Der Grünstein-Klettersteig ist ein talnaher Sportklettersteig mit lohnender Aussicht in die Berchtesgadener Bergwelt. Durch verschiedene Ein- und Aufstiege ergeben sich leichtere und anspruchsvollere Varianten.

Die Gelegenheit, meinen ersten Klettersteig in Begleitung eines Bergführers begehen zu können, konnte ich nicht ausschlagen. Jetzt steh ich da – etwa acht Meter hoch über dem Boden in der leichteren Variante (Isidor) des Grünstein-Klettersteiges unweit von Schönau am Königssee im Berchtesgadener Land – und habe „Schwammerl in den Knien“. Mit zittrigen Beinen frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Egal, runter ist sowieso keine Option mehr, schließlich ist der Bergführer schon voraus gestiegen und wartet, dass ich ihm folge. Das Seil, das er „als doppelten Boden“ zusätzlich zu meinem Klettersteigset an meinem Klettergurt befestigt hat, stützt meine Psyche ungemein – einfach nur, weil es da ist.

Grünstein: Auch für Anfänger geeignet

gruenstein_klettersteig_4Gebraucht wird es übrigens den ganzen Vormittag nicht. Denn: irgendwann macht es im Kopf „Klick“ und dann sogar enormen Spaß, sich die richtigen Tritte und Griffe am Fels zu suchen. „Jeder kann einen leichten Klettersteig gehen,“ ist sich mein Führer sicher. „Eine gewisse Grundkondition, Koordination und Schwindelfreiheit sind allerdings Voraussetzung“. Schwindelig kann einem schon Mal werden, wenn man kurz den Ausblick Richtung Königssee genießt.

Der ansonsten sehr „grüne“ Klettersteig führt mit einer kurzen Seilbrücke über eine Mini-Schlucht und teils über Eisentritte steil bergan. Auch ein paar erdige Passagen sind zu überwinden. Am Einstieg zum Klettersteig kann man sich genau darüber informieren, auf welche Strecke man sich einlässt.

Das schaffen sogar 74-Jährige!

Ratsch, ratsch, ratsch – allmählich geht einem das abwechselnde Aus- und Einhaken der Klettersteigkarabiner in das Stahlseil am Fels in Fleisch und Blut über. Wie von alleine finden die Füße jetzt ihren Stand. Auf unserem Weg nach oben überholen wir einen älteren Herrn, der mit seinem Guide gerade Pause macht. Gezwungenermaßen quasi: „Ich hatte ja keine Vorstellung davon, dass der Klettersteig so lang ist. Mein Bergführer hat mich aber sehr motiviert, der macht das super,“ erzählt der 74-Jährige (!), den es schon länger Hoch hinaus zieht und der heute, genau wie ich, seinen ersten Klettersteig bestreitet. „Respekt“, denk ich mir und bin froh, selbst schon erste Erfahrungen in der Kletterhalle gesammelt zu haben. Immer höher geht es die „Via Ferrata“, wie Klettersteige auch genannt werden, hinauf und ich merke, dass ich mich endlich richtig eingefunden habe.

Atemberaubende Ausblicke auf den Königssee

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Fast zu schnell ist auf einmal der Klettersteig vorbei. „Geschafft“ denke ich und atme lautstark durch. Dann sehe ich, dass das anstrengendste Stück – der sich ziehende Aufstieg über einen schmalen Bergsteig in praller Sonne – doch noch vor mir liegt. Entlohnt werde ich mit atemberaubenden Ausblicken auf den Watzmann, der wie zum Greifen nahe scheint und sich heute ausnahmsweise nicht hinter Wolken verbirgt. Der sehr „grüne” Klettersteig bietet auch durchaus felsige, steile Passagen, die nicht immer so schön mit Stahlstufen versichert sind – von der spektakulären Hängebrücke ganz zu schweigen.

Endlich sind wir am Gipfel, Brotzeit und Gipfelbier in der Grünstein-Hütte sind redlich verdient. Als wir uns nach einer langen Pause gerade verabschieden wollen, treffen wir wieder auf den 74-Jährigen. Er berichtet erschöpft über kleine Blessuren wie Blasen an den Händen, einer Schürfwunde am Schienbein und prophezeit sich selbst einen Muskelkater. Aber Spaß hat’s trotz der Anstrengung schon gemacht, oder? „Ja!“, so antwortet der fitte Mittsiebziger voller Inbrunst. „Das Schönste war, über die Schwierigkeit wegzukommen. Schwer ist nur der Anfang, am Schluss hat es viel Spaß gemacht. Auch, weil man Berchtesgaden und den Königssee mal aus einer anderen Perspektive sehen konnte.“

Die richtige Klettersteig-Ausrüstung

Allein in einen Klettersteig – das würde er allerdings doch keinem raten, der unerfahren ist. Unsere Bergführer nicken zustimmend und ergänzen noch, wie dumm und unverantwortlich es sei, ohne die richtige Ausrüstung (Klettersteigset, Helm) einen Kettersteig zu begehen. Auch sei es wichtig, das Wetter gut zu beobachten. Wie wichtig, zeigt ein Pressebericht der Bergwacht eine Woche nach meiner Tour: Eine Gruppe holländischer Soldaten wurde im Grünstein-Klettersteig von einem Gewitter überrascht und glatt vom Blitz getroffen. Das Stahlseil wirkte ähnlich wie ein Blitzableiter. Gott sei Dank ist keinem etwas Schwerwiegendes passiert.

Alarmierend sind übrigens die Unfallzahlen beim Klettersteiggehen. So zeigt eine Statistik des Alpenvereins eine Verdreifachung der Meldequote seit 2002. Dabei machen so genannte „Blockierungen” den Hauptanteil aus – also Notsituationen, in denen die Betroffenen nicht mehr vor und nicht mehr zurück können und deshalb gerettet werden müssen. Eine ehrliche Selbsteinschätzung und die entsprechende Auswahl der Tourenziele seien daher besonders wichtig, raten die Experten. Ziemlich voll kann es in der Isidor-Variante des Grünstein-Klettersteigs werden.

Infos zum Grünstein Klettersteig

  • Schwierigkeit: A-E
  • Gehzeit: 2-3 Stunden
  • Wandhöhe: 400 Meter
  • Länge: 670 Meter
  • Exposition: Süd (sonnig)
  • Talort: Parkplatz Schönau a. Königssee
  • Zustieg: Drei Einstiegsmöglichkeiten in die Steiganlage: Eine leichtere (Isidor-Variante) sowie zwei Einstiege in sportlich anspruchsvolle Varianten mit überhängenden Passagen und Hänge-/Seilbrücke (Hotel-Route und Räuberleiter). Alle drei Varianten werden im oberen Bereich wieder zusammengeführt. Seit Sommer 2013 eine weitere Ausstiegmöglichkeit über die „Intersport-Renoth-Gipfelwand“ (Schwierigkeitsgrad D+ bis E).
  • Abstieg: Vom Gipfel zur Grünsteinhütte, von dort entweder rechts über breiten Fahrweg nach Hammerstiel/Hinterschönau (AV 445) oder links über den Klingerweg (AV 443) zur Bob- und Rodelbahn zurück zum Parkplatz Königssee. Weitere Aufstiegs- oder Abstiegsmöglichkeiten von der Grünsteinhütte über Kühroint zum Watzmannhaus (AV 442/441) oder über Kühroint – Archenkanzel – Rinnkendlsteig nach St. Bartholomae (Fahrplan Boote beachten). Nicht über den Steig absteigen! Achtung: Es gibt keinen Notausstieg und im Steig keine Möglichkeit, auf leichteres Gelände auszuweichen!
  • Ausrüstung: Klettersteigausrüstung, Regenbekleidung
  • Beste Jahreszeit: Mai bis Oktober geöffnet (November bis März gesperrt). Nach Regentagen oder bei Nässe besser nicht begehen.
  • Passende Karte zum Grünstein Klettersteig: DAV-Karte BY22; Kompass WK 794 Berchtesgadener Land, 1:25.000, Freytag & Berndt WKD 5 Berchtesgadener Land, 1:25.000
  • Topo: Grünstein Klettersteig Topo PDF

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