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Verpönt, belächelt, umstritten, praktisch und gefahrenfrei: Nicht erst seit es die Gerichte beschäftigt, scheidet Skitourengehen auf Pisten die Geister. Julius Kerscher hat sich Gedanken gemacht und ein überspitztes Loblied auf die Pistentour verfasst.

Brutal ehrlich nehme ich die Gefahr des ultimativen Nordwandgesichtsverlustes in Kauf und gebe es offen zu: Ja, ich finde die Möglichkeit auf deklarierten Pistenskirouten entspannt Skitouren zu gehen fein. Es ist eine Bereicherung, ob zum Spaß oder für’s Training – und insbesondere bei hohen Lawinenwarnstufen! Jetzt ist es raus, aber gehen wir nicht gleich am Anfang zu weit …

Zurück in die Zukunft? Zurück zum Aufstieg!

Auf sicheren Pfaden: Unterwegs zum Dynafit Nachtspektakel am Blomberg bei Bad Tölz. Hier gibt es im Skigebiet eine ausgewiesene Aufstiegsroute für Tourengeher. | Foto: Dynafit
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Auf sicheren Pfaden: Unterwegs zum Dynafit Nachtspektakel am Blomberg bei Bad Tölz. Hier gibt es im Skigebiet eine ausgewiesene Aufstiegsroute für Tourengeher. | Foto: Dynafit

An und für sich könnte man sich erstmal freuen: Immer mehr Wintersportler entdecken neben dem Pisten- und Funparkbetrieb das winterliche Aufsteigen für sich. Sie finden Gefallen am körperlich ertüchtigenden Tourengehen, erfreuen sich Schritt um Schritt ihrer eigenen Muskelkraft, Atemzug für Atemzug des von Maschinen unabhängigen – und dadurch leicht entschleunigten – kontemplativeren Bergerlebens. Sie verspüren die konzentrierte Lust an der im eigenen Takt erarbeiteten Abfahrt. Torso und Kreislauf trainieren sie im Aufstieg und kommen so „fit und mit Freude“ durch den Winter.

Der Aufstieg wird dabei von einem Übel, das auch an Liftinfrastruktur delegiert werden könnte, zu einem echten Erlebnis aufgewertet. Fast scheint es, der Skitourist kehre zu den Aufstiegsanfängen zurück: zeitgeistig, sportphysiologisch approved, Hand in Huf mit Gams und Rotwild, jodelnd in der Melodei des Schneehuhns steigen wir CO2-neutral ohne Liftanlagen zu Berge. Oh, welch modernes Idyll!

Das Idyll trügt natürlich, die Sache ist wie immer komplizierter. Der Druck auf die klassischen Skitourenziele abseits der Pisten, die verkehrstechnisch günstig erreichbar und – im Idealfall – auch mit dem Damoklesschwert des alpinen Risikos weniger innig verbunden sind, nimmt zu. Die Lawinen wundern sich über recht unbekümmerte neue, scheinbar weniger ängstliche Spielgefährten. Die Tierwelt findet es mitunter weniger cool – und auch die „Schon-seit-jeher-abseits-Gehenden“ schauen einer grimmigen Nordwand gleich durch ihre Reviere.

Ein Loblied auf … das genaue Hinschauen

An der Kampenwand gilt während der Skisaison eine Pistensperre zwischen 20:00 und 09:00 Uhr - ausgenommen Donnerstags. | Foto: Julius Kerscher
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Traumziel mit Pistenanschluss: An der Kampenwand gilt während der Skisaison eine Pistensperre zwischen 20:00 und 09:00 Uhr – ausgenommen Donnerstags. | Foto: Julius Kerscher

Andy Warhols versprechen von „zehn Minuten Ruhm“ für jeden wird in unserer durch Bergsport-Ikonen überstrahlten alpenländischen Subkultur zum Versprechen von zehn Minuten Gipfelwildnis und alpinem Abenteuer: sportliche Heldentaten in heroischer Einsamkeit für jeden von uns. Aber, bedürfen wir tatsächlich stets und immer der schützenswerten, einsamen alpinen Naturlandschaft, um diese Sehnsüchte gleichsam befriedigend auszuleben?

Dies wäre ein ausgezeichneter Punkt, um einmal ein Loblied auf die guten Seiten des Tourengehens in oder im Umfeld bereits erschlossener (Ski-)gebiete anzustimmen. Ganz analog, wie man auch ein Loblied über das Klettern in künstlichen Anlagen singen könnte, statt immer nur elitär-abwertend zu mosern. Seien wir – gerade auch die Draußen-Kletternden – froh, dass es Hallen gibt!

