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Starke Seilschaften

Mehrseillängen klettern – so funktioniert’s

8 Minuten Lesezeit

Wer schon einmal einen Berg oder eine Wand als Mehrseillänge beklettert hat, weiß: Hier ist viel mehr technisches Know-How gefragt als beim Sportklettern. Dafür wird man aber auch reichlich belohnt: Mit spektakulären Aus- und Rundumblicken, einem Extra-Adrenalinkick dank der Ausgesetztheit und natürlich dem tollen Gefühl, als Seilschaft gemeinsam etwas Großes geleistet zu haben. (Du bist ganz neu in der Thematik? In diesem Beitrag erfährst, was Mehrseillängen klettern bedeutet und was Du dafür brauchst).

Bevor wir Dir Details zu Planung, Standplatzbau, Seilkommandos etc. geben, ein wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt nicht das Erlernen der Mehrseillängentechnik in einem Kurs mit einem erfahrenen Bergführer. Wenn Du Dich mit dem Thema vorab noch nie beschäftigt hast, solltest Du Dir alles Wichtige unbedingt von einem erfahrenen Alpinisten zeigen lassen – reines „Anlesen“ genügt nicht und kann sehr gefährlich sein. Dieser Beitrag dient lediglich dazu, Dein bereits vorhandenes Wissen wieder aufzufrischen.

Planung der Tour

Die Länge und die Schwierigkeit der Tour sollte weise gewählt werden. Klar, der Hunger ist manchmal größer als der Magen. Aber besser ist es, sich langsam heranzutasten, damit eine fordernde Tour nicht zur Überforderung wird. In die Planung sollte man auch immer den Zustieg und sicheren Abstieg planen, denn nach einer langen Tour sind nicht nur die Arme, sondern auch die Beine schwer. Ein akribischer Wettercheck ist ebenfalls notwendig, um die Gefahr eines Wetterwechsels zu minimieren. Denn sich in eine Felshöhle zu verkriechen, um das Regenradar zu checken, ist nur halb so cool, wie es aussieht.

Mittlerweile sind viele neue und „gute alte“ Routen in Kletterführern mit einer „Topo“ beschrieben. Dies ist meistens eine schematische Skizze der Route mit Informationen zu den Schlüsselstellen, Kletterabschnitten und Schwierigkeitsgraden. Zusätzlich findet man da auch Informationen über die empfohlene Seillänge, Anzahl der verwendeten Expressen sowie die Güte der Absicherung, die von „sehr gut“ (= Sportklettern) bis zu „moralisch“ (= fast bohrhakenfrei) gehen kann.

Da man an Felswänden unterwegs ist, die man nicht so schnell verlassen kann, sollte man das Wetter vorher gut gecheckt haben ....

Vero und Alex Wöckner

Da man an Felswänden unterwegs ist, die man nicht so schnell verlassen kann, sollte man das Wetter vorher gut gecheckt haben ….


.... und eine Topo, eine Skizze der Route mit den wichtigsten Infos, dabei haben.

Vero und Alex Wöckner

…. und eine Topo, eine Skizze der Route mit den wichtigsten Infos, dabei haben.


Material- und Partnercheck

Vor jeder Tour sollte in einer Seilschaft der Material- und Partnercheck zum elementaren Bestandteil der Vorbereitung gehören. Im Vier-Punkte-Check „Sicherung, Gurt, Einbindeknoten und Seil“ hinterfragt man sich am besten selbst:

  • Hat jeder ein Sicherungsgerät und genügend Karabiner?
  • Ist das Seil noch in Ordnung?
  • Sitzt der Gurt richtig und sind alle korrekt eingebunden?

Vorsicht ist hier um einiges gesünder als Nachsicht. Ein Blick in die Topo und eine Besprechung der Taktik gehört ebenfalls zum Check dazu, bevor es endlich losgehen kann.

