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Winterliches Berchtesgaden

Skitour Große Reibn: 3 Tage durch den wildesten Teil Deutschlands

6 Minuten Lesezeit
Deutschland ist ein dicht besiedeltes Land, in dem man auch von den meisten Bergen die nächste Straße oder Ortschaft sehen kann. Wer auch bei uns mal vollkommene Abgeschiedenheit erleben will, dem sei die Große Reibn empfohlen – eine Skitour durch den wahrscheinlich abgelegensten Teil Deutschlands. Wir durften diese Tour durch die Berchtesgadener Alpen an drei kalten aber wunderschönen Februar-Tagen erleben. Hier gibt's den ganzen Tourbericht.

Ambitionierte Skibergsteiger mit großer Ausdauer oder ausgeprägter Leidensfähigkeit bewältigen die Skitour Große Reibn mit ihren (je nach Routenwahl) 3.200 bis 5.000 Höhenmetern auch zum Teil an einem einzigen Tag oder in zwei Tagen. Wir gehen es aber mit drei Tagen entspannter an, genießen zusätzlich noch die Aussicht von dem einen oder anderen Gipfel am Rande der Tour und verbringen zwei schöne Hüttenabende in Winterräumen.

Der Blick auf den Watzmann mit seinen steil abfallenden Ostwänden ist atemberaubend.

Thomas Herdieckerhoff

Der Blick auf den Watzmann mit seinen steil abfallenden Ostwänden ist atemberaubend.


Tag 1: Parkplatz Hinterbrand – Wasseralm

Bepackt mit ordentlich Proviant, Kocher, Gas und Topf, Hüttenschlafsack sowie der üblichen Skitourenausrüstung geht es am Vormittag zu entspannter Uhrzeit los. Als erstes steht uns der Anstieg vorbei an den Skipisten der Jennerbahn in Richtung Stahl-Haus bevor. Manche nehmen auch die Bergbahn auf den Jenner oder bewältigen die ersten 600 Höhenmeter zum Stahl-Haus schon am Vortag und übernachten dort. An der Hütte vorbei auf einen Bergrücken erarbeiten wir uns einen beeindruckenden Ausblick auf den König der Region, den Watzmann, mit seinen gerippten, steil zum Königssee abfallenden Ostwänden. Vor uns liegt mit dem Schneibstein (2.275 m) der erste Gipfel der Tour, auf dem wir uns bei Sonne aber kaltem Wind eine Brotzeit genehmigen.

Eine kurze Gipfelpause in der Sonne tut zwischendrin ganz gut.

Thomas Herdieckerhoff

Eine kurze Gipfelpause in der Sonne tut zwischendrin ganz gut.


Hier wird das erste Mal abgefellt und es geht bergab Richtung Süden an der Grenze entlang, mal in Deutschland mal in Österreich. Entlang des Grates ist das Gelände hügelig mit ein paar kleinen Gipfeln und so muss an der Windscharte wieder aufgefellt werden. Diese macht ihrem Namen alle Ehre: Starke Windböen erschweren es uns mit eingefrorenen Fingern die Felle anzubringen. Und so passiert es… die Aufklebefolie für eines meiner Felle, wird mir von einem Windstoß aus dem offenen Rucksack geweht und macht sich in Richtung Österreich davon. Ich nehme die Verfolgung auf und erreiche sie zweimal fast, aber auch ein Hechtsprung kann sie am Ende nicht mehr retten – Anfängerfehler. Etwas später eröffnet sich im teilweise flachen, offenen Gelände eine wunderbare Aussicht auf die näher rückenden Gipfel des Steinernen Meeres. Es steht ein letzter Anstieg bevor, der nun schon gut in den Beinen zu spüren ist. Als wir am finalen Pass ankommen, färbt die abendliche Föhnstimmung den Himmel in verrückte Gelbtöne.

Einmalige Winterlandschaften wie diese machen den Reiz der Skitour Große Reibn aus.

Thomas Herdieckerhoff

Einmalige Winterlandschaften wie diese machen den Reiz der Skitour Große Reibn aus.


Die eigenartige Föhnstimmung sorgt für interessante Färbungen des Himmels.

Thomas Herdieckerhoff

Die eigenartige Föhnstimmung sorgt für interessante Färbungen des Himmels.


Im letzten Licht genießen wir unsere Schwünge abwärts. Tief unter uns kommt das zugefrorene Südende des Königssees in Sicht, darüber schwingt sich die höchste Wand der deutschen Alpen zur Watzmann Südspitze auf.

Blick auf das Watzmann-Massiv und den Königssee in mystischer Föhnstimmung.

Thomas Herdieckerhoff

Blick auf das Watzmann-Massiv und den Königssee in mystischer Föhnstimmung.


Langsam kommen wir in bewaldetes Gelände und haben etwas Probleme mit der Wegfindung. Mehrere Male müssen wir die Ski abschnallen und mit schwindenden Kräften durch den tiefen Schnee einige harte Höhenmeter aufsteigen und traversieren um weiter zu kommen – ein ziemlicher Kampf nach so einem Tag. Und so ist es eine wirkliche Erlösung als wir im Dämmerlicht auf eine Lichtung hinausfahren und dort einige tief verschneite Hütten erblicken. Wir haben die Wasseralm erreicht. Als wir die Haupthütte betreten stellen wir mit Freude fest, dass eine vierköpfige Gruppe da ist, die schon den Holzofen befeuert und gemütlich warm eingeheizt hat. Nach einer üppigen warmen Mahlzeit wickeln wir uns im unbeheizten Schlafraum in unseren Hüttenschlafsack und in einige Wolldecken und schlafen erschöpft ein.

An Schnee mangelt es sicher nicht. Diese Hütten verschwinden komplett darunter.

Thomas Herdieckerhoff

An Schnee mangelt es sicher nicht. Diese Hütten verschwinden komplett darunter.


Tag 2: Wasseralm – Ingolstädter Haus

Am nächsten Morgen legen wir nicht gerade einen alpinen Frühstart hin, aber freuen uns dafür, dass die Sonne schon über die Berggipfel gestiegen ist. Doch genau das erweist sich wenig später noch als gefährlich für uns. Wir steigen erst in waldigem, dann in offenem Gelände an einer Steilwand entlang in Richtung der österreichischen Grenze auf. Plötzlich hören wir hinter uns lautes Rumpeln und sehen, dass über der Steilwand ein Stück hinter uns ein Schneebrett abgegangen ist und mit Getöse die Felswand hinunterrauscht. Unten poltern einige der Schneebrocken über den Weg auf dem wir vor nur etwa zehn Minuten noch selbst gelaufen sind. Wir sind zum Glück bereits aus der Gefahrenzone heraus. Schnell verschaffen wir uns auf einem Schneehügel einen besseren Überblick, denn die andere Gruppe aus der Hütte ist nach uns gestartet. Mit Erleichterung stellen wir fest, dass die anderen gerade knapp unterhalb der Lawine aus dem Wald herauskommen und unbeschadet sind. Nochmal Glück gehabt, aber wir hätten wohl trotz relativ kühlem Februarwetter doch etwas früher losgehen sollen.

Die heitere Morgenstimmung trügt. Letztlich lohnt es sich schon aus Sicherheitserwägungen früh aufzubrechen. Mit fortschreitender Tageszeit steigt die Lawinengefahr.

Thomas Herdieckerhoff

Die heitere Morgenstimmung trügt. Letztlich lohnt es sich schon aus Sicherheitserwägungen früh aufzubrechen. Mit fortschreitender Tageszeit steigt die Lawinengefahr.


Beeindruckende Felsformationen prägen die Landschaft.

Thomas Herdieckerhoff

Beeindruckende Felsformationen prägen die Landschaft.


Auf der österreichischen Seite trennt sich die Spur, denn manche umgehen hier den höchsten Punkt der Tour, aber wir sind motiviert den Funtenseetauern (2.578 m) mitzunehmen. In langen Spitzkehren arbeiten wir uns an coolen Felsformationen die oberen Hänge hinauf bis wir bei wunderbarem Wetter den Gipfel erreichen. Das Panorama ist grandios und so lassen wir bei unserer Brotzeit den Blick vom Hochkönig und den Hohen Tauern mit Großglockner bis zum Watzmann und zum Königssee schweifen. Da noch eine lange Strecke vor uns liegt, geht es bald schon an die Abfahrt. Über wunderbare Firnhänge fahren wir weit hinab bis zum Funtensee und dem Kärlingerhaus. Hier ist es immer wieder ein faszinierendes Phänomen, was für ein Kälteloch der Funtensee ist. Innerhalb von Sekunden fällt die Temperatur bei den letzten Metern Abfahrt zum See dramatisch ab, da sich die schwere, kalte Luft in dieser schattigen Senke sammelt. Auf der anderen Seite des Sees tauchen wir beim Aufstieg wieder aus dem Kältebad auf.

Blick zum Königssee

Thomas Herdieckerhoff

Blick zum Königssee


Blick auf die Hohen Tauern

Thomas Herdieckerhoff

Blick auf die Hohen Tauern


Vom Kärlingerhaus geht es hinauf durch eine wunderbare Hügellandschaft in Richtung Ingolstädter Haus. Mit der beeindruckenden Gipfelpyramide der Schönfeldspitze im Blick gleiten wir durch die idyllische Landschaft, während die Schatten um uns herum länger werden.

Mit der Schönfeldspitze im Blick geht es weiter Richtung Ingolstädter Haus.

Thomas Herdieckerhoff

Mit der Schönfeldspitze im Blick geht es weiter Richtung Ingolstädter Haus.


Die Hügellandschaft ist beeindruckend.

Thomas Herdieckerhoff

Die Hügellandschaft ist beeindruckend.


Angekommen am Ingolstädter Haus finden wir den kleinen, gemütlichen Winterraum und heizen ordentlich ein. Der Sonnenuntergang direkt vor der Haustür mit buntem Abendhimmel über den Leoganger Steinbergen ist noch ein besonderes Schmankerl vor dem Einschlafen.

Erstmal ordentlich einheizen. Im Winterraum des Ingolstädter Haus lässt es sich aushalten.

Thomas Herdieckerhoff

Erstmal ordentlich einheizen. Im Winterraum des Ingolstädter Haus lässt es sich aushalten.


Tag 3: Ingolstädter Haus bis Wimbachbrücke

Bei starkem Wind starten wir am nächsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang auf die letzte Etappe. Hinter dem großen Hundstod erwartet uns eine steile Abfahrt über einen super Skihang. Unten fellen wir ein letztes Mal für diese Tour auf. Als Abstecher von der Normalroute besteigen wir über einen Grat mit gefrorenem Schnee noch das formschöne Seehorn.

Start nach Sonnenaufgang.

Thomas Herdieckerhoff

Start nach Sonnenaufgang.


Das Seehorn liegt etwas abseits der Route. Der Abstecher lohnt sich dennoch.

Thomas Herdieckerhoff

Das Seehorn liegt etwas abseits der Route. Der Abstecher lohnt sich dennoch.


Ein wirklicher Genuss ist zum Abschluss die wunderbare nordseitige Abfahrt in den Loferer Seilergraben. Hier kann man nochmal bis weit hinunter schöne Schwünge in gutem Schnee hinlegen, da der enge Graben vor der Sonne geschützt ist. Im Tal angekommen wird es flach, aber steil genug um weiterhin gut voranzukommen. Wir haben glücklicherweise ein Jahr bzw. eine Jahreszeit mit guter Schneelage erwischt, sodass wir die gesamten elf Kilometer des Wimbachgrieß auf Skiern hinunter fahren können ohne abschnallen zu müssen – das geht nicht immer. Und so stehen wir nach drei Tagen in Deutschlands Wildnis um die Mittagszeit am Parkplatz der Wimbachbrücke.

Fazit zur Skitour Große Reibn

Die Große Reibn ist ein grandioses Abenteuer durch eine Region, die landschaftlich in ihrer Schönheit kaum zu übertreffen ist. Die technische Schwierigkeit ist moderat, Spitzkehren sollten gut beherrscht werden und auch in der Abfahrt sollte man sicher sein. Konditionell ist die Tour nicht zu unterschätzen. Sogar wenn man sie auf drei Tage aufteilt wie wir, sind Tag 1 und Tag 2 anstrengend. Natürlich sollte man sich mit Lawinen auskennen und gutes Orientierungsvermögen mitbringen, um im Gelände sicher zurechtzukommen. Insgesamt eine sehr empfehlenswerte Tour!

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