Die Berner Alpen rufen: Viereinhalb Hochtourentipps vom Finsteraarhorn bis hin zum Gspaltenhorn mit hochalpinem Ambiente und beeindruckender Alpenkulisse.

Grab Life by the Horns: der Werbespruch wurde mir während einer USA-Reise gefühlte drei Dutzend Mal auf Werbetafeln und beim Zappen durch die mehr als 200 Kanäle ins Hirn geritzt. Und weil in den Berner Alpen fast jede Erhebung ein Horn ist, werde ich dort immer noch davon verfolgt. Das Leben bei den Hörnern packen soll man nach Ansicht der Werbestrategen, indem man sich eine dieser ultraprotzigen Benzinschleudern der Marke Dodge zulegt. Doch wer das Motto lieber etwas preisgünstiger umsetzen will, bekommt jetzt einen Alternativvorschlag, bei dem man tatsächlich und sprichwörtlich ein paar Hörner packt und dabei auch noch wesentlich mehr Spaß hat als beim Autofahren.

Allerdings nur, wenn man körperliche Fitness nicht bloß vom Zuschauen beim Superbowl her kennt. Denn die Berner Alpen, die man mit den folgenden Tourenvorschlägen von allen Seiten erforschen kann, liegen in den Westalpen, wo Hüttenzustiege und Gipfelanstiege im Durchschnitt ein bisserl länger sind. Doch der eine oder andere Extra-Waldlauf als Vorbereitung lohnt sich, denn es handelt sich hier um ein Tourenmekka der Güteklasse Eins mit Sternchen. Und damit die Umgewöhnung auf hoch aufgetürmtes Gelände nicht allzu schwer fällt, ist unter den folgenden Tipps auch einer dabei, dessen Höhenmeter und Distanzen sich in zwei gut verdauliche Häppchen aufteilen lassen. Auf zum Hochtouren-Spaß in den Berner Alpen:

Finsteraarhorn (mit oder ohne Oberaarhorn): die Hörner-Großpackung

Hochtouren in den Berner Alpen befassen sich vor allem mit Hörnern: Auf dem Unteraargletscher, rechts das Lauteraarhorn-Schreckhorn-Massiv, links das majestätische Finsteraarhorn. | Foto: Stephan Bernau
Hochtouren in den Berner Alpen befassen sich vor allem mit Hörnern: Auf dem Unteraargletscher, rechts das Lauteraarhorn-Schreckhorn-Massiv, links das majestätische Finsteraarhorn. | Foto: Stephan Bernau

Doch fangen wir gleich mit dem dicksten Brocken an, dem höchsten Horn der Berner Alpen. Denn zu dieser sehr empfehlenswerten Gipfel-Großpackung gibt es hier im Bergzeit Magazin schon eine genaue Beschreibung, in der auch weitere Überblicksinfos zu Hochtouren in den Berner Alpen nachzulesen sind. Eigentlich ist diese Tour mit dem Oberaarhorn ja ein Doppelpack, doch da dieses quasi im Vorbeigehen mitgenommen wird oder auch weggelassen werden kann, handelt es sich hier um den „Eineinhalben“-Tourentipp. Was aber nicht heißt, dass das Oberaarhorn bloß eine halbe Portion wäre.

  • Tourdaten kompakt: Hochtouren Schwierigkeit WS+, Klettern Schwierigkeit II (am Finsteraarhorn oft vereist, dann schwieriger).
  • Zeitbedarf: Oberaar-Stausee (2.310 Meter) – Oberaarjoch(hütte SAC) (3.256 Meter) ca. 3-4 Stunden (bei Abstecher zum Oberaarhorn (3.631 Meter) ca. 2-3 Stunden zusätzlich), – Finsteraarhornhütte (3.078 Meter) via Rotloch ca. 3 Stunden, – Finsteraarhorn (4.274 Meter) ca. 4-5 Stunden.


Anmerkung: Die GPS-Koordinaten können aufgrund händischer Eingabe bis zu +/- 50 Meter von unserem Routenverlauf abweichen. Für metergenaue Exaktheit übernehmen wir daher keine Gewähr.