Vorstieg der ersten Seillänge

Der Vorsteiger oder die Vorsteigerin (VS) trägt in der Regel das zum Zwischensichern und Standplatzbauen notwendige Material am Gurt. Je nachdem, wie viel Equipment und Hausrat man dabei hat, klettert der VS auch ohne Rucksack – diesen nimmt der im Nachstieg kletternde Partner mit. Der VS visiert den ersten Fixpunkt an und klettert los. Ist ein Bohrhaken vorhanden, so wird dieser zum Einhängen einer Expresse verwendet. Ist kein Bohrhaken in Sicht, so wird analog mit einer mobilen Sicherung gesichert. Vor allem bei Seillängen über 20 bis 25 Meter kann der Zug auf dem Seil für den VS relativ groß werden. Klettert man mit Halbseilen, gibt es einen Trick: In die erste Zwischensicherung werden beide Halbseile geclipped. Ab der zweiten Zwischensicherung können die Seile abwechselnd geclipped werden. Dadurch wird der Seilzug etwas reduziert, aber es erfordert auch etwas mehr Geschick beim Sichern.

Der Nachsteiger oder die Nachsteigerin (NS) sichert derweil mit der üblichen Technik, zum Beispiel mit Reverso am Gurt, und achtet darauf, dem VS rechtzeitig genügend Seil auszugeben, ohne dass Schlappseil entsteht.

Standplatzbau

Je nach Routenbauer oder Alter der Route variiert die Anzahl der Fixpunkte und auch deren Qualität. Im Idealfall sind zwei abgerundete oder mit Ringen versehene Standplatzbohrhaken vorhanden, die zum Einhängen von Karabinern oder des Seils beim Abseilen verwendet werden können. Am besten hängt der VS einen Schraubkarabiner oder ein weiches Auge in einen der Fixpunkte, in welchen die Selbstsicherung und Partnersicherung eingehängt werden.

Beim Standplatzbau muss man auf die vorhandenen Fixpunkte achten ...

Vero und Alex Wöckner

Beim Standplatzbau muss man auf die vorhandenen Fixpunkte achten …


.... und sollte Seilchaos tunlichst vermeiden.

Vero und Alex Wöckner

…. und sollte Seilchaos tunlichst vermeiden.


  • Bei der Reihenschaltung wird an einem einzigen soliden Fixpunkt gesichert. Ein zweiter unbelasteter Fixpunkt wird über eine möglichst kurze Bandschlinge mit dem ersten verbunden und dient lediglich der Redundanz. Oft sind dafür zwei Fixpunkte bereits mit einer Kette verbunden, so dass man sich die Bandschlinge sparen kann.
  • Handelt es sich bei den Fixpunkten um zwielichtige Haken oder man sichert mobil, dann möchte man lieber mindestens zwei Fixpunkte belasten und zwischen diesen die Kräfte gleichmäßig verteilen. Hierzu werden die Fixpunkte mit einer ausreichend langen Schlinge verbunden. Dann wird mit einem Mastwurf oder Ankerstich ein Zentralpunktkarabiner eingehängt, über welchen die weiteren Absicherungen erfolgen.

Kommunikation beim Klettern

Bisweilen steht der vorsteigende Kletterer 50 Meter höher in der Wand als der Nachsteigende und die Felsstruktur oder Flora versperren sogar den Blickkontakt. Da ist eine erfolgreiche Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg. Dabei sind folgende Sprachkommandos üblich, sollten jedoch vor dem Toureneinstieg abgesprochen sein, um am Ende doch nicht nur Bahnhof zu verstehen.

Geübte Seilschaften arbeiten auch gerne mit wortlosen Kommandos, um nicht ohrenbetäubend durch die Gegend schreien zu müssen oder weil einfach zu viele Seilschaften unterwegs sind, was schnell zu Missverständnissen führen kann.

Nachsteigen

Sobald zum Nachstieg alles parat ist, klettert nun der NS im Toprope und räumt alle Zwischensicherung ab, während der VS auf eine gesunde Seilspannung achtet. Gesund bedeutet dabei weder zu viel noch zu wenig. Beim Aufstieg sollte der VS auch bereits auf die Routenführung, Querungen oder Überhangpassagen achten und den Seilzug entsprechend variieren. Hat der Seilpartner Probleme schwierige Stellen zu meistern, kann der VS mittels Expressflaschenzug auch mit etwas Zug von oben aushelfen. Sobald der nachsteigende Kletterer den Stand dann jedoch erreicht hat, hängt er oder sie sich mit der Selbstsicherung ein und feiert erstmal die erste Seillänge.

