Was muss ich über Klettersteige als Einsteiger und Wiedereinsteiger wissen? Wie verhalte ich mich mit Kindern richtig? Und was gibt es Neues bei der Klettersteig-Ausrüstung? Wir haben unseren Bergzeit Experten befragt:

Tipps für Klettersteig-Einsteiger und -Wiedereinsteiger kann man nicht genug geben. Denn wer sich den Spaß an den Steigen der Alpen erhalten möchte, dem seien ein paar Sachen ans Herz gelegt. Klettersteiggehen erfährt in den letzten Jahren so wie andere Outdoorsportarten einen großen Zuwachs – kein Wunder. Auch die Klettersteigausrüstung hat sich verändert, sie ist leichter und robuster geworden und vor allem das Handling ist um einiges angenehmer als noch vor zehn Jahren. Stefan Rehm vom Bergzeit Magazin hat sich mit Markus Höß, Bergführer und Experte im Bergzeit-Service, über das Thema Klettersteig unterhalten:

Alles über Klettersteige – Interview mit dem Bergzeit-Experten Markus Höß

Klettersteige sind im Kommen: Kein Wunder das der Trend anhält. So leicht und sicher bekommt man alpine Kulissen nicht zu sehen - vorausgesetzt man beachtet einige Sachen.
Klettersteige sind im Kommen: Kein Wunder das der Trend anhält. So leicht und sicher bekommt man alpine Kulissen nicht zu sehen – vorausgesetzt man beachtet einige Sachen. | Foto: Edelrid/Simon Graf

Stefan Rehm: Einmal angenommen ich will die Herausforderung Klettersteig anpacken: Wie gehe ich dieses Projekt am besten an?

Markus Höß: Klettersteiggehen ist nicht wie Fahrradfahren. Man muss sich bewusst sein, dass man am Klettersteig in alpinem Gelände unterwegs ist und bei einem Fehler jederzeit abstürzen kann. Wichtig ist eine solide Grundfitness und eine gesunde Selbsteinschätzung. Ein Klettersteig ist fast immer eine Einbahnstraße. Sobald man eingestiegen ist, muss man durch. Nur wenige Steige haben  „Notausgänge“. Das heißt, es muss einem vorher klar sein, was einen erwartet. Deshalb ist es sehr wichtig, seine Ziele am Anfang nicht zu hoch zu stecken, damit der erste Klettersteig auch ein Vergnügen wird und nicht im Desaster endet. Am besten macht man den ersten Klettersteig mit einem Bergführer. So kann man sich ganz auf den Klettersteig konzentrieren und der Bergführer hilft, wenn man ihn braucht.

Und als Wiedereinsteiger? Mein letzter Klettersteig beispielsweise ist inzwischen gut fünfzehn Jahre her. Kann ich jetzt einfach wieder loslegen oder hat sich da auch in Punkto Ausrüstung oder an den Klettersteigen selbst viel verändert?

Markus Höß: Als Wiedereinsteiger sollte ich gründlich meine Ausrüstung überprüfen. Textiles Material (also Klettersteigset und Gurt) müssen spätestens alle 10 Jahre (5 Jahre Gebrauch, 5 Jahre Lagerung) ausgetauscht werden. Beim Helm ist es genauso. Auch muss Material ausgetauscht werden, wenn es sehr hoher Belastung ausgesetzt war. Wenn man einmal ins Set gestürzt ist oder der Helm einen Stein abbekommen hat, dann muss unbedingt Ersatz her. Das Klettersteigset muss der aktuellen Norm entsprechen (Alles dazu in der Kaufberatung Klettersteigausrüstung). In den letzten Jahren hat sich in diesem Bereich viel getan. Aber an den Klettersteigen draußen sieht man immer noch viele veraltete, nicht mehr normkonforme Sets im Einsatz. Prinzipiell gilt also: Nach zehn Jahren sollte man sein Klettersteigset austauchen, nach einem Sturz natürlich sofort. Es ist ein Wunder, dass nicht mehr passiert.

„Ein Klettersteigset muss der aktuellen Norm entsprechen“

Klettersteige im Fokus | Foto: Simon Graf
Wer mit Kindern im Klettersteig unterwegs sein möchte sollte nicht nur fit und umsichtig sein, sondern auch gut vorbereitet. An schwierigen Stellen sichert man Kinder im Klettersteig am besten von oben. | Foto: Edelrid/Simon Graf

Bedeuten die Rückrufe der Klettersteigsets in den vergangenen Jahren, dass ich unter Klettersteigsets auch „gefährliche“ Produkte finden kann?

Markus Höß: Wenn ein Set zurückgerufen wird, dann kann es verschiedene Gründe haben. Zum einen haben sich bei manchen Sets die Y-Arme zu schnell abgenutzt und deutlich an Haltekraft verloren. Zum anderen ist entsprach bei den älteren Lochplattenbremsen (Sets ohne Bandfalldämpfer) der Fangstoß nicht der Norm. Das heißt nicht, dass das Set gerissen wäre, aber der Fangstoß auf den Körper ist viel zu hoch. Dann sind schwere Wirbelsäulenverletzungen recht wahrscheinlich. Sets nach dem Y-Prinzip (mit zwei Bandschlingen-Armen, deren Karabiner immer gleichzeitig eingehängt sein müssen; d. Red.) mit Bandfalldämpfer sind der Status Quo, von allen anderen wird abgeraten. Gefährliche Klettersteigsets gibt es auf dem europäischen Markt nicht oder nicht mehr. Neue Sets und System werden mit viel Aufwand entwickelt und getestet, weil sie natürlich der Europäischen Norm (EN) entsprechen müssen.

Was gibt es denn da für neue Entwicklungen?  Und für welche Situationen sind diese neuen Klettersteigsets vor allem geeignet? Hat man damit dann ein „Rundum-sorglos-Paket“? Oder haben diese neuartigen Klettersteigsets auch Nachteile?

Markus Höß: Eine Neuheit für die kommende Saison ist der Skylotec Rider 3.0. Dieses Set hat einen Karabiner und eine Steigklemme, die man am Stahlseil entlang hochschiebt. Man kann also nicht bis zum letzten Anker zurückfallen, sondern hängt gleich an der Klemme am Stahlseil. Die Handhabung braucht allerdings deutlich mehr Übung und die Seilklemme ist recht „geräuschintensiv”. Ein „Rundum-sorglos-Paket” erhält man mit keinem Klettersteigset, ein Sturz ist in jedem Fall und in jedem Gelände zu vermeiden. Wer ohne Vorbereitung und ohne Grundfitness in die Klettersteige geht, der gefährdet sich und andere Klettersteiggeher und wenn es hart auf hart kommt auch die Bergretter.

„Ein Rundum-sorglos-Paket erhält man mit keinem Klettersteigset, ein Sturz ist in jedem Fall und in jedem Gelände zu vermeiden“

Warum sind Klettersteigstürze denn eigentlich so gefährlich? Sportkletterer stürzen ja auch …

Markus Höß: Beim Sportklettern sind das Seil und der Sichernde die dynamischen Teile einer Sicherungskette, die den Sturz abbremsen. Das Seil dehnt sich dabei recht stark und der Sichernde kann den Sturz dynamisch, also schonend abbremsen. Beim Klettersteig gibt es fast keine dynamischen Elemente, die Sturzeenergie aufnehmen. Im Steig muss die ganze Sturzenergie von dem kleinen Bandfalldämpfer aufgenommen werden. Beim Sportklettern kann man bei harten Stürzen höchstens Sturzfaktor 2 erreichen, am Klettersteig ist auch ein Sturz mit Faktor 5 möglich. Wenn ich zum Beispiel fünf Meter frei falle und der Bandfalldämpfer einen Meter  aufreißt, dann habe ich eine Belastung vom Faktor 5. Da schüttelt es Dich mehr durch, als Dir lieb ist.

Das andere große Problem sind am Klettersteig viele Tritte und Eisenstangen, die aus der Wand ragen. Stell Dir mal vor, Du fällst mit dem Hintern aus zwei Meter Höhe knapp auf die Ecke eines Tischs. Tut ja schon weh, wenn man sich im Vorbeigehen nur daran stößt. Stürze sind hier einfach nicht drin.

Welche Tipps gibt es für die Sicherheit am Klettersteig?

Markus Höß: Wie schon gesagt: Auf keinen Fall Stürzen. Auch wenn man schon einige Zeit Klettersteigerfahrung gesammelt hat, ist es vor jeder neuen Tour wichtig, sich ehrlich einzuschätzen, ob man der Tour gewachsen ist. Wer sich in schwierige Klettersteige vortasten möchte, ohne sich einem unnötigen Risiko auszusetzen, sollte den Schwierigkeitsgrad in kleinen Schritten steigern. Man unterscheidet Schwierigkeiten von leicht (A) bis extrem schwer (F).  Wer bereits einen B-Klettersteig gut geschafft hat, der sollte vielleicht mit B/C weitermachen und nicht gleich Schwierigkeit D angreifen. Genauso hängt die Belastung von der Länge des Steiges ab. Wenn man einen 200 Meter langen Klettersteig gut schafft, dann sollte man nicht als nächstes Ziel 1.000 Meter Steiglänge in der selben Schwierigkeit versuchen.

Klettersteige mit Kindern Foto: Simon Graf
Klettersteige mit Kindern sind ein Spaß für jeden. So lernen die Kleinen die Natur und ihre Möglichkeiten kennen. | Foto: Edelrid/Simon Graf

Und was erwartet mich dann, wenn ich in einen Klettersteig der Kategorie C, D oder E gehen? Hier werden ja Fitness und Technik zu einem entscheidenen Faktor. Wie kann ich mich denn dafür fit machen?

Markus Höß: Je schwerer ein Klettersteig wird, desto steiler wird es. Wichtig ist eine vernünftige Arm- und Handkraft, um sich am Seil auch über längere Strecken an den Armen hängend halten zu können. Dafür sollte man schon ein paar Klimmzüge machen können. Eine solide Grundkondition braucht man sowieso. Wichtiger als Kraft ist gerade bei längeren Routen eine gute Klettersteig-Technik. Klettersteig kommt ja von Steigen, nicht von Ziehen. Deshalb empfiehlt es sich, möglichst viel Höhe aus den Beinen heraus zu machen und hochzusteigen. Je schwerer ein Klettersteig wird, desto ähnlicher sind die Bewegungstechniken dem normalen Sportklettern. Darum schadet es nicht, für schwere Klettersteige auch mal in die Kletterhalle zu gehen und sich Ausdauer in die Arme und Beine zu trainieren.

„Je schwerer ein Klettersteig wird, desto ähnlicher sind die Bewegungen dem normalen Sportklettern“

Klettersteige mit Kindern – das ist ja ein heikles Thema? Viele schrecken davor zurück, sich mit Kindern in Klettersteige zu wagen. Woran liegt das?

Markus Höß: Vor einigen Jahren sorgten Untersuchungen für Aufsehen, dass Klettersteigsets bei leichtgewichtigen Personen unter fünfzig Kilogramm – das sind in der Regel Kinder – nicht für eine ausreichende Dämpfung bzw. Aufnahme der Sturzenergie sorgen. Der Bandfalldämpfer reißt einfach nicht vollständig auf und Sturzenergie wird vom Körper aufgenommen. In der EN Norm ist dieser Fall nicht vorgesehen. Es wird aber daran gearbeitet.

Wie ist denn hier der derzeitige Stand und was soll ich machen wenn ich meinen Kindern dieses Abenteuer nicht vorenthalten möchte? Gibt es da etwas? 

Markus Höß: Klettersteigsets müssen nach wie vor der EN 958 entsprechen. Bei dieser europäischen Norm wird mit 80 Kilogramm Sturzgewicht im Labor getestet und der Fangstoß, der auf den Kletterer wirkt, darf nicht höher als 6 kN sein. Je leichter ein Kletterer ist, desto härter wird der Sturz. Bis circa 50 Kilogramm Gewicht bleibt man in den Anforderungen der Norm. Ist der Kletterer leichter, bekommt er mehr Sturzenergie (Fangstoß) ab. Diese ist höher als die Norm erlaubt. Damit ist es recht wahrscheinlich, dass sich der leichte Kletterer an der Wirbelsäule schwer verletzt.

Markus Höß: Gerade Kinder mit ihrem geringen Gewicht sind ein kritisches Thema am Klettersteig. Zum einen sind sie zu leicht für die Klettersteigsets, zum anderen müssen Kinder bei Ihrer eigenen Risikobeurteilung anders eingeschätzt werden. Die Risikobeurteilung eines Kindes hängt von seiner Reife ab. Oftmals sind sich Kinder noch nicht bewusst, was ihr Tun für sie und andere bedeutet und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Klettersteige für Kinder und Anfänger gibt es im Alpenraum genügend. Ein einmaliges Erlebnis und tolle Aussichten sind in den meisten Klettersteigen selbstverständlich. | Foto: Simon Graf
Klettersteige für Kinder und Anfänger gibt es im Alpenraum genügend. Ein einmaliges Erlebnis und tolle Aussichten sind in den meisten Klettersteigen selbstverständlich. | Foto: Edelrid/Simon Graf

Wie sichere ich also Kinder im Klettersteig?

Markus Höß: Aus diesen Gründen sichere ich Kinder am Klettersteig zusätzlich zu ihrem Klettersteigset mit Seilsicherung von oben. So kann ich vermeiden, dass das Kind bei einem Sturz bis zum letzten Anker fällt und vom Klettersteigset gehalten werden muss. Ich gehe einfach voraus und sichere am nächsten Anker, den ich sozusagen als Standplatz nutze,  nach. Dieses Vorgehen macht Sinn, sobald der Klettersteig steiler verläuft und ein Sturz möglich ist. Allgemein ist das eine gute Lösung, wenn Personen leichter als 50 Kilogramm sind. Dafür ist das Edelrid Ferrata Belay Kit II ein sehr heißer Tipp. Damit kann man sehr schnell und unkompliziert am Klettersteig zusätzlich sichern. Ich muss jedoch darauf achten, dass ich in stark frequentierten Klettersteigen nicht den Verkehr aufhalte, was unter Umständen auch gefährlich werden kann.

„Aus diesen Gründen sichere ich Kinder am Klettersteig zusätzlich zu ihrem Klettersteigset mit Seilsicherung von oben“

Wie sollte denn die Betreuung sein, wenn man gemeinsam mit Kindern im Klettersteig unterwegs ist?

Markus Höß: Kinder brauchen möglