Wer als Anfänger mit dem Freeriden beginnt, sollte sich vorher grundlegend informieren. Tiefschnee-Expertin Anna Widmesser gibt zahlreiche Tipps, was man beim ersten Ausflug in unberührte Hänge beachten sollte.

Skifahren ist das eine – Freeriden das andere. Speziell für Anfänger gibt es beim Start in den Tiefschnee einiges zu beachten. Immer häufiger flimmern kurze, beeindruckende Skivideos über unsere Handys, PCs oder Tablets. Als Betrachter beobachtet man, wie waghalsige Freerider unverspurte, jungfräuliche Schneehänge erstbefahren – die Traumvorstellung von allen, die jemals dem Skivirus verfallen sind!

Der hüfthohe Schnee wirbelt zu beiden Seiten hoch, der Freerider fährt völlig schwerelos und glückselig den Hang hinab. Man bleibt mit dem Gedanken „Das will ich auch!“ zurück. Und so entsteht bei vielen Anfängern der Wunsch, auch ein „Freerider“ zu werden und sich genauso frei abseits der Pisten zu bewegen…

Freeride – erste Schritte für Anfänger

Was bei Profis so leicht und unbeschwert aussieht, erfordert jahrelanges Training und intensive Vorbereitung. Um den Einstieg für Anfänger zu erleichtern, haben wir die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengefasst.

Was ist überhaupt Freeriden?

Freeriden ist eine vergleichsweise neue, leicht abgeänderte Version des altbekannten „Abseitsfahrens“ oder schlichtweg Skifahrens. Schon vor Expansion der Skigebiete und bevor plattgewalzte Pisten die Berghänge „verzierten“, bestiegen Menschen Berge – nur um anschließend auf ihren Skiern wieder hinunterzupflügen. Über die Jahre wurden die Skifahrer immer mutiger und trauten sich, auch steilere und schwierigere Hänge zu befahren. Was früher ausschließlich Extremskifahrer wagten, wird heutzutage aufgrund der verbesserten Technologie und aufgrund des für jedermann erlernbaren Fachwissens auch für Gelegenheitsskifahrer möglich. Und so entwickelte sich mit den Jahren ein weltweiter Trend.

Was erwarte ich vom Freeriden?

Auf diese Frage kann man keine allgemeingültige Antwort geben. Einsteiger müssen für sich selbst entscheiden, ob es Spaß macht, beim Skifahren mit einem gewissen Risiko kalkulieren zu müssen. Spaß, Nervenkitzel und tolle Erlebnisse in der Natur sind jedoch die Belohnung für all die Anstrengung und Vorbereitung.

Freiheit beim Freeriden - ein echter Pulvertraum. | Foto: Dynafit
Freiheit beim Freeriden – ein echter Pulvertraum. | Foto: Dynafit

Die Spielarten des Freeridens

Freeriden – Skilifte nutzen oder komplett unabhängig?

  • Vorteil Skigebiet: bequemer und schneller Zugang zu vielen verschiedenen Hängen, meist nur kurze Zustiege mit den Ski am Rücken, um die perfekte Abfahrt zu bekommen. Da man kaum selbst Höhenmeter bewältigt, hat man genug Energie, um mehrere anspruchsvollere Fahrten an einem Tag zu machen. Die Zubringerwege sind gut gewalzt und man erreicht schnell andere Hänge.
  • Nachteil Skigebiet: Liftkarten sind meist sehr teuer und die Skigebiete oft überlaufen (selbst abseits der Pisten ist immer mehr los), für unberührten Schnee muss man einer der Ersten an der Bahn sein. Trotzdem muss man sich in schneearmen Zeiten zum Freeriden (wie im Winter 2015/16) weit von den Liften entfernen. Des weiteren sind die zugänglichen Hänge vom Skigebiet vorgegeben, man hat also keine uneingeschränkte Auswahl.
  • Vorteil Skitour: relativ uneingeschränkte Auswahl an Bergen, Touren, Hängen (immer abhängig von Schneemenge, Ausrichtung, Wetterlage, Schutzgebieten, Lawinengefahr und Zugänglichkeit). Abhängig von der Tour ist deutlich weniger los als in den Skigebieten. Man kann zudem die Ruhe und Abgeschiedenheit genießen. Die Kosten sind niedriger und man trainiert die Ausdauer sowie den ganzen Körper.
  • Nachteil Skitour: Vor allem für Anfänger ist es sehr anstrengend, die ersten Skitouren zu bestreiten – schließlich muss man sich jeden Höhenmeter hart verdienen. Anfangs wird man maximal ein bis zwei Aufstiege pro Tag schaffen und damit auch nur ein bis zwei Abfahrten. Oft ist man so erschöpft vom Aufstieg, dass die Abfahrt kein echter Genuss mehr ist. Aber Übung macht den Meister!

Ist meine Fahrtechnik gut genug, um mich abseits zu bewegen?

Unpräparierte Hänge benötigen um einiges mehr Fahrkönnen als plattgewalzte Pisten. Die Hänge und auch der Schnee sind uneben, technisch schwerer zu fahren und oftmals auch schwer einschätzbar. Sprich: Es können jederzeit kleine Hügel, Felsspitzen, Absätze und Mulden im Hang oder unter Schnee verborgen sein, auf die man sehr schnell reagieren muss. Und vor allem benötigt es im Tiefschnee eine andere Fahrweise als auf der Piste.

Je umfangreicher das Fachwissen, desto besser

Welches Wissen benötigen Anfänger für das Freeriden?

Vor jeder Tour in ungesichertes Gelände sollte man unbedingt wissen, wie es mit der aktuellen Lawinensituation aussieht. Schließlich kann man bei einer falschen Einschätzung sich selbst und auch andere gefährden. Zu diesem Thema gibt es im Bergzeit Magazin einen eigenen Artikel: „Lawinensicherheit: Im Ernstfall besser vorbereitet„. Darüber hinaus ist es Pflicht, sich vor dem Freeride-Ausflug aktuelle Informationen zur Lawinenlage über das Internet zu holen. Professionelle Lawinenwarndienste gibt es inzwischen in (fast) jedem europäischen Land, in dem es Berge gibt.

Infos und aktuelle Lawinenlageberichte findet man unter folgenden Links:

Die Jugend des Deutschen Alpenvereins (JDAV) betreibt zudem mit Check Your Risk (CYR) eine Kampagne, die Neulingen das richtige Verhalten im Schnee nahebringt.

Wer im schwierigen Gelände unterwegs ist, sollte eine Freeride-Schulung gemacht haben. | Foto: Black Crows
Wer im schwierigen Gelände unterwegs ist, sollte eine Freeride-Schulung gemacht haben. | Foto: Black Crows

Wettercheck – für Anfänger beim Freeriden unerlässlich

Vor allem bei Skitouren ist neben dem Prüfen der Lawinenlage ein sorgfältiger Wettercheck nötig, da man unter Umständen über längere Zeit abseits der Zivilisation unterwegs ist. Ein unerwarteter Wetterumschwung kann schlimme Folgen haben und einen harmlos startenden, strahlend schönen Skitag in ein unkalkulierbares Risiko verwandeln. Wir empfehlen, sich vor dem Start in den Schnee bei verlässlichen Quellen zu informieren.

Verlässliche Wetterinfos gibt es unter den folgenden Links:

Richtiges Verhalten, oder: Der Freeride-Knigge

Gibt es abseits der Piste andere Verhaltensregeln als auf der Piste?

Generell gilt es überall, weder sich noch andere zu gefährden. Man sollte sich den Gegebenheiten anpassen und stets mit einem Sicherheitspuffer unterwegs sein. Abseits sind (abgesehen von den Modetouren und -hängen) weniger Skifahrer unterwegs. Somit gilt für jeden die unausgesprochene Pflicht, im Notfall einander zu helfen, denn die Rettung ist nicht so schnell vor Ort wie im Skigebiet.

