Anatomisch richtig abgestimmt sind Kindertragen ideal, um Kinder schon früh auf natürliche Art an die Natur zu gewöhnen, so Dr. Micha Bahr. Der Facharzt und Experte für Kindertragen beriet Deuter bei der Entwicklung der prämierten Kid Comfort-Trage.

Dr. Micha Bahr arbeitet als Oberarzt für Kinderchirurgie am Marienhospital Herne, dem kinderchirurgischen Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum. Arnold Zimprich hat sich für das Bergzeit Magazin mit Dr. Bahr über kindliche Entwicklung, die idealtypische Kindertrage und seine Beraterrolle bei Deuter unterhalten, aus der die neueste Serie der Kid Comfort Kindertragen hervorgangen ist.

Kindertragen-Experte Micha Bahr im Interview

Dr. Micha Bahr: "Meine drei Mädels haben mehr Zeit in der Trage verbracht als im Kinderwagen, weil man mit der Kindertrage in jedem Gelände gut unterwegs ist." | Foto: Micha Bahr
Dr. Micha Bahr: „Meine drei Mädels haben mehr Zeit in der Trage verbracht als im Kinderwagen, weil man mit der Kindertrage in jedem Gelände gut unterwegs ist.“ | Foto: Micha Bahr

Arnold Zimprich: Hallo Herr Bahr! Seit wann arbeiten Sie mit Deuter an der Entwicklung der Kid Comfort-Reihe zusammen?

Dr. Micha Bahr: Seit Juli 2012. Wir waren mitten im Umzugsstress, als mein Handy klingelte und Thomas Hilger von Deuter fragte, ob ich Lust hätte, an den Kindertragen mitzuarbeiten. Zuvor hatte ich bereits Kontakt zu Deuter aufgenommen, um Schulrucksäcke zu entwickeln. Da ich mich mit Deuter als Firma beschäftigt hatte, wusste ich, dass es eine Ehre ist, an der Kindertrage mitarbeiten zu dürfen.

Haben Sie selbst Kinder und wenn ja, waren diese auch schon in Deuter Kindertragen unterwegs?

Dr. Micha Bahr: Ja, wir haben drei Mädels und wir hatten eine Kindertrage von Deuter, wenn auch nur die ganz einfache Ausführung. Wir haben sie geliebt und unsere Mädels haben mehr Zeit in der Trage verbracht als im Kinderwagen, weil man mit der Kindertrage in jedem Gelände gut unterwegs ist. Wir hatten uns privat aber auch schon lange mit den allgemeinen Problemen von Kindertragen beschäftigt: Dass der Nacken keinen festen Halt hat, dass die Beinchen einschlafen und auskühlen und dass der Sitz nicht ergonomisch geformt ist.

„Man fühlt sich wie ein kleiner König“

Wie finden Ihre Kinder die Tragen? Gab es auch von Seiten der Kleinen konstruktiven Input?

Dr. Micha Bahr: Wie schon erwähnt waren unsere Mädels sehr viel in der Trage unterwegs. Sie mochten es, mit Papas Ohren und Haaren zu spielen, genossen die Aussicht und oft auch die erhöhte Sitzposition. Im Kinderwagen schauen einen die Leute von oben herab an, in der Trage ist dies umgekehrt – man fühlt sich selbst wie ein kleiner König. Außerdem lässt es sich super in der Kindertrage schlafen.
Durch die Erfahrungen aus der Entwicklung von Schulrucksäcken redet bei uns zuhause jeder mit. So auch bei der Deuter Kindertrage, wobei hier das Medizinische im Mittelpunkt steht, was ja mein Part ist. Das wird natürlich eher mit Kollegen besprochen. Aber Input und Ideen meiner Familie sind immer willkommen, auch wenn die Meinungen mal auseinandergehen können. Letztendlich muss ich dann entscheiden, was sinnvoll ist und was ich weitergeben kann.

Welche Ihrer Anregungen hat Deuter konkret in die bereits mehrfach prämierte Kindertrage Kid Comfort III einfließen lassen?

In der Kindertrage lässt es sich nicht nur super schlafen, sondern man hat auch einen tollen Überblick von oben und fühlt sich wie ein König. | Foto: Deuter/Miguel Tiblas
In der Kindertrage lässt es sich nicht nur super schlafen, sondern man hat auch einen tollen Überblick von oben und fühlt sich wie ein König. | Foto: Deuter/Miguel Tiblas

Dr. Micha Bahr: Da wären als erstes die Fußschlaufen zu erwähnen, die Deuter exzellent umgesetzt hat und die auch vom TÜV abgenommen wurden. Diese verhindern durch ein Anwinkeln der Beinchen ein Abklemmen des Gefäß-Nerven-Strangs. Auch dem Einschlafen und Auskühlen der unteren Extremitäten wird so vorgebeugt. Außerdem animieren sie das Kind, durch ihre variable Aufhängung mit den Beinen zu spielen, was den zuvor genannten Effekt noch verstärkt. Die Fußschlaufen sind zudem so befestigt, dass das Kind sich nicht aus der Kindertrage herausdrücken kann.
Als zweites ist das durchdachte „Cockpit“ zu nennen, das den Kopf deutlich besser abstützt und, wenn das Kind eingeschlafen ist, auch weiterhin stabilisiert. Sehr gelungen finde ich auch den Sitz, der sich durch seine Form der Anatomie der Kinder anpasst. So sitzt das kleinere Kind auf einem breiteren, dass größere auf einem schmaleren Sitz. Die Idee kam vom Deuter-Entwicklungteam und wurde medizinisch hinterfragt. Hier konnte ich bloß den Hut ziehen – davor, mit wieviel Wissen und Liebe zum Detail Deuter seine Kindertragen entwickelt.