Das Phänomen ist interdisziplinär

Ausgewiesene Routen sind die "Halle" der Skitourengeher. Die bestehende Infrastruktur bietet beste Bedingungen für schnelle Trainingstouren. | Foto: Julian Kerscher
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Ausgewiesene Routen sind die „Halle“ der Skitourengeher. Die bestehende Infrastruktur bietet beste Bedingungen für schnelle Trainingstouren. | Foto: Julian Kerscher

Ähnlich unreflektiert wie das vorlaute Auftreten mancher überambitionierter Indoor-Sportler ist nämlich die Polemik „eine Halle ist ja nur Plastik“, hat „mit Draußen nix zu tun“ und aufgrund der Absicherung „eh nix moralisch Forderndes, bei all den überbewerteten Routen“. Derartige Aussagen werden gern von Zeitgenossen geäußert, die sich – natürlich nur weil es in ihrem Projekt heute „keine conditions“ hat – mit Maillon Rapide und knapp zehn Kilo Schlingenbündel am Gurt von Exe zu Exe vorklippend durch einen gar nicht so geschenkten Achter projektieren, den sie „trotz völlig überdimensionierter Henkel schon als 7a+ einstufen würden“.

Das Spiel mit Angst und Selbsterfahrung können wir heute dankenswerter Weise gut gesichert in steiler Kletterhallenwand zur persönlichen, physischen wie auch mentalen Erbauung erleben. Dabei müssen wir unseren Angehörigen nicht erklären, warum wir den Kampf an Skyhooks und Rurps gegen die wackelnde Expando-Todesschuppe aufnehmen oder free solo dem Abgrund trotzen. Insoweit es uns in erster Linie um psychologische Selbsterfahrung in Verbindung mit (inzwischen sogar aus Sicht von Krankenkassen) sinnvoller sportlicher Aktivität geht, brauchen wir nicht Zeit und Sprit verpulvern. Wir müssen keine Waldpfade immer breiter austreten und die Umgebung mit urbanem Schmuck dekorieren (Gott, gib uns Energieriegel in biologisch aubbaubarer Verpackung!) und die Abgespecktheit der Wände in den glatten Wahnsinn zu treiben.

Der Erlebniswert des Kletterns in freier Natur steht für sich – und nicht umsonst heißt es „Draußen sei anders“. Aber, der natürliche Raum sollte nicht zur banalen Kulisse für den rein sportlichen Konsum oder das Training werden. Den sportlichen Erlebniswert können wir viel ressourcenschonender an, auch vom Sicherheitsaspekt her optimierten, Trainingswänden von künstlichen Kletteranlagen erzielen. Draußen sollte ein Tempel für Erfahrungen sein, die über den Sport hinausgehen – nicht „das andere Sportgerät“.

Tourengehen in der „Halle“

Ausgewiesene Routen für Skitourengeher in Pistengebieten werden vom DAV ausgeschildert. | Quelle: DAV
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Ausgewiesene Routen für Skitourengeher in Pistengebieten werden vom DAV ausgeschildert. | Quelle: DAV

Analog zum Klettern lässt sich das auch für Tourengeher übertragen: Die Freude des Aufsteigens im eigenen Tempo zur tageskrönenden Abfahrt mit Ski oder Splitboard können wir nicht nur in der ehedem einsamen Schneehuhnschneise erleben, sondern auch in bestehender Infrastruktur erleben – oftmals im Nahbereich von Ballungszentren und mit geringem Risiko verschüttet zu werden. Ohne schweres, notwendiges Alpin-Gepäck; Ohne den Begleiteffekt, die winterliche Ruhe von Tier- und Pflanzenwelt zu stören, sobald wir als Sportler massenhaft unterwegs sind; Geht es uns vor allem um den genussvollen Aufstiegssport in Naturnähe und weniger um ein dezidiertes Naturerlebnis (mit all seinen Freuden, aber auch Kosten und Schattenseiten), so sind Skigebiete  – ganz ähnlich wie Kletterhallen – attraktiv für das bergige Fitness-Joggen mit Abfahrt. Eigentlich …

Der Skitourengeher-Konflikt: ein Auslaufmodell?

