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Transalp mit dem MTB

Alpencross Oberstdorf – Gardasee: Mit dem MTB über die Alpen

8 Minuten Lesezeit
Einmal über die Alpen, davon träumen viele. Vero und Alex Wöckner haben sich diesem Abenteuer auf dem Mountainbike gestellt und berichten hier von ihrem Alpencross von Oberstdorf bis an den Gardasee.
Vero und Alex Wöckner sind per Mountainbike von Oberstdorf an den Gardasee geradelt und berichten hier von ihrer Tour.

Vero und Alex Wöckner

Vero und Alex Wöckner sind per Mountainbike von Oberstdorf an den Gardasee geradelt und berichten hier von ihrer Tour.


Die Wettersituation im Juli: zwei Wochen andauernder Starkregen. Die Prognose: auflockernd mit sommerlichen Aussichten. Das Motto ist also „Wir schieben dann mal los“ und folgen Heckmairs Spuren von Oberstdorf bis zum Gardasee. Genauer gesagt nach Arco.

Unsere Transalp aka Alpencross ist in acht Etappen geplant, wobei wir knapp 400 km Strecke und 14.900 Höhenmeter bewältigen wollen. Und da es immer anders kommt als geplant, bleibt jeder Alpencross mit dem Mountainbike ein einmaliges Abenteuer!

Planung eines Alpencross mit dem Mountainbike

Die geplante Route von Vero und Alex für ihren Alpencross von Oberstdorf an den Gardasee.


Eine Transalp kann wirklich jeder schaffen und auch selbst planen, so dass die Strecke auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt ist. Hierbei kann man den Fokus nach Belieben auf wenige Höhenmeter, schöne Hüttenabende oder auch fantastische Trailabfahrten auslegen. Ein wichtiger Tipp für die Planung: In den gängigen Opensource-Kartenmaterialien sind die Wege mittlerweile ganz gut bezeichnet bzw. auch mit einer MTB-Schwierigkeitsskala bewertet. Nutze diese Info, sonst gehst Du womöglich mit dem Fahrrad wandern.
Ich überlege mir meistens für die Routenführung zwei bis drei grobe POI (Points of Interest), wie den Fimberpass für die Überquerung des Alpenhauptkamms, und lasse die App mal routen. Daraus leite ich dann einzelne Etappen ab und schiebe mir die Route hin und her, bis
a) die Etappe von Strecke und Höhenmetern passt,
b) potentielle Übernachtungsmöglichkeiten am Ziel vorhanden sind und
c) der Spaß bei der Abfahrt oder ein Panorama-Aufstieg gesichert sind.

Ausrüstung: Das brauchst Du für die Transalp mit dem MTB

Da wir etwas abfahrtsorientierter unterwegs sind, sind unsere Bikes nicht unbedingt auf Leichtigkeit getrimmt. Stattdessen gilt jedoch für das sonstige Equipment: weniger ist mehr!

Glaub mir, zwei Unterhosen reichen. Denn wenn eine am Hintern ist, kann die andere trocknen. Ansonsten gibt es einfach einen Satz „saubere“ Kleidung zum Abendessen gehen und einen Satz „stinkige“ Kleidung, die man zum Biken anhat. Abends wird dann gewaschen, dann am Kamin, auf dem Heizkörper oder notgedrungen auch bei kaltem Regenwetter mit dem Föhn getrocknet. Dazu kommen natürlich noch Helm, MTB-Brille, Mütze und Handschuhe für kalte Abfahrten am Morgen. Das Wetter ist unberechenbar, daher ist Regenbekleidung ebenfalls mehr als empfehlenswert – zumindest die Regenjacke. Flick- und etwas Werkzeug sowie die Stirnlampe dürfen auch nicht fehlen, sowie ein gut sortierter Erste-Hilfe-Set mit Verbandsmaterial. Neben dem Bike-Rucksack hat uns auch ein GPS-Gerät bis dato sehr gute Dienste geleistet, wobei wir mittlerweile auch auf eine Navigation mit dem Handy umgestiegen sind (Roaming sei Dank!). Ansonsten sind ein paar Magnesiumtabletten nicht verkehrt, denn das ist nicht nur gut für die geschundenen Muskeln, sondern bringt auch noch Geschmack ins Quellwasser. Alles in allem wiegen unsere Rucksäcke zwischen 6 bis 8 kg, je nachdem wie viele Kekse und Kalorienwasser für den Hungerast an Bord sind.

