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Wilder Ritt über die Torres

Torres del Paine: Über Patagoniens mächtige Granittürme

9 Minuten Lesezeit
Pedro Cifuentes (42) überschritt als Erster die imposanten "Torres del Paine" in Patagonien. In 15 Klettertagen bezwang der Spanier die Granittürme in ihrer ganzen Länge. Beinah ebenso lang fesselte ihn katastrophales Wetter an das Portaledge.

Pedro Cifuentes kennt die kühnen Wandfluchten der Paine Towers gut: bereits zum fünften Mal hat der Spanier die „Torres“ bestiegen, auch an der vollständigen Überschreitung hat er sich schon wiederholt versucht. Im Jahr 2008 bestieg er als erster Spanier alle Türme einzeln, gemeinsam mit Adrián Ayllón folgte im Jahr 2011 der erste Überschreitungsversuch. Zwar gelang es den Kletterern nicht, sämtliche Gipfel hintereinander zu besteigen, trotzdem eröffneten sie mit „Cuenca es Unica“ (250 Meter, Schwierigkeit 5.11 und A1) eine neue Route auf den Hauptgipfel des North Tower. Im darauf folgenden Jahr gelang Pedro die erste dokumentierte Solo-Besteigung des Nordgipfels über diese Route.

Torres del Paine Überschreitung
30 Tage hatte Pedro Cifuentes für die Überschreitung der Torres del Paine eingeplant. 29 sollten es am Ende werden.  | Foto: Pedro Cifuentes

Auch am 13. Januar 2013 startete Cifuentes an den Torres del Paine: Mit dabei rund 45 Kilo Gepäck und damit der gesamten Ausrüstung für die Besteigung des North und Central Towers. Weitere Lebensmittel und Klettermaterial für den Abstieg vom South Tower – dem gefährlichsten Teil seines Vorhabens – hatte er zuvor vor Ort deponiert.

Die aufwändigen und teils komplizierten Seilmanöver, um den schwer bepackten Haulbag aufzuziehen, waren der schwierigste Teil an Pedros Unterfangen. Besonders am Central Tower mit seinen vielen horizontalen Rissen und Vorsprüngen, stellte dies eine nervenaufreibende Herausforderung dar. In weiten Teilen der Route erschwert die große Reibung und das Verhängen am Fels das Aufziehen. Die technischen Schwierigkeiten der Torres del Paine hielten sich – ausgehend von Cifuentes Kletterfähigkeiten – in Grenzen. Während der Tour stürzte er kein einziges Mal. Dies war auch Voraussetzung, da eine Verletzung beim Solo-Klettern weitab jeder Rettungsinfrastruktur fatale Folgen gehabt hätte.

Langsam und anstrengend: Solo-Klettern an den Torres del Paine

Beim Solo-Klettern sichert sich der Kletterer die meiste Zeit selbstständig ab, muss aber dazu die selbe Seillänge mindestens zwei Mal zurücklegen: zuerst im Vorstieg, dann Abseilen, um beim erneuten Durchsteigen der Wand sämtliche zuvor angebrachten Sicherungsmittel wie Klemmkeile, Friends und Schlingen wieder einzusammeln. Vor dem Einstieg in die nächste Seillänge muss noch der schwere Haulbag aufgezogen werden – von dessen Inhalt das Überleben in der Wand abhängt. Diese Art des Kletterns ist vor allem eines: kraftaufwändig und langsam, da sich die zu bewältigenden Distanzen nahezu verdoppeln. Viel Zeit, ein starker Wille und eine ausdauernde Kondition waren daher Grundvoraussetzung für Pedro. Insgesamt plante er maximal 30 Tage für seine Projekt – die erste zusammenhängende Überschreitung der Torres del Paine- ein.

Erfolgsfaktor Wetter

Dank seiner früheren Expeditionen zu den Torres del Paine war Pedro gut auf die unerbittlichen Wetterbedingungen in Patagonien vorbereitet. Er wusste, wie er bei Stürmen in der Wand überleben würde. Windstärken von über 100 Stundenkilometer sind an den Torres keine Seltenheit. Manchmal weht der Wind so stark, dass selbst im Tal Busse von der Wucht des Sturmes einfach umgeweht werden! Kommt der Wind von Westen über das Patagonische Inlandeis, wird es bitter kalt. Unter diesen Bedingungen ist ein Aufenthalt in der Wand ohne perfekte Vorbereitung und Logistik lebensgefährlich.

