100 TageGeld zurück Kostenloser VersandAb 50€ in D und AT
Live Chat & Hotline+49(0)8024-902290 Kostenloser Rückversandin D und AT
magazine::magazine

400 Kilometer Luftlinie durch die Pyrenäen. Das ist der Plan einer vierzehnköpfigen Abenteurer-Crew - und zwar wortwörtlich. Per Hike and Fly wollen sie mit dem Gleitschirm und zu Fuß vom Atlantik bis zum Mittelmeer.

Die Sonne ist schon fast untergegangen, als wir uns am 25. Juli für den Flug vom ersten Startplatz der Pyrenäen-Tour entscheiden. Nach kurzer Zeit verschwindet der Atlantik aus unserem Sichtfeld und wir gleiten mit dem letzten Tageslicht vom Gipfel der La Rhune ins nächstgelegene Tal. Wir fliegen fast Flügel an Flügel, rufen uns zu und einigen uns auf einen Landeplatz direkt am Ortsrand von Sare, einem kleinen Ort direkt an der Grenze zu Spanien.

Das Transpyrenäen-Abenteuer beginnt

Zusammen mit zehn anderen sind wir am Mittag von der Küste in Saint-Jean-de-Luz zu unserer Transpyr aufgebrochen. Gut 400 Kilometer vom Atlantik bis zum Mittelmeer, größtenteils entlang der spanisch-französischen Grenze, warten auf uns. Ab der zweiten Woche werden wir unser Hike-&-Fly-Abenteuer dann insgesamt zu vierzehnt (13 Männer und eine Frau) bestreiten.

Hike and Fly Pyrenäen - Was in Google Earth nach grünen Wiesen - und damit idealen Start- und Landeplätzen - aussah, entpuppt sich oft als zugewucherter Hügel. | Foto: Benedikt Schuhwerk
Linkicon

Was in Google Earth nach grünen Wiesen – und damit idealen Start- und Landeplätzen – aussah, entpuppt sich oft als zugewucherter Hügel. | Foto: Benedikt Schuhwerk

Aktuell sind wir allerdings nur zu dritt. Die Gruppe hat sich auf den ersten Kilometern unbeabsichtigt aufgeteilt. Zu groß war die Motivation, endlich in die Luft zu kommen, sah es doch gegen Nachmittag wider Erwarten nach bestem Flugwetter aus. Der Weg auf die La Rhune (905 Meter) führt uns zunächst am Atlantik entlang, bevor auf gut ausgetretenen Wanderwegen der Anstieg beginnt. Schon hier müssen wir feststellen, dass das, was auf Google Earth nach grüner Wiese ausschaut, in Wirklichkeit teilweise mannshoher Farn mit Dornengestrüpp ist. Zerstört ist die Illusion von schier unendlichen Start- und Landemöglichkeiten!

„Da fliegen schon zwei!“, schreit plötzlich jemand. Tatsächlich versuchen zwei Mitstreiter, schon vom ersten Vorhügel weg Strecke zu machen. Wir ziehen das Tempo nochmal an. Auf dem Weg zum Gipfel kommen uns genauso viele Wanderer wie Wildpferde entgegen, bevor wir oben mit einem wunderbaren Blick über die baskische Hügellandschaft und den Atlantik belohnt werden. Wir warten, bis der frische Wind etwas weniger wird, versuchen vergeblich herauszufinden, wo die anderen sind, und packen schließlich unsere Gleitschirme aus. Das heutige Ziel der ersten Transpyrenäen-Etappe liegt von hier noch 20 Kilometer Luftlinie entfernt.

Eine bunte Truppe mit unterschiedlichen Voraussetzungen

Wir, Benedikt und Stephan, sind die Jüngsten der Gruppe, die meisten anderen blicken auf jahrzehntelange Flugerfahrung zurück. Daher gibt es hinsichtlich des fliegerischen Könnens deutliche Unterschiede: Einige haben schon mehrmals die deutsche Meisterschaft im Streckenfliegen gewonnen, andere wiederum fliegen nur aus Spaß an der Freude und ohne Wettkampfehrgeiz – zu letzteren zählen wir uns.