Mit dem MTB von Oberstdorf an den Gardasee: die Tour

Etappe 1: Schlammpartie

Oberstdorf 814 ü.NN – Schrofenpass 1.690 ü.NN – Freiburger Hütte 1.931 ü.NN (44 km, 1.450 hm)

Wir müssen vor 18 Uhr in der Hütte ankommen, um noch Essen zu bekommen. Der Start um 13 Uhr ist somit zeitlich streng. Wir schlängeln uns also vorbei an Oberstdorfer Touristen und freuen uns, als der Regen endlich aufhört. So dreht sich die Kurbel stetig Richtung Allgäuer Hochalpen und das Rappenalptal hinauf. Wir durchqueren Flüsse und sehen bereits nach zwei Stunden aus wie Dreckspatzen nach einem Schlammbad. Das Highlight der Etappe versteckt sich leider hinter dicken Wolken, daher tragen wir die Bikes ohne Panoramasicht den Schrofenpass hinauf. Spätestens nachdem wir Richtung Warth den Hang mehr hinabrutschen als fahren, macht der Schlamm von Kopf bis Fuß nichts mehr aus. Ab Warth erwartet uns dann eines der wohl schönsten Täler des Nordens, das Lechquellgebirge, wo es vor so genannten Alpenbibern (Murmele natürlich ;-)) nur so wimmelt!

Die erste Etappe startet mit einem Schlammbad, ...

Vero und Alex Wöckner

Die erste Etappe startet mit einem Schlammbad, …


... aber bei der Ankunft an der Freiburger Hütte klart der Himmel bereits auf.

Vero und Alex Wöckner

… aber bei der Ankunft an der Freiburger Hütte klart der Himmel bereits auf.


Etappe 2: Zwischen Marathon und Silbertal

Freiburger Hütte 1.931 ü.NN – Innerkristberg 1.490 ü.NN – Silbertal 1.136 ü.NN – Heilbronner Hütte 2.320 ü.NN (45 km, 2.100 hm)

Die Abfahrt nach dem Frühstück nach Dalaas ist eisig kalt. Doch zum Glück kommt der Puls bei der Auffahrt über den Innerkristberg wieder in Schwung und wir können schnell die warmen Klamotten wieder im Rucksack verstauen. Im Silbertal crashen wir bei der zweiten Abfahrt dann noch ungewollter Weise den Montafoner MTB-Marathon und begeben uns lieber schnell wieder in die Abgeschiedenheit des wunderschönen Silbertals. Die Hitze ist nun auch gnadenlos, so dass wir in der Prärie nach trinkbaren Wasserquellen suchen. Auch wenn die moorige Strecke nicht unbedingt steil ist, so müssen wir die Bikes am Langen See schieben und folgen dann der rumpeligen Strecke im Sattel zur Heilbronner Hütte. Das Verwall zeigt sich uns von seiner schönsten Seite und auch die 6-Bettenzimmer sind durchaus komfortabel. Das Kneippbecken tröstet die Wadl, aber als im Südosten schwarze Wolken aufziehen und die Donnerglocken zu läuten beginnen, verziehen wir uns in die gemütliche Hütte.

Das Verwall zeigt sich von seiner schönsten Seite ...

Vero und Alex Wöckner

Das Verwall zeigt sich von seiner schönsten Seite …


... und auch der Formarinsee bietet eine tolle Kulisse.

Vero und Alex Wöckner

… und auch der Formarinsee bietet eine tolle Kulisse.


Etappe 3: Über keine Brücken kannst Du radeln

Heilbronner Hütte 2.320 ü.NN – Ischgl 1.400 ü.NN – Heidelberger Hütte 2.270 ü.NN – Fimberpass 2.600 ü.NN – Scuol 1.242 ü.NN (60 km, 1.430 hm)

Morgens heißt es wieder warm anziehen und zwar alles, was im Rucksack ist, denn bis zum Zeinisjoch rollt es schnell bergab. Langsam löst sich die Restfeuchtigkeit am Himmel, als wir Galtür im Paznauntal erreichen. Die Silvretta im Rücken steuern wir auf Ischgl zu und folgen hierbei einem bequemen Radweg an der Trisanna entlang. Nicht nur das, sondern auch das Fimbertal oder Cuolmen d’Fenga (rätoromanisch) entpuppt sich als Traumlandschaft und wir erreichen die Heidelberger Hütte im Nu. Die Regenfälle der letzten Woche hatten hier ihr Werk getan und einen Teil der Hütte abgerissen (2017). Der Wirt warnt uns noch vor der Abfahrt nach Scuol, wo das Unwetter der Nacht wohl besonders heftig gewütet hat. Was wird uns wohl hinter einem der schönsten Alpenpässe erwarten? Auf jeden Fall ein gigantischer Singletrail!

