Der zweite Teil der Spaghettirunde führt vom Rifugio Quintino Sella über den Naso del Lyskamm zur Gnifettihütte. Am zweiten Tag wird der "höchstgelegene Balkon Europas", die Capanna Margherita auf 4.554 Metern, über zahlreiche weitere Monte Rosa-Gipfel erreicht.

Prolog

Im ersten Teil der sogenannten Spaghettirunde, der hochalpinen Überschreitung mehrerer Walliser Viertausender, fuhren wir von Zermatt aus mit der Seilbahn auf den „Trockenen Steg“, stiegen über Pistengelände auf das Kleine Matterhorn, wo wir übernachteten und bestiegen schließlich über das Breithorn die Zwillinge Pollux und Castor, ehe wir für die Nächste Nacht das Rifugio Quintino Sella erreichten.

Beeindruckende Weitblicke - wie hier auf Castor (Mitte), Mont Blanc (links) und Matterhorn (rechts) machen die Spaghettirunde aus. | Foto: Chris Stoll
Beeindruckende Weitblicke – wie hier auf Castor (Mitte), Mont Blanc (links) und Matterhorn (rechts) machen die Spaghettirunde aus. | Foto: Chris Stoll

Im Dunkeln zum Felikjoch

Bei Dunkelheit legen wir unsere Ausrüstung an, seilen uns an und stapfen los. Voller Spannung und Aufregung lassen wir den Weg zum Felikjoch schnell hinter uns. Jedoch werden wir in unserer Vorfreude auf eine der beeindruckendsten Gratüberschreitungen der Alpen – den Lyskamm – jäh gebremst. Wir geraten in extrem schlechte Sicht- und Wetterverhältnisse, die von der Nordostflanke des Lyskamms her aufziehen. Schon von weiter unten konnten wir sehen, wie sich Wolkenfahnen hinter dem Kamm bildeten und auf starke Winde schließen ließen. Verhältnisse, die für die Begehung eines so schmalen Firngrats mit dieser Länge und Ausgesetztheit nicht sehr wünschenswert sind. Als uns schließlich auf dem Weg zum Westanstieg zwei Bergführer auf ihrem Rückweg entgegenkommen, entscheiden auch wir uns umzukehren.

Alternativroute statt Lyskamm?

Extrem schlechte Sicht, starke Böen und Wolken aus Eiskristallen erwarten Chris und Heiko. | Foto: Chris Stoll
Extrem schlechte Sicht, starke Böen und Wolken aus Eiskristallen erwarten Chris und Heiko. | Foto: Chris Stoll

Sobald wir das trübe Wolkendickicht verlassen und wieder Sonnenstrahlen spüren, finden wir nur eine ernüchternde Alternative, um unsere geplante Runde nach Osten fortzuführen: Abstieg ins Tal, um den zerklüfteten Lysgletscher zu umgehen – und Aufstieg zur Gniffetihütte auf der anderen Seite.

Doch siehe da: Als wir völlig demotiviert die ersten Meter hinabschreiten, treffen wir auf eine Seilschaft, die uns von einer zweiten Möglichkeit erzählt. Nicht in den topographischen Karten eingezeichnet, aber unter Locals doch bekannt ist die Querung des spaltenreichen Lysgletschers Richtung Osten.

Wir starten also vom Rifugio Quintino Sella über den Gletscher, um nach einer anspruchsvollen Steileispassage (drei Seillängen mit 55+°) zum Naso del Lyskamm aufzusteigen. Von hier sehen wir bereits die Capanna Gnifetti und kommen nach einer physisch wie psychisch kraftraubenden Etappe an der 1A ausgestatteten Schutzhütte an.

Die Capanna Gnifetti – Bergsteiger-„Luxus“ auf 3.625 Meter

Warme Duschen, ein großer Balkon mit Nachmittagssonne, riesige Portionen Pasta mit noch riesigerem Nachschlag, günstigeres und noch dazu besseres Bier als auf der schweizerischen Seite und Frühstück ab 4:30 Uhr. Unserer Empfindung nach ist die Campanna Gnifetti die beste Hütte der gesamten Tour. Top!

Das Schwarzhorn verlangt noch einmal Konzentration. | Foto: Chris Stoll
Das Schwarzhorn verlangt noch einmal Konzentration. | Foto: Chris Stoll

Für den Folgetag schlafen wir verhältnismäßig lange aus und starten gegen 7:30 Uhr auf die zeitlich kürzeste und auch leichteste Tagesetappe der Spaghettitour. Hinzuzufügen bleibt noch, dass hier die meisten Viertausender in Folge fallen, also ebenso eine sehr ergiebige Etappe für Gipfelsammler!

