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Mehr als eine Fahrt

Ein Selbstversuch: Mit Bus und Bahn auf Skitour

5 Minuten Lesezeit
Eine Skitour gehen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen - will man das wirklich? Ist das nicht voll der Aufwand? Unser Autor und Skitouren-Experte Markus Stadler hat sich mit Frau, Kindern und Ski für Dich in die Bahn gesetzt. Wie gut das Ganze geklappt hat, erzählt er in seiner Kolumne.

Jetzt reicht’s! Eine geschlagene Stunde stehen wir im Stau. Für fünf Kilometer vom Spitzingsee bis hinab ins Leitzachtal. Für eine lächerliche Halbtages-Skitour! Ok, es sind Weihnachtsferien, es ist Pandemie, die Grenzen nach Österreich sind geschlossen. Aber so kann es nicht weitergehen.

Über die ganzen Deppen zu schimpfen, die meine Straße verstopfen bringt nichts, solange ich mich selbst zum Depp mache und mich beim nächsten Mal wieder in die Herde einreihe. Warum fahre ich nicht mit Bus und Bahn zum Spitzing? Nicht nur um Straßen und Parkplätze zu entlasten, sondern auch das Klima? „Das dauert viel zu lang!“ „Das ist zu teuer!“ „Mit Skitourengepäck geht das doch nicht!“ „Geht das überhaupt?“ Diese Vorurteile und Fragen prasseln aus meinem Umfeld auf mich ein.

Erst Stau, dann Parkplatzsuche: An schönen Winterwochenenden wird die Anreise mit dem eigenen PKW zum Geduldsspiel.

Markus Stadler

Erst Stau, dann Parkplatzsuche: An schönen Winterwochenenden wird die Anreise mit dem eigenen PKW zum Geduldsspiel.


Nicht lang schnacken – wir probieren’s aus!

Die Probe aufs Exempel führen wir kurze Zeit später durch. Wieder sind Ferien. Wieder wollen wir zum Skitourengehen ins Spitzinggebiet: Von Rosenheim, mit den Kindern und einer weiteren Familie, für vier Tage, auf eine Selbstversorgerhütte. Wir fahren mit dem Zug. Der ultimative Härtetest.

Los geht's! Schauen wir mal, wie die Anreise mit den Öffentlichen klappt.

Markus Stadler

Los geht’s! Schauen wir mal, wie die Anreise mit den Öffentlichen klappt.


Schon die Abfrage der Bahnverbindung sorgt für Ernüchterung: Zwei Stunden Fahrzeit vom Bahnhof Rosenheim bis zur Bushaltestelle am Spitzingsee. Die zehn Minuten Radeln zum Bahnhof und entsprechende Reserven mit den Kindern bis zum Bahnsteig sind da noch nicht eingerechnet. Von der Haustür weg bräuchten wir mit dem Auto 45 Minuten, alles inklusive. Ach ja – das gilt natürlich ohne Stau. Da war doch was…?  Uns geht’s aber ohnehin nicht um den maximalen Output in minimaler Zeit. Und zwei Stunden mit den Kindern im Zug sind allemal interessanter als eine Stunde eingepfercht im Auto.

Der Fahrkartenkauf – einfacher gesagt als getan

Die nächste Frage: Was kostet uns das? Jetzt wird’s wirklich kompliziert. Es gibt unzählige Fahrkarten: Deutsche Bahn, Bayerische Regionalbahn (BRB), RVO-Bus, Einzeltickets, Gruppentickets, Bayernticket. Ich stehe hilflos am blauen Fahrkartenautomat der Bayerischen Regionalbahn und versuche herauszufinden, mit welchem Ticket wir zum Spitzingsee fahren können. Vom Bayernticket der DB wissen wir, dass es im Nahverkehr normalerweise auch in Bussen gilt. Die Maschine macht mir ein Angebot, das nach Bayernticket klingt, aber beschränkt ist auf Züge der BRB. Sicher sind die Anschlussbusse darin auch inkludiert, sonst würde so ein Ticket ja wenig Sinn machen.

Leider eröffnet uns der Busfahrer am Schliersee, dass dem nicht so ist und es sich bei unserem Ticket wohl um eine Mogelpackung handelt. Wir müssen den Bus extra bezahlen. Doch damit nicht genug. Für die Rückfahrt wollen wir es besser machen und kaufen ein anderes Ticket. Diesmal eröffnet uns der Schaffner der BRB, dass diese Fahrkarte für seinen Zug nicht gilt. Zur richtigen Fahrkarte knöpft er uns 60 Euro Schwarzfahrer-Strafe ab und pampt uns zudem noch blöd an. Fazit: Dicke Minuspunkte fürs Öffi-Fahren!

Die Fahrkarten zu kaufen, ist nichts für Anfänger.

Die BRB scheint nicht nur mit schmutzigen Preistricks zu arbeiten, sondern auch bei der Auswahl ihres Personals nicht auf Umgangsformen zu achten.

Und wie läuft das eigentlich mit dem Gepäck?