Über Ischgl ins Fimbertal durchquert man eine wunderschöne Landschaft - auf einem wahren Traumtrail.

Vero und Alex Wöckner

Über Ischgl ins Fimbertal durchquert man eine wunderschöne Landschaft – auf einem wahren Traumtrail.


Nach der ersten „gesperrten“ Brücke jedoch dämmert es uns, denn es kamen keine Brücken mehr. Sie waren einfach weg. Im Tal ist der Inn braun und die Gewalt der Natur ist mehr als spürbar. In Scuol checken wir also erst einmal in ein 400 Jahre altes Gästehaus ein und lesen Nachrichten über das Val Sesvenna. Unsere nächste Etappe durch S’Charl und Val Müstair fällt buchstäblich ins Wasser, denn es werden immer noch Einwohner evakuiert.

Zum Fimberpass müssen die Wöckners das Bike eine Weile schieben, ...

Vero und Alex Wöckner

Zum Fimberpass müssen die Wöckners das Bike eine Weile schieben, …


... im Val Sesvenna stellen sie fest, dass alle Brücken den Regenfällen zum Opfer gefallen sind.

Vero und Alex Wöckner

… im Val Sesvenna stellen sie fest, dass alle Brücken den Regenfällen zum Opfer gefallen sind.


Etappe 4: Ab nach Italien

Scuol 1.243 ü.NN – Livigno 1.860 ü.NN – Bormio 1.200 ü.NN

Morgens um 4:30 Uhr klingelt der Wecker, denn wir müssen die letzten zwei Plätze im Bus über den Ofenpass ab Zernez erreichen. Ohne selbst treten zu müssen, ist Livigno nicht so weit wie auf der Karte gedacht. Höhenmeter auf zwei Rädern bleiben uns trotzdem nicht erspart und wir kämpfen uns entgegen der üblichen Bikepark-Abfahrtsrichtung bergauf nach Trepalle. Ab dem Passo Foscagno werden wir jedoch wieder mit einem flowigen Singletrail aufgemuntert und gönnen uns ein nobles Etablissement mit herzhafter Pizza im Herzen von Bormio.

Die Gewalt der Natur ist für die Wöckners bei ihrem Alpencross mit dem MTB überdeutlich.

Vero und Alex Wöckner

Die Gewalt der Natur ist für die Wöckners bei ihrem Alpencross mit dem MTB überdeutlich.


Wilde Abgeschiedenheit: Das erleben Mountainbiker bei einem Alpencross von Oberstdorf an den Gardasee.

Vero und Alex Wöckner

Wilde Abgeschiedenheit: Das erleben Mountainbiker bei einem Alpencross von Oberstdorf an den Gardasee.


Etappe 5: Der Tag des Schiebens

Bormio 1.200 ü.NN – Passo Zebrù 3.005 ü.NN – Pizzini Hütte 2.700 ü.NN (21 km, 1.800 hm)

Atemberaubende Landschaft am Passo Zebrù.

Vero und Alex Wöckner

Atemberaubende Landschaft am Passo Zebrù.


Viele Höhenmeter auf wenig Kilometer geben oft Hinweise auf den fahrbaren Anteil dieser Strecke. Allein auf den letzten 800 Höhenmetern zum Passo Zebrù ist tatsächlich Wandern, sogar Klettern, angesagt. Aber die Landschaft ist so atemberaubend, dass sich jeder Meter Schieben lohnt. Das Lustige ist, dass diese Strecke kommerziell andersherum befahren wird (mit dem MTB-Shuttle). Wir sehen die MTB-Fahrer jedoch runterschieben, während wir raufschieben. Ein Servus und Grüß Gott also. Die Pizzini Hütte im Val Cédec bietet neben 360-Grad-Gletscherpanorama nicht nur atemberaubende Blicke zur Königsspitze am Ortler-Hauptkamm, sondern eröffnet auch den Weitblick zum Cevedale-Vioz-Kamm. Der Wirt tauft uns nur „Superbiker“ und löscht unseren Durst mit Elektrolyte-haltigen Getränken. Eine der schönsten Etappen jeher, die wir nie vergessen werden.

Auf dem Weg zum Pass müssen kleine Kletterpassagen mit Bike im Gepäck gemeistert werden, ...

Vero und Alex Wöckner

Auf dem Weg zum Pass müssen kleine Kletterpassagen mit Bike im Gepäck gemeistert werden, …


... doch die Aussichten im Val Cédec entschädigen für diese Anstrengungen.

