49 Touren, Gipfelglück und intensive Momente machten Axel Grusser zum Skitouren-Junkie. Im Rückblick reflektiert er über Tourensucht und winterliche Ruhe, und darüber, warum ihn der Schneerausch nicht mehr loslässt. Vorsicht Ansteckungsgefahr!

Weißer Rausch? Nein, die Rede ist nicht von Kokain! Aber von ähnlich bewusstseinserweiternden Prozessen im Gehirn. Angesichts der Tatsache, dass ich im letzten Winter sage und schreibe 49 alpine Skitouren gemacht und dabei so viele Höhenmeter geschrubbt habe, als hätte ich alle 14 Achttausender bestiegen, konnte ich es mir letztendlich nicht nehmen lassen, einen Text über das Skitourengehen zu verfassen.

„Du und Skitouren?“ Diesen Satz habe ich im vergangenen Winter des Öfteren gehört – völlig zu Recht! Über Jahre hinweg hatte mich mein Kumpel Micha zu höchstens zwei Skitourenwochenenden pro Saison überredenkönnen. Meist lautete meine Absage: „Skitouren sind nichts Gescheites, ich will lieber Eisklettern oder was anderes, etwas ‚Richtiges‘ tun.“ Nun ja, jeder ist lernfähig und selten ist es umsonst, etwas weiter hinter die Kulissen der einen oder anderen Bühne zu schauen. So ließ ich mich letztendlich auf den Sport auf den Brettern ein. Jede einzelne meiner bisherigen Touren war ein tolles Erlebnis für sich, immer anders, immer neu, immer wieder Aha-Effekte und immer wieder Gipfel. Das alles zu erzählen, wäre tatsächlich zu viel, aber eine Kurzfassung meiner „Leidensgeschichte“ – die Sucht ist nun mal ein Leiden –  klingt in etwa so …

Erste Skitour-Kostproben im Mangfallgebirge

Bevor mich die Bretter-Leidenschaft packte, ließ ich mich nur eher selten zu einer Skitour überreden. | Foto: Axel Grusser
Bevor mich die Bretter-Leidenschaft packte, ließ ich mich nur eher selten zu einer Skitour überreden. | Foto: Axel Grusser

Anfang Dezember 2012: Die ersten Skitouren unternehmen wir im Zillertal und im Mangfallgebirge, nichts Besonderes, und vom Gefühl her ist für mich alles wie immer – eine nette Sache eben, wenn gerade Schnee liegt. Nach dem üblichen Weihnachtstauwetter folgen meine ersten Solotouren im Spitzingseegebiet, das fortan zu meiner Skiheimat werden sollte. So ganz allein, das hat plötzlich einen gewissen Reiz. Routenwahl und Tempo liegen nur in meiner Hand, die intensive Auseinandersetzung mit den Lawinenlageberichten wird unausweichlich. Im Laufe der Wochen wird dieser Lagebericht für mich so wichtig wie die Tageszeitung zum Frühstück und mindestens so bunt und interessant wie ein Aquarium im Wohnzimmer. Jeden Tag gibt es anderes zu entdecken. Da steckt also richtig Leben drin in dieser Schneedecke!

Schneeabhängig

So manche Skitour wurde durch würzige Abfahrten aufgepeppt. | Foto: Axel Grusser
So manche Skitour wurde durch würzige Abfahrten aufgepeppt. | Foto: Axel Grusser

Mitte Januar 2013 werden die ersten Touren – sowohl mit Freunden an der Rotwand, als auch alleine am Hochmiesing – durch würzige Abfahrten aufgepeppt. Nun ist es nicht mehr nur die Aufstiegsroute, sondern irgendeine interessante Flanke am Berg, die ins Blickfeld rückte. Spätestens jetzt ist der Punkt erreicht, an dem ich mich als „angefixt“ bezeichnen muss. Der Schnee hat meine volle Aufmerksamkeit und die Touren sind der Stoff meiner schlaflosen Nächte. Vor allem in den Bergen vor der Haustür mehren sich die Häkchen im Skitouren-Führer, der Radius wird größer, die Abfahrten rassiger und die Aufstiegsmeter sportlicher. Ein Tag im Chiemgau mit Jörg, an dem wir bei geringer Lawinengefahr in gigantischen Neuschneemengen unsere Spuren ziehen dürfen, brennt sich ins Gedächtnis. Klares Wetter, sympathische Leute am Berg und Pulverschnee, der einem beim Schwung wie Schaum über die Schultern schwappt. Das hat definitiv Charakter!

Jetzt aber richtig!

Wenn der Pulverschnee einem beim Schwung wie Schaum über die Schultern schwappt, dann ist die Welt in Ordnung! | Foto: Axel Grusser
Wenn der Pulverschnee einem beim Schwung wie Schaum über die Schultern schwappt, dann ist die Welt in Ordnung! | Foto: Axel Grusser

Anfang Februar müssen schließlich neue Tourenski her. Leicht und wendig sollen sie sein und gerade recht für anspruchsvollere Aufstiege und kombinierte Touren, wo man die Ski zwischendurch auf dem Rücken trägt. Meine Wahl fällt auf den Broad Peak von Dynafit mit einer Vertical ST Bindung und den unglaublichen Dynafit Mountain TLT5-Tourenstiefel. In unserer darauffolgenden Woche im Allgäu wird das Equipment auf Herz und Nieren getestet. Mein Abhängigkeitsstatus verdoppelt sich – wenn er sich nicht gar potenziert. Ab sofort fühle ich mich unwohl, wenn ich keinen Schnee sehen darf.

