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Ins eisige Herz der Alpen

Finsteraarhorn-Besteigung mit Oberaarhorn: Hochtour Berner Alpen

8 Minuten Lesezeit
Eine spektakuläre Gletscherdurchquerung mit einem Dreitausender zum Aufwärmen und einem Viertausender als Ziel - diese mehrtägige Hochtour auf das Oberaarhorn und das Finsteraarhorn gewährt tiefe Einblicke in den wilden Osten der Berner Alpen.
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Es klingt seltsam, doch die Berner Alpen sind so etwas wie pulsierendes Herz und Tiefkühlschrank in einem. Hier stehen die imposanten Gipfel des Finsteraarhorn und des Oberaarhorn. Nirgends sonst im Alpenbogen gibt es mehr Eis oder größere Gletscher, und auch die Zusammenballung an imposanten Zacken und Zinnen wird vielleicht nur noch vom Wallis oder Mont Blanc-Massiv übertroffen. Alles in allem ein Ambiente, das Berghungrige anzieht wie das Licht die Motten.

Ausgangspunkt Grindelwald

Abendlicher Aufstieg am Oberaargletscher. | Foto: Stephan Bernau
Abendlicher Aufstieg am Oberaargletscher. | Foto: Stephan Bernau

Vor Ort in Grindelwald, Lauterbrunnen oder einem anderen der tief gelegenen Talorte auf der Nordseite gibt sich das Massiv mit seinen eisüberwallten Nordwänden und (immer noch) gewaltigen Gletschern erst einmal zugeknöpft. Um einem der vielen Viertausender aufs Haupt zu steigen, darf man entweder satte Anmarschwege mit mehreren tausend Höhenmetern in Angriff nehmen oder das Portemonnaie weit öffnen für eine Fahrt mit der (wohl vor allem in Japan) berühmten Jungfraubahn. Letzteres dürfte neben dem Loch in der Kasse für die meisten Bergsteiger das schale Gefühl mit sich bringen, mit einer Bahnfahrt auf 3.500 Metern Höhe nicht gerade „by fair means“ unterwegs zu sein. Doch es gibt gute Nachrichten: die „ewigen Anmarschwege“ sind dank der wilden Bergnatur alles andere als langweilig. Und dass manche der schroff und hoch ragenden Gipfel mit moderaten technischen Schwierigkeiten zu erreichen sind, ist die nächste gute Nachricht.

Das Oberaarhorn und das Finsteraarhorn

Zwei dieser Gipfel lassen sich zu einer Durchquerung kombinieren, die tiefen Einblick in den wilden östlichen Teil der Berner Alpen gestattet. Zuerst das weniger hohe und steile Oberaarhorn, 3.630 Meter, zur Akklimatisierung und danach der höchste und vielleicht schönste Gipfel der Berner Alpen, das Finsteraarhorn, 4.274 Meter. 

Die Anfahrt und die Aufwärmphase für eine Finsteraarhorn-Besteigung

Erst die Arbeit ... , dann morgens vor dem Oberaarjoch. | Foto: Stephan Bernau
Erst die Arbeit … , dann…: morgens vor dem Oberaarjoch. | Foto: Stephan Bernau

Micha und ich nehmen den Seiteneingang, den östlich gelegenen Grimselpass, der den goldenen Mittelweg ermöglicht: keine Schinderei aus tiefster Lage, aber auch kein Bahnfahr-Schmuh bis fast ganz oben. Von der Passhöhe aus führt eine sechs Kilometer lange Seitenstraße (die erst ab Juli öffnet) zum Oberaarstausee auf 2.310 Metern. Der Parkplatz an der Staumauer ist zu unserer freudigen Überraschung ebenso kostenlos wie die Straße. Am Nordufer des Stausees führt der markierte Pfad zur Zunge des Oberaargletschers, dessen ausgeaperte untere Hälfte wir seilfrei gehen können.

Etwa dort, wo die Firnbedeckung beginnt und die Spalten nicht mehr sichtbar sind, seilen wir nicht an, sondern machen Halt, um unser Zelt aufzustellen. Den Rest zum Oberaarjoch gehen wir morgen. Die dortige Oberaarjochhütte kann jedoch ebenfalls als Etappenziel angepeilt werden – vom Parkplatz aus sind dann zwischen dreieinhalb bis fünfeinhalb Stunden Gehzeit einzuplanen. Apropos Gehzeit: da diese von Faktoren wie Gruppengröße, Sicht- und Schneeverhältnissen, Kondition und, last but not least, dem Gewicht des Rucksacks abhängt (letzteres hatte in unserem Falle mit Zelt, Schlafsack, Isomatte plus Verpflegung für mehrere Tage eine gewisse Bremswirkung), habe ich unten im Infoteil nur Streckenlängen plus Höhenmeter angegeben. Aus diesen Angaben kann jede(r) selbst mit Hilfe einfacher Formeln (Beispiel hier) grobe Anhaltswerte für den eigenen Zeitbedarf berechnen.

