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Genussklettern am Kanzi

Klettern rund um den Kanzianiberg

8 Minuten Lesezeit
Der „Kanzi“, wie die Villacher ihren Hausberg nennen, ist ein echter Local Craig. Der Klettergarten am Fuß der Karawanken mit rund 500 Sportkletterrouten eignet sich perfekt für einige entspannte, aber auch anspruchsvolle Klettertage mit anschließendem Sprung ins erfrischende Wasser des Faaker See.

Es war reiner Zufall, dass wir im Sommer 2020 am Kanzianiberg gelandet sind. Eigentlich war ein Wander- und Klettertrip nach Schottland geplant. Doch dann kam die Corona-Pandemie und Großbritannien wurde zum Risikogebiet. Auf der Suche nach coronakonformen Alternativen (wer verzichtet schon gerne auf den Kletterurlaub?) fragte ich im Freundeskreis nach und immer wieder hörte ich: Kärnten – ist mega dort!oder „Einmal dagewesen, will unbedingt nochmal hin!“.

Alles klar, dachte ich, es geht nach Kärnten – ist vielleicht nicht ganz so aufregend wie Schottland, aber mit dem Maltatal liegt immerhin ein renommiertes Klettergebiet in der Nähe. Erst als mir ein Freund aus Villach vom „Kanzi“ erzählte, war die ausgefallene Schottlandreise ein für alle Mal vergessen. Ein Klettergarten fünf Minuten vom türkis schimmernden Ufer des Faaker See entfernt und mit zahlreichen Wandertouren in den Karawanken direkt vor der Haustür, wer wird da nicht schwach?

Der Mittagskogel trohnt über dem Faaker See
Der Mittagskogel thront über dem Faaker See. | Foto: Lukas Scheid

Der Klettergarten Kanzianiberg

Das Erste, was man sieht, wenn man von Norden kommend zum Faaker See fährt, ist die gigantische Felspyramide des Mittagskogel direkt hinter dem See. Der Berg gehört zu den eindrucksvollsten der Karawanken und an dessen Fuß liegt ein kleiner von hellem Kalksteinfels umringter Hügel – der Kanzianiberg.

Der Klettergarten am Kanzianiberg besteht aus acht Sektoren, die allesamt zu Fuß maximal 15 Minuten vom Parkplatz entfernt liegen. Optisches Herzstück sind die beiden Sektoren Kleiner und großer Prasvale – zwei freistehende bis zu 60 Meter hohe Felsblöcke, getrennt von einer schmalen Schlucht. Rundherum befinden sich rund 500 Sportkletterrouten zwischen 3c und 8c sowie einige offene Projekte und Mehrseillängen.

Durch den gesamten Klettergarten führt zudem eine Klettersteig-Route namens „Kanzi-Ferrata„. Die Tour ist ideal, um sich einen Überblick über die verschiedenen Sektoren zu verschaffen, Routen und Felswände auszukundschaften oder auf den anspruchsvollen Abschnitten Hara(ld)kiri und Kami(n)kaze (Schwierigkeit D/E und E) die Kaminklettertechnik zu perfektionieren (diese sollte ich später noch brauchen). Man muss nicht den gesamten Steig begehen, sondern kann an vielen Stellen ein- und wieder aussteigen. Die Abschnitte, die hoch auf die beiden Prasvalen führen, kann ich jedoch besonders empfehlen, denn man wird man mit einem herrlichen Ausblick auf die Karawanken und das Untere Gailtal bei Villach belohnt.

Wie ist das Klettern am Kanzianiberg?

Der Kanzi gilt als Oldschool-Klettergebiet. Viele Routen wurden in den 1970ern eröffnet und wurden im klassischen Rotpunkt-Stil bewerten. Das heißt, Exen „dürfen“ nicht vorab, sondern erst beim Klettern für eine stilkorrekte Begehung eingehängt werden. Der sehr feine und meist senkrechte Kalksteinfelsen bringt so manche schwere Route hervor, woran ich mich zunächst gewöhnen musste. Überhaupt ist der Kanzi ein eher schwieriger Klettergarten, da der Großteil der Routen mit 6b und höher bewertet ist. Das Beste ist jedoch die Vielseitigkeit am Kanzi, denn es gibt sowohl technische Platten als auch ausdauernde Verschneidungen und wunderschöne Risse.

Zum Aufwärmen boten sich für uns die Hüttenwände im Sektor der Strassenblöcke an, da sie direkt am Parkplatz liegen, leicht erreichbar und für Neulinge im Klettergarten offensichtlich sind. Die Routen dort sind kurz und technisch leicht bei Schwierigkeiten bis 5c. Wie wir kurze Zeit später feststellten, eignet sich der Untere Stock im Sektor Sonnenwendkopf – auch Märchengrund genannt – noch besser zum Aufwärmen. Die bis zu 30 Meter langen Routen sind vom Stil her ziemlich genau das, was den Kanzianiberg ausmachen: Kompakter Fels, kleine Tritte, viele Sloper.

Aufwärmen im Märchengrund

Zugegeben, viele der Routen im Märchengrund sind schon recht „speckig“. Außerdem geht direkt am Umlenker der Klettersteig entlang, weshalb Steinschlag von oben möglich ist (Helm tragen!!!). Doch weil es am Kanzi gar nicht so einfach ist, leichte Warm-up-Routen zu finden, und dort die Dichte von Routen bis 6a noch am höchsten ist, verbrachten wir vor allem vormittags viel Zeit hier. Nacheinander waren die Routen Obelix (4c), Idefix (5a), Asterix (5b) und Mayestix (5c) dran. Der Boulder-Einstieg aller vier Routen war noch das anspruchsvollste, anschließend ging es über in eine Platte. Mein Eindruck: Die Routen sind sehr hart bewertet. Was in anderen Gebieten bereits ein 6er wäre, ist am Kanzi ein mittlerer 5er. Wie immer ist dieser Eindruck subjektiv und kann auch daran liegen, dass ich das erste Mal am Kanzianiberg war (oder dass ich während des Lockdowns nachgelassen habe).

Die Wand im Sektor Sonnenwendkopf ist nach Süden ausgerichtet. Während es am Vormittag noch schön kühl ist, knallt am Nachmittag die Sonne. Also suchten wir uns bald einen schattigeren Platz und fanden die herrlich kühle Blockschlucht nach kurzem, aber steilem Zustieg. Dieser Sektor befindet sich zwischen der Ostwand des Kleinen Prasvalen und der Westwand des Hauptfelsen am Kanzianiberg. Durch den Schutz der umliegenden Wände und den vielen Bäumen war es hier mal eben fünf bis zehn Grad kühler und die Schlucht selbst liegt komplett im Schatten.

Coole Routen in der kühlen Blockschlucht

Optisches Highlight in diesem Sektor ist definitiv der Blockschluchtturm ganz hinten in der Schlucht. Mehrere Routen führen hinauf, doch die offensichtlichste liegt auf der nach Süden ausgerichteten Vorderseite. Da diese jedoch bis auf den riesigen Abstand zwischen den Bohrhaken nur aus einfacher Plattenkletterei besteht, entschied ich mich für die rechte Kante des Schluchtturmes (6a). Los ging es mit einem rutschigen, senkrechten Einstieg mit guten, aber feuchten Griffen bis zum ersten Bohrhaken und anschließend in ein Boulderproblem im leichten Überhang. Die Griffe wurden schlechter (dafür aber trockener) und die Positionen, um Exe und Seil einzuhängen, denkbar ungünstig.

Wenn mir eine Sache Angst macht, dann Überhänge mit schlechten Griffen nahe dem Boden, vor allem bei so vielen herumliegenden Felsbrocken. Und so kostete es mich einiges an Überwindung, die nächsten Züge zu machen und über den Felsvorsprung hinauf zu klettern. Von dort war der Weg bis zum Umlenker dann eine reine Genusskletterei: Perfekte Risse und eine solide Kante bis auf die Spitze des Turmes. Oben angekommen wartete abermals der traumhafte Ausblick auf das Klettergebiet am Fuße der Karawanken.

Die Sektoren „großer und kleiner Prasvale“ am Kanzianiberg bieten rund 500 Sportkletterrouten. | Foto: Adrian Hipp – Villach Tourismus GmbH

Zum Auspowern in den Riss

Kanzianiberg Rissklettern
Eine spannende Verschneidung mit Riss erwartet Lukas zum Abschied. | Foto: Lukas Scheid

Gerne hätte ich noch die eine oder andere Route an der zur Blockschlucht angrenzenden Westwand probiert. Die Wand ist 30 Meter hoch und bietet Routen zwischen 6b und 8a, doch, wie der Name schon sagt, ist sie nach Westen ausgerichtet und bekommt am Nachmittag die volle Breite an Sonnenstrahlung ab. Wenn man nur davorsteht, strahlt der Fels eine unerträgliche Hitze aus. Noch einmal zur Erinnerung, ursprünglich war eine Schottlandreise zu dieser Jahreszeit geplant, hochsommerliche Hitze war nicht eingeplant…

Zum krönenden Abschluss gönnten wir uns also stattdessen eine (in unserem Kletterführer) unbeschriebene, aber mit Bohrhaken versehene Route in einer Felsverschneidung mit Riss im vorderen Teil der Schlucht. Hier galt es, die kleinen, aber sehr guten Tritte zu finden und mit den Armen ordentlich Druck aufzubauen, um sich Stück für Stück nach oben zu arbeiten. Kurz vor dem Umlenker, wo der Riss breiter wird, kam schließlich die im Klettersteig geübte Kamintechnik zum Einsatz – eine leichte, aber kraftaufwändige Übung zum Schluss. Irgendwas ist während des Lockdowns also doch hängengeblieben.

Fazit

Der Kanzianiberg ist nicht ideal für Kletterneulinge, doch ein paar Routen findet man sicherlich – vor allem im Sektor der Straßenfelsen und im Märchengrund. Für mich persönlich war es wundervoll, sowohl schöne Platten als auch herausfordernde Risse zu klettern, wobei der Kalkstein am Kanzi definitiv gewöhnungsbedürftig ist. Ein paar Tage mehr hätten sicherlich nicht geschadet und ich hätte mein gesamtes Kletterpotential ausschöpfen können. Ob ich Lust habe, nochmal nach Kärnten zu fahren? Definitiv! Allerdings nicht mehr im Hochsommer, auch wenn der Sprung in den Faaker See dann am meisten Spaß macht.

 

Auch für Kinder findest Du am Kanzianiberg...

Judith Hackinger

Auch für Kinder findest Du am Kanzianiberg…


viele kürzere und lohnenswerte Routen.

Judith Hackinger

viele kürzere und lohnenswerte Routen.


Die wichtigsten Informationen zum Kanzianiberg

  • Anreise: Kurz vor Villach die A10 verlassen und in Richtung Finkenstein am Faaker See fahren. An der Kreuzung zur Ferdinand-Wedenig Straße einbiegen (auf „Kanzianiberg“-Schild achten) und ein paar Minuten die Straße bis zum Parkplatz auf der linken Seite hinauffahren.
  • Übernachtung: Rund um den Faaker See gibt es sowohl günstige Ferienwohnung als auch Luxus-Hotels. Für jedes Budget ist etwas da.
  • Verpflegung: Der Faaker See ist ein beliebter Touristenort. In jedem Ort gibt es zahlreiche Restaurants und auch der nächste Supermarkt ist nie weit entfernt.
  • Beste Reisezeit: Am Kanzi kann beinahe das ganze Jahr über geklettert werden. Zu heiße Sommertage können unangenehm sein, doch der Klettergarten bietet stets genug schattige Felswände, sodass man der Sonne auch entfliehen kann.
  • Ausrüstung: Mit einem 70 Meter-Seil kann man alles klettern am Kanzi. Es gibt Routen, für die man 16 Exen benötigt. Für die meisten aber reichen deutlich weniger.
  • Kletterführer: Die nagelneue Ausgabe vom „Kanzi“ von Anika Ferlitsch (2020). ISBN: 9783200068384 beinhaltet Drohnenfotos für die Topos. Eine günstigere Alternative ist „Klettern am Kanzianiberg“ von Ingo Neumann (2016). ISBN: 9783901533228.
  • Geld und Kosten: Die Nutzung des Klettergartens ist kostenlos. Wer kein eigenes Material dabei hat, kann sich in einem Klettershop in Villach welches leihen oder kaufen.
  • Alternativ zum Klettern am Kanzianiberg: Gemütlicher Tag am See ist zu langweilig? Los geht’s auf den Mittagskogel. Start beim Gasthaus Martinihof. Über den Westgrat, vorbei an der ehemaligen Annahütte, bis zum Gipfel und über den Ostgrat Richtung Bertahütte wieder runter. Für geübte Wanderer dauert die Rundtour etwa acht Stunden.

Weitere Beiträge über Klettern im Bergzeit Magazin

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