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"Die Berge sind ein großer Spielplatz"

Im Gespräch mit Profi-Skibergsteiger Toni Palzer

10 Minuten Lesezeit
Nach dem Wake up Run auf der Outdoor Messe in Friedrichshafen ("ein schneller Trainingslauf") hat Basti Fiedler den Dynafit-Athleten zum Interview über Training, Motivation und Leidenschaft getroffen.

Anton „Toni“ Palzer galt lange Zeit als eines der Talente im Skibergsteigen in Deutschland. In der Juniorenklasse hat er so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Nun macht er sich daran, dies auch bei den Erwachsenen nachzuholen. Neben einigen Podiums-Platzierungen im Weltcup war es vor allem der Vizeweltmeistertitel im Vertical (2015), der die Szene hat aufhorchen lassen. Hinzu kommen Gesamtweltcup-Siege sowie Weltmeistertitel in der Juniorenklasse. Neben einer gehörigen Portion Ehrgeiz und viel Wille scheint es vor allem seine Liebe zu den Bergen zu sein, die ihn so erfolgreich macht und ihm die nötige Lockerheit gibt, um im Weltcup zu bestehen. Für ihn bedeutet das Tourengehen mehr als nur ein Beruf – es ist sein Hobby und sein Leben. Daher geht er auch mit Niederlagen souverän um – und lernt aus ihnen.

Toni Palzer nach dem Wake Up-Run auf der Outdoor Friedrichshafen (2015) beim Interview. | Foto: Basti Fiedler
Toni Palzer nach dem Wake Up-Run auf der Outdoor Friedrichshafen (2015) beim Interview. | Foto: Basti Fiedler

Friedrichshafen, Messegelände, 9:03 Uhr – Toni Palzer kommt mit einem lockeren Schritt, zackigen Tempo aber immerhin Schweiß im Gesicht ins Ziel des Dynafit Wake Up Runs. Als Zweiter – knapp über eine Stunde hat er für die gut 17 Kilometer gebraucht. Im hügeligen Gelände versteht sich. Für einen Lauf am Morgen nach einer Nacht mit wenig Schlaf sicherlich eine gute Bilanz. Ich schnappe mir Toni nach einer kurzen Verschnaufpause und bitte ihn zum Interview fürs Bergzeit Magazin.

„… zielstrebiger, lustiger Athlet, der nicht nur den Sieg im Kopf hat …“

Basti Fiedler: Guten Morgen Toni, und wie war der Dynafit Wake up Run?

Toni Palzer: Anstrengend nach der etwas kurzen Nacht, aber eine schöne Runde am Morgen …

Zum Einstieg – würdest Du Dich in ein paar kurzen Worten selbst beschreiben.

Toni Palzer: Ich denke, ich bin ein zielstrebiger, lustiger Athlet, der nicht nur den Sieg im Kopf hat. Meine Einstellung ist mehr, dass man auch aus Niederlagen lernen kann und nur so besser wird.

Erzähl uns doch mal, wie Du überhaupt zum Skitourenrennen gekommen bist?

Toni Palzer: Durch meine Eltern. Mein Vater war der erste Deutsche Meister im Skibergsteigen 2003. Ich bin in den Bergen aufgewachsen und im Berchtesgadener Land hat man eigentlich nur die Möglichkeit Skifahrer, Langläufer oder Skibergsteiger zu werden. Ich hab alles probiert – angefangen habe ich mit Langlaufen und bin dann, bis ich 14 Jahre alt war, Ski gefahren – aber das Skitourengehen war schon immer dabei. Meine erste Tour bin ich glaub mit fünf Jahren gegangen und mit 14 oder 15 Jahren hab ich mich dann dazu entschieden, Skibergsteiger zu werden.

