Seinen Namen trägt der Cerro Castillo zu recht, erinnern die Basaltwände doch wirklich an ein Märchenschloss. Auf dem gleichnamigen Trek lässt sich die Wildnis Patagoniens eindrucksvoll und vor allem einsam erleben.

Es ist Januar, Hochsommer in Chile, und für die nächsten Tage sind 30°C vorhergesagt. Daher wollen wir so früh wie möglich starten und entscheiden uns den Cerro Castillo Trek „rückwärts“ zu wandern. Normalerweise startet der 62 Kilometer lange Trek von Las Horquetas, einem Parkplatz, der etwa 20 Kilometer nördlich entlang der Carreterra Austral liegt, und endet im Örtchen Villa Cerro Castillo. Um per Bus oder Daumen nach Las Horquetas zu kommen, könnte uns den gesamten Vormittag kosten. Der Verkehr ist hier sehr sporadisch und Busabfahrtszeiten scheinen sowieso spontan zu sein.

Unter uns breitet sich die Einsamkeit Patagoniens in ihrer ganzen Schönheit aus.
Unter uns breitet sich die Einsamkeit Patagoniens in ihrer ganzen Schönheit aus.

Der Wecker klingelt um 6 Uhr. Es ist still und die Luft noch frisch. Die Sonne wirft die ersten Strahlen auf den Cerro Castillo. Kaum 45 Minuten später wandern wir die ersten Kilometer auf einem Feldweg entlang. Auch die heiß geliebten chilenischen Bremsen sind schon wach und geben ihr Bestes, um uns zu nerven. Als wir den eigentlichen Anfang des Treks erreichen, werden wir von zwei Reitern überholt, die ein Grüppchen Kühe die Wiese hochtreiben. Auch von uns geht es für den heutigen Tag nur noch bergauf – die erste Passage führt uns glücklicherweise durch schattenspendenden Wald.

Nach gut vier Stunden kommen wir am ersten „Campingplatz“ mit eiskaltem Flusszugang an. Campingplatz heißt in diesem Fall: ein rustikaler Tisch mit Bank, eine Feuerstelle und ein Plumpsklo. Aufgrund der prallen Hitze und unserer noch aufzubauenden Kondition, entscheiden wir uns eine Siesta einzulegen und erst weiter zu wandern, wenn wir längere Schatten werfen.

Am Nachmittag machen wir uns an den weiteren Aufstieg. Den Abstecher zum Campingplatz „Neozelande” nahe einer Lagune sparen wir uns. Wir wollen es heute noch bis zum Aussichtspunkt, dem höchsten Punkt am Fuße des Cerro Castillo schaffen. Die Sonne scheint jetzt zwar etwas schwächer, aber der ganze Berg ist von der Hitze wie aufgeladen. Gnadenlos strahlt sie auf uns ab. Zu allem Überfluss stehen wir plötzlich an der Baumgrenze und damit im schattenfreiem Gebiet. Die Hitze wird zunehmend unerträglicher. Es häufen sich die Wahnvorstellungen: Der nächste Hügel müsste doch wohl der höchste seien? Die  Hoffnung bleibt bis wir den Hügel erreichen und den nächsten vor uns haben. Jede neu entdeckte Wegmarkierung muss wüste Beschimpfungen aushalten.

Brütende Hitze an den Flanken des Cerro Castillo

Zwischendurch ein Lichtblick: Wir erreichen ein Plateau von dem wir eine wundervolle Aussicht haben. Endlich kommt auch etwas kühlender Wind in der Höhe auf und die Sonne verbrät uns fortan eher unbemerkt das Hirn. Während die Wasserversorgung bis zum Campingplatz problemlos war, schleppen wir jetzt vier Liter mit uns, in der Hoffnung, dass wir oben bei Bedarf Schnee schmelzen oder uns im Idealfall an der Lagune versorgen können. Diese liegt wunderschön direkt unterhalb des Cerro Castillos und speist sich aus den Gletschern der Bergkette. So langsam gehen uns die Energiereserven aus. Die Baumgrenze schon lange hinter uns, kriechen wir über mal festes, mal loses Geröll immer weiter hoch.

Verdientes Nachtlager am Cerro Castillo. Sein Gipfel bleibt den Bergsteigern vorbehalten.
Verdientes Nachtlager am Cerro Castillo. Sein Gipfel bleibt den Bergsteigern vorbehalten.

Nach dem zehnten, allerletzten Hügel geht es einfach nicht mehr. Wir überlegen, ob wir mit unseren Isomatten auf diesem Geröll Schlaf finden könnten. Das Zelt mitten im Steilhang aufzubauen ist undenkbar. Mit dem bisschen Rest an Willenskraft kämpfen wir uns schließlich in der langsam untergehenden Sonne eine weitere Erhebung hoch. Und dann endlich, endlich stehen wir plötzlich oben und haben einen großartigen Blick auf das Tal – Kilometerweit erstreckt es sich zu unseren Füßen. Hinter uns thront der Cerro Castillo. Er ist so nah und doch sind es noch weitere 1.000 Höhenmeter bis zur Spitze, die sowieso nur eine Sache für Bergsteiger ist. Wir sind erledigt!

Mittlerweile ist es 20:30 Uhr, wir sind auf etwa 1.700 Metern und haben laut meinem Handy 22 Kilometer hinter uns gebracht. Dreieinhalb Stunden gehen allein auf das Konto der letzten fünf Kilometer. Ich habe meine Zweifel an diesem Gerät! Wir bauen unser Zelt mit dem erstklassigen Blick auf das Tal auf, bezahlen diesen allerdings mit dem ungemütlich, steinigen Untergrund. Als das Wasser knapp wird gehen wir etwas Schnee sammeln. Die Lagune können wir von hier aus nicht entdecken und jede Faser unseres Körpers sträubt sich noch einen Schritt weiter zu laufen.

An unserem Lagerplatz ist es weder kalt, noch besonders windig. Dies ändert sich mit der Dunkelheit und so sorgt der Wind und die unbequeme Lage für eine unruhige Nacht. Die Notwendigkeit das Zelt fester abzuspannen beschert uns einen wunderschönen Blick auf einen fantastischen Sternenhimmel: Man sieht die Milchstraße, das Kreuz des Südens und wer weiß was noch.

Zweiter Tag: Eine kurze Wanderung

Der vorige Tag und auch die Nacht stecken uns noch in den Knochen. Mit der Aussicht bald das Highlight der Tour zu erreichen rappeln wir uns auf. Uns lockt der Ausblick auf die Frontseite des Cerro Castillos und auf die Lagune. Diese Aussicht ist wirklich unbeschreiblich, alle Strapazen sind vergessen. Wir steigen hinunter zur Lagune und trauen uns sogar ins Wasser – für geschätzte zehn Sekunden. Es ist schweinekalt und doch wunderschön.

Langsam geht es von diesem eindrücklichen, gebirgigen Ambiente in waldigere Gefilde herunter. Zweimal müssen wir eiskalte Flüsse mit etwas stärkerer Strömung durchqueren, schließlich erreichen wir den Campingplatz „El Bosque“. In dreieinhalb Stunden haben wir etwa zwölf Kilometer erfolgreich gemeistert. Wir beschließen, dass es für heute mit dem Wandern reicht, bauen das Zelt auf und machen nichts mehr – außer einem schönen Spaghettipesto auf Holzfeuer.

Dritter Tag: Über den Pass

Nachdem es gestern eher bergab ging oder zumindest eben war, geht es heute mal wieder bergauf. Wir verlassen den Wald und steigen auf in gebirgiges Terrain. Mit jedem Blick zurück können wir uns vorstellen, wie toll es sein muss, den Weg in der „richtigen” Richtung zu gehen. So erreicht man den Cerro Castillo erst zum Finale und hat ihn aus der Ferne immer vor sich.

Der Cerro Castillo vermittelt ein Gefühl von Bedeutungslosigkeit. Als Trekker ist man hier einsam - und klein.
Der Cerro Castillo vermittelt ein Gefühl von Bedeutungslosigkeit. Als Trekker ist man hier einsam – und klein.

Bald haben wir die Bäume wieder zurückgelassen und befinden uns zwischen zwei Berghängen. Ein schöner Gletscher steuert ein bisschen Flusswasser bei. Was zuerst wie eine Sackgasse ausschaut, entwickelt sich später zu einer unausweichlichen Tatsache: Wir müssen nahe eines sich munter herunter stürzenden Baches aufsteigen. Bald haben wir den markierten Pfad verloren. Wir erklimmen den Pass teilweise mitten im Bachbett, denn Abseits entpuppt sich das Geröll als instabil. Was anfangs noch Spaß macht, versetzt uns zunehmend in Sorge und Angst. Wir treten immer wieder Gestein los und müssen auf Abstand bleiben. Dieser Abstand und das Rauschen des herabstürzenden Wassers machen jegliche Kommunikation unmöglich – wenn etwas passiert, würde der andere es womöglich gar nicht mitbekommen. Für uns ist diese Situation wirklich dramatisch. Vermutlich wären die Wahl eines anderes Pfades und mehr Erfahrung  jetzt hilfreich – vielleicht ist es aber auch einfach so, wie es ist, wenn man sich mit schweren Rucksäcken durch steiles Geröll bewegt.

Als wir den problematischen Abschnitt überwunden haben, kommt uns ein Deutscher entgegen. Später werden wir erfahren, dass er den gesamten Trek in nur zwei Tage zurücklegte, sich aber auch überschätzte und körperliche Probleme hatte. Zunächst führt unsere Route aber wieder aufwärts, auf einer vereisten Schneedecke, die sich entlang des Passes zieht. Erschöpft und erleichtert erreichen wir den höchsten Punkt und schlittern munter auf dem Schnee hinab. Vor uns liegt eine wundervolle Aussicht ins Tal.

Der Blick über den Pass weckt die Freude. Endlich liegt die fordernde Passage hinter uns.
Der Blick über den Pass weckt die Freude. Endlich liegt die fordernde Passage hinter uns.

Wieder eingetaucht ins Grün des Waldes, gehen wir noch ein paar Stunden bis wir schließlich gegen fünf Uhr an einem kleinen Hexenhäuschen ankommen. Hier wohnen für jeweils zwölf Tage ein oder zwei Arbeiter der Conaf (Corporación Nacional Forestal) und kassieren die Gebühr für den Park und halten die Umgebung in Schuss. Alle drei Tage gehen sie hoch zur Lagune, um nachzusehen ob vielleicht irgendwo jemand liegen geblieben ist.

Während sich über der Lichtung langsam die Sonne in einen roten Feuerball verwandelt, sitze ich mit dem netten Parkranger im Häuschen. Im Kerzenschein unterhalten wir uns mit gebrochenem Spanisch, Händen und Füßen über Gott, die Welt und das chilenische Bildungssystem.

Vierter Tag: Ein gemütlicher Spaziergang

Der Wecker klingelt mal wieder viel zu früh. Heute liegen noch gut vier bis fünf Stunden Wanderung vor uns, die zum Glück halbwegs eben verlaufen. Drei oder vier schmerzhafte Flussdurchquerungen bleiben uns trotzdem nicht erspart. Zumindest lässt die warme Sonne den stechenden Schmerz nach einer Minute wieder vergessen.

Unsere Rucksäcke sind angenehm leicht geworden. Hätten die vorangegangenen Tage nicht gezeigt, dass es uns an Kondition fehlt, hätte dieser Weg wirklich ein leichter, angenehmer, längerer Spaziergang sein können. Erschöpft und froh erreichen wir den Parkplatz von Las Horquetas, den eigentlichen Startpunkt des Cherro Castillo Treks. Wie es der Zufall will, treffen wir dort auf ein Pärchen aus den USA, das uns ein Stück weit Richtung Cerro Castillo mitnimmt. Die beiden umsorgen uns mit Saft und Keksen und entlassen uns dann an einer Abzweigung. Schon nach fünf Minuten können wir mit dem zweiten Auto zurück nach Villa Cerro Castillo fahren.

Infos zum Cerro Castillo Trek

Der Blick über den Pass weckt die Freude. Endlich liegt die fordernde Passage hinter uns.
Patagonien aus dem Bilderbuch. Der Cerro Castillo Trek ist im Gegensatz zu den patagonischen Klassikern ein echter Geheimtipp.

Durch seine Abgeschiedenheit, die vielen Vegetatioszonen und Ausblicke steht der Cerro Castillo Trek den völlig überlaufenen südlicheren Wanderzielen in Patagonien, wie El Chaltén und dem Torres del Paine, in nichts nach. Mehr noch, diese imposante, stille und doch laute, sowie raue und schöne Natur erzeugt ein Gefühl von Bedeutungslosigkeit, Ruhe und Glück. Ein Gefühl, das jene anderen Ziele gewiss einmal hatten. Auch wenn sie noch immer sehenswert sind, so sind sie diese Ziele sehr stark kommerzialisiert – das Gefühl der Einsamkeit bleibt auf der Strecke.

Der Cerro Castillo Trek verläuft über 62 Kilometer und kann in vier Tagen mit drei Übernachtungen bewältigt werden. Einige Abstecher, zum Beispiel zur Laguna Duff, können die Tour auch ausdehnen. Der 2.675 Meter hohe Cerro Castillo ist der höchste Gipfel der Zentralpatagonischen Anden. Beeindruckende Gletscherformationen wechseln hier mit Seen und bizarren Basalt-Formationen. Die Gegend ist abgelegen, der Trek ein echter Geheimtipp, der nur selten begangen wird. Mit ein Grund mag das patagonische Wetter sein, das schnell unangenehm umschlagen kann.

 

Anreise und Vorbereitung

  • Der Campingplatz in Villa Cerro Castillo, etwa 15 Minuten Gehzeit von der Hauptstraße, bietet Gepäckaufbewahrung für ein paar Pesos und verleiht gegebenenfalls eine Topo-Karte umsonst.
  • In Coyhaique gibt es große Supermärkte mit fast allem was das Wandererherz begehrt, in Villa C.C. gibt es zwar auch kleine Märkte, doch sind diese etwas teurer und spartanischer.
  • Am besten ist der Trek über Coyhaique zu erreichen, aber auch wer vom Süden die Carreterra Austral hochreist kommt am Cerro Castillo vorbei. Busse von Coyhaique nach Cochrane fahren an Cerro Castillo (ca. 90km) vorbei. Am besten ist es ein oder zwei Tage im Voraus zu buchen. Nach der Hochsaison können sich der Verkehr und die Transportmöglichkeiten ausdünnen.
  • Es ist auch problemlos möglich zu trampen (ca. drei bis vier Stunden einplanen), in der Hochsaison gibt es gelegentlich Konkurenz von anderen Trampern, meist Chilenen.

Am Cerro Castillo Trek

  • Es ist sehr empfehlenswert den Trek von Las Horquetas zu starten, so hat man immer einen Blick auf die Gebirgskette und hat den Höhepunkt, den Cerro Castillo, am Schluss.
  • Eine Karte zum Trek ist unter www.gochile.cl zu finden.
  • Es stehen viele Flussquerungen an, daher ist ein zweites Paar Schuhe oder Sandalen höchst empfehlenswert – es geht aber auch barfuß.
  • Wasserversorgung ist generell kein Problem, so gut wie überall kreuzt man innerhalb von einer Stunde mind. einen Fluss. Einzig ab der Lagune über die Geröllsektion und den abschliessenden Abstieg/Aufstieg zum ersten Campamento im Wald muss man ausreichend Wasser mitnehmen oder Schnee schmelzen.
  • Die Campingplätze sind kostenlos, der Parkeintritt kostet 5.000 chilenische Pesos (etwa acht Euro).
  • An allen ausgewiesenen Campingplätzen kann auch mit Holz Feuer gemacht werden. Es gibt teilweise Plumpsklos.

Die geeignete Ausrüstung für’s Trekking gibt’s natürlich bei Bergzeit:

Mehr zum Thema Trekking im Bergzeit Magazin:

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