Bewegender Moment über den Wolken

Am 28. Februar 2013 kommt unser Nachwuchs. Und mit ihm die Idee, einen ganz persönlichen Schatz auf einem Skigipfel zu hinterlegen, den wir sogar vom Fenster aus im Blickfeld haben. Eben noch im Kreissaal und überglücklich, erkläre ich meinem Madl meine spontane Idee, die mir während ihrer Wehen gekommen war. Augenblicklich schickt sie mich los. Alles muss ganz schnell gehen, es war ja schon Nachmittag. Ich besorge einen Schatz, schnappte meine Ski und düse zum Spitzingsee. Als ich um 17.00 Uhr in die Bindung steige, kündigt sich schon die Dämmerung an. Eine Stunde später bin ich 600 Höhenmeter weiter oben am Gipfelgrat und steige im bereits glühenden Licht über die geschlossene Wolkendecke, durch die nur die Gipfel ragen. Es ist mir ein Fest, für den Kleinen dort oben diese winzige, blaue Schachtel zu vergraben. Die Stimmung ist unglaublich, eine magische Ruhe. Wie viel ruhiger ist es im Winter? Ein unwirklicher Ausblick und die Ankunft der sich friedlich ausbreitenden Nacht über die Berge. Meine Abfahrt führt in die Dunkelheit, aber ohne Furcht und ohne Angst gleite ich sachte dahin und mit tiefer Zufriedenheit ins Tal zurück.

Die Berge können einem weit mehr geben als ein hübsches Panorama für die Augen und steile Hänge für die Muskeln. | Foto: Axel Grusser
Die Berge können einem weit mehr geben als ein hübsches Panorama für die Augen und steile Hänge für die Muskeln. | Foto: Axel Grusser

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist mein Vater gestorben. Dieser Abend auf dem Berg ist mir nun ein doppelt bemerkenswertes Erlebnis. Ich stand dort oben in der letzten Abendsonne am Gipfelkreuz. Wenn ich mir heute die Fotos anschaue, läuft mir ein warmer Schauer übers Herz. Als wenn mich eine magische Kraft genau in diesem Moment dorthin gezogen hätte. Zwischen Geburt und Tod lagen nur 20 Stunden und genau dazwischen dieser Moment über den Wolken – in jeder Hinsicht.

Was die Berge einem geben können ist weit mehr, als ein hübsches Bild für die Augen und ein paar steile Hänge für die Muskeln. Manchmal denke ich, sie sind die wenigen Plätze der Wahrheit auf dieser Welt.

Schwünge und Schwingungen für einen Junkie

Mit dem Frühjahr kommt die Zeit der langen Skitouren. Der Schnee wird stabiler und wildere und steilere Routen werden möglich. Der erste lange Trip führt mich vom Spitzingsee auf den Lämpersberg, berührt den steilen Schnee der Ostflanke in den ersten Sonnenstrahlen, weiter auf den Hochmiesing, um von dort die Westabfahrt bis ins Tal bei Geitau zu genießen. Danach ziehe ich auf die Aiplspitze und runde meine 2.200 Höhenmeter auf der Benzingspitze ab. Fünf Stunden bin ich dazu unterwegs, zuhause wartet das Mittagessen. An solchen Tagen kann nichts mehr schief gehen. Das Leben pulsiert in den Adern, während der Tour, und noch den ganzen Tag lang spürt man den Nachhall. Leise Schwingungen davon begleiten einen das ganze restliche Leben. Dafür lohnt es sich!

Bei einer anderen Skitour im Plankensteingebiet am Tegernsee muss ich von den 2.300 Höhenmetern 1.600 spuren. Ein neues Grenzgefühl bei dem der Begriff Badewanne eine völlig neue Bedeutung gewinnt. Auch das Bier schmeckt mit jedem einzelnen Abfahrtsschwung noch besser.

Tourenidyll am Wilden Kaiser

Im Abfahrtsrausch auf einsamen Hängen spürt man, wie das Leben in den Adern pulsiert. | Foto: Axel Grusser
Im Abfahrtsrausch auf einsamen Hängen spürt man, wie das Leben in den Adern pulsiert. | Foto: Axel Grusser

Zum Saisonende wird das Skitourengehen für mich zur beinah täglichen Routine. Mit Rasse und Klasse begeistern mich schließlich die Kaiser-Skitouren aufs Neue. Meine Vormittagsrunde führt von der Wochenbrunner Alm aufs Ellmauer Tor, von dort nach Norden in die Steinerne Rinne, Wiederaufstieg ins Tor und runter zur Wochenbrunner Alm, nur um erneut aufzusteigen. An der Gruttenhütte vorbei übers Gruttenköpfl bis in die Rote-Rinn-Scharte. Die Bilanz: 2.400 Meter und Abfahrten auf Traumfirn in einsamer Kaiseridylle. Da wächst man tatsächlich ein kleines Stück über sich hinaus.

Karwendel-Glück

Den krönenden Abschluss mit ordentlich Nachhall auf eine intensive erste Tourensaison – noch dazu mit dem treffendsten Gipfelnamen – bietet eine Skitour im wahnsinnig steilen und ehrfurchtgebietenden Karwendel. Es ist nun schon Ende April und diese Tour verbildlicht die Ganzheitlichkeit, die im Skibergsteigen möglich ist: Ich starte in Hinterriß und fahre 14 Kilometer mit dem Mountainbike durch den Ahornboden bis in die Eng. Dort steige ich direkt neben meinem Rad in die Ski und ziehe in den gewaltigen Kessel. Der Hang steilt bis zur Unmachbarkeit auf. Genau dort tausche ich die Ski gegen Steigeisen und Eispickel, hacke mich über eine makellose Firnrinne zum Gipfelgrat und wechsele abermals, diesmal auf Felsmodus, und steige die letzten Meter in leichtem, aber wilden Karwendelkalk zum… Hochglück! … glück … glück …

Lust auf Skitouren?

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
wpDiscuz