Nach unserer Landung in Sare begeben wir uns zunächst auf die Suche nach einem Landebier. Es ist mittlerweile stockdunkel, wir haben keinen Handyempfang und wissen nichts über den Verbleib der restlichen Truppe. Die einzige verpflichtende Teilnahmebedingung war, dass jeder einen SPOT (GPS-Sender) dabei hat und zuhause einen Supporter vorweisen kann, der im Notfall die Rettung koordiniert. Über ein Onlineportal ist mit fünf Minuten Verzögerung die genaue Position jedes Gleitschirmpiloten abrufbar. Da es für uns in Sare weder WLAN noch ein mobiles Datennetz gibt, hilft uns auch das jetzt allerdings auch nicht weiter. So früh schon den Anschluss zu verlieren, ist für uns undenkbar.

Gleitschirm, Zelt und Trekkingausrüstung summieren sich zu einem stattlichen Marschgepäck von gut 20 Kilogramm. | Foto: Benedikt Schuhwerk
Linkicon

Gleitschirm, Zelt und Trekkingausrüstung summieren sich zu einem stattlichen Marschgepäck von gut 20 Kilogramm. | Foto: Benedikt Schuhwerk

Wir versuchen uns das erste Mal mit Trampen und sind von der zuvorkommenden und hilfsbereiten Art der Einheimischen begeistert. Es ist schon nach Mitternacht, als wir schließlich im ersten Etappenort Eratzu ankommen – gleichzeitig mit ein paar anderen. Begeistert und gleichzeitig erschöpft sind wir ziemlich glücklich, dass es doch noch alle geschafft haben!

Schwierige Startbedingungen und Wetterlotterie

Am nächsten Tag steht ein Aufstieg von gut 1.000 Höhenmetern und fünf Kilometer Fußmarsch zum nächsten Startplatz an. Die Wettervorhersage ist zunächst vielversprechend. Wir erwarten eine entspannte Wanderung, auch wenn wir uns nur langsam an die gut 20 Kilogramm Gepäck gewöhnen können. Vom eingezeichneten Weg ist nach knapp einer halben Stunde nichts mehr zu sehen, statt durch Grashügel schlagen wir uns wieder durch meterhohe Farn- und Gestrüppfelder.

Auch die Flugbedingungen am Start sind nicht ganz optimal, das Tagesziel von gut 40 Kilometern Luftlinie wird schließlich verworfen. Alle treffen sich am Abend in einer kleinen Pizzeria auf der französischen Seite wieder. Eine Wiese am Fluss mitten im Dorf dient für diese Nacht als Zeltplatz.

Kurz vor einem morgendlichen Regenschauer packen wir am nächsten Tag unsere Sachen zusammen und besprechen bei Croissant und Kaffee den kommenden Tag. Wenn wir wie geplant in zwölf bis 14 Tagen am Mittelmeer sein wollen, müssen wir jeden Tag mindestens 30 Kilometer zurücklegen. Da die gestrige Etappe wetterbedingt kürzer ausgefallen ist, beschließen wir einige Kilometer per Autostopp gutzumachen. An Fliegen ist momentan nicht zu denken – kurze, heftige Schauer machen sogar das Trampen zur Herausforderung. So beginnt ein regelrechter Wettstreit, wer zuerst an der vereinbarten Passhöhe ankommt. Stunden später finden wir uns in einem leeren Schweinestall wieder, trocknen unsere Sachen, machen Brotzeit und freuen uns, dass wir vollzählig sind.

Eine tiefe Wolkendecke und starker Wind machen unseren Gleitschirm-Plänen in den Pyrenäen häufiger einen Strich durch die Rechnung. | Foto: Stephan Birkmaier
Linkicon

Eine tiefe Wolkendecke und starker Wind machen unseren Gleitschirm-Plänen in den Pyrenäen häufiger einen Strich durch die Rechnung. | Foto: Stephan Birkmaier

Die Wolkendecke lässt hin und wieder einen Sonnenstrahl durch, wir starten zu Fuß weiter den Pass hinauf auf der Suche nach einem geeigneten Startplatz. Die Wolken hängen immer noch tief, es ist ziemlich windig. Einige warten ab, einige starten. Schließlich entscheiden wir uns wie die meisten anderen gegen den Start und versuchen, das Tagesziel wieder per Anhalter zu erreichen.