Ab welchem Alter macht es überhaupt Sinn, ein Kind in einer Trage mit in die Berge zu nehmen?

Dr. Micha Bahr: Das Kind sollte sicher frei sitzen können und eine gute Kopfkontrolle haben. Ab diesem Zeitpunkt kann man sagen, dass „der Berg ruft“. Dies ist ungefähr ab dem achten Lebensmonat der Fall. Bitte nicht falsch verstehen, hier gibt es natürlich eine sehr große Bandbreite der individuellen Entwicklung, deshalb ist das mit dem genauen Zeitpunkt besser am Entwicklungsniveau des Kindes als am Alter fest zu machen. Aber auch vorher sollte man sich nicht scheuen, mit dem Säugling wandern zu gehen. Hier empfehle ich dann lieber das Tragetuch, weil dies im Vergleich zu anderen Tragehilfen den Kopf-Hals-Bereich bestens schützt. Außerdem hat es sich seit Jahrhunderten bei Naturvölkern bewährt.

Mit Kindertrage in die Berge

Wie wirken sich Kindertragen auf die kindliche Entwicklung aus?

Dr. Micha Bahr: Getragen werden ist die natürlichste Art der Fortbewegung des zunächst immobilen, dann sich langsam zu Mobilität hin entwickelnden Menschenkindes. Wir kommen schließlich nicht mit Rollen an den Füßen auf die Welt! Durch die schaukelnde Bewegung wird vor allem das Gleichgewichtsorgan stimuliert, was für die Aufrichteentwicklung von großer Bedeutung ist. Außerdem erinnert die schaukelnde Bewegung die Kinder an den Mutterleib, was ungemein beruhigt – deshalb hatte man früher Wiegen. Das Kind erfährt auf eine natürlichere Weise den Umgang mit dem Gelände und den Unebenheiten desselben. Es muss ständig selbst mit dem Gleichgewichtsorgan reagieren, um Bewegungen auszugleichen, was ungemein schult. Ein gesundes und viel getragenes Kind wird sich später leichter in der Natur bewegen, Spaß an Bewegung und an dem Erkunden seiner Umgebung haben. Es lernt so schon früh die Schönheiten der Natur kennen, weil es einen besseren Ausblick hat als in einem Kinderwagen. Die Augenachse ist in der Position, die wir vom Laufen kennen und die für uns natürlich ist. Es gibt nichts Besseres als ein Kind schon früh an die Natur zu gewöhnen. Vor allem in einer Zeit, in der Kinder kaum noch im Freien spielen und durch die Wälder streifen.

Getragen werden ist die natürlichste Art der Fortbewegung für ein kleines Kind, das noch nicht laufen kann. Die schaukelnde Bewegung stimuliert das Gleichgewichtsorgan und hilft dem Kind, sich später leichter in der Natur zu bewegen. | Foto: Deuter/Franz Beer
Getragen werden ist die natürlichste Art der Fortbewegung für ein kleines Kind, das noch nicht laufen kann. Die schaukelnde Bewegung stimuliert das Gleichgewichtsorgan und hilft dem Kind, sich später leichter in der Natur zu bewegen. | Foto: Deuter/Franz Beer

Mal angenommen, ich bin leidenschaftlicher Bergsteiger und will meine Kleinen ab dem frühestmöglichen Zeitpunkt mit in die Berge nehmen. Welche drei Punkte sollte ich bei allem Enthusiasmus stets beachten?

Dr. Micha Bahr: 1. Man sollte nicht mit einer Gewalttour beginnen, sondern den kleinen Passagier langsam an die Trage gewöhnen.
2. Man muss den Bambini-Bergsteiger genauso vorbereiten wie sich selbst. Will heißen: Sonnenschutz (bei Kindern bedeutet das Kopfbedeckung und Sunblocker), Regenschutz (Regenhose und Regenjacke) und vor allem angemessene Kleidung. Gerade im Herbst und Winter besteht die Gefahr, dass die Kinder sehr leicht auskühlen, vor allem wenn sie in der Trage einschlafen.
3. Die Tour so planen, dass man ausreichend Pausen machen kann. Dazu gibt es eine einfache Rechnung: Auf eine Stunde tragen sollten zehn bis fünfzehn Minuten Pause folgen. Das ist auch gut für den Tragenden und erhöht die Sicherheit des Gespanns!

Wurde die idealtypische Kindertrage aus Ihrer Sicht mit der Kid Comfort III bereits umgesetzt oder besteht noch Entwicklungspotential?

Dr. Micha Bahr: Stillstand bedeutet Rückschritt, wobei natürlich irgendwann die Latte für neue Ideen und Verbesserungen ganz schön hoch liegt. Ich denke, dass die Deuter Kid Comfort-Serie schon sehr nah an die idealtypische Kindertrage herankommt. Sie bietet das, was eine Kindertrage bieten muss – auf einem sehr hohen Niveau. Dazu gehört maximaler Komfort, TÜV-geprüfte Sicherheit für den Tragenden und die Getragenen und eine qualitativ hochwertige Verarbeitung. Hinzu kommt, dass bei Deuter besonders auf die Anatomie und die medizinischen Bedürfnisse des Kindes eingegangen wurde. Momentan ist die Kid Comfort-Serie sozusagen der FC Bayern München unter den Kindertragen, wobei ich den Vergleich bei meinen Augsburger Freunden und auch hier im Ruhrgebiet besser nicht erwähne (lacht). Aber wir haben auch noch neue Ideen!

Herr Dr. Bahr, ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg bei der weiteren Zusammenarbeit mit Deuter!

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