Vero und Alex Wöckner

… doch die Aussichten im Val Cédec entschädigen für diese Anstrengungen.


Etappe 6: Feste feiern und fallen

Pizzini Hütte 2.700 ü.NN – Santa Caterina 1.760 ü.NN – Passo Gavia 2.600 ü.NN – Bozzi Hütte 2.464 ü.NN – Peio Fonti 1.400 ü.NN (55 km, 2.100 hm)

Bei der Abfahrt von der Hütte fragen wir uns umso mehr, wieso die Strecke andersherum gefahren wird. So ein feiner Singletrail, da will man am liebsten wieder raufstrampeln. Stattdessen jedoch schrubben wir auf der anderen Talseite den Asphalt, um mit einem Dutzend Rennradfahrern den Passo Gavia zu erklimmen. Die rasante Abfahrt mit kleinen Trailpassagen ist nicht lang, denn es geht im Stilfser Nationalpark wieder bergauf Richtung Rifugio Bozzi. Die Sonne brennt mittlerweile wie ein Grill. In der Hütte wollten wir eigentlich übernachten, aber da gefühlt der halbe Tag noch vor uns liegt, rocken wir die Hammer-Trails weiter zum Lago di Pian Palù. Mich legt es einmal so richtig über den Lenker, so dass ich zwei Mal prüfe, ob der Oberschenkel noch ganz ist und nur der Schock tief sitzt. Bis nach Peio Fonti schaffe ich es trotz wachsendem Hämatom und wir können unser Glück im Unglück kaum glauben. Ein Dorffest, bei dem wir eine Art Bingokarte erwerben und uns damit durch 20 lokale Stände mampfen und trinken können. Prost Mahlzeit!

Die Helmkamera kann Veros Flug über den Lenker bezeugen.

Vero und Alex Wöckner

Die Helmkamera kann Veros Flug über den Lenker bezeugen.


Es werden nicht nur Täler, sondern auch Schafherden durchquert.

Vero und Alex Wöckner

Es werden nicht nur Täler, sondern auch Schafherden durchquert.


Etappe 7: Erst die Qual, dann der Urlaub

Peio Fonti 1.400 ü.NN – Madonna di Campiglio 1.592 ü.NN – Albergo Brenta 1.134 ü.NN (55 km, 1.500 hm)

Aua aua, sagt das Bein. Zum Glück geht es erst einmal nur runter, denn bevor die Schmerztabletten wirken, kann ich nicht in die Pedale treten. Irgendwann jedoch ist Akzeptanz von Schmerz der erste Schritt zur Bewältigung dessen, so dass ich mit einer angemessenen Portion Selbstmitleid das Val Rendena hochschnaufe. Immerhin kürzen wir ab Pinzolo die Auffahrt zum Doss del Sabion mit einer äußerst angenehmen Gondelfahrt ab. Das Gemüt hellt sich bei der kurzweiligen Abfahrt zum Albergo Brenta jedoch schnell wieder auf und wir fallen noch am frühen Nachmittag in die Liegestühle. Es ist ja schließlich Urlaub!

Etappe 8: Das Beste kommt zum Schluss

Albergo Brenta 1.134 ü.NN – Lago di Tenno 600 ü.NN – Arco 103 ü.NN (40 km,  1.007 hm)

Die letzte Etappe des Alpencross von Oberstdorf an den Gardasee ist bevorzugt kurz zu gestalten, denn die Motivation für Aufstiege fällt mit jedem Etappentag und am Ende sind auch die letzten Körner verbraten. Nach einer kurzen Kampfpassage durch die Bremsen-Hölle am Sella di Calino erreichen wir den kristallblauen Tennosee und hüpfen zu den großen Forellen ins Wasser.

Der kristallblaue Tennosee ist Vero für eine Abkühlung willkommen.

Vero und Alex Wöckner

Der kristallblaue Tennosee ist Vero für eine Abkühlung willkommen.


Das Ziel ist bereits in Sicht: Arco am Gardasee.

Vero und Alex Wöckner

Das Ziel ist bereits in Sicht: Arco am Gardasee.


In Arco ist uns der MTB-Patronus dazu noch gnädig, so dass wir im Hotel ein Upgrade in die Juniorsuite erhalten. Neben zwei Tagen Garda-Genuss-Pur beschäftigen wir uns noch damit fünf wilde Katzen einzufangen, um sie in die fürsorglichen Hände des lokalen Tierheims zu übergeben. Die Heimfahrt gestaltet sich mit dem Transferservice entsprechend angenehm und wir träumen schon von dem nächsten Alpencross.

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