Pisten sind präpariert und mit Schildern ausgewiesen. Dass es abseits keine Markierungen gibt, bedeutet nicht automatisch, dass man überall „querbeet“ fahren darf. In vielen Bergregionen gibt es Richtlinien für umweltfreundliches Freeriden und Skitourengehen, die unbedingt eingehalten werden sollten, damit auch noch viele weitere Generationen die Natur genießen können. Ein gutes Beispiel ist das Konzept „Skitouren umweltfreundlich“ des Deutschen Alpenvereins (DAV). Also Vorsicht walten lassen und sich vorab schon über die Besonderheiten und Schutzzonen informieren!

Reicht es, als Anfänger anderen Freeridern hinherzufahren? Oder einfach nur ihre Spur zu benutzen?

Klares Nein! Erstens weiß man als Anfänger nie, wie genau andere Fahrer über die aktuellen Begebenheiten informiert sind. Zweitens ist jeder für seine eigene Sicherheit verantwortlich – und nicht jede Spur führt ins Glück.

Die hohe Kunst des Freeridens: richtige Risikoeinschätzung. | Foto: Völkl/Adam Clark
Die hohe Kunst des Freeridens: die richtige Risikoeinschätzung. | Foto: Völkl/Adam Clark

Die Qual der Wahl – das Material

Welches neue Material benötige ich fürs Freeriden?

Die wichtigsten Neuanschaffungen sind LVS-Gerät, Schaufel und Sonde. Mehr Infos zu Lawinenverschüttetensuchgeräten (LVS-Geräten) gibt es in unserer Marktübersicht LVS-Geräte. Mit dem LVS-Gerät kann man selbst im Falle einer Lawinenverschüttung schnell gefunden werden – man kann aber auch anderen in Notsituationen helfen. Mittlerweile ist auch ein Lawinenrucksack, der im Falle einer Lawinenauslösung den Auftrieb des Fahrers deutlich erhöht und ihn somit an der Oberfläche einer Lawine hält, nicht mehr wegzudenken.

Um den Tiefschnee optimal ausnutzen zu können, braucht man zusätzlich noch die passenden Ski. Freerideski zeichnen sich durch ihre breite Bauweise aus. Je breiter der Ski, desto besser schwimmt man auf dem Schnee und pflügt umso leichter durch noch so hohen Powder. Für das Freetouring – also die Kombination aus Freeriden und Skitourengehen – gilt im Endeffekt genau das Gleiche. Nur müssen hierbei die Ski – und Skischuhe auch über einen Aufstiegsmodus verfügen. Bei Bergzeit gibt es eine große Auswahl an Skitourenausrüstung.

Ist es als Anfänger sinnvoll, vorab einen Freeridekurs zu besuchen?

In jedem Fall! Zwar bringt es schon einmal viel, zusammen mit geübten Freunden die ersten Schritte ins Abseits zu wagen – viel besser ist es jedoch, sich selbst im Rahmen eines Kurses auf die Gefahren und Herausforderungen im Gelände vorzubereiten. Im Kurs trainiert und übt man unter professioneller Anleitung den korrekten Umgang mit der eigenen Notfallausrüstung (LVS, Schaufel, Pieps,…). Man erlernt zudem die Planung einer Tiefschnee-Tour. Die Kursinhalte erstrecken sich von der Interpretation eines Lawinenlageberichts über die taktische Spuranlage, dem Erkennen von Gefahrenstellen im Gelände bis zu souveränem Verhalten am Berg. Gerade für Einsteiger ist ein Kurs die optimale Möglichkeit, alles Wichtige über das Freeriden zu erfahren und – ein nicht unwichtiger Punkt – neue Skifreunde kennenzulernen.

Abschließend wünschen wir allen Anfängern bei ihren ersten Freeride-Ausflügen viel Spaß und eine unfallfreie Saison!

Bist Du startklar für den Powder oder brauchst Du noch Freeride-Ausrüstung?

Weitere nützliche Artikel zum Thema abseits der Piste:

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