, wie in all den vergangenen Tagen zuvor, in uns aufgesaugt. Das vielzitierte Grün in 264 unterschiedlichen Nuancen, die beeindruckenden Blicke auf die bizarre Küstenlandschaft, die sich an jeder Ecke und Weggabelung neu zu erfinden scheint: mal steil aufragend, mal sanft der Landschaft angepasst, doch stets von malerischer Schönheit. Sand, Steine, Gras, Dünen. Dichtes Blattwerk in den Wäldern, weidende Schafe auf schier unendlichen Landstrichen, gestochener Torf auf selbigen und mittendrin immer wieder kleine Ortschaften, gemütliche Pausenzonen, sei es von Menschenhand erbaut oder von der Natur erschaffen. Perlen auf meiner Erinnerungskette.

Eintauchen in das Nachtleben

Irish Pub Schild vor dem Eingang.
In Dingle taucht man im taditionellen Irish Pub in eine andere Welt ein. | Foto: Udo Krewitsch

Wir brauchen ein Bett für eine Nacht. Kein Problem in Irland. Die Lösung heißt Bed & Breakfast, kurz B&B. Im ganzen Land, nahezu an jeder Ecke findet man die äußerst liebevoll geführten Pensionen und somit auch ein gutes Frühstück und eine kuschelige Decke. Wir checken ein, duschen uns die sportlichen Strapazen vom Körper und lassen den Endorphinen freien Lauf. It’s a really good time in Ireland. Wir speisen in einem der zahlreichen Lokale klassischen Irish Stew und unternehmen schließlich einen kleinen Stadtrundgang, bevor uns der Durst in eines der besten Pubs, die ich jemals besuchen sollte, führen wird. Der Nebel hat sich längst endgültig verabschiedet und ist einer ebenso lauen wie klaren Mondnacht gewichen. Auf den Straßen Menschen, Gruppen, Grüppchen. Muße liegt in der Luft. Keine Hektik. Iren, Einheimische, Touristen aus aller Welt. Gesprächsfetzen in der Luft, kleine Gruppen vor den Lokalen. Und dann plötzlich, nicht gesucht, aber gefunden: ein knarrendes Schild in der Bridge Street, mit der unaussprechlichen Beschriftung „Failte go dti O´Flaherty / Traditional Pub”. Stimmengewirr drängt aus der scheinbar Jahrhunderte alten Türe, Musik liegt in der Luft.

Wir treten ein. War es am Nachmittag noch die Natur, die uns in ihren Arm nahm, so ist es nun die Atmosphäre in diesem Raum, die uns beeindruckt. Wärme, Menschlichkeit, Musik, „unfassbar“ und doch so präsent. Der Dielenboden hat schon tausenden von Schuhpaaren Halt gegeben. Die Dekoration ist im Laufe der Jahrzehnte gewachsen, nur der Wirt ist immer noch derselbe. Ein politischer Aktivist, wie sein Vorbild Brian O’Flaherty, der irischer Widerstandskämpfer, davon zeugen zahlreiche Fotodokumente an den Wänden. Fergus Ó Flaithbheartaigh ist der Mann, der seit 1969 dieses Juwel vom verstorbenen Vater übernahm und diesem Pub eine Seele gibt.

Wer ins Flaherty eintaucht, vergisst für eine ganze Weile die Welt um sich herum. Das liegt mitnichten am guten Guinness, dem exzellenten Whiskey oder sonstigem Angebot an Getränken, sondern vor allem an der Live-Musik und dem Publikum im Raum. Kein geringerer als Wirt Fergus selbst mischt sich mit seiner Gitarre unter die Anwesenden und singt seine alten irischen Volks- und Seemannslieder. Mit einer wahrhaft einzigartigen Stimme zieht er die Zuhörer in seinen Bann. Gänsehaut. Die Menschen in den irischen Pubs sind offen und interessiert, Kontakt ist schnell geknüpft und schon befinden wir uns – wenn wir nicht gerade fasziniert der wunderbaren Musik lauschen – in vielschichtigen Gesprächen und Geschichten gefangen und der Abend ist – wie ich es so oft in Irland empfand – einer von jener Sorte, die man gut und gerne als „magic” bezeichnen darf. „Magic” weil die Herzenswärme und Aufrichtigkeit der Iren so authentisch, so echt ist, die irische Musik, einer warmen Decke gleicht, für Gemütlichkeit sorgt, die ihresgleichen sucht.

Geschichte, die das Leben schrieb

Der Wecker holt uns aus festem Schlaf und somit auch aus unserer warmen Decke. Frisch geduscht sitzen wir am Frühstückstisch unserer kleinen Pension. Der Herbergsvater, ein ehemaliger Seefahrer, gesellt sich zum letzten Kaffee dazu und wir kommen ganz unverfänglich ins Plaudern. Woher, wohin, warum, wieso und überhaupt wie ist denn das mit den Delfinen hier in Country Kerry? Der ältere Mann, nennen wir ihn John, wird etwas nachdenklich und überlegt, bevor er milde lächelnd, etwas näher rückt und uns seine ganz persönliche Geschichte erzählt:

Vor sechs Jahren kam ein Gast aus Frankreich zu ihm, für eine Nacht, für einen Tag auf der Halbinsel. Er wolle Delfine sehen und zu einer bestimmten Stelle auf der Insel fahren. John erklärt ihm, dass diese Stelle wenig aussichtsreich sei und bietet seinerseits an, ihm einen wirklich tollen Platz zu zeigen. Gesagt, getan. Irische Gastfreundschaft. Die zwei machen sich auf den Weg. Im Laufe des Tages bekommt John plötzlich starke Schmerzen in der Brust und sein Gast nimmt sich seiner mit den Worten „I am a cardiolog, you have to go to my Hospital in France at once, take the plane tomorrow” an. John reist am Tag darauf gemeinsam mit dem Mann nach Frankreich, wird einen Tag später operiert und bekommt die Mitteilung Glück gehabt zu haben, da er sonst die nächsten fünf Tage nicht überlebt hätte. Dankbar fragt er nach der Rechnung. Der Doktor schüttelt den Kopf und sagt: „There is no bill.”

Etwas irritiert hakt John nach und sagt, dass dies doch alles sehr teuer gewesen sein müsse. Der Doktor lächelt nur und sagt: „Forget the money, you’re welcome, the only important thing is: you were nice to me, and now I was nice to you. That’s all.” Gänsehaut beim Schreiben und auch als ich unterwegs noch mehrmals über diese Begebenheit und die tiefe Dankbarkeit und Herzlichkeit von John nachdenken muss. Was für eine schöne, warme Geschichte.

Heute, sechs Jahre später, sitzt der irische Seefahrer John gesund hier bei uns am Tisch, lächelt und strahlt eine ganz besondere innere Ruhe und einen Frieden aus, der nicht vielen Menschen zu eigen ist, nimmt unser Geschirr nicht ohne uns noch ein paar wertvolle Tipps für unsere weitere Reise mit auf den Weg zu geben. Manchmal passieren solche Dinge, so auch in diesem Moment, in dem ich spüre: Diesen Ort werde ich nochmals besuchen. Tagsüber ein Ausflug mit John zu den Delfinen am „Dolphins Bay” und am Abend ein irisches Bier im Flaherty und am besten vorher noch einmal rund herum und alle Facetten erneut in mich aufsaugen und wahrnehmen. Irland ist wahrhaft „magic”.

Weiter geht die Radreise in Richtung Cahirsiveen, wo wir den schönsten Campingplatz der Insel finden werden, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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