Schutzzonen im Winter: Worauf sollte man achten? | Foto: Adriane Lochner
Am Beispiel des Pinnistals erklärt Biologin Kathrin Herzer, worauf Tourengeher und Schneeschuhwanderer beim Thema Schutzzonen achten sollten. Adriane Lochner hat die Expertin auf einer Wintertour begleitet.

Hasenspuren – deutlich zeichnen sich im Schnee die charakteristischen Abdrücke von Vorder- und Hinterpfoten ab. „Die stammen von einem Feldhasen“, sagt Biologin Kathrin Herzer, bei Schneehasen seien die Abdrücke der Hinterläufe größer. Das komme von den weit abspreizbaren Zehen und den besonders dichten Haaren. Herzer scherzt: „Die haben Schneeschuhe, genau wie wir!“

Mit dem Rodel ins Pinnistal

Mit dem Rodel ins Pinnistal zum Startpunkt der Schutzzonen-Wanderung. | Foto: Adriane Lochner
Mit dem Rodel ins Pinnistal zum Startpunkt der Schutzzonen-Wanderung. | Foto: Adriane Lochner

Die Schneeschuhe haben wir ausgeliehen, man kann sie an ganz normale Bergschuhe schnallen. Zuvor haben wir sie zusammen mit den Teleskopstöcken an unseren Rucksäcken befestigt und sind vom Elferlift im Stubaital hinunter gerodelt ins Pinnistal. Das gehört zu einem 180 Quadratkilometer großen „Serles-Habicht-Zuckerhütl“-Landschaftsschutzgebiet, benannt nach den drei charakteristischen Gipfeln im Umkreis.

Im Tal angekommen, ziehen wir zu Fuß weiter. Doch dies ist keine normale Wanderung, denn wir werden von Biologin und Schutzgebietsbetreuerin Kathrin Herzer und Bergführer Marco Span begleitet, der uns vorsorglich mit LVS-Geräten ausgestattet hat.

Der „Hochaltar Tirols“

Als wir die Wandertour frühmorgens beginnen, liegt das Tal noch im Schatten. Im Nordosten leuchten jedoch schon die ersten Gipfel im Sonnenlicht. In einem zugeschneiten Flussbett ziehen wir taleinwärts, zu unserer Linken erhebt sich der zehn Kilometer lange Serleskamm. Den namensgebenden Gipfel, die Serles, nannte Johann Wolfgang Goethe den „Hochaltar Tirols“, als er den mächtigen Berg im Jahr 1786 auf dem Weg nach Italien erblickte.

„Der Kamm besteht aus Dolomit, nicht aus Silikat, wie die anderen Berge der Region“, erklärt Herzer, daher sei die Vegetation hier spärlicher. Der Biologin zufolge sind die Nährstoffe im trockenen, kalkigen Untergrund relativ fest gebunden und dadurch weniger gut verfügbar. Das bedeutet, dass Pflanzen weit verzweigte Wurzeln ausbilden müssen, um an Nährsubstanzen wie Kalium und Phosphor zu gelangen.

„Zirbengratsch“ und Kiefernschnaps

Kiefern wie die Latschen- oder Waldkiefer sind Pflanzen, die auf den flachgründigen Kalkböden wachsen können. Im Lateinischen heißt die Pflanzengattung „Pinus“ – namensgebend für das Pinnistal. Auch die berühmt-berüchtigte Zirbelkiefer gedeiht hier. „Die kann man aus hunderten Metern Entfernung bestimmen“, sagt Herzer. Man erkenne sie am runden Wipfel – eher untypisch für einen Nadelbaum.

Die Biologin erklärt weiter: „Zirbensamen können sich nicht durch den Wind verbreiten. Sie sind dazu auf den Tannenhäher angewiesen, im Tiroler Volksmund Zirbengratsch.“ Der sammelt die Nüsschen in seinem Kehlsack und vergräbt sie als Wintervorrat – ähnlich, wie es die Eichhörnchen machen. Dies sei auch der Grund, warum Zirben zu dritt oder zu viert nebeneinander wachsen, denn der Zirbengratsch kann sich manchmal nicht mehr an alle Verstecke erinnern. Übrigens: Zirbenschnaps wird aus den Zapfen gemacht.

Wildtiere müssen Energiereserven schonen

Am gegenüberliegenden Hang, in einigen hundert Metern Entfernung, springen drei Rehe durch den Schnee. Sie verharren zwischen den Bäumen und sehen zu uns herüber. „Wildtiere müssen im Winter Energiereserven sparen“, erläutert Herzer.

Die einzige natürliche Nahrung für Rehe oder Hirsche im Winter sind Triebe, Baumrinde oder unter dem Schnee verstecktes Gras. Kommt man den scheuen Tieren zu nahe, flüchten sie oft in tiefere Waldbereiche und richten dort Verbissschäden an. Tourengeher oder Wanderer sollten daher großen Abstand besonders zu Wildfütterungen halten, um die Tiere nicht zu vergrämen.

Steinböcke haben bis zu 25 Kilo Fettreserven für den Winter, denn ihr Magen verkleinert sich und sie können nur wenig Nahrung aufnehmen. Wenn es kalt ist, schrauben sie ihren Stoffwechsel sowie die Herzfrequenz zurück. Erst mit der wärmenden Sonne werden sie wieder voll bewegungsfähig. „Das kennt man sonst eigentlich nur von Reptilien“, sagt Herzer. Gämsen halten sich im Winter hauptsächlich auf schneearmen Flächen auf und suchen zwischen Zwergsträuchern und Büschen nach Nahrung – auch sie müssen mit ihren Energiereserven haushalten.

Ausgestoßene Murmele

Murmeltiere halten hingegen Winterschlaf. Interessant ist die Tatsache, dass sie vor dem Winterschlaf kranke und alte Artgenossen aus dem Bau werfen. So wird verhindert, dass sie unter der Erde sterben und durch den Verwesungsprozess in der Kolonie Seuchen auslösen. Biologin Herzer berichtet: „Die Ausgestoßenen flüchten sich oft in alte Heustadel. Man darf sich nicht wundern, wenn da im Frühling plötzlich Murmele herauspurzeln!“

Sensible Zeiten für Raufußhühner

Raufußhühner wie Auerhuhn, Birkhuhn und Schneehuhn sind perfekt an ihren kalten Lebensraum angepasst. Sie haben äußerst dichte Federn – sogar an den Füßen und Nasenlöchern! Im Winter verbringen sie den Tag meist in einer selbstgegrabenen Höhle im Schnee. Scheucht man sie auf, etwa, weil man mit den Skiern über ihre Höhle fährt, verlieren sie Energie. Geschieht dies zu oft, sind sie im Frühling zu schwach, um sich fortzupflanzen. Im schlimmsten Fall sterben sie sogar, denn auch ihre Nahrung ist während der kalten Jahreszeit spärlich. Sie fressen zum Beispiel Gemsheide, die sie an abgeblasenen Geländekanten finden, dazu Triebe von Erlen oder Fichtennadeln. ´

Ihre Höhle verlassen Raufußhühner nur zur Nahrungssuche in der Morgen- und Abenddämmerung. „Das sind sensible Zeiten“, betont Kathrin Herzer. Tourengeher sollten sich frühmorgens besonders ruhig verhalten, um die Tiere nicht zu stören. Schneeflächen mit Buschvegetation oder Waldgrenzen sind der Biologin zufolge ebenfalls empfindliche Bereiche. Bei der Abfahrt sollte man daher in der Spur des Vorgängers bleiben, und nicht den ganzen Hang verspuren. Die Waldgrenze gilt es in gerader Linie zu durchqueren, nicht im Zickzack.

Warme Wirtsstube auf der Pinnisalm

Etwa anderthalb Stunden später scheint die Sonne durch das Tal und lässt die Schneekristalle funkeln. Für ein atemberaubendes Panorama sorgt der 3.277 Meter hohe Gipfel des Habicht. Wir sind am Ziel der Wanderung angelangt: die Pinnisalm. In der warmen Wirtsstube füllen wir unsere eigenen Energiereserven mit einem deftigen Mittagessen wieder auf. Doch die Exkursion ist noch nicht vorbei: Durch das Wirtshausfenster sehen wir, wie ein Rudel Gämsen unter dem Serleskamm entlang zieht. Und neben uns auf der Bank sitzt – wenn auch ausgestopft – ein Schneehase!

Informationen zu Schutzzonen und Ruhegebieten

Wintersportler werden anhand von Informationstafeln auf die Bedürfnisse der heimischen Tierwelt aufmerksam gemacht. Nach den Tafeln gilt es Ausschau zu halten. | Foto: Land Tirol
Wintersportler werden anhand von Informationstafeln auf die Bedürfnisse der heimischen Tierwelt aufmerksam gemacht. Nach den Tafeln gilt es Ausschau zu halten. | Foto: Land Tirol

Die Biologin Kathrin Herzer betreut die Schutzgebiete im nordtiroler Teil des Stubai, zu denen die Landschaftsschutzgebiete Serles-Habicht-Zuckerhütl, Nösslachjoch-Obernberger See-Tribulaune sowie die beiden Ruhegebiete Stubaier Alpen und Kalkkögel gehören. „Ruhegebiet“ bedeutet, dass keine Lärmverursacher wie Liftanlagen oder Straßen gebaut werden dürfen, „Landschaftsschutz“ heißt, dass die Landschaft für künftige Generationen erhalten bleiben soll. Das schließt übrigens auch die Kulturlandschaft mit den charakteristischen Heustadeln ein.

Derzeit gibt es eine Vielzahl von Lenkungsprojekten für Schneeschuhwanderer und Tourengeher. Die Wintersportler werden anhand von Informationstafeln auf Jungwaldflächen und die Bedürfnisse der heimischen Tierwelt aufmerksam gemacht. Nach diesen gilt es also Ausschau zu halten! Naturkundlich geführte Wanderungen wie diese können direkt über das Bergführerbüro Stubai-Alpin in Neustift gebucht werden.

Verhaltenshinweise für naturverträgliche Touren

  • Reise umweltschonend, am besten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Fahrgemeinschaften.
  • Informiere Dich vor der Tour über vorhandene Schutzzonen oder gefährdete Bereiche und umgehe sie weiträumig.
  • Beachte Informationstafeln und Hinweise im Gelände.
  • Verzichte bei geringer Schneelage auf Ski- und Schneeschuhtouren, denn die Vegetation reagiert auf Schäden sehr empfindlich.
  • Lege keine unnötigen, neuen Aufstiegsspuren an und durchquere den Bergwald möglichst auf den vorhandenen Wegen, um Störungen für das einheimische Wild möglichst gering zu halten.
  • Vermeide aus Rücksicht auf die Wildtiere jeglichen Lärm.
  • Umgehe Fütterungen und beobachte Wildtiere nur aus der Distanz.
  • Plane die Tour zur rechten Zeit. Meide Waldgebiete in der Morgen- und Abenddämmerung, da Wildtiere in dieser Zeit besonders störanfällig sind.
  • Passiere keine sensiblen Aufforstungs- oder Jungwaldflächen – weder beim Aufstieg noch bei der Abfahrt!
  • Die Waldgrenze ist der Lebensraum des Birkwilds. Durchquere die Waldgrenze in direkter Linie und meide Einzelbäume und Baumgruppen.
  • Im Wald leben Auer- und Rotwild. Wähle deshalb für Deine Tour die offiziellen Tourenrouten und befahre oder betrete keine Schongebiete.
  • Nimm Hunde zum Schutz der Wildtiere an die Leine.
  • Und der Klassiker zu guter Letzt: Nimm Deine Abfälle wieder mit nach Hause!

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