Tschingelhorn: Der Kleine mit dem großen Ambiente

Tschingelhorn-Gipfelaufbau im Morgenlicht Foto Stephan Bernau
Tschingelhorn-Gipfelaufbau im Morgenlicht. | Foto: Stephan Bernau

Im Vergleich zum Finsteraarhorn und auch zu Nachbarn wie Breithorn und Blümlisalp ist das Tschingelhorn ein lustiger kleiner Zipfel mit einem angenehm kurzen Zustieg von der Mutthornhütte. Dennoch ist dies keine nebenbei einzusackende Tour, denn beide Hüttenzustiege sind längenmäßig eher deftig. Wir wählten den Zustieg von Westen aus dem Kandertal: Ab Kandersteg geht es mit dem Bus (vorher reservieren, nähere Infos hier) oder dem Auto (mautpflichtig) in das wilde, urtümliche Gasterntal nach Selden. Dort beginnt der Wanderweg entlang der Kander hinauf zum Kanderfirn. Über den Gletscher geht es im Ambiente einer abgeschiedenen Hochgebirgswelt weiter zur Mutthornhütte. Von der Hütte führt der Normalweg bei weiterhin tollem Ambiente über den vergletscherten Rücken des Petersgrats im Halbkreis an die Südseite des Tschingelhorns. Dort befindet sich der Einstieg in die Gipfelflanke. Über einen je nach Jahreszeit kleineren oder größeren Bergschrund steigt man in den leichten, doch nicht immer festen Fels rechts des Couloirs ein, das vom Sattel zwischen Klein- und Groß-Tschingelhorn herabzieht. Nach etwa 300 Höhenmetern Kraxelei ist der Grat erreicht, dem man rechts zum Gipfel folgt. Dort heißt es, die Aussicht mit Vorsicht zu genießen, denn es kann nicht ausgeschlossen werden, dass man sich einen unheilbaren Tierisch-Bock-auf-Berge-Virus einfängt.

  • Tourdaten kompakt: Hochtouren Schwierigkeit WS, Klettern Schwierigkeit I-II.
  • Zeitbedarf: Selden (1.537 Meter) – Mutthornhütte SAC (2.901 Meter) ca. 6 Stunden, – Tschingelhorn (3.562 Meter) ca. 3 Stunden (alle Angaben von Zeiten und Höhenmetern für diesen und die folgenden Tipps nachgeschlagen bei Hikr.org).


Anmerkung: Die GPS-Koordinaten können aufgrund händischer Eingabe bis zu +/- 50 Meter von unserem Routenverlauf abweichen. Für metergenaue Exaktheit übernehmen wir daher keine Gewähr.

Gspaltenhorn – der gezähmte Widerspenstige

Gspaltenhorn: Zackig geht es am Gipfel zu. | Foto: Stephan Bernau
Gspaltenhorn: Zackig geht es am Gipfel zu. | Foto: Stephan Bernau

Hier endlich der versprochene leichtverdauliche Hochtouren-Tipp in den Berner Alpen. Allerdings nur, was die rein konditionellen Anforderungen angeht, denn es bleiben noch die Voraussetzungen Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und zumindest grundlegende Kletterfertigkeiten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Name der hier vorgeschlagenen Tour – Leiterngrat – angesichts der vielen Drahtseile und Steighilfen ziemlich treffend ist.

Ausgangspunkt ist die Gspaltenhornhütte, die sich in spektakulärer Lage unter der Blümlisalp-Nordwand im Gamchikessel befindet. Man erreicht sie am schnellsten über das ebenfalls wildschöne Kiental, in das man von Reichenbach aus bis zur Griesalp abzweigt (nähere Anreiseinfos hier). Auf dem Weg von dort zur Hütte lassen sich auch Familien mit Kindern sichten, was nahelegt, dass die Angelegenheit auch ohne vorherige Trainingsexzesse machbar ist.

