Free Touring, Speed Touring, Hüttentour - mit den Ansprüchen der Sportler spezialisiert sich auch das Angebot der Skitourenstiefel. Um die Wahl zu erleichtern, beleuchten wir für unsere Kaufberatung die Unterschiede und geben Tipps zur Größenwahl.

Ganz egal ob man 2.000 Höhenmeter auf Zeit läuft oder zum ersten Mal mit Tourenski den überfüllten Pisten entflieht – moderne Skitourenstiefel machen es einfacher denn je. Dank unablässiger Entwicklung von neuartigen Verbundstoffen und Bauweisen finden die Hersteller immer mehr Möglichkeiten, den Komfort zu verbessern, das Gewicht zu reduzieren und die Abfahrtsperformance zu steigern. Von minimalistischen Tourenstiefeln für Grammzähler bis hin zu tourenorientierten Freeridestiefeln ist für jeden etwas dabei.

Knackpunkt Skitourenstiefel

Als Verbindungsstück zwischen Mensch und Ski ist der Skischuh mitunter der wichtigste Ausrüstungsgegenstand auf Skitour, vor allem, weil man ihn unterwegs nicht einfach nach Belieben ausziehen kann, wenn der Fuß schmerzt. Und schon nach einer halben Stunde zu merken, wie die Blase kontinuierlich wächst, kann den Spaß ziemlich verderben. Aus diesem Grund ist es ratsam, einige Zeit in die Wahl des richtigen Skitourenstiefels zu investieren und wenn nötig auch ein bisschen tiefer in die Tasche zu greifen.

Klassische Allroundstiefel für Tourengeher

Nur weil man gerne Skitouren geht, braucht man dafür noch lange kein schnittiges Federgewicht am Fuß. Ein Großteil der Skitourenstiefel fällt in den Bereich Skitour/Free Tour. Diese sind für Tourengeher ausgelegt, die ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Aufstiegs- und Abfahrtsperformance suchen und auf dem Weg ins Tal auch mal richtig Gas geben wollen. In zwei Wörtern: klassische Allroundstiefel. Unterschied man früher noch zwischen Schuhen mit drei und vier Schnallen, ist das mittlerweile durch neue Schaft- und Zungenkonstruktionen hinfällig.

In ihrer Bauweise ähneln Skitourenstiefel eher einem normalen Alpinskistiefel, mit drei bis vier Schnallen und einer robusten, etwas dickeren Schale. Auch der Innenschuh fällt bei diesen Tourenstiefeln etwas dicker aus, was für zusätzliche Wärme und eine komfortable Polsterung sorgt.

Worauf muss ich bei einem Skitourenstiefel achten?

Für einen soliden Skitourenstiefel solltest Du auf folgendes achten:

  • Ausreichende Schaftrotation: Damit ist die Beweglichkeit zwischen Schuh und Schaft im Aufstiegsmodus gemeint. Als Faustregel gilt: Je höher die Schaftrotation, umso beweglicher ist der Schuh. Je beweglicher der Schuh, umso angenehmer sind Aufstieg, flache oder schneefreie Passagen.
  • Der Vorlagewinkel beschreibt die Stellung des Schafts im Abfahrtsmodus (ausgehend vom rechten Winkel zwischen Ski und Schuh nach vorne). Bei einigen Modellen ist der Winkel einstellbar. Generell gilt hier wie auch bei Alpinskistiefeln: Je größer der Vorlagewinkel, umso aggressiver ist der Ski bei der Abfahrt. Welcher Winkel hier am besten gefällt, ist sehr von der individuellen Technik abhängig.

Zwar wiegen Skitourenstiefel in der Regel zwischen 3.000 und 3.500 Gramm, halten jedoch im Gegensatz zu ihren leichtgewichtigen Pendants der Speed Touring-Stiefel deutlich länger und bieten ein Mehr an Komfort und Abfahrtsperformance. Dank ihres ausgewogenen Designs bieten sie zuverlässige Kontrolle und Sicherheit bei unterschiedlichsten Verhältnissen, und bleiben dabei noch leicht und bequem genug für lange Aufstiege.

Allrounder oder abfahrtsorientiert?

Wie im Bereich Tourenski gibt es auch bei den zugehörigen Skitourenstiefeln Allrounder, für all jene, die nicht für unterschiedliche Verhältnisse das jeweils passende Material im Keller haben. Bei den Skiern ist ein solcher „Klassiker“ etwa der K2 Wayback. Bei den Tourenskistiefeln sind solche Allroundstiefel etwa der Scarpa Maestrale (das Frauenmodell heißt abweichend Gea), der Dynafit Neo oder der Scott Cosmos II. Will man den Fokus auf die Abfahrt legen, kommt man in den Bereich der Freeridestiefel. Dafür sind insbesondere Modelle wie der Scarpa Maestrale RS oder der Dynafit Mercury empfehlenswert.

Minimalistische Speed Touring-Stiefel

Bei Skitourenrennen zählt jedes Gramm. Deshalb sind dort leichte Skitourenstiefel ein großes Plus.
Bei Skitourenrennen zählt jedes Gramm. Deshalb sind dort leichte Skitourenstiefel ein großes Plus. | Foto: Scarpa

Wie in allen Sportarten gehen auch Skitourengeher gerne ans Limit, beim sogenannten Speed Touring oder Ski Running. Wie der Name schon andeutet, hat die Sparte mehr mit Berglauf als mit Skifahren zu tun und die Skistiefel sind entsprechend konzipiert. In der Regel verfügen sie nur über zwei bis drei Schnallen, eine leichte, robuste Schale aus Materialien wie Karbonfaser oder Grilamid und einen dünnen Innenschuh – alles auf das Notwendigste reduziert.

Dank ihres minimalistischen Designs wiegen solche Schuhe, beispielsweise die Dynafit TLT Linie oder der La Sportiva Spitfire, gerade mal 1.000 bis 2.500 Gramm. Hinzu kommt kompromisslose Beweglichkeit im Walk-Modus und eine abgespeckte Schalenform. Endresultat: Ein Skitourenstiefel, mit dem man so angenehm gehen kann wie mit einem hochwertigen Bergschuh.

In der Regel reicht mittlerweile die Steifigkeit sogar aus, um bei der Abfahrt den Ski sicher durch enge Rinnen und exponiertes Gelände steuern zu können. Mit der Leichtbauweise verzichtet man allerdings auf etwas Wärme und Komfort, und auch die Lebensdauer des Schuhs ist nicht vergleichbar mit einem robusten Freeridestiefel oder einem abfahrtsorientierten Skitourenstiefel. Speed Touring-Stiefel sind daher am besten geeignet für ambitionierte Skitourengeher und Skibergsteiger, deren flinke Füße am Berg selten lange stillstehen und die so zügig wie möglich rauf und wieder runter wollen.

Thermoformbare Innenschuhe

Der Innenschuh sorgt für warme Füße. | Foto: Dynafit/Garret Grove
Der Innenschuh sorgt für warme Füße. | Foto: Dynafit/Garret Grove

Früher waren thermoformbare Innenschuhe eine Glaubenssache. In der Skitourengehergemeinde gab es darüber sehr unterschiedliche Ansichten: manche schworen darauf, andere hielten überhaupt nichts davon. Die Innenschuhe kamen als Rohlinge und mussten an den Fuß angepasst werden. Das Prinzip ist so einfach wie genial: Der Innenschuh wird vor dem Tragen durch Erhitzen nach dem Fuß geformt. Das verhindert Blasen – so sind Fans dieser Innenschuhe überzeugt – und ist außerdem noch richtig warm. Ein weiterer Vorteil ist das geringe Gewicht.

Inzwischen sind diese Innenschuhe in vielen Skitourenstiefeln enthalten. Ob man die Innenschuhe allerdings auf seinen Fuß hin anpasst, bleibt jedem selbst überlassen. Denn heutzutage sind thermoformbare Innenschuhe keine Rohlinge mehr, sondern normale vorgeformte Schuhe, die auch ohne Anpassung getragen werden können. Wichtig ist jedoch, dass die Anpassung  nicht zu Hause vorgenommen werden sollte, etwa mit Hilfe des Backofens, wie das früher teilweise gemacht wurde. Kunststoff- und Gummiteile der Innenschuhe könnten bei der Backofen-Variante beschädigt werden.

  • Tipp: Wer seinen Thermo-Innenschuh anpassen lassen will, sollte das bei einem Fachhändler machen lassen. Wenn Du Deinen Schuh bei bergzeit.de online kaufst, ist das mit einem ausgedruckten Beleg in den Bergzeit-Filialen jederzeit kostenlos möglich.

Welcher Tourenstiefel passt zu Ski und Bindung?

Ein guter Skitourenstiefel sorgt für ordentlich Spaß bei der Abfahrt. | Foto: Dynafit.
Ein guter Skitourenstiefel sorgt für ordentlich Spaß bei der Abfahrt. | Foto: Dynafit.

Beim Kauf ist es nicht nur wichtig, sich über den Einsatzbereich Gedanken zu machen, sondern auch über die Ausrüstung, mit der der Schuh kombiniert werden soll. So lässt sich ein schwerer, breiter Freerideski mit einem abfahrtsorientierten Schuh deutlich besser steuern; für einen kleinen, leichten Tourenski bietet je nach Fahrstil meist schon ein minimalistischer Skitourenstiefel ausreichende Kraftübertragung für saubere Kontrolle. Entscheidend ist zudem auch die Kompatibilität mit der Skitourenbindung.

Abgesehen von manchen schweren Freeridestiefeln sind heutzutage nahezu alle Skitourenstiefel mit den notwendigen Inserts für Pintech-Bindungen versehen. Doch aufgepasst: Wegen ihrer minimalistischen Schale können bestimmte Tourenstiefel wie der Dynafit TLT6 nicht mit Rahmenbindungen verwendet werden! Vorteil dieser Stiefel ist, dass das normale Gehen mit ihnen angenehmer ist, weil man nicht über den Schnabel abrollen muss. Andere Tourenstiefel können dagegen mit einer Rahmenbindung verwendet werden, wenn diese über eine variable Standhöhe verfügt und auf Skischuhe mit Touringsohle ausgelegt ist.

Wer mit seinem Skitourenstiefel auch in Alpinbindungen einsteigen will, der muss zuerst eine Alpinsohle einwechseln – denn durch die Gummierung und abgerundete Form einer Touringsohle kann das Auslöseverhalten der Bindung beeinträchtigt und das Verletzungsrisiko deutlich erhöht werden. Ob konkrete Modelle kompatibel sind, erfährt man im Zweifel bei einem Fachgeschäft wie Bergzeit oder direkt beim Hersteller.

Skitourenstiefel für Frauen und Männer

Neben der Optik unterscheidet lediglich eine etwas weichere Schale sowie ein kürzerer Schaft Tourenstiefel für Frauen von den Herrenmodellen. Frauen wiegen bei gleicher Größe normalerweise etwas weniger als Männer und haben etwas tiefer sitzende Wadenmuskeln – diese anatomischen Unterschiede liegen dem Design der Damenmodelle zugrunde. Bei der Wahl eines Tourenstiefels gelten jedoch die gleichen Prinzipien, egal ob für Frau oder Mann.

Tipps zu Größe und Anprobe

  • Die Größe von Skitourenstiefeln wird normalerweise in sogenannten Mondopoint (MP) angegeben. Damit ist die Fußlänge in Zentimetern bezeichnet. Alle Details findest Du hier: Mondopoint-Umrechnung & Größentabelle.
  • Skischuhgrößen sind in halben Nummern abgestuft, die Schalen hingegen nur in ganzen Nummern. Die Innenschuhe weiten sich mit der Zeit; im Zweifel also tendenziell eine halbe Nummer kleiner wählen, damit der Schuh auch in Zukunft wie gewünscht passt.
  • Um eine möglichst präzise Passform festzustellen, sollten Skischuhe mit dünnen oder sehr dünnen Socken anprobiert werden.
  • Bei der Anprobe dürfen die Zehen vorne ruhig leicht anstoßen, wenn man aufrecht steht, sollten allerdings frei sein, sobald man die unteren Schnallen schließt und in die Knie geht. Guter Halt in einem engen Schuh bedeutet präzise Kraftübertragung bei der Abfahrt, doch nicht vergessen: Ein Tourenstiefel muss eben auch bequem genug sein, um ihn den ganzen Tag anbehalten zu können.
  • Blasen oder Druckstellen am Fuß können schnell eine schöne Skitour verderben. Vor dem Kauf und der ersten Skitour also unbedingt schauen, dass der Schuh gut passt! Für die ersten Touren mit dem neuen Schuh ist es auch empfehlenswert Blasenpflaster und Tape im Rucksack zu haben und bei ersten Anzeichen zu gebrauchen, damit man nicht vorzeitig umdrehen muss.
  • Ist ein Skischuh ein wenig zu eng oder drückt, so kann er unter Umständen von einem Fachmann geweitet und auf den Fuß angepasst werden. Ein zu großer Skischuh kann jedoch nicht kleiner gemacht werden.
  • Der Skischuh sollte vor allem die Ferse gut fixieren, die Zehen aber nicht zu sehr einpferchen – so bleiben sie warm.
  • Wichtig für Hochtouren mit Skiern: Steigeisen passen in der Regel auf alle Skitourenstiefel.