Ab in die zweite Seillänge

Je nachdem, ob man nun überschlagend klettern möchte, ist die Sicherung umzubauen und der weitere Routenverlauf in Angriff zu nehmen, bis das Ziel erreicht ist. Und immer daran denken: Der Weg ist das Ziel!

Autor Alex überlegt sich beim Angriff der zweiten Seillänge, wo er am besten weitermachen kann.

Vero und Alex Wöckner

Autor Alex überlegt sich beim Angriff der zweiten Seillänge, wo er am besten weitermachen kann.


Abstieg oder Abseilen

Nicht alle Routen bieten die Möglichkeit, sich abzuseilen oder ein Abseilen kommt auf Grund von nachfolgenden Seilschaften nicht in Frage. Für den Abstieg via Wanderweg lohnt es sich dann, die Kletterschuhe gegen Zustiegsschuhe zu tauschen. Ist der Retourweg über die Kletterwand eine Option, so sollte die Abseiltechnik geübt sein. Wichtig ist auf jeden Fall eine Seilsicherung mittels Prusikschlinge, die mit der Bremshand geführt wird. Der Knoten an den Seilenden, welcher ein Durchrutschen verhindern soll, hat schon so manches Unglück abgewendet.

Ist eine Abseilpiste vorhanden, so findet man in der Regel in gleichmäßigen Abständen Standplätze, an denen man besser nicht vorbeirauscht. Und beim Abziehen des Seils ist besonders große Vorsicht geboten, denn wenn ein Fußball-großer Stein gerade einmal eine halbe Armlänge an einem vorbeidonnert, guckt man ziemlich blöd aus der Wäsche. Ansonsten seilt man sich je nach Verwendung von Einfachseil oder Halbseilen von Standplatz zu Standplatz ab, bis man wieder sicher auf dem Boden steht.

Falls Abseilen möglich ist, sollte die Technik geübt sein ...

Vero und Alex Wöckner

Falls Abseilen möglich ist, sollte die Technik geübt sein …


... und das Seil mittels Prusikschlinge gesichert werden.

Vero und Alex Wöckner

… und das Seil mittels Prusikschlinge gesichert werden.


Gefahren beim Mehrseillängen klettern

Neben den eigenen Unzulänglichkeiten und Unaufmerksamkeit sind die Gefahren beim Mehrseillängen klettern größer als beim Klettern im Klettergarten. Man befindet sich meist ausgesetzt an einer Wand und ist je nach Route dem launischen Bergwetter ausgeliefert. Rückzugsmöglichleiten sind nicht immer vorhanden, wenn das Wetter umschlägt. Das heißt, wenn man an der sechsten von zwölf Seillängen hängt und die Kaltfront ankommt, wird man es so schnell weder zum Ausstieg noch zum Einstieg schaffen. Dies gilt auch für den Abstieg im alpinen Gelände, der bei Schlechtwetter schnell zum Risiko werden kann. Je nach Jahreszeit und Exposition muss natürlich auch mit Steinschlag gerechnet oder die Lawinensituation im Auge behalten werden. Last but not least, muss im Worstcase in einer MSL-Tour auch mit erschwerten Rettungsmöglichkeiten gerechnet werden, da das Gelände nicht immer leicht zugänglich ist.

So schön Mehrseillängen klettern auch ist, man sollte Vorsicht walten lassen und nicht nur das Wetter im Auge behalten, ....

Vero und Alex Wöckner

So schön Mehrseillängen klettern auch ist, man sollte Vorsicht walten lassen und nicht nur das Wetter im Auge behalten, ….


... sondern auch die Umgebung, sei es wegen der Steinschlag- oder auch Lawinengefahr.

Vero und Alex Wöckner

… sondern auch die Umgebung, sei es wegen der Steinschlag- oder auch Lawinengefahr.


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