Toni Palzer über Motivation und Training

"Ich bin in den Bergen aufgewachsen und im Berchtesgadener Land hat man eigentlich nur die Möglichkeit Skifahrer, Langläufer oder Skibergsteiger zu werden." | Foto: Oliver Jiszda/Red Bull Content Pool
„Ich bin in den Bergen aufgewachsen und im Berchtesgadener Land hat man eigentlich nur die Möglichkeit Skifahrer, Langläufer oder Skibergsteiger zu werden.“ | Foto: Oliver Jiszda/Red Bull Content Pool

Alle Sportler, egal ob Hobbyathlet oder Profi, kennen es: Mit der Motivation ist es nicht immer so einfach. Wie hältst Du die Motivation aufrecht oder ist die bei Dir sowieso da? 

Toni Palzer: Naja, es gibt bei mir schon auch mal Phasen, wo es auch im Rennen mal nicht so gut läuft – das zehrt dann auch an der Motivation. Aber ich hab wie gesagt die Einstellung, dass man daraus lernen kann. Und klar passiert es dann, dass die Motivation dann nachlässt. Ich bin zwar ehrgeizig, aber ich finde, man muss es dann auch nicht mit der Brechstange versuchen. Es kann dann auch sein, dass ich ein paar Tage schau, dass ich was anderes mach – mich mit Freunden treff, schwimmen geh und abschalte und dann kommt die Motivation normalerweise von alleine wieder.

Wie muss man sich Dein Training im Winter denn vorstellen? Stehst Du nur auf Skiern?

Toni Palzer: Ich bin im Winter eigentlich wirklich nur auf den Skiern unterwegs. Manche sagen, das sei nicht so gut, aber der Erfolg gibt mir vielleicht auch ein wenig Recht, dass es bei mir zumindest ganz gut funktioniert. Und Skibergsteigen ist für mich nicht nur Beruf, sondern auch mein Hobby und mein Leben, daher bin ich einfach gerne auf den Skiern.

Wie oft trainierst Du denn dann im Winter pro Tag?

Toni Palzer: In der Vorbereitung sind es in der Regel zwei Einheiten am Tag. Ab Januar lässt es dann aber schon etwas nach. Meistens haben wir Freitag, Samstag und Sonntag Wettkampf und dann steht montags oft Regeneration an mit Schwimmen und Physiotherapie. Und ja, dann geht es meistens schon wieder auf zum nächsten Wettkampf.

Du gehst ja mittlerweile gerade im Winter fast jedes Wochenende auf Wettkämpfe – gibt es dann auch ein Ritual an den Tagen vor einem Wettkampf?

Toni Palzer: Normalerweise beginnt meine Wettkampfvorbereitung schon drei Tage vor einem wichtigen Wettkampf. Ich pass dann mit der Ernährung noch mehr auf und versuch, richtig viel zu schlafen. Heut wars eher ein etwas spaßiger Wettkampf und ein sauschnelles Skitouren Training – was aber auch wirklich schön war. Aber die Vorbereitung heut war eher nicht so gut – wenig geschlafen, viel gegessen…

Skitouren-Off-Season: Das Training im Sommer

"... Im Sommer stehen vor allem Mountainbiken und Laufen auf dem Plan." | Foto: Dynafit/photonielsen.com
„… Im Sommer stehen vor allem Mountainbiken und Laufen auf dem Plan.“ | Foto: Dynafit/photonielsen.com

Gibt es denn auch mal ein paar Wochen im Jahr, wo Du absolut nichts machst?

Toni Palzer: Nach meinem letzten Rennen im Winter, also meistens so Ende April oder Anfang Mai, mach ich dann wirklich zwei bis drei Wochen gar keinen Sport. Das ist teilweise gar nicht so einfach, aber man braucht das auch mal zum Runterkommen. Ich bin ja auch noch jung und genieß es dann, in der Zeit auch mal gerne wegzugehen.

Nun besteht das Jahr ja nicht nur aus dem Winter – wie bereitest Du Dich denn im Sommer auf die Skisaison vor?

Toni Palzer: Im Sommer stehen vor allem Mountainbiken und Laufen auf dem Plan. Früher bin ich häufiger auch mal Bergläufe mitgelaufen im Sommer – mittlerweile sind es aber mehr Mountainbike-Rennen.