Am Abend erfahren wir, dass wir es als einzige geschafft haben. Weder mit dem Gleitschirm noch mit dem Auto waren die 40 Kilometer machbar. Wir schätzen uns zunächst glücklich, müssen aber feststellen, dass wir am nächsten Tag ohne das Kollektiv einen Startberg finden müssen.

Baskische Hilfsbereitschaft

Am nächsten Morgen profitieren wir erneut von der baskischen Hilfsbereitschaft: Wir treffen einen einheimischen Trailrunner. Er kontaktiert einen Freund, einen angeblichen Gleitschirmflieger, und zeigt uns den Weg bis zum Startplatz. Wir befinden uns auf dem Exkaure, einem bizarren, schroffen Pyrenäen-Gipfel mit gut 2.000 Metern Höhe. Der Blick von West nach Ost verdeutlicht, dass wir mit diesem Tag die eher hügelige Landschaft verlassen und uns in alpineres Gelände begeben.

Es wird ein anspruchsvoller Flugtag werden, starker Wind, turbulente Thermik und eine Landung auf gut 2.000 Metern in Candanchu – im Winter ein Skigebiet, jetzt im Sommer wie ausgestorben. Hier trennen sich zum ersten Mal unsere Wege, da nur einer von uns das Ziel mit dem Schirm erreicht.

Strecke machen oder die Landschaft genießen?

Mehr Hike als Fly: Schwierige Wetterverhältnisse in den Pyrenäen sorgen für Wander- statt Flugtage. Ist es überhaupt noch möglich, unser Ziel in der geplanten Zeit zu erreichen? | Foto: Benedikt Schuhwerk
Linkicon

Mehr Hike als Fly: Schwierige Wetterverhältnisse in den Pyrenäen sorgen für Wander- statt Flugtage. Ist es überhaupt noch möglich, unser Ziel in der geplanten Zeit zu erreichen? | Foto: Benedikt Schuhwerk

Erst am nächsten Abend sind wir wieder komplett. Starkwind hat auch aus diesem Tag für die meisten einen Wander- und Tramptag gemacht. Wir haben mittlerweile gut ein Drittel der Strecke bewältigt – größtenteils jedoch nicht wie geplant in der Luft. Dementsprechend schlecht ist die Stimmung an diesem Abend, zum ersten Mal bei diesem Abenteuer – und auch zum letzten Mal. Für viele ist es der Jahresurlaub – der Druck, irgendwie bei der Gruppe zu bleiben und das Tagesziel zu erreichen, hat Stress entstehen lassen. Für die ehemaligen Wettkampfpiloten waren auch die heutigen Bedingungen fliegbar. Das wirft für die meisten die Frage auf, ob es überhaupt Sinn macht, am ursprünglichen Plan festzuhalten, jeden Tag mindestens 30 bis 40 Kilometer zurückzulegen. Würde man doch so einen Großteil der wunderschönen Landschaft verpassen!

Auch wir stellen uns die Frage, ob wir uns ausklinken sollen oder nicht. Uns war von Anfang an klar, dass es recht schwierig werden wird – aber so schwierig? Initiator der ganzen Unternehmung ist Stefan „Boxi“ Bocks, Pionier des sogenannten Biwakfliegens, Red Bull X-Alps Finisher und dreimaliger deutscher Meister im Streckenfliegen. Boxi war es, der uns nach einem Vortrag über sein Kirgistan-Abenteuer gefragt hat, ob wir uns nicht „einem lockeren und ungezwungenen Hike-&-Fly-Abenteuer durch die Pyrenäen“ anschließen wollen. „Dann geht halt mehr zu Fuß!“, so seine lapidare Antwort, als wir unsere Skepsis bezüglich unserer fliegerischen Erfahrung zum Ausdruck brachten. Jetzt macht die konsequente Einhaltung der Etappen jedoch nicht nur uns zu schaffen. Es wird eifrig diskutiert, wie es weitergehen soll.