Risikofrei ist die Nutzung bestehender Skipisten als Infrastruktur für den sportlichen Tourengeher ebenso wenig, wie für die Abfahrer. Das Kollisions- und entsprechende Konfliktpotential führte nicht umsonst zu weithin bekannten Streitigkeiten zwischen Anlagenbetreibern und Tourengehern, respektive Verbänden. Nach dem regulären Pistenbetrieb drohen meist unterschätzte Risiken während der Pistenpräparation: Winden-Stahlseile schneiden recht gut durch die Gebeine Abfahrender und Lawinensprengungen können durchaus unangenehm sein. Auch der Ärger über schwarze Schafe, die frisch präparierte Pisten noch vor dem Anfrieren mit Schwüngen düngen und den zahlenden Alpinskifahrern des nächsten Morgens die Laune vermiesen, trug noch nie zur Entspannung bei. Aber, nach einiger Zeit des Beharrens auf „dös-war-scho-immer-so“ und „dös-hods-no-nia-ned-geem“ scheint sich abzuzeichnen, dass sinnvolles Miteinander in Skigebieten möglich ist. Initiativen des DAV, die gemeinsam mit Skigebieten Lösungen zu suchen, tragen Früchte.

Vorzeigemodelle: Garmisch Classic, Kolben und Co.

Jeden Donnerstag ruft an der Kampenwand das Dynafit Nachtspektakel auf die Gori-Alm. | Foto: Dynafit
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Jeden Donnerstag locken an der Kampenwand die Gori-Alm (Dynafit Nachtspektakel) und die Steinling-Alm zum langen Skitourenabend | Foto: Dynafit

In einigen Skigebieten wie dem Classic-Skigebiet Garmisch Partenkirchen, am Kolben bei Oberammergau, oder dem Tegelberg im Allgäu gibt es – unabhängig vom jüngsten Gerichtsurteil – ausgewiesene Aufstiegsmöglichkeiten. Auf den vom Abfahrtsbetrieb separierten Routen droht keine Kollision und mitunter wird es auch mal ganz still und gemütlich. Die Abfahrt kann auf präparierten Pisten erfolgen, zur Freude vieler Tourengeher ohne Risiken wie Lawine, Steinen oder Unannehmlichkeiten wie Bruchharsch und Pappschnee. Aufstiegs- und Abfahrterlebnis mit hohem sportlichen Wert, geringeren Gefahren und vermindertem Druck auf die Wildnis sind also möglich. Der Deutsche Alpenverein (DAV) informiert über weitere Gebiete wie Hörnle, Dammkar, Wendelstein und Co., sowie entspechende lokale Regelungen zum Tourengehen im Pistenbereich. Auch erinnert der DAV mit seinen zehn Regeln für Tourengeher auf Pisten den gesunden Menschenverstand, wie Miteinander funktioniert (Mehr dazu auf der letzten Seite).

Ein Streitpunkt war und ist dabei natürlich die Mitnutzung der kostenträchtigen Infrastruktur „Piste“ zur Abfahrt. Eine gepflegte Unterlage ist häufig ein schöner Komfort, gerade wenn die Lawinenwarnstufe mal wieder hoch und die Schneelage mies ist –  oder die Powderqualität am Harsch. Seien wir ehrlich. In den unterschiedlichen lokalen Regelungen gelingt es jedoch, ein faires Miteinander zu betreiben. Seien es moderate Parkgebühren für Tourengeher (zugleich ein Anreiz zur umweltverträglichen Bildung von Fahrtgemeinschaften!) oder der ernst gemeinte Aufruf, vor bewirtschafteten Hütten als Tourengeher nicht einfach die Felle über freie Bänke zu hängen und anstatt das eigene Wurschtbrot auszupacken in Kulinarisches zu investieren. Wenn das der Preis für sorgenfreies Winteraufstiegssporteln ist – gern, oder?

Erlebnis Feierabendtouren: Dynafit Nachtspektakel & Co.

In vielen Skigebieten ist sogar der Feierabendtourengeher willkommen. Zusammen mit Dynafit lassen ein paar Hütten als „Nachtspektakel“ ihre Türen an manchen Tagen abends länger offen und auch sonst lockt vielerorts der „Tourengeher-Stammtisch“. Wer nach dem Bürotag zum Abschalten nochmal Anschnallen will, kann sich mit Freunden ein paar warme Schmankerl in der kalten Nacht erlaufen. Einen Überblick über die Nachtspektakel-Termine in der Saison 2013/14 findet Ihr hier.

Wunschkonzert oder (m)ein Traum?