Torres del Paine Überschreitung
Das Wetter in Patagonien ist wechselhaft. „In der Regel“ folgt auf zwei, drei gute Tage, ein Schlechtwettertag.  | Foto: Pedro Cifuentes

Aus diesem Grund wählte Pedro ein Portaledge mit Zeltdach. Dieses hatte er zuvor überarbeitet, um es perfekt an die widrigen Kletterbedingungen anzupassen. Besonderes sorgfältig widmete er sich dem Thema Windstabilität und Regenschutz, da die heftigen Böen den Regen erst gegen die Felswand pressen, von wo er dann direkt auf die Zeltwand spritzt. Um sich vor den eisigen Temperaturen zu schützen – Minus 20 Grad sind keine Seltenheit – rüstete sich Pedro mit mehreren leichten Schlafsäcken und Isolationsjacken mit hoh er Wärmeleistung aus.

Neben diesen Vorkehrungen galt es, das hängende Biwak an jedem Standplatz in einer einigermaßen windgeschützten Position zu verankern. Besonders wenn der Wetterbericht auf „Sturm“ zeigte, war dies essenziell. „Wenn du keinen sicheren Rückzugsort hast, überlebst du in der Wand vielleicht nur einen Tag. Spätestens am nächsten Tag gibt es Probleme. Sturm und Kälte beanspruchen aber nicht nur den Kletterer, auch das Equipment leidet. Das Portaledge muss unbedingt perfekt abgespannt sein, sonst wird es bei der hohen Windlast schnell beschädigt,“ sagt Pedro.

Wetterbericht per Handy

Ein Handy stellte während der einmonatigen Expedition den einzigen Kontakt zum Rest der Welt dar. So konnte sich Pedro über das anstehende Wetter informieren und die notwendigen Vorkehrungen treffen. Per Telefon warnten ihn Freunde auch vor einem außergewöhnlich starken und langen Sturm aus Westen. Diese Nachricht erhielt Cifuentes, als er acht Tage früher als geplant den Gipfel des Central Tower erreichte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Wetter grob an die örtliche Regel „2-3 Tage gutes Wetter für jeden Schlechtwetter-Tag“ gehalten. Das war soweit für das Vorhaben gut. Nach zwei anstrengenden Klettertagen war ohnehin ein Rasttag nötig.

Um sich an die extreme Kälte zu gewöhnen, schlief Pedro bei seinem einmonatigen Aufenthalt zur Akklimatisierung in Cuenca trotz winterlicher Temperaturen stets bei offenem Fenster und nur mit einem dünnen Bettlaken als Decke. Dennoch stellten die Torres del Paine seine Hartnäckigkeit heftig auf die Probe.

Eine Woche im Zelt gefangen

Auf dem Grat zwischen Central und South Tower zwang ihn ein heftiger Höhensturm zu einem mehrtägigen Notbiwak. Lange acht Tage hielt ihn das Wetter auf engstem Raum gefangen. „Auf die Kälte war ich vorbereitet,“ sagt Pedro, „aber über eine Woche nahezu bewegungslos auszuharren, war eine extreme Herausforderung.“ Nach dem vierten oder fünften Tag dachte er an Rückzug doch seine Freunde machten ihm über das Handy Mut zum Durchhalten. Diese mentale Unterstützung entflammte seinen Willen und den Enthusiasmus erneut. Für seine Freunde und für sich selbst wollte er die erste zusammenhängende Überschreitung der Torres del Paine bewältigen – egal wie! „Ich telefonierte mit meinen Freunden in der Heimat und war einfach zu fertig, um noch irgendwas zu fühlen. Irgendwann habe ich mich dazu entschlossen, so lange weiter zu machen, wie meine Vorräte reichten. Erst wenn alles verbraucht war, würde ich absteigen.“

Nach endlosen acht Tagen war der Sturm vorbei. Eine gewagte Seillänge (6b+ / 6c) am Einstig des South Towers mit einigen Freikletter-Passagen bildeten den Auftakt zum erneuten Angriff. Ein Sturz hätte unweigerlich eine schwere Fußverletzung wenn nicht gar schlimmeres bedeutet und musste unbedingt vermieden werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Pedros Kletterrhythmus wetterbedingt bereits deutlich verlangsamt. Während sich zu Beginn der Expedition gutes Wetter und Sturmtage in einem Verhältnis von 3:1 abwechselten, kam jetzt auf zwei bis drei Regentage nur ein Tag mit brauchbarem Wetter.

Der Gipfelerfolg am South Tower wurde erneut durch schlechte Nachrichten via Handy getrübt: spätestens in 24 Stunden würde eine Schlechtwetterfront das Klettern für mehrere Tage unmöglich machen. Zu seinen Füssen stürzte die Wand 1.150 Meter senkrecht in die Tiefe – 1.150 Meter, die er in der verbleibenden Zeit abseilen musste. Zu allem Unglück hatten Felsstürze und Wandabbrüche die teilweise eingerichtete Hoth Route am Southeast Buttress stark beschädigt, weiterer Steinschlag war vorhersehbar.

