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Vom Adlernest auf Europas Höchsten

Die Besteigung des Mont Blanc über den Normalweg

5 Minuten Lesezeit
Mit seinen 4.810 Metern ist der Mont Blanc der höchste Berg der Alpen. Obwohl sein Normalweg im Sommer zahllose Male begangen wird, hat er es durchaus in sich, wie im folgenden Tourenbericht, der im Führer "Hochtouren Westalpen Band 2" im Bergverlag Rother erschienen ist, deutlich wird.

Einmal im Leben …

… auf dem Mont Blanc sein, einmal auf dem Dach der Alpen stehen. Für viele Menschen ist dies der ultimative Traum. Man könnte jetzt anfangen darüber zu philosophieren, warum gerade der Mont Blanc (4.810 m) – der Mount Everest für uns an kleinere Berg-Dimensionen gewöhnte Europäer – eine solch magische Anziehungskraft gerade auch auf Nichtalpinisten und Hobby-Bergsteiger ausübt? Müßig – schließlich stellt ja auch niemand das Leistungsprinzip in der westlichen Zivilisation in Frage!

Es ist, wie es ist. Und von den unzähligen Routen auf den Gipfel des Mont Blanc kommt letztendlich eben auch nur diese eine für Gelegenheitsbergsteiger in Frage: Der Aufstieg über den Normalweg, sprich von der Endstation Nid d’Aigle über die Hütten Tête Rousse und Goûter, weiter zum Dôme du Goûter und über den Bossesgrat auf den Gipfel. Rückweg wie Hinweg (normalerweise). Und warum nicht?

Auf den letzten Metern auf dem Bossesgrat zum Gipfel öffnet sich ein spektakulärer Tiefblick nach Westen. | Foto: Ralf Gantzhorn
Auf den letzten Metern auf dem Bossesgrat zum Gipfel öffnet sich ein spektakulärer Tiefblick nach Westen. | Foto: Ralf Gantzhorn

Besteigung des Mont Blanc über den Normalweg und die Aiguille du Goûter

Die Route ist – abgesehen vom Zustieg zum Refuge de l’Aiguille du Goûter – objektiv sicher, bei Übernachtung auf diesem 3.835 Meter hohen Stützpunkt relativ kurz und hat landschaftlich einiges zu bieten. Der morgendliche Aufstieg im begrenzten Lichtkegel der Stirnlampen, das langsame Erwachen des Tages über den Lichtern von Chamonix, das irisierende Blinken der Firngrate in der ersten Sonne, Blicke wie aus dem Flugzeug oben am Gipfel. Oder wie Walter Bonatti, einer der ganz Großen unserer Zunft, es ausdrückte: „Friedvoll, vollkommen losgelöst von der Unrast der Welt, im Schutz eines Felsvorsprungs, der über den Brenvagletscher ragt, erscheint mir die Erde so, wie der Adler auf seinem Flug sie sieht.“

Wie ein gestrandetes Raumschiff: das Refuge de l'Aiguille du Goûter | Foto: Ralf Gantzhorn
Wie ein gestrandetes Raumschiff: das Refuge de l’Aiguille du Goûter | Foto: Ralf Gantzhorn

O.K. – fairerweise müssen wir jetzt auch ein wenig auf die Schattenseiten dieser mit großer Sicherheit beliebtesten Hochtour der Alpen eingehen: eben ihre Beliebtheit! An schönen Sommertagen sind es allmorgendlich rund 200 Personen, die den Aufstieg vom Refuge de l’Aiguille du Goûter zum rund fünf Stunden entfernten Gipfel versuchen. Was die Hütte vor nicht unerhebliche logistische Probleme stellt (Reservierung zwingend!). Und da wir in einer Gesellschaft leben, wo die Nachfrage den Preis bestimmt, darf man sich über gesalzene Preise nicht wundern: Eine kleine Flasche Cola kostete im Sommer 2015 stolze 8 Euro. Kommen wir zum unerquicklichsten Aspekt unserer Traumroute: Man sollte vorher akklimatisiert sein! Leider scheinen viele Mont-Blanc-Aspiranten dieses Wort noch nie gehört zu haben – Details zu den Hinterlassenschaften links und rechts der normalerweise gut ausgetretenen Spur ersparen wir uns hier.

