Einst verhalfen Sherpa berühmten Bergsteigern zu erfolgreichen Erstbegehungen, heute arbeiten auch andere Volksstämme als Lastenträger. Doch nicht jeder Sherpa ist ein Lastenträger und nicht jeder Lastenträger Sherpa. Himalaya-Experte Hannes klärt auf.

Der nepalesische Himalaya ist sicherlich eines der eindrucksvollsten Trekkingziele der Welt. Den Reisenden erwarten nicht nur die höchsten Berge der Welt, sondern auch spektakuläre Landschaften und äußerst gastfreundliche Menschen. All das lässt jede Reise nach Nepal zu einem unvergesslichen Erlebnis werden.

Der Unterschied zwischen Sherpa und Lastenträger

Auf seinen Trekkingreisen erhielt Hannes Künkel tiefe Einblicke in die Kultur der Sherpa. | Foto: Hannes Künkel
Auf seinen Trekkingreisen erhielt Hannes Künkel tiefe Einblicke in die Kultur der Sherpa. | Foto: Hannes Künkel

Viele Reisen und Touren in Nepal würden ohne Lastenträger gar nicht erst zustande kommen. Jeder kennt die Bilder von Trägern, die uns Trekkern dabei helfen, in abgelegene Regionen und große Höhen vorzustoßen.

Häufig werden Träger allerdings pauschal mit dem Volksstamm der Sherpa gleichgesetzt. Dies geschieht mangels besserem Wissen und sehr zum Ärger der Sherpa selbst, die sich heute zumeist durch viel Fleiß und Bildung in qualifizierte Berufe hochgearbeitet haben.

Ich persönlich hatte während meiner letzten Trekkingtouren und Expeditionen die Möglichkeit, mit Sherpas nicht nur zu reisen, sondern auch mit ihnen zu leben. Als Freund – nicht als Kunde! – wurde ich dabei in ihre Gesellschaft aufgenommen. Umso wichtiger ist es mir geworden, ein bisschen Aufklärungsarbeit hinsichtlich des Begriffs „Träger“ zu leisten.

Heutzutage sind die wenigsten Träger im Trekkinggeschäft Sherpas, sondern vielmehr Angehörige anderer Volksstämme (Kasten) aus dem Gebirge (z. B. Gurung, Rai oder Tamang), aber auch zunehmend Arbeitsmigranten aus dem Flachland oder dem Kathmandu-Tal.

Wer sind die Sherpa?

Die Sherpa zeigten schon bei den ersten Expeditionen in den Himalaya ihr logistisches Talent. | Foto: Hannes Künkel
Die Sherpa zeigten schon bei den ersten Expeditionen in den Himalaya ihr logistisches Talent. | Foto: Hannes Künkel

Die Sherpa sind ursprünglich kein nepalesischer Volksstamm, sondern vor mehr als 600 Jahren über hohe Pässe aus Tibet in die Gebirgsregionen Nepals eingewandert. Dort haben sie sich in den unbesiedelten Hochgebirgstälern des Khumbu (Mt. Everest-Gebiet), dem Rolwaling- und Langtang-Tal und im oberen Arun-Tal sowie im indischen Darjeeling (Sikkim) niedergelassen. Genau dort, wo die höchsten Berge der Welt stehen: Der Mt. Everest, der Kantschendzönga, der Lhotse, der Makalu und der Cho Oyu.

Die Sherpa lebten bis in die 1950er Jahre nahezu ausschließlich von Landwirtschaft und Yak-Almwirtschaft. Dann öffnete Nepals Regierung langsam die Pforten für Bergbesteigungen. Schnell zeichneten sich die Mitglieder des Volksstamms als hervorragende Logistiker und Höhenbergsteiger aus.

Wegbereiter und Lebensretter

Der wahrscheinlich bekannteste unter ihnen ist Tenzing Norgay, der mit dem Neuseeländer Edmund Hillary den Mt. Everest 1954 erstbestieg. Aber auch zuvor waren Sherpa wichtige Wegbereiter und Lebensretter – beispielsweise bei der ersten erfolgreichen Achttausender-Expedition, der französischen Annapurna-Expedition im Jahr 1950.

Sherpa ermöglichten Entdeckern wie den Engländern H.W. Tilman und Eric Shipton oder dem Österreicher Herbert Tichy sowie dem Schweizer Geologen Toni Hagen in den 1950er- und 1960er-Jahren, das Land und die Gipfel zu erkunden. Diese westlichen Pioniere verband stets eine gleichberechtigte, enge Freundschaft mit dem Volksstamm.

Viele Sherpa waren von Anfang an in gleichem Maße vom Bergsteigen und Erkunden begeistert, wie ihre westlichen Freunde und Auftraggeber. Und sie waren in ähnlicher Weise stolz auf ihre Leistungen. So sahen sie viel mehr von ihrem Land als viele der im hinduistischen Kastensystem höher gewerteten nepalesischen Volksstämme. Umso mehr profilierten sie sich durch ihre Kompetenz.

Sherpa als erfolgreiche Geschäftsführer, Journalisten und Piloten

Die bergsteigerischen Erfolge im Himalaya zogen viele weitere Bergbegeisterte nach Nepal, wovon die Sherpa profitierten. Heute sind viele von ihnen auf der ganzen Welt erfolgreich - in den unterschiedlichsten Berufen. | Foto: Hannes Künkel
Die bergsteigerischen Erfolge im Himalaya zogen viele weitere Bergbegeisterte nach Nepal, wovon die Sherpa profitierten. Heute sind viele von ihnen auf der ganzen Welt erfolgreich – in den unterschiedlichsten Berufen. | Foto: Hannes Künkel

Ab den 1970er Jahren kamen – zusätzlich zu den Bergexpeditionen – immer mehr Trekkingtouristen ins Land, sodass sich langsam ein ganzer Industriezweig entwickelte. Er wurde maßgeblich von Sherpas vorangetrieben.

Lodges, Hotels, Trekkingunternehmen und Ausrüstungsgeschäfte entstanden. Viele Sherpa knüpften internationale Kontakte. Heute besitzen sie führende Unternehmen wie beispielsweise Hotelketten, Airlines oder Ausrüstungs- und Bekleidungsfirmen. Sie arbeiten als Geschäftsführer internationaler Unternehmen, als Piloten oder Journalisten. Viel Wert wird auf eine gute Ausbildung ihrer Kinder gelegt. Ergebnis: Inzwischen studieren viele Sherpa in den USA, Indien und Europa und gehen dort zur Schule.

Als Träger arbeiten also nur die allerwenigsten Sherpa. Die einzige Ausnahme bildet die Arbeit an den hohen Bergen. Hier proklamieren die Sherpa auch die Trägerarbeit nach wie vor für sich – und das lassen sie sich gut bezahlen. Vollkommen zu Recht! Denn niemand kann es besser.

Wir sollten also darauf achten, die Begriffe „Sherpa“ und „Träger“ nicht synonym zu verwenden. Denn bei uns ist ja auch nicht jeder Seemann ein Hamburger oder jeder Bierbrauer ein Bayer. In diesem Sinne: Visit Nepal!

Die Ausrüstung für die nächste Trekkingreise in den Himalaya gibt es bei Bergzeit:

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Kommentare

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Christiane

Danke für diesen erhellenden Beitrag!
In den Himalaya hab ich es bisher noch nicht geschafft.

Wie schaut es denn mit den weiblichen Sherpas aus? Herrscht dort die klassische Geschlechtertrennung mit Frau am Herd und so oder sind diese auch in das Abenteuer am Berg und die Wirtschaft eingebunden? Ich hab zumindest noch nie ein Bild von eineR Sherpa in diesem Kontext gesehen.

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