Der zweite Tag unseres ersten Alpencrosses vom Tegernsee bis nach Riva ist die erste Belastungsprobe meines Mountainbikes nach der ersten Panne. Die Etappe führt von Zell am Ziller aufs Pfitscher Joch. Somit wird's endlich anstrengend.

Prolog

In den kommenden Wochen servieren wir Ihnen häppchenweise einen Alpencross von Tegernsee nach Riva am Gardasee. Es ist der Versuch, das erlebte Glück und den empfundenen Stolz in Worte und nackte Zahlen zu fassen – aber auch ein Bericht über das Streben vierer Gesellen, die sich beim Bemühen jung zu bleiben an eines der „letzten  Abenteuer der Neuzeit” wagen. Ihre Tour führt über fünf Pässe, 551 Kilometer un 13.513 Höhenmeter. Es wird endlich sportlich und die vier Alpencrosser haben anfangs noch gut Lachen auf ihren Mountainbikes…

  1. Tag: Tegernsee – Zell am Ziller
  2. Tag: Zell am Ziller – Pfitscher-Joch-Haus
  3. Tag: Pfitscher-Joch-Haus – St. Martin
  4. Tag: St. Martin – Wolkenstein
  5. Tag: Wolkenstein – Deutschnofen
  6. Tag: Deutschnofen – Levico
  7. Tag: Levico – Folgaria
  8. Tag: Folgaria – Riva

Es wird endlich mal anstrengend

alpencross
Höhenprofil des 2. Tages (Hm, km)

Mir geht es wieder gut – Gott sei Dank, wenngleich mein Stahlfederdämpfer aufgrund der etwas zu weichen Feder wippt (oder aufgrund des zu schweren Fahrers!?).  Eine tolle Auffahrt über die alte Passstraße und durch einspurige Tunnels bei starker Bewölkung, aber wenigstens halbwegs stabilem Wetter. Die Regenklamotten bleiben eingepackt und wir vier Alpencrosser sind guter Dinge. Günters und Sepps Appetite sind stabil und zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk, also kehren wir ein. Hunger. Die Passstraße hat uns einige Körner abverlangt, war sie doch ganz schön unnachgiebig. Der riesige Staudamm und der dahinter liegende Schlegeisspeicher wirken imposant. Toll.

Mit unserer Ankunft setzt der Nieselregen ein. Erstmal Spaghetti. Soll es regnen was es will, wir haben drinnen unseren Spaß. Ein Joke jagt den anderen und endlich wissen wir, warum die Käfer früher Schlaufen hatten und warum es schlecht ist, einen Ford Fiesta XR2 mit hellen Schonbezügen sein eigen zu nennen. Die genauen Hintergründe hat uns Fritz aus seinem reichen Erfahrungsschatz verraten. Das Quartett verlässt in dieser Mittagspause zwar mitunter den Bereich der oberen Gürtellinie, hat aber seinen ausgiebigen Spaß. Aber auch der hat ein Ende. Auf Kameraden. Das Pfitscher Joch ruft. Aufgrund der guten Planung wissen wir, dass nur wenige Meter fahrbar sind.

In der Tat: Nach kurzer Rollzeit verblockt der Weg immer mehr und die Steine ragen steil den Stollen entgegen. Die kurzen trailigen und lehmigen Passagen sind einfach, doch der lange Schlussanstieg per Pedes nimmt uns ausgiebig in Anspruch. Felsstufen, Absätze, Bachläufe gilt es zu durchqueren, mühsam, aber eingebettet in diesem wunderschönen Tal – rechts und links sehr eindrucksvolle Ausblicke auf Wasserfälle und sattes Grün – macht es im Grunde mächtig Spaß. Traumausblicke, insbesondere dann, wenn man sich die Mühe macht, zurückzuschauen. Günter flucht und philosophiert gleichermaßen: Einerseits über die Sch…-schieberei (Zitat: „Warum mach ich das eigentlich?“), andererseits sehr tiefgehend über den Ursprung des menschlichen Lebens („So haben die hier früher gelebt…“ und „Hier hat alles angefangen…“). Viele, viele Steine, viele, viele Innenansichten des Günter R. aus I. Einige Zeit vergeht, da hallt es wieder durch die Bergwände. Das ist Günter. Sepp und Fritz, kilometerweit entfernt, würden den Notarzt rufen, wenn der Urschrei nach „Hüüüülllffffe“ klingen würde. Wenn. Er klingt aber eher nach einem unschönen Unwort.

Der Nebel in dieser Höhe (ca. 2.000 Meter) nimmt stetig zu, die Steinpräsenz auch. Als wir endlich nach zweistündigem Aufstieg erschöpft – der eine vom Schieben, der andere vom Fluchen – ankommen, ist das erste, was wir sehen – weit sieht man wegen des Nebels nicht – ein VW Sharan, der in aller Seelenruhe seinen Parkplatz in Anspruch nimmt. Hallo, wir haben hier hochgeschoben, um Personenkraftwagen einparken zu sehen? Das darf doch nicht wahr sein. Wir Biker schleppen unser Gefährt über Geröllfelder nach oben und von der anderen Seite kommt die Autobahn. Das darf doch eigentlich nicht wahr sein. Jetzt noch ein kerniger Anstieg, der mir die Oberschenkel zum Kochen bringt, der aber zum Glück nur von kurzer Dauer ist, und schon sind wir oben. Pfitscher-Joch-Haus auf 2286 Meter. Alles super, alle glücklich. Wir sind da.

