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Ein Herz für Birkhuhn & Co.

Respekt vor Wildtieren: Das solltest Du bei Deiner Wanderung beachten

6 Minuten Lesezeit
Immer mehr Menschen gehen gerne in die Berge. Die Zeiten, in denen Wildtiere - insbesondere die bedrohten Raufußhühner - Ruhe finden, nehmen ab. Was Du tun kannst, um nicht unnötig in ihren Lebensraum und den anderer Wildtiere einzudringen, erfährst Du hier.

In den Bergen finden wir Ruhe und Entspannung und die Möglichkeit, auf andere Gedanken zu kommen. Alleine sind wir dabei nicht. Um anderen Wanderern, Bikern und Kletterern einen Schritt voraus zu sein, stehen Viele immer früher auf. Dank Internet sind sogenannte „Geheimtipps“ keine solchen mehr. „Unbedeutende“ Voralpenerhebungen werden entdeckt. In Klettergebieten sind Sektoren, die Kletterer bisher als brüchig oder unattraktiv links liegen gelassen hatten, wieder in Mode oder werden neu erschlossen.

Ein Herz für Raufußhühner

Ruhe und Abgeschiedenheit werden weniger. Mehr Menschen, die häufiger und länger in der Natur unterwegs sind, führen in der Tierwelt zu Problemen. Vor allem für die Raufußhühner; dazu gehören Alpenschneehühner, Birkhühner, Auerhühner und Haselhühner.

Birkhühner (Birkhahn mit roten Rosen über den Augen) fühlen sich vor allem in höheren Lagen im Latschenholz wohl.

Florian Bossert | Gebietsbetreuer Mangfallgebirge

Birkhühner (Birkhahn mit roten Rosen über den Augen) fühlen sich vor allem in höheren Lagen im Latschenholz wohl.


Ab Ende Mai legt das Birkhuhn sieben bis zehn Eier. Das Nest liegt versteckt im Unterholz.

Florian Bossert | Gebietsbetreuer Mangfallgebirge

Ab Ende Mai legt das Birkhuhn sieben bis zehn Eier. Das Nest liegt versteckt im Unterholz.


Während das Birkhuhn in den höheren Lagen der Alpen rund um die Latschenzone zu Hause ist, findet das Auerhuhn als typisches Waldhuhn in den Voralpen mit Laub- und Nadelbäumen und Lichtungen einen idealen Lebensraum. Er bietet Nahrung (z.B. Beeren) und Schutz vor den natürlichen Feinden Steinadler und Fuchs. Nicht nur – aber eben auch – durch die Zunahme an Menschen, die morgens immer früher ihren Lebensraum betreten und ihn abends immer später verlassen, sind die Raufußhühner massiv vom Aussterben bedroht.

Das ist nicht nur für sie, sondern auch für viele weitere Tiere ein Problem. Denn dort, wo Raufußhühner bevorzugt leben, leben auch viele andere Arten, die in Folge ebenfalls bedroht sind. Das wiederum führt zu erheblichen Veränderungen in unserer natürlichen Umgebung, die letztlich auch den Menschen betreffen. Werden Wildtiere aus ihrem natürlichen Lebensraum vertrieben, gerät das Ökosystem ins Ungleichgewicht. Sei es durch direkte Auswirkung (z.B. Verbissschäden) oder indirekte wie das Fehlen in der Nahrungskette (z.B. Birkhuhn für den Steinadler).

Während der Balzzeit präsentiert sich der Auerhahn mit hochgerecktem Kopf und gefächtertem Schwanz. Dabei singt er die arttypische Balzarie.

Florian Bossert | Gebietsbetreuer Mangfallgebirge

Während der Balzzeit präsentiert sich der Auerhahn mit hochgerecktem Kopf und gefächtertem Schwanz. Dabei singt er die arttypische Balzarie.


Warum Respekt nötig ist

Raufußhühner haben sich an die Jagdzeiten ihrer natürlichen Feinde angepasst. So jagt der Steinadler vom Vormittag bis in den späten Nachmittag. Deshalb sind die frühmorgendliche und abendliche Dämmerung die bevorzugten Zeiten für die Nahrungsaufnahme der Raufußhühner. Werden sie da von Menschen gestört, ist es ihnen nicht möglich, ihre Energiespeicher ausreichend zu füllen. Das erschöpft die Tiere auf Dauer und verringert ihre Überlebenschancen.

Zudem ist die Nachwuchschance und -rate viel geringer, wenn statt Vitalität und Kräftemessen eher Überlebenskampf zum Start der Brutsaison den Tagesablauf bestimmt. Balz- und Vogelbrutzeiten beginnen im März oder April und dauern bis Mitte Juni an. Das Entscheidende: Während der Balzzeit sind die Weibchen nur etwa zwei Tage empfangsbereit. Balz und Befruchtung beginnen ungefähr zum Sonnenaufgang und dauern 1,5-2 Stunden. Werden die Tiere dabei gestört, bekommen sie das ganze Jahr keinen Nachwuchs. Für eine vom Aussterben bedroht Art ist das eine Katastrophe.

„Unternehmungen zur Zeit des Sonnenaufgangs sind deshalb sehr kritisch für die Tiere“, erklärt Florian Bossert, Gebietsbetreuer für das Mangfallgebirge am Landratsamt Miesbach. Er und seine Kollegen und Kolleginnen bitten daher eindringlich darum, zu dieser Zeit nicht unterwegs zu sein.

Auch im Tal ist der Sonnenaufgang ein wunderbares Naturspektakel. Bergtouren sollten erst bei vollem Tageslicht gestartet werden.

Pexels | Eberhard Grossgasteiger

Auch im Tal ist der Sonnenaufgang ein wunderbares Naturspektakel. Bergtouren sollten erst bei vollem Tageslicht gestartet werden.


Biwakieren am Berg ist verboten

„Dazu zählt natürlich auch Biwakieren“, so Bossert. Das ist dem Zelten mittlerweile rechtlich gleichgestellt und verboten. „Im vergangenen Frühsommer und Sommer haben wir an manchen Wochenenden an nur einem Gipfel bis zu 70 Biwakierende beobachtet. „Viele wissen, dass es verboten ist, meinen aber, dass es nicht kontrolliert wird“, erläutert er. „Wenn wir die Menschen darauf ansprechen und ihnen erklären, warum das so problematisch ist, reagieren die meisten positiv, sind einsichtig und steigen dann ab“, so der Gebietsbetreuer weiter. Allerdings gebe es Wanderer, die trotzdem noch schnell auf den Gipfel gehen wollen, um den Sonnenaufgang zu genießen.

Aber genau das sei dann schon zu viel für die Tiere. „Wie würde es Ihnen gehen, wenn ständig, also auch nachts, fremde Besucher durch Ihr Schlafzimmer gingen – und das auch noch zu der Zeit im Jahr, in der Sie die Damen besonders beeindrucken wollen. Da klappt es dann einfach nicht mit dem Nachwuchs“, veranschaulicht Bossert.

Wir sprachen mit Daniela Feige, der Gebietsbetreuerin des Landratsamtes Garmisch-Patenkirchen...

Daniela Feige

Wir sprachen mit Daniela Feige, der Gebietsbetreuerin des Landratsamtes Garmisch-Patenkirchen…


... und Florian Bossert, dem Gebietsbetreuer des Mangfallgebirges am Landratsamt Miesbach.

Florian Bossert

… und Florian Bossert, dem Gebietsbetreuer des Mangfallgebirges am Landratsamt Miesbach.


Ähnliches beobachtet auch Daniela Feige, Gebietsbetreuerin vom Landratsamt Garmisch-Partenkirchen. Alte Pfade und Jägersteige würden wiederentdeckt oder es werde auch mal querfeldein gegangen. „Wildtiere sind an räumlich vorhersehbare Störungen am besten gewöhnt, daher ist es so wichtig auf den markierten Wegen zu bleiben. Plötzliches, unvorhersehbares Zusammentreffen mit Menschen führt bei Wildtieren zu energieraubenden Fluchten“, erklärt Feige. Die Tiere würden zudem gezwungen, in Bereiche auszuweichen, die unter Umständen zur Nahrungsaufnahme weniger gut geeignet sind.

Auch sie beobachtet, dass immer mehr Bergsportler zunehmend auch in den Dämmerungs- und Nachtzeiten unterwegs sind. „Für Tiere, die wegen der Störungen tagsüber zur Nahrungsaufnahme auf die Nacht ausweichen, verringert sich nun auch noch die Zeit, die ihnen nachts zur Verfügung stände. Das Gleiche gilt natürlich für die ohnehin nachtaktiven Tieren, deren Sinnesorgane ganz und gar auf die nächtlichen Verhältnisse eingestellt sind.“

Sensibilisierung und Akzeptanz statt Verbote

Sensibilisierung funktioniert besser als Verbote: Im Mangfallgebirge beispielsweise weisen Schilder auf das Balzgebiet und -verhalten der Raufußhühner hin.

Landratsamt Miesbach | Florian Bossert

Sensibilisierung funktioniert besser als Verbote: Im Mangfallgebirge beispielsweise weisen Schilder auf das Balzgebiet und -verhalten der Raufußhühner hin.


Bossert und Feige ist bewusst, dass es die Menschen nach draußen und in die Bergwelt drängt. Sie setzen nicht auf Verbote, sondern auf Akzeptanz und freiwilligen Verzicht. Allen, die gerne einmal eine Nacht naturverträglich draußen verbringen wollen, macht Bossert etwas Hoffnung: „Angebote für legales Übernachten im Tal sind in Bearbeitung“.

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Im Landkreis Miesbach treten im Frühjahr 2021 zwei hauptamtliche Ranger des Landratsamtes ihren Dienst an. Für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen sind drei Ranger am Landratsamt geplant. Diese sollen vor Ort die Besucher sensibilisieren, für naturverträgliches Verhalten werben und die Einhaltung der Schutzgebietsverordnungen kontrollieren. Werden trotz freundlichem Aufklären die Regelungen nicht eingehalten, ist auch das Aussprechen von Geldstrafen möglich.

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Die Ranger im Landkreis Garmisch-Partenkirchen sollen zudem Naturschutzwachten in den Gemeinden gründen, die besonders an Tagen mit hohen Besucheraufkommen die Ranger bei ihrer Arbeit unterstützen sollen. „Wir wollen die Akzeptanz für naturverträgliches Verhalten steigern und dazu beitragen, dass wir alle wieder mehr Respekt vor der Natur mit seinen für uns manchmal unsichtbaren Geschöpfen bekommen – denn die Natur ist mehr als nur eine Kulisse für unsere sportlichen Ambitionen“, so Daniela Feige.

Touren naturverträglich planen

Da Touren bekanntermaßen bei der Planung anfangen, kann man schon zu Hause dafür sorgen, dass man naturverträglich unterwegs ist. Hilfreich sind vor allem die Apps von alpenvereinaktiv.com und outdooractive.com. Hier sind Schutzzonen und Schongebiete eingetragen.

Für die Tourenplanung mit Karte rät Bossert zu den DAV-Karten mit dem DAV Gütesiegel „Natürlich auf Tour!“. Hier sind alle Wald-Wildschongebiete sowie die Wildschutzgebiete aufzeigt. Hierzu eignen sich beispielsweise die Alpenvereinskarten „BY-Bayerische Alpen“.

Auf der Seite des Deutschen Alpenvereins findet man eine alphabetisch sortierte Beschreibung der Touren in den Bayerischen Alpen. Neu sind seit diesem Jahr Hinweisschilder im Gelände, die darauf hinweisen, dass der sensible Bereich erst nach 7 Uhr morgens betreten werden soll und vor 19 Uhr wieder verlassen werden sollte.

„Lassen Sie uns alle daran mitwirken, dass die Raufußhühner eine Chance haben zu überleben. Bitte gehen Sie aufmerksam und bewusst durch die Natur. Konsumieren Sie die Bergwelt nicht, sondern erleben Sie diese achtsam“, appelliert Bossert an uns alle. Wer auf dem Weg bleibt, seine Tour nicht vor Sonnenaufgang beginnt und vor Anbruch der Dunkelheit zurück ist, leistet hierzu einen großen Beitrag.

10 Tipps für naturverträgliches Verhalten in den Bergen

  1. Die wichtigste Regel: Sonnenaufgangszeit für Touren meiden
  2. Nicht in den Dämmerungs- und Nachtstunden unterwegs sein
  3. Kritischste Jahreszeit: April bis Juli wegen Balz und Brut sowie im Winter, wenn Nahrungsreserven knapp sind
  4. Touren immer mit Karten (die das DAV-Gütesiegel “Natürlich auf Tour!“ tragen) oder entsprechend ausgestatteten Onlinetools planen, auch bei bekannten Touren!
  5. Am Ausgangspunkt und im Gelände auf Hinweistafeln und Routenempfehlungen achten
  6. Lärm vermeiden
  7. Lebensräume erkennen: Wildtiere nur aus der Distanz beobachten, Futterstellen umgehen, Hunde anleinen
  8. Auf üblichen Forst- und Wanderwegen bleiben, nicht querfeldein auf- und absteigen
  9. Abstand zu Baum- und Strauchgruppen halten
  10. Vegetation: Aufforstungen und Jungwald schonen

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