Im Zug haben nicht nur wir, sondern auch unser Gepäck Platz - etwas anders sieht's im Bus aus.

Markus Stadler

Im Zug haben nicht nur wir, sondern auch unser Gepäck Platz – etwas anders sieht’s im Bus aus.


Die Ausrede „schwierig mit Gepäck“ hingegen erweist sich als vollkommen unbegründet. Wir haben wirklich viel Zeug dabei: Skitourenausrüstung, auch für die Kinder, die noch Hilfe brauchen, um damit in den Zug zu steigen, Essen für vier Tage, sogar Bettbezüge für die Hütte. Einzig im Bus zum Spitzingsee eskaliert die Situation kurz. Es handelt sich zwar um einen Bus, der ein Skigebiet anfährt. Erstaunlicher Weise gibt es aber keinen vorgesehenen Platz, um unsere Ski abzustellen.

Als in der ersten Kurve einige unserer notdürftig verstauten zehn paar Tourenski mit lautem Getöse auf den Boden krachen, flippt der Busfahrer aus. Auch beim RVO könnten sie an den Umgangsformen arbeiten – und sich Gedanken über die Ausstattung ihrer Busse machen.

Fazit: Ohne Auto auf Skitour – ja oder nein?

Somit komme ich zur abschließenden, alles überragenden Frage: Skitouren mit Bus und Bahn – geht das überhaupt? Die Frage kann eindeutig mit „Ja“ beantwortet werden. Wir hatten vier tolle Familienskitourentage in den Bayerischen Alpen, in denen es uns an nichts fehlte. Wir sind hingekommen wo wir wollten und auch wieder nach Hause. Die Fahrtkosten bewegten sich in dem Rahmen, was vier Tage Parkgebühr und Anfahrt mit dem Auto ungefähr auch ausgemacht hätten. Abgesehen von der Strafzahlung. Aber die verbuchen wir als Lehrgeld und über die charakterlichen Unzulänglichkeiten des Beförderungspersonals sehen wir dieses Mal auch einmal großzügig hinweg.

Diese Tour ist ein Extrembeispiel, das zeigt, was möglich ist, wenn man es möchte, aber auch, wieviel Luft noch nach oben ist. Allerdings habe ich in den letzten Jahren immer wieder Skitouren mit Zug und Bus unternommen, die meisten mit deutlich weniger Problemen. Die größte Hürde ist der Ticketkauf, zumindest in Deutschland. Damit muss man sich intensiv beschäftigen, oder man hat jemanden dabei, der sich wirklich gut damit auskennt. Der zweite Punkt ist der Wohnort, der gut angebunden sein muss. Um Verkehrschaos und Klimaschäden zu vermindern, kann es aber auch Sinn machen, mit dem Auto zu einem günstig gelegenen Bahnhof zu fahren.

Mit dem Zug in die Berge: Auf jeden Fall ein Erlebnis!

Markus Stadler

Mit dem Zug in die Berge: Auf jeden Fall ein Erlebnis!


Letztendlich waren alle Öffitouren ein Erlebnis, mehr als die meisten Unternehmungen, zu denen wir ganz gewöhnlich mit dem Auto angereist sind. Allerdings sollte man sich dafür eine andere Herangehensweise angewöhnen. Den Anspruch, jeder Berg und jedes Ziel müsse mit ÖPNV genauso schnell und bis zum letzten Meter erreichbar sein wie mit dem Auto, darf man getrost begraben. Das wird wohl nie der Fall sein, nicht einmal von einem gut angeschlossenen Wohnort.

Wer hingegen zuerst überlegt, wo er von seiner Destination aus gut mit Bahn und Bus hinkommt und sich dann dort seine Skitouren aussucht, wird plötzlich ganz andere Möglichkeiten entdecken: neue Ziele, abwechslungsreiche Überschreitungen oder spannende Skisafaris.

Ich kann nur raten: Lass Dich drauf ein und probiere es selbst aus!

Markus Stadler

Es gilt zwar einige Schwierigkeiten zu meistern, aber Bergsteiger sind es ja gewohnt, sich Herausforderungen zu stellen. Der Aufwand lohnt sich: Man erlebt mehr und schont zudem Klima, Natur und Anwohner!

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Sepp
2 Monate

Selbst vom Bahnhof Rosenheim aus ist es Problematisch. Jetzt versuch mal eine Tagestour von Deggendorf, Straubing, Viechtach, Cham usw. Es gibt auch noch Tourengeher außerhalb des Münchner Speckgürtels. So lange das hier nicht klappt, hört auf mit dem Schmarrn. Es gibt Regionen, das ist man auf das Auto angewiesen.

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Webmaster
2 Monate

Ja das können sie, einem Schwarzfahren unterstellen und pampig werden. Auf dem Bayernticket nicht alle Mitfahrer eingetragen? Die Streifenkarte vor der letzten Tariferhöhung gekauft? Das Zonen-System nicht kapiert? Dumm gelaufen… Wenn sie einem wenigstens die ständigen Verspätungen erstatten würden mit nur 10 Cent pro Minute, dann hätte man die 60 Euro schnell wieder herin.

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