Check in

 „Grüß Gott, wir haben reserviert“. Ein kleines Vier-Bett-Zimmer, ausgestattet ganz in Hüttenromantik. Sepp, wohlgemerkt stolze 190 Zentimeter groß, wählt die 1,70 Meter kurze Koje, da diese die beste Matratze beherbergt. Udo und Günter liegen im Doppelbett auf einer 50 Zentimeter dicken, etwa 50 Jahre alten Weichschaummatte, die bei der geringsten Belastung gegen null Zentimeter tendiert. Fritz schläft solo auf halbwegs neutralem Untergrund.

Die heiße Dusche und eine ausgiebige Nachmittagstoilette sind brrrutal sssuperkkklassse (da haben wir übrigens endlich die Topwörter der Woche: brrrutal und kklassse). Draußen reißt es kurz auf. Leider schaffen wir es nicht mehr, dieses Naturschauspiel mit unserer Videokamera zu filmen, aber wir können nun mehr als nur ahnen, wie es hier bei richtig klarem Blick aussehen würde. Wahnsinn (das nächste Top Ten-Wort: Waaahnsinn). Gemütliches Beisammensein mit Kaffee und Kuchen und einem Karten schreibenden, aber hungrigen Sepp, wir ratschen und die lappige Lasagne kommt uns zum Abendmahl ebenso gelegen wie der Ofen, der im Nebenzimmer unsere durchgeschwitzten Sachen trocknet. Ein Weißbier für Fritz, zwei für Günter, einmal Vino für Sepp und der einzig wahre konsequente Udo: ein Snickers!

Wir schreiben mittlerweile 21 Uhr. Die Hüttenruh‘ steht bald vor der Tür. Fritz und Udo lesen noch Spiegel bzw. Autobild und führen Tagebuch. Als wir um kurz vor 22 Uhr in unsere gemütliche, etwas dampfende Bude einlaufen, teilen wir Sepp und Günter mit, dass sie gerne weiterschlafen können und es uns überhaupt nicht stört, wenn wir weiterlesen, zumal die fesche blonde Dame auf dem Titelbild nicht von schlechten Eltern ist. Komischerweise lachen alle und keiner stellt sich mehr schlafend.

Epilog zum 2. Alpencross-Tag

Eigentlich verwunderlich nach so einem Tag, der die vier Mountainbiker 42 Kilometer und rund 1743 Höhenmeter (in 4:06 h) näher ans Ziel brachte. Aber der Weg ist das Ziel und morgen geht es weiter. Die heutige Etappe war sozusagen nur der Anfang und nachdem die Etappe von Zell am Ziller über Mayrhofen und Schlegeisspeicher zum Pfitscher-Joch-Haus führte, warten die Abenteuer der nächsten Etappe schon auf die vier Alpencrosser.

Etappen des Tages im Detail: Zell am Ziller >> Mayerhofen >> Schlegeisspeicher >> Pfitscher Joch

 


Faszination AlpenX - Udo Kewitsch
Faszination AlpenX

Faszination AlpenX

Mit dem Bike über die Alpen

Das Buch zu unserer Alpencross-Serie ist im Verlag Frischluft-Editon erschienen. In Band 1 beschreibt Autor Udo Kewitsch drei Transalp-Touren. Neben der hier präsentierten Route vom Tegernsee bis Riva kombiniert Kewitsch bei seiner zweiten Reise die klassische Heckmair-Route mit Elementen der ebenso populären Joe-Route. Von Oberstdorf aus führt die Tour unter anderem über Ischgl, Bormio und Madonna di Campiglio an den Gardasee. Auch Tour drei endet am Lago: Von Schwaz in Tirol macht sich Kewitsch via Schneebergscharte, Eisjöchl und Rabbi Joch auf den Weg nach Riva. Was er bei seinen Touren erlebt schildert Udo Kewitsch mit frischer Sprache und gespickt mit vielen Insider Infos. Im Buch sind neben Höhen- und Streckenprofilen, Übersichtskarten und Checklisten auch nützliche Tipps und Adressen zu finden. Erhältlich im Bergzeit Shop.

Faszination AlpenX | Udo Kewitsch | Verlag Frischluft-Edition | ISBN: 978-3-3910890-9-7 | 160 Seiten | Format 165 x 235 cm | ca. 150 Farbbilder | 19,90 Euro


Die geeignete Ausrüstung für Mountainbiketouren gibts bei Bergzeit:

Mehr zum Thema Mountainbiken im Bergzeit Magazin:

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
wpDiscuz