4.810 m sind kein Pappenstiel und die Luft da oben ist ganz schön dünn. Wer also ein wenig das ABC des Bergsteigens in großer Höhe bei der Vorbereitung für diese Tour berücksichtigt hat, ist klar im Vorteil und erlebt mit großer Wahrscheinlichkeit einen Bergtag, der für immer ein Markstein in seinem Leben sein wird. Einmal auf dem Mont Blanc!

Adaptierte Textversion, mit freundlicher Genehmigung des Bergverlag Rother.

Alle Daten zur Besteigung des Mont Blanc über die Aiguille du Goûter

Anforderungen:

  • Schwierigkeiten: Firn bis 35°, im Fels Stellen UIAA II
  • Gefahren: im Sommer Steinschlag im Grand Couloir (früher Aufbruch!)
  • Material: Gletscherausrüstung

Ausrüstung benötigt? Hier geht es zur kompletten Hochtourenausrüstung bei Bergzeit:

Infrastruktur:

  • Talort: Chamonix, 1.050 m
  • Ausgangspunkt: Nid d’Aigle, 2.372 m, Ende der Zahnradbahn von Fayet-St Gervais

Stützpunkte:

  • Refuge de Tête Rousse, 3.167 m, Telefon +33 (0) 4 50 58 24 97, ca. 2 Std., 800 Höhenmeter Aufstieg
  • Refuge de l’Aiguille du Goûter, 3.835 m, Telefon +33 (0) 4 50 54 40 93, Reservierung zwingend erforderlich über +33 (0) 601486237 bzw. refugeduGoûter@hotmail.fr, ab April., Aufstieg (vom Nid d’Aigle) ca. 5 Std., 1.500 Höhenmeter

Gehzeiten Gipfelbesteigung ab Goûterhütte:

Der Normalweg auf den Mont Blanc führt vom Nid d'Aigle zur Tête Rousse-Hütte, durch das Grand Couloir zum Refuge d'Goûter und weiter über die Vallot-Hütte und den Bossesgrat zum Gipfel. | Foto: Hartmut Eberlein
Der Normalweg auf den Mont Blanc führt vom Nid d’Aigle zur Tête Rousse-Hütte, durch das Grand Couloir zum Refuge d’Goûter und weiter über die Vallot-Hütte und den Bossesgrat zum Gipfel. | Foto: Hartmut Eberlein
  • Aufstieg: 5 Std., 50 Höhenmeter Abstieg, 1.050 Höhenmeter Aufstieg
  • Abstieg zur Goûterhütte: ca. 2 Std.; weiter bis zum Nid d’Aigle: 3 Std.

Info:

  • Karten: IGN 3531 ET
  • Führer: Rother Hochtouren Westalpen Band 2
  • Erstbegeher: Leslie Stephen, F. F. Tucket, Melchior Anderegg, Johann-Josef Bennen und Peter Perren, 18. Juli 1861

Fazit zur Besteigung des Mont Blanc über den Normalweg

Der Normalweg vom Nid d’Aigle durch das Grand Couloir, die Goûter-Hütte und den Bossesgrat auf den Mont Blanc mag zwar „nur“ ein Normalweg sein. Trotzdem ist er aufgrund der objektiven Gefahren (Stichwort Steinschlag im Grand Couloir!), der großen Höhe und der an schönen Tagen recht hohen Frequentierung nicht zu unterschätzen. Eine sorgfältige Vorbereitung ist daher unabdingbar – sowie eine grundsolide Kondition und ein geschicktes Timing.

Text von Hartmut Eberlein und Ralf Gantzhorn. Adaptierte Version, mit freundlicher Genehmigung des Bergverlag Rother.

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