Ähnliches gilt auch für die 1.000 Höhenmeter am folgenden Tag – wenn auch mit den gerade genannten Einschränkungen. Ein paar Schweißperlen nötigt der Geröllhang zum Bütlassensattel womöglich noch ab, doch von dort aus schwebt es sich luftig und anregend weiter in die Höhe, dem wild gezackten Gipfel entgegen. Der optische Eindruck lässt hier durchaus eine widerspenstige Knacknuss für verschärfte Alpinisten erwarten, doch die erwähnten Fixseile haben das wilde Horn auch für Gelegenheitsbergsteiger gezähmt. Ach ja, nicht vergessen: auch hier eröffnen sich bis zum Gipfel immer bessere Ein- und Ausblicke mit ernsthafter Bergvirus-Ansteckungsgefahr.

  • Tourdaten kompakt: Hochtouren Schwierigkeit ZS-, Klettern Schwierigkeit II-III (UIAA-Skala).
  • Zeitbedarf: Griesalp (1.408 Meter) – Gspaltenhornhütte SAC (2.455 Meter) ca. 3 Stunden, – Gspaltenhorn (3.436 Meter) ca. 4 Stunden.


Anmerkung: Die GPS-Koordinaten können aufgrund händischer Eingabe bis zu +/- 50 Meter von unserem Routenverlauf abweichen. Für metergenaue Exaktheit übernehmen wir daher keine Gewähr.

Lauteraarhorn – das stille Wasser

Lauteraarhorn: Aarbiwak mit Lauteraarhorn samt Südwandcouloir im Hintergrund. | Foto: Stephan Bernau
Lauteraarhorn: Aarbiwak mit Lauteraarhorn samt Südwandcouloir im Hintergrund. | Foto: Stephan Bernau

Das Beste zum Schluss: das Lauteraarhorn gilt als entlegenster Viertausender der Alpen und ist allein deshalb kein Burger-Fastfood, sondern ein Menü, das seinen Geschmack erst nach langer Kochzeit, einigem Arbeitseinsatz und ordentlichem Appetit auf Berge richtig entfaltet. Wer ursprüngliches Bergerlebnis in einem wilden Hochgebirgswinkel sucht, ist hier richtig.

Schon der Weg zum Aarbiwak ist eine eigene Bergtour in alpenweit einmaliger Umgebung. Über die Mittelmoränen von Unteraar-, Finsteraar- und Strahlegg-Gletscher schlängelt sich der zuletzt mit Stangen markierte Weg zu diesem kleinen, aber erstaunlich gemütlichen „Basislager“.

Vom Biwak folgt man dem Strahleggletscher weiter taleinwärts und steigt – je nach Schnee- und Firnlage – früher oder später schräg rechts die Hänge hinauf, die zum Südwandcouloir führen. Man sollte den Weg noch am Vortag möglichst genau erkunden, ansonsten sind Orientierungsprobleme morgens im Dunkeln vorprogrammiert. Im Couloir (oben bis 45° steil) geht es nahe an den linken Begrenzungsfelsen bis zum Südost-Grat, dem man bis zum Gipfel in festem, manchmal plattigem Fels folgt. Habe ich schon erwähnt, dass Ambiente und Aussicht hier einfach großartig sind?

  • Tourdaten kompakt: Hochtouren Schwierigkeit ZS, Klettern Schwierigkeit III (UIAA-Skala).
  • Zeitbedarf: Grimsel-Hospiz (1.950 Meter) – Aarbiwak SAC (2.731 Meter) ca. 6-7 Stunden, – Lauteraarhorn (4.042 Meter) ca. 5 Stunden
  • Besonderheit: beste Bedingungen für diese Hochtour in der Regel im Frühsommer, wenn in den Flanken und im Couloir noch viel gesetzter Schnee/Firn liegt.

Anmerkung: Die GPS-Koordinaten können aufgrund händischer Eingabe bis zu +/- 50 Meter von unserem Routenverlauf abweichen. Für metergenaue Exaktheit übernehmen wir daher keine Gewähr.

Mehr zum Thema Hochtour im Bergzeit Magazin

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