Das Leben als Skitouren-Profi und das Leben danach

Du betreibst das Ganze ja sehr professionell, bist auch eines der Gesichter der Trendsportart Skibergsteigen. Kannst Du davon leben oder machst Du nebenher noch etwas anderes?

Toni Palzer: Ich bin in der Sportfördergruppe von der Bundeswehr integriert und habe sehr gute Sponsoren wie beispielsweise Dynafit, sodass ich davon zur Zeit leben kann.

Hast Du denn auch schon Pläne für ein Leben nach dem Leistungssport?

Toni Palzer: Ich mag auf jeden Fall meine Bergführerausbildung angehen – das wäre so mein primäres Ziel. Ich habe im Moment den C-Trainer, da war ich die letzten paar Wochen auch in Sonthofen zu Lehrgängen und nächstes Jahr mag ich dann den B-Trainer machen und langfristig den A-Trainer. Das Ziel der Skibergsteiger ist ja Olympia und ich denke, wir sind da auf einem guten Weg und von dem her würde ich das gerne auch als Athlet erleben und vielleicht auch mal als Trainer.

„… niemand hat das Vorrecht auf die Berge …“

"Für mich als Sportler ist die Entwicklung natürlich gut. Die Sponsoren kommen eher auf einen zu, weil sie eben den Boom auch sehen." | Foto: Red Bull Media House / Philipp Schuster
„Für mich als Sportler ist die Entwicklung natürlich gut. Die Sponsoren kommen eher auf einen zu, weil sie eben den Boom auch sehen.“ | Foto: Red Bull Media House / Philipp Schuster

Früher war das Skitourengehen ja das Hobby von einer eher kleinen Gruppe an eingefleischten Tourengängern – heute wird der Sport immer populärer und auch professioneller. Wie siehst Du diese Entwicklung?

Toni Palzer: Für mich als Sportler ist die Entwicklung natürlich gut. Die Sponsoren kommen eher auf einen zu, weil sie eben den Boom auch sehen.

Und woran liegt der Boom aus Deiner Sicht?

Toni Palzer: Ich denk, das liegt sicher daran, dass das Skibergsteigen im Grunde ein sehr einfacher Sport ist. Bei einer vierköpfigen Familie, da kostet ein Skitag gleich mal ein paar hundert Euro. Beim Skibergsteigen kann man sich am Anfang für relativ wenig Geld schon eine gute Ausrüstung fürs Skibergsteigen kaufen. Und ich glaub, im Winter gibt es fast keine bessere Möglichkeit, um abzuschalten. Und da hat ja niemand das Vorrecht auf die Berge – mein Gott, dann sind halt mal mehr Leute am Berg, ist doch egal solang alle ihre Freude haben und respektvoll miteinander umgehen.

Jetzt gibt es ja in Deiner Heimat einige sehr fitte Sportler, die immer wieder für Aufsehen sorgen – z.B. auch Philipp Reiter. Gibt es da einen Geheimtrick im Berchtesgadener Land oder ist es mehr die Umgebung, die einen dazu leitet?

Toni Palzer: Wie Du schon sagst – wir haben extrem viele gute Leute, sei es beim Skifahren, in der nordischen Kombination und auch sonst. Wir haben die Berge und die guten Stützpunkte, die da helfen. Und ich sag immer, wenn man die Berge vor der Haustüre hat, dann ist das ein Geschenk und das soll man nutzen. Ich hab früher auch mal Fußball gespielt und das war auch eine tolle Erfahrung mit dem Mannschaftssport – aber wenn ich halt die Berge vor der Haustür hab, dann geh ich lieber Skifahren.

Hat ein Toni Palzer eigentlich auch breite, schwerere Ski zu Hause?

Du warst letztes Jahr im Weltcup ja extrem erfolgreich. Gibt es unter den vielen Erfolgen einen besonderen Gänsehautmoment?

Gänsehautmoment auf dem Podium. | Foto: Beregovich/eccoimages
Gänsehautmoment auf dem Podium. | Foto: Beregovich/eccoimages

Toni Palzer: Ich weiß noch bei den Weltmeisterschaften in Verbier das Vertical Race, da hatte ich eine Viertelstunde vor dem Start noch Probleme mit dem Material gehabt, das haben wir dann aber super in den Griff bekommen. Das war dann ein kurzer Schock-Moment. Ich wusste von den Weltcup-Rennen vorher, in denen ich zwei mal Zweiter geworden bin, dass ich richtig fit bin und um den Sieg mitlaufen kann. Und Verbier ist einfach was Besonderes – es ist gleichzeitig das Ziel der Patrouille des Glaciers (Anmerkung: weltgrößtes Skitourenrennen) und in der Gegend steht das Skibergsteigen einfach ganz oben. Da kommt lang nichts und dann irgendwann vielleicht das normale Skifahren. Es war mega Stimmung – es waren ungefähr 10 000 Zuschauer an der Strecke und ich bin dann Vizeweltmeister geworden. Das war wirklich was ganz Besonderes und da hat es auch zwei oder drei Tage gedauert, bis die Gänsehaut weg war – das war wirklich schön.

Wenn es jetzt mal einen halben Meter frischen Pulverschnee gibt – sieht man dann Toni Palzer auch mal mit den breiten Freeride-Skiern aufsteigen und die Abfahrt genießen?

Toni Palzer: Ich hab schon auch breite Ski und das macht schon auch mega Spaß, aber es ist doch so: Die meiste Zeit verbringst du beim Aufstieg. Im Winter trainier ich ja einfach extrem viel und vieles davon ist dann auch mal regenerativ – aber da nehme ich dann trotzdem das leichte Material und brauch dann halt statt einer Stunde eineinhalb Stunden und kann mehr in der Landschaft rumschauen, mit anderen Leuten reden und es etwas mehr genießen.

Wie fängt man am besten mit Skitourenrennen an?

"Man kann an seine Leistungsgrenze gehen, bewegt sich aber gleichzeitig in einer wunderbaren Bergwelt." | Foto: Red Bull Content Pool / Hans Herbig
„Man kann an seine Leistungsgrenze gehen, bewegt sich aber gleichzeitig in einer wunderbaren Bergwelt.“ | Foto: Red Bull Content Pool / Hans Herbig

Wenn jetzt ein Bekannter zu Dir herkommt und Dich fragt, wie man am Besten mit Wettkampf-Skibergsteigen beginnen sollte: Was wäre Dein Tipp für Anfänger?

Toni Palzer: Lieber mal ein kleines Rennen auf der Piste aussuchen. Es gibt mittlerweile ja extrem viele Wettkämpfe und ab Saisonbeginn kann man eigentlich fast jedes Wochenende irgendwo laufen. Da würde ich mir mal einen einfachen und nicht zu langen Wettkampf aussuchen und mit einem Vertical (Anmerkung: nur Aufstieg) beginnen. Am besten sucht man sich ein Rennen mit einer Hobbyklasse aus, die dann vor dem eigentlich Hauptwettkampf starten. Da hat man dann auch nicht das Gefühl, dass man hinterherrennt.

Zum Abschluss zwei kurze Fragen mit kurzen, prägnanten Antworten von Dir. Nummer 1: Was fasziniert Dich bei Skitourenrennen besonders?

Toni Palzer: Man kann an seine Leistungsgrenze gehen, bewegt sich aber gleichzeitig in einer wunderbaren Bergwelt.

Und Nummer 2: Was fasziniert Dich besonders an den Bergen und der Natur?

Toni Palzer: Die Berge sind ein großer Spielplatz, man hat wahnsinnig viel Möglichkeiten, um sich auszutoben und die Berge verändern sich von Jahr zu Jahr – auch wegen den Schneeverhältnissen, die jedes Jahr anders sind.

Lieber Toni, herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die Vorbereitung auf den kommenden Winter. Ich bin mir sicher, wir hören wieder viel von Dir.

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