Weitere nützliche Features:

  • Austauschbare Teile (Sohlenteile, Schnallen, Powerstrap) verlängern die Lebensdauer des Skischuhs.
  • Verstellbarer Vorlagewinkel und Canting (die seitliche Einstellung des Schafts zur Kompensierung von O- oder X-Stellung der Beine): Mit diesen Feinjustierungsmöglichkeiten können anspruchsvolle Skifahrer ihre Skischuhe perfekt auf ihre Anatomie und Bedürfnisse abstimmen.

ACHTUNG: Kenntnisse zu Lawinen und Gelände und ein LVS-Set im Rucksack sind abseits gesicherter Pisten ein Muss!

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Kommentare

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Peter

Ich hätte eine Frage zum Hochgehen bei Tourenstiefeln. Viele öffnen die oberste bzw. die obersten 2 Schnallen komplett beim Hochgehen und nicht nur den Hebel dahinter, der die Rotation zulässt. Ist das so gedacht die Schnallen auch zu öffnen?

Hallo Peter,

das ist eigentlich immer Geschmacksache – wie so oft. Der Hersteller redet da keinem rein – es macht dem Schuh nichts aus wenn die Schnallen offen bleiben. Ich habe mich hier mal umgehört: Wir lassen alle die ersten zwei Schnallen offen und machen es uns beim Aufstieg eher bequem. Den Schuh an sich wählst Du im Zweifel lieber ein wenig enger, denn die Innenschuhe weiten sich noch nach, sonst leidet die Abfahrtsperformance. Ich hoffe ich konnte helfen! Martin vom Bergzeit Team

Andreas Biedermann

Ich bin so halbe-halbe Skisaison je mit den Tourern aber auch mit den Carvern unterwegs. Gibt es dafür einen Allroundschuh? Bin bislang immer in den „normalen“ Skistiefeln gelaufen. Jetzt steht da aber ein Neukauf an, und da wäre natürlich ein Modell für beide Varianten optimal.

Jens

Hallo,
wie oft kann man einen Thermoinnenschuh formen?
Wenn sich der Innenschuh mit der Zeit weitet,
ist es dann ratsam ihn anzupassen?

Viele grüße Jens

@Jens: Ich habe mich bei unserem Skischuh-Fachberater aus der Bergzeit Filiale in Gmund schlau gemacht: Dass Innenschuhe sich mit der Zeit weiten, ist normal, eine erneute Anpassung ist jedoch nur sinnvoll bei Druckstellen oder wenn man eine neue anatomische Einlage o.ä. tragen möchte. Grundsätzlich ist es immer nur möglich, den Schuh durch Aufwärmen weiter zu machen, andersrum funktioniert das nicht. Laut Hersteller kann man einen ThermoFlex-Schuh 6 bis 7 Mal aufwärmen, ohne Qualitätsverlust 3 bis 4 Mal (je öfter man es macht, desto schlechter reagiert der EVO-Schaum). Der Skischuh sollte also nach ein bis zwei Mal aufwärmen sitzen, eine spätere… Read more »
@Andreas: Einen Allround-Skischuh gibt es ganz klar nicht. Entscheidend von Ausrüstungsseite her ist natürlich die Bindung – welche hast du bereits bzw. willst du? Auf eine alpine Bindung (für Abfahrt) passen nur Skischuhe mit Gleitplatte und genormter Sohle. Mit einer Rahmen-Tourenbindung lassen sich (wenn die Längenverstellung das zulässt) ein Tourenstiefel und ein Alpinschuh verwenden. Ein Kompromiss wäre möglicherweise ein Freerideschuh: Freerideschuhe haben meistens eine Wechselsohle, ihr Schwerpunkt liegt auf Abfahrt, für Touren sind sie ein Kompromiss (Grund: Gewicht, Schaftrotation). Und bei der Abfahrt haben sie natürlich nicht die Performance wie ein richtiger Alpinschuh. Entscheidend ist letztlich, was für Dich wichtiger… Read more »
Biedermann

@Franziska. Wird wohl so das beste sein. Denke auch, das kann vor Ort besser geklärt werden. Melde mich.

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