Aufregender Rückweg

Mit schweren Gepäck war kein Weiterkommen möglich. Deshalb warf Pedro seinen Haulbag mit einem mulmigen Gefühl in den Abgrund. Mit improvisierten Ständen machte er sich an die schier endlose Abseilfahrt – das drohende Unwetter immer im Hinterkopf. Vier Felsstürze in unmittelbarer Nähe und das sich immer wieder an Felsvorsprüngen verhängende Seil sorgten nicht unbedingt für Entspannung. Ursprünglich wollte Pedro das Seil mithilfe einer Reepschnur für den Rückzug aus dem Stand aushängen. Versehentlich hatte diese jedoch zusammen mit dem Haulbag die Direttissima zum Wandfuss angetreten. Erneut waren Improvisationstalent und Glück gefragt, denn die 27 Seillängen der im Jahr 2000 eröffneten Route waren auch als Abseilpiste kein Zuckerschlecken: bei einem Felssturz verletzte sich Pedro, als ein Felsbrocken einen Arm traf.

Geschafft!

Endlich, nach 29 Tagen in der Wand, hatte Pedro die erste zusammenhängende Überschreitung der Torres del Paine erfolgreich vollendet. Sämtliche Lebensmittel waren verbraucht. Fast 10 Kilo hatte er während seiner Expedition abgenommen. Nachdem er auf dem Torres-Gletscher wieder halbwegs festen Boden unter den Füssen hatte, musste er noch seinen Haulbag suchen. Erst als dieser geborgen war, ging es zu Fuß noch etwa drei Stunden bis zum Basecamp zurück, wo er von einem Freund erwartet wurde.

Geschichte der Torres del Paine-Traverse

Torres del Paine Überschreitung
Die Torres del Paine sind Stoff für viele Kletterlegenden. Pedro Cifuentes hat mit seiner Überschreitung eine weitere hinzugefügt. | Foto: Pedro Cifuentes

Pedros Traverse ist die erste zusammenhängende Überschreitung der Paine Towers. Sie beginnt in den dem North Tower vorgelagerten Gipfeln und endet mit dem South Tower One. Ausgangspunkt ist das Silent Valley, von dort geht es über verschiedene Routen auf die jeweiligen Hauptgipfel. Der Endpunkt ist der Torres-Gletscher unterhalb des South Tower One. Als Wegbereiter muss die Speed-Besteigung des Amerikaners Steve Schneider gesehen werden. In nur 51 Stunden bestieg er die drei Hauptgipfel. Start und Ziel war das Silent Valley. Die Nebengipfel blieben dabei unbestiegen, weshalb Pedros Routenführung als erste vollständige Traverse aller Gipfel der Torres del Paine gewertet wird. Steve Schneider und Pedro Cifuentes sind gute Freunde und haben sich wiederholt an den Torres getroffen.

Logbuch zur Überschreitung

13. Januar 2013: Es geht los! Ausgehend vom Silent Valley werden die Vorgipfel des North Tower bestiegen.

16. Januar 2013: Pedro erreicht den Nebengipfel des North Tower nachdem er die Route „Free Spirit“ (500 m, 5.11/A1) geklettert ist. 2011 konnte Pedro zusammen mit Adrian Ayllón diese Route erstmals wiederholen.

17. Januar 2013: Pedro erreicht den Hauptgipfel des North Tower über die von ihm und Adrian Ayllón eröffnete Route „Cuenca is unique“ (250  Meter, 5.11/A1).

18. Januar 2013: Abstieg über die Monzino Route zum Bich Hillock.

24. Januar 2013: Über die Route von Bonington/Whillans (ED, 850 m, 5.11/A2) erreicht Pedro den Hauptgipfel des Central Tower. Auf dieser Route hat er mit den klettertechnisch höchsten Herausforderungen zu kämpfen, da die Fortbewegung mit schwerem Gepäck aufgrund des stark zerklüfteten Gesteins sehr schwer war.

25. Januar bis 2. Februar 2013: Nach dem Abstieg über die Kearney/Knight Route zwingt schlechtes Wetter Pedro zu einem Notbiwak auf einem Grat zwischen Central Tower und South Tower. Während dieser acht Tage kann er das Portaledge an zwei Tagen überhaupt nicht verlassen, da der Reißverschluss vereist.

9. Februar 2013: Über die Aste Route (ED, 900 m, 6c) erreicht Pedro den South Tower.

10. Februar 2013: Abstieg über die stark von Felsstürzen beschädigte Hoth Route. Dabei überlebt er vier weitere große Felsstürze und Wandabbrüche. Nach 29 Tagen vollendet er die Traverse am Torres-Gletscher.

Übersetzung: Thomas Matthalm

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