Tour auf das Oberaarhorn (3.630 Meter)

Eisiges Herz Zusammenfluss von Galmi- und Fieschergletscher. | Foto: Stephan Bernau
Eisiges Herz Zusammenfluss von Galmi- und Fieschergletscher. | Foto: Stephan Bernau

Gegen 6.00 Uhr früh sind wir angeseilt auf dem nun überfirnten Oberaargletscher zum Oberaarjoch unterwegs. Der wunderschöne Sonnenaufgang entschädigt für den reichlich ungemütlichen Zeltabbau. Am Joch angekommen, passieren wir die etwas oberhalb am Sockel des Oberaarhorns klebende Hütte. Wir folgen den Markierungen im steilen Geröll und betreten auf etwa 3.400 Metern die Firn- oder Eisrampe (je nach Verhältnissen) zum Gipfel. Der Aufstieg ist weniger spektakulär, die Aussicht umso mehr: Tiefblicke in diverse wilde Gletscherkessel, der Riesenzahn des Finsteraarhorns gegenüber und endloses Panorama Richtung Süden und Osten.

Zurück im Oberaarjoch wenden wir uns der Westseite zu und durchqueren das weite Becken des Studer- bzw. Galmigletschers in einem ebenso weiten Linksbogen. Was für ein abgeschiedener Winkel, welch majestätische Stille! Vielleicht war es dieser Zauber, der mir das Denken dahingehend vernebelt hat, dass wir den Gletscherbruch auch rechts und damit auf kürzerem Wege passieren könnten. Wir verbrauchen reichlich Zeit und Kraft, um aus dem Spaltenlabyrinth wieder herauszukommen. Wir nehmen es mit Humor, auch wenn mir das angesichts meiner nicht mehr ganz vollen Batterie nicht ganz leicht fällt. Micha scheint von sowas generell nicht betroffen – weshalb er auch stets gern ein bisschen Extragepäck übernehmen darf.

Die Finsteraarhorn-Hütte wartet

Am Finsteraarhorn-Nordostgrat. | Foto: Stephan Bernau
Am Finsteraarhorn-Nordostgrat. | Foto: Stephan Bernau

Der Gletscher führt hinab ins Rotloch auf 2.720 Meter, wo Galmi- und Fieschergletscher in einem Moränengewirr zusammenfließen. Der Rest des Weges sieht nach einem gemütlichen Marsch über den sanft ansteigenden Fieschergletscher aus. Doch kurz nach dem Betreten merken wir, dass die verkürzte Perspektive unzählige erst aus nächster Nähe sichtbare Spalten unserem Blick verborgen hat. Es gilt, eine nach der anderen zu umgehen oder zu überspringen. Der gemütliche Marsch wird zu einer stundenlangen Konzentrations- und Kraftübung. Nachdem wir unser Zelt auf dem Gletscher unterhalb der beachtlich großen und modernen Finsteraarhornhütte (3.078 Meter) aufgestellt haben, ist nicht nur meine, sondern auch Michas Batterie restlos leer. Ich ertappe mich dabei, dass ich darüber irgendwie erleichtert bin …

Tour auf das Finsteraarhorn (4.274 Meter)

Wir brauchen einen Tag zum Batterie-Aufladen. Ein Glück, dass wir dieses phantastische Schönwetterfenster erwischt haben und am folgenden Morgen bei immer noch perfekten Bedingungen unter Sternenhimmel gen Finsteraarhorn steuern. An der Hütte vorbei geht es einem Steig über Schrofen und Fels folgend an einen steilen Gletscherarm in der Finsteraarhorn-Westflanke. Diesen queren wir bis zu einem Felsrücken, auf dem sich an Punkt 3.616 der „Frühstücksplatz“ befindet. Dort leiste ich mir im Halbunkel den zweiten „Verhauer“ dieser Tour, indem ich die rechts im Geröll zum nächsten Gletscherarm abzweigende Pfadspur übersehe und den Felsrücken gerade haltend überquere. Das bringt uns eine weitere Zeit- und Kraftraubaktion ein, in der wir den brüchigen Felsen in heikler Kletterei umrunden. Hinter uns sind noch zwei Seilschaften mit Bergführer unterwegs, die keine Anstalten machen, uns durch Zurufe oder Winken auf meinen Fehler hinzuweisen. Naja, Bergführer halt, denken wir, und nehmen es mit Humor.

Hoch zum Hugisattl

Der jenseitige Gletscherarm führt uns (nun weit hinter den anderen Partien) steil aber spaltenarm zum Hugisattel (4.035 Meter). Hier setzt der elegante Nordwestgrat an, dem man bis zum Finsteraarhorn-Gipfel immer dicht an der Schneide folgt. Es wird windig und Micha legt seinen eleganten gelben Friesennerz an. Auf meinen Hinweis, dass heutzutage auch die Friesen Drei-Lagen-Gore-Tex-Hardshellacken tragen, wenn sie mal kurz mit dem Hund um den Deich sind, antwortet er nur, dass „das Teil voll super ist“.

Finsteraarhorn-Besteigung. Steile und sehr lohnende Angelegenheit. | Foto: Stephan Bernau
Finsteraarhorn-Besteigung. Steile und sehr lohnende Angelegenheit. | Foto: Stephan Bernau

Der Fels am Grat ist schnee- und eisdurchsetzt, weshalb mit Steigeisen geklettert wird. Es wird nirgends schwieriger als II, doch kurz vorm Finsteraarhorn-Gipfel ist an schmalen Firnpassagen nochmal Konzentration gefragt. Dann ist das Metallkreuz an diesem unglaublichen Aussichtspunkt erreicht. In allen Richtungen mächtige Gletscherströme, die sich zu einer Eisarena von fast arktischen Dimensionen verbinden. Der Tiefblick die Ostwand hinunter ist genauso atemberaubend.

Doch unberührte Wildnis ist selbst dieses Gebiet nicht. Allein die vielen Blindgänger und Geschosshülsen des Schweizer Militärs lassen keine Zweifel, dass die menschliche Einflusssphäre hier hinein reicht. Und angesichts der schieren Menge fragt man sich, wie hoch hier eigentlich das Risiko ist, beim Bergsteigen als Kollateralschaden in „friendly fire“ zu enden. Wir steigen zum Zelt ab und legen am folgenden Tag den Weg auf gleicher Strecke zum Parkplatz am Stausee zurück. Das Erlebnis der Landschaft mit anderen Blickwinkeln, anderem Licht und anderen Farben lässt dabei entgegen unserer „Befürchtungen“ keine Langeweile aufkommen.

Alle Infos und GPS-Tracks zu Oberaarhorn- und Finsteraarhorn

  • Anfahrt mit ÖV: per Bahn bis Meiringen und von dort mit „Postauto“ zum Grimselpass (Start täglich 13.30 Uhr, umständliche Verbindung. Stand 06/2015).
  • Führer: SAC Hochtouren Berner Alpen (im Bergzeit-Shop beide Bände in einer CD-ROM erhältlich)
  • Schwierigkeit: bis 40 Grad Eis und Fels II am Finsteraarhorn NW-Grat
  • Equipment: „Gletschertouren-Standard“, ggf. einige Schlingen für Finsteraarhorn-Besteigung über NW-Grat, eine adäquate Hochtourenausrüstung ist hier selbstverständlich.
  • Charakter: spektakuläre Gletscherdurchquerung mit zwei klasse Hochtouren „am Wegrand“. Verlängerung ebenso möglich wie Mitnahme weiterer Gipfel. Nur bei sicherem Wetter, sonst Orientierungs- und andere Probleme möglich.
  • Etappen und Entfernungen: Oberaar-Stausee – Oberaarjoch(hütte): 8,5 Kilometer/ 920 Höhenmeter (bergauf), Oberaarjoch – Oberaarhorn und zurück: 700 Meter/ 400 Höhenmeter auf und ab, Oberaarhorn – Finsteraarhornhütte via Rotloch: 8 Kilometer/ 500 Höhenmeter bergab, 350 Höhenmeter bergauf, Finsteraarhornhütte – Finsteraarhorn: 2,8 Kilometer/ 1.200 Höhenmeter auf und ab.

Karte Oberaarhorn-Besteigung:

Karte Finsteraarhorn-Besteigung:


Anmerkung: Die GPS-Koordinaten können aufgrund händischer Eingabe bis zu +/- 50 Meter von unserem Routenverlauf abweichen. Für metergenaue Exaktheit übernehmen wir daher keine Gewähr.

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