Wir fahren in gemütlicher Gemeinschaft azyklisch zu den Ski-Alpin-Kunden, die ihren Tagespass irgendwie reinfahren wollen, und den sich ernsten, alpinen Risiken stellenden Vier-Uhr-Losgehern zu einem Tourengeher-freundlichen Skigebiet. Pro Mitfahrendem umgerechnet Ein Euro Parkgebühr erscheint uns fair dafür, dass wir auf präparierten Wegen sicher unserem Talfahrtsspaß auf guter Grundlage entgegen gehen können. Wir sind entspannt, trotz der angespannten Lawinenlage im freien Gelände und erfreuen uns der sportlichen Aktivität mit leichter Ausrüstung. Das Ganze munter in der Gruppe, auch wenn der Aufstiegssprinter unter uns schon mal vorausgelaufen ist, um seine drei Aufstiege an einem Tag zu schaffen. Wir treffen ihn zum geselligen Teil auf der Hütte oben. Dort angekommen ziehen wir diskret im Waschraum die Funktionswäsche aus, schlüpfen ins Wechselhemd, halten uns in Anerkennung dessen, was andere anderswo leisten nicht für besser oder schlechter und gönnen uns flüssige oder auch feste Leibeserquickung und dem Wirt sein Geschäft. Runterwärts freuen wir uns über das moderne, weit entwickelte Skitouren-Equipment, das den Begriff „Fahrspaß“ mit Tourenski real macht. Zwar nur eine, aber eine umso verdientere und lustigere Abfahrt zeichnet uns zum Abschluss Grinsen ins Gesicht – und das Gefühl, ein paar Hundert kräftigende Meter Aufstieg absolviert zu haben kommt zur Bewegungsfreude hinzu.

Harry Hardmover und Nanni Nordwandgesicht seilen sich derweil am letzten Kevlar zum Beginn der mit Fels und Eis durchsetzten Schneise ab, die in die bittersteile Abfahrtsrinne mündet. Eine der Schneedecke wegen nicht sorgenfreie Abfahrt bis zum Hatscher aus dem Tal raus krönt stundenlange Qualen, begonnen mit knietiefem Spuren in der Nacht. Alles geht gut, Harry hatte ja einen Helm und seinen riesen Rucksack auf bei seinem doch etwas weiteren Flug über ein Cliff. „Super, dass der alpine Erlebnisdruck nicht mehr Leute in solche Ecken drängt“, sind die beiden sich einig. Morgen ist wieder Montag. Da wollen sie nach Feierabend zum Training ein bisserl Höhenmeter jagen: Pistenskitour mit der neuesten, zu testenden, ultraleichten Running-Gear. In der Hütte lockt bei alkoholfreiem Weißbier die Geselligkeit mit dem Freundeskreis aus der Kletterhalle. Mal ganz entspannt runterflitzen, so a Gaudi. Eh klar!

DAV-Regeln für Skitourengeher auf Skipisten

Skipisten stehen in erster Linie den Nutzern der Seilbahnen und Lifte zur Verfügung!

  1. Aufstiege und Abfahrten erfolgen auf eigenes Risiko und eigene Verantwortung.
  2. Aufstiege nur am Pistenrand vornehmen (FIS-Regel Nr. 7). Dabei hintereinander, nicht nebeneinander gehen. Auf den Skibetrieb achten.
  3. Besondere Vorsicht vor Kuppen, in Engpassagen, Steilhängen, bei Vereisung und beim Queren der Pisten. Keine Querungen in unüber-sichtlichen Bereichen.
  4. Keinesfalls gesperrte Pisten begehen. Lokale Hinweise und Routenvorgaben beachten.
  5. Größte Vorsicht und Rücksichtnahme bei Pistenarbeiten. Bei Einsatz von Seilwinden sind die Skipisten aus Sicherheitsgründen gesperrt. Es besteht Lebensgefahr!
  6. Frisch präparierte Skipisten nur in den Randbereichen befahren.
  7. Auf alpine Gefahren, insbesondere Lawinengefahr, achten. Keine Skitouren in Skigebieten durchführen, wenn Lawinensprengungen zu erwarten sind.
  8. Skitouren nur bei genügend Schnee unternehmen. Schäden an der Pflanzen- und Bodendecke vermeiden.
  9. Rücksicht auf Wildtiere nehmen. Bei Dämmerung und Dunkelheit können Tiere empfindlich gestört werden. Hunde nicht auf Skipisten mitnehmen.
  10. Regelungen an den Parkplätzen sowie Parkgebühren respektieren. Umweltfreundlich anreisen.

Quelle: Deutscher Alpenverein e.V., Abteilung Natur- und Umweltschutz, 2003

Linksammlung Skitourengehen auf Skipisten

Mehr zum Thema Skitouren im Bergzeit Magazin:

Julius Kerscher

... ist fasziniert von der Vielfalt der Berg- und Klettersportkultur. Als Fachübungsleiter Alpinklettern begeistert er sich für Klassisches und auch mal einsameres Gelände ebenso wie als Boulder- und Routenbauer in den DAV Verbundhallen in und um München für die geselligen, modernen Spielarten des Kletterns. Pfeil Alle Artikel von Julius Kerscher