Man schlängelt sich also mit einer Vielzahl Gleichgesinnter die Gletscherautobahnen von Gipfel zu Gipfel und genießt dabei atemberaubende Ausblicke über angrenzende Täler aber auch entfernte Gipfel, wie den Gran Paradiso, den Mont Blanc und – natürlich immer präsent – das Matterhorn.

Sonniger Balkon am Rifugio Gnifetti. | Foto: Chris Stoll
Sonniger Balkon am Rifugio Gnifetti. | Foto: Chris Stoll

Auf dem Weg zu unserem Tagesziel, der Capanna Margherita, überschreiten wir unter anderem die Vincentpyramide, das Schwarzhorn und die Ludwigshöhe – besonders beeindruckt sind und bleiben wir allerdings vom Lyskamm, den man heute in seiner vollen Pracht von der Ostseite bewundern kann. Mutige Bergkameraden wandeln auf dem schmalen Gipfelgrat des „Menschenfressers“, wie der Berg aufgrund der vielen Wechtenunfälle in Bergsteigerkreisen auch genannt wird – sie wirken aus der Ferne winzig. Ein Tag für’s Auge und die Seele! Für uns steht auf jeden Fall fest, wir kommen wieder!

Panoramablick an der Capanna Margherita

Nach etwa 5 1/2 Stunden sind wir am Gipfel der Signalkuppe angekommen – und uns wird schnell klar, warum die Capanna Margherita so bekannt und beliebt ist. Als „höchster Balkon Europas“ hat sie natürlich auch einen legendären Ruf unter Viertausender-Sammlern. Entsprechend überwältigt sind wir vom Panorama, das uns erwartet: Nach Osten die steil abfallende Monte Rosa-Ostwand, nach Westen der majestätische Anblick des Monte Rosa- Massivs – wir stehen und staunen.

Zur Capanna Margherita können wir nur Positives berichten. Auch wenn wir bereits am frühen Nachmittag dort ankommen – Langeweile kommt hier nicht auf. Das Panorama ist atemberaubend, die Portionen üppig und der Sonnenuntergang sucht seinesgleichen. Das mit dem Schlafen auf 4.554 Meter Höhe ist allerdings eine andere Geschichte. Trotz einiger Tage in großer Höhe und vielen Vorbereitungstouren schlafen wir, großzügig geschätzt, nur ein bis zwei Stunden. Man merkt hier deutlicher als auf allen Hütten zuvor, wie trocken und dünn die Luft ist.

Ausblick auf Teil III der Spaghettirunde

Im dritten und letzten Teil der Spaghettirunde überschreiten wir die Zumsteinspitze und erreichen über den Grenzsattel die Dufourspitze, den höchsten Gipfels des Monte Rosa-Massivs und der gesamten Schweiz.

Hier geht es zur kompletten Hochtouren-Ausrüstung bei Bergzeit:

Alle Infos zu Teil II der Spaghettirunde

  • Gipfel:  Naso del Lyskamm (4.272 Meter), Vincent-Pyramide (4.272 Meter), Balmenhorn (4.172 Meter), Schwarzhorn/Corno Nero (4.321 Meter), Ludwigshöhe (4.341 Meter), Parrotspitze (4.432 Meter), Signalkuppe (4.554 Meter)
  • Schwierigkeiten: max. 55° im Eis / ZS am Naso del Lyskamm, sonst bis WS+
  • Gehzeiten: Rifugio Quintino Sella – Capanna Gnifetti: ca. neun Stunden; Capanna Gnifetti – Capanna Margherita: ca. fünf bis sechs Stunden
  • Website der Gnifettihütte: rifugimonterosa.it
  • Website der Capanna Margherita: rifugimonterosa.it
  • Preise (Stand: Sommer 2017): ÜHP Capanna Margherita 65 € (kann auch in CHF bezahlt werden); Frühstück ab 4:30 Uhr

ACHTUNG: Aufgrund der sich ständig veränderden Gletscherverhältnisse stellt das Bergzeit Magazin für diese Tour keinen GPS-Track zur Verfügung! Die Runde sollte nur von gut ausgestatteten, trainierten Bergsteigern in Angriff genommen und im Zweifel ein Bergführer hinzugezogen werden.

Mehr zum Thema Hochtouren im Bergzeit Magazin

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