100 Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Leider eine exakte Vorhersage im Odersa-Nationalpark. | Foto. Benedikt Schuhwerk
Linkicon

100 Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Leider eine exakte Vorhersage im Odersa-Nationalpark. | Foto. Benedikt Schuhwerk

Für den nächsten Tag liegt die Regenwahrscheinlichkeit bei 100 Prozent. Trotzdem brechen am nächsten Morgen alle zur Querung des Ordesa-Nationalparks auf. Wir erwarten Starkregen, gut 20 Kilometer Fußmarsch und einiges an Höhenmetern. Wir werden nicht enttäuscht, es schüttet in Strömen. Auch wenn sich der Nationalpark an diesem Tag nicht von seiner schönsten Seite zeigt, begeistert er uns alle. Beeindruckend sind die schroffen, steilen Felswände und die tiefen Täler, die wir queren.

Ohne Reservierung ist (fast) nichts zu machen

Das einzige Refugio auf unserem Weg ist maßlos überfüllt, nur nach langem Verhandeln können wir noch ein paar Tassen heiße Schokolade ergattern. Es ist mittlerweile drei Uhr nachmittags und somit schon außerhalb der Essensausgabezeiten. Die Konsequenz der Wirtsleute sind wir so aus unserer Heimat nicht gewohnt. Egal wie durchnässt, ausgehungert und erledigt – trifft man außerhalb der Essenszeiten bei der Hütte ein, ist (fast) nichts mehr zu machen. Man muss allerdings erwähnen, dass die Hütten in den Pyrenäen mehr als gut frequentiert sind, zur Hauptsaison eher überbucht als ausgebucht. Reservierung ist also Pflicht. Auch auf ein Abendessen würde man ohne vorher gebuchte Übernachtung vergebens warten. Mit diesen Regeln sowie Geldstrafen soll hier dem Wildcampen entgegengewirkt werden. Wird man erwischt, ist mit einem ordentlichem Bußgeld zu rechnen.

Auf Regen folgt Sonnenschein – in mehrerlei Hinsicht

Odersa-Nationalpark: Das Wandern mit 20 Kilo Gepäck auf dem Rücken ist beschwerlich... | Foto: Benedikt Schuhwerk
Linkicon

Das Wandern mit 20 Kilo Gepäck auf dem Rücken ist beschwerlich… | Foto: Benedikt Schuhwerk

Nach der kurzen Stärkung brechen wir auf. „Noch einmal, dann kehren wir um“, sagt Robert, nachdem wir kurz hintereinander Blitz und Donner gleichzeitig „erlebt“ haben. Es sollte der letzte bleiben und wir setzen unseren Marsch durch mal größere und kleinere Sturzbäche fort, queren Wasserfälle, klettern teilweise an Fixseilen den nassen Fels entlang. Es ist mittlerweile fast 20.00 Uhr und wir stellen uns mental schon auf den abschließenden Abstieg von 1.200 Höhenmetern ins Tal ein. Doch völlig unerwartet kommt ein kleines Fleckchen blauer Himmel zum Vorschein und wir dürfen den wohl besten Abgleiter des Jahrhunderts erleben.

Die Luft ist noch feucht, wir fliegen in ein tiefes, enges Tal. Kleine Wolken huschen vorbei, wir rufen uns in der Luft zu. Es sind Freudenschreie und Schreie der Erleichterung. Noch nie waren wir so froh, im Gurtzeug zu sitzen. Im Landeanflug kommt uns eine Schar jubelnder Kinder entgegen, wir sind in einem Zeltlager gelandet. Noch während wir unsere Schirme zusammenpacken, tauchen immer mehr Gleitschirme über uns auf, in der nächsten Stunde erreichen alle den gleichen Landeplatz. Wir sind überglücklich, der Frust vom Vortag ist komplett vergessen!

Dass auch der nächste Tag wegen Dauerregen ein Pausentag werden wird, stört heute niemanden. Wir nutzen die Zeit im mittelalterlichen Städtchen Ainsa, um unsere maximal durchnässten Bergschuhe und Klamotten zu trocknen, einfach mal die Beine hochzulegen, zu entspannen und natürlich um die noch folgenden Etappen zu planen.

Fliegen bis zum Sonnenuntergang

... doch geniale Flüge in der zweiten Woche unserer Transpyrenäen-Tour machen die Strapazen vergessen. | Foto: Stephan Birkmaier
Linkicon

… doch geniale Flüge in der zweiten Woche unserer Transpyrenäen-Tour machen die Strapazen vergessen. | Foto: Stephan Birkmaier

Das nächste Etappenziel unseres Pyrenäen-Cross‘ ist Castejon de Sos – der Streckenhotspot in den Pyrenäen und in der Gleitschirmszene berühmt-berüchtigt. Sogar die besten Piloten sollen hier im Hochsommer regelmäßig an ihre Grenzen kommen. Daran will jetzt niemand denken. Wir starten erholt und motiviert in Richtung des nächsten Startplatzes. Ziel ist heute eine sogenannte „Ridge“, eine lange, steile Kante. Es geht gemütlich über eine Forststraße hinauf. Die Wolken hängen noch tief, die Feuchtigkeit der vergangen Tage macht dem Wetterumschwung nur langsam Platz.

Oben angekommen blicken wir ins angrenzende Flachland. Trotz tiefer Wolkenbasis geht es zügig an den Start. Die Thermik ist brauchbar, schnell haben wir bis an die Wolke gekurbelt und nehmen Kurs nach Castejon. Der vereinbarte Landeplatz ist heute gleichzeitig ein Startplatz, der gut 200 Höhenmeter über dem Dorf liegt. Einige landen „top“, die anderen gehen vom Dorf die letzten Höhenmeter zu Fuß. Der Wind steht auch am Abend noch stabil an – wir soaren (fliegen im Hangaufwind) noch fast bis zum Einbruch der Dunkelheit und genießen so den Sonnenuntergang im Gurtzeug.

Die „Profis“ zeigen, wie es geht

Für den nächsten Tag sind sehr gute Bedingungen vorhergesagt. Dementsprechend ambitioniert fällt das Tagesziel aus: 105 Kilometer. Nicht alle sind begeistert und zuversichtlich. Nach gut 1.000 Höhenmetern Aufstieg sehen wir schon die ersten einheimischen Piloten in der Luft. Schnell wird klar, dass wir keine Zeit verlieren dürfen. Die Konzentration steigt auf 120 Prozent, jeder ist in seinem „Tunnel“, voll fokussiert werden die Startvorbereitungen durchgezogen. Vario, SPOT, Camelbak, Rettungsschirm, GoPro, Funk, alles muss passen – denn im Flug kann man nicht mal schnell was aus dem Staufach holen.

Dann geht es los, der letzte Schritt auf festem Boden für die nächsten 100 Kilometer. Thermiksuchen auf Baumhöhe und Expresslift auf 3.000 Höhenmetern wechseln sich heute ab. Hin und wieder begleiten uns Geier und zeigen uns, wie leicht und einfach Fliegen gehen kann. Einfach nur der Hammer!

Wie im Wohnzimmersessel – nur luftiger

Auf einen mehrstündigen Gleitschirm-Flug im Liegegurt-"Sessel" muss man sich gut vorbereiten. | Foto: Benedikt Schuhwerk
Linkicon

Auf einen mehrstündigen Gleitschirm-Flug im Liegegurt-„Sessel“ muss man sich gut vorbereiten. | Foto: Benedikt Schuhwerk

Damit so ein langer Streckenflug gelingt (die Flugzeit liegt bei über fünf Stunden), muss alles passen – wie im eigenen Wohnzimmersessel. Die aktuellen Liegegurtzeuge stehen dem Komfort eines solchen Möbels tatsächlich in nichts nach. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass man nicht einfach aufstehen kann, um sich etwas zu essen zu holen – geschweige denn zur Toilette zu gehen. Es bedarf einer genauen Vorbereitung, wo was verstaut werden muss. Kleine Snacks sowie die Kamera kommen in die Fronttasche, das Trinksystem wird meistens im Staufach auf dem Rücken platziert und der Trinkschlauch über die Schulter gelegt. Auch die Erledigung menschlicher Bedürfnisse muss im Vorhinein geplant werden – spezielle Vorrichtungen ermöglichen das Entleeren der Blase in der Luft – Fußgänger also aufgepasst!

Wir lernen, dass Gleitleistung ein theoretischer Wert ist

Das heutige Ziel ist Queralbs, ein Gebiet auf ca. 2.000 Meter. Die von schroffen Gipfeln umgebene Hochebene ist zu Fuß nur durch ein enges steiles Tal zu erreichen. Ziel ist also, direkt dort oben zu landen. Gut zweieinhalb Stunden dauert der Aufstieg zu einem geeigneten Startplatz. Nach dem Start geht es wie im Aufzug bis auf knapp 2.500 Meter. Die Strecke führt uns über eine atemberaubende Landschaft. Der zunächst wunderbare Flug fordert auf den letzten Kilometern höchste Konzentration.

Dazu ein kleiner Exkurs: Ein Gleitschirm hat eine Gleitleistung von etwa 1:8. Wenn ich also einen Meter Höhe habe, kann ich acht Meter weit fliegen. Vorausgesetzt es gibt keinen Gegenwind oder Abwinde. Mit Rückenwind fliegt man logischerweise weiter – dann ist eine Gleitleistung jenseits 1:10 drin. Das heutige Ziel liegt auf ca. 2000 Metern und ist mit der aktuellen Flughöhe von 3.000 Metern und 4,5 Kilometer Entfernung theoretisch gut erreichbar, sogar die doppelte Distanz wäre möglich.

Wildcampen in Castejon | Foto: Helmut Blaim
Linkicon

Die Hüttenwirte in den Pyrenäen sind streng: Wer nicht reserviert hat und rechtzeitig eintrifft, für den ist das Wildcampen die einzige Alternative. | Foto: Helmut Blaim

Plötzlich wird es jedoch turbulent, der Schirm ist nur mit Mühe offen zu halten. Die letzte Talquerung geht sich nicht mehr aus, unlandbares Gelände, verzwickte Talwindsysteme und Turbulenzen machen dem Plan, direkt bei der Hütte einzulanden, einen dicken Strich durch die Rechnung. Eine kleine Wiese am Taleingang muss als Landeplatz herhalten. Alles nochmal gut gegangen! Zu allem Überfluss erfahren wir jedoch, dass die Hütte um 20.00 Uhr zusperrt. Mittlerweile wissen wir, dass die strengen Regeln auf den Pyrenäen-Hütten (leider) keine Seltenheit sind. Angetrieben von Zeitdruck, Hunger und dem Ärger des verpatzten Fluges rettet uns nur noch ein Sprint vor einer Nacht mit leerem Magen. Die Belohnung ist ein Linseneintopf. Der wohl beste Linseneintopf der Welt!

Mit dem Aufzug dem Ziel einen Schritt näher

Am folgenden Tag beginnen wir eher entspannt mit der Planung. Der Tag ist sonnig, aber sehr windig. Fliegen scheint zunächst ausgeschlossen. Wir entscheiden uns für eine Wanderung in eine Ortschaft, die ein paar Täler weiter liegt. Dabei kommen wir an wunderschönen Bergseen, Herden von Wildpferden und unseren compañeros, den Geiern, vorbei.

Mit einem Mal wird der Wind schwächer und der Flug ins nächste Tal doch noch machbar – typisch für die Fliegerei. Nichts ist unmöglich! Eine halbe Stunde später sind wir umgezogen und es geht los – wider Erwarten beamt es uns wie im Aufzug nach oben. Wow – damit hatte heute keiner mehr gerechnet. Wir fliegen über der Wolkenbasis. Unglaublich. Lange hält der Traum nicht an – dafür werden wir herzlichst auf einer Landewiese von Einheimischen empfangen.

Das Ziel des Transpyrenäen-Abenteuers zum Greifen nah

Wenn man eine gute Thermik erwischt, saugt es einen wie im Aufzug in große Höhen. | Foto: Stephan Birkmaier
Linkicon

Wenn man eine gute Thermik erwischt, saugt es einen wie im Aufzug in große Höhen. | Foto: Stephan Birkmaier

Das Mittelmeer ist mittlerweile fast zum Greifen nah. Nur noch gut 60 Kilometer Luftlinie – bei idealen Flugbedingungen eine gut machbare Tagesetappe. Allerdings sieht es am nächsten Morgen noch nicht danach aus – zu windig, wieder einmal. Es wird am Ende ein mittelmäßiger Flugtag, sodass manche das Ziel mit dem Schirm, manche im Auto bei freundlichen Einheimischen und manche mit dem Ein-Euro Bus erreichen. Eine Fahrt, ein Euro, ein öffentlich finanzierter Regionalbus!

Das letzte Abendessen, bevor wir endlich das Mittelmeer zu sehen bekommen, genießen wir in einem einfachen Bergrestaurant über der Stadt Le Perthus mit Blick auf die untergehende Abendsonne. 400 Kilometer haben wir seit dem 25. Juli zurückgelegt. Schier unglaublich scheint es uns, dass wir alle noch so glücklich und zufrieden beisammen sitzen. Für eine so heterogene Gruppe mit so unterschiedlichen Hintergründen, sowohl beruflich als auch privat, sind wir schlichtweg begeistert über das, was passiert ist. Zudem noch unfallfrei!

Mehr Hike als Fly auf der Schlussetappe

Hochmotiviert starten wir in die letzte Etappe – nach gut einer Stunde können wir das Meer schon sehen. Allerdings auch viel mehr Wald als uns lieb ist. Der Weg – wir sind auf dem Weitwanderweg GR10 – führt über mehrere Bergrücken direkt nach Banyuls-sur-Mer – ein kleines französisches Städtchen direkt am Meer. Der nicht weniger werdende Starkwind löst die Pläne, das Meer mit dem Gleitschirm zu erreichen, mehr und mehr in Luft auf.

Wir laufen und laufen und laufen, die Hitze ist unerträglich, Wasser ist nicht in Sicht. Langsam aber sicher kommt jeder ans Limit. Wir passieren einen möglichen Startplatz nach dem anderen, aber der Wind will einfach nicht weniger werden. Es ist schlichtweg eine Tortur.

"Die Reise stand unter einem guten Stern." Stephan und Benedikt ziehen ein positives Fazit zu ihrem "Hike and Fly"-Abenteuer durch die Pyrenäen. | Foto. Benedikt Schuhwerk
Linkicon

„Die Reise stand unter einem guten Stern.“ Stephan und Benedikt ziehen ein positives Fazit zu ihrem „Hike and Fly“-Abenteuer durch die Pyrenäen. | Foto. Benedikt Schuhwerk

Am Ende sind wir knapp 30 Kilometer gelaufen. Aber wir sind da. Ja, wir haben es geschafft. Nach 14 Tagen und gut 450 Kilometern. Zugegeben, wir sind weniger geflogen und dafür mehr gelaufen und getrampt als anfangs geplant. Aber das spielt für uns keine Rolle. Das Erlebnis, die Gruppe, das Abenteuer zählt. Es war unglaublich und ist es immer noch!

Fazit

Es war anstrengend, sehr anstrengend – das steht außer Frage. Was so einen Trip aber erst möglich gemacht hat, nämlich dass die Gruppe bis zum Schluss zusammen geblieben ist, ist schlichtweg einzigartig. „Die Reise stand unter einem guten Stern“, treffender kann man es wohl kaum formulieren. Oder lag es vielleicht doch an der Art und Weise der Organisation, die es eigentlich gar nicht gegeben hatte? Lag es daran, dass das Abenteuer nur initiiert wurde und jeder selbst entscheiden musste, ob er das Tagesziel erreichen kann und will? Die Antwort wird letztendlich jeder für sich selbst finden müssen.

Von Stephan Birkmaier und Benedikt Schuhwerk.

Video: Transpyrenäen-Abenteuer 2015

Hast auch Du große Reisepläne und brauchst noch Ausrüstung für Deine nächste Tour?

Benedikt Schuhwerk

…studiert am Management Center Innsbruck und arbeitet an der Gründung seines eigenen Unternehmens. In den Bergen ist er mit dem Bike, zu Fuß oder mit dem Gleitschirm unterwegs. Pfeil Alle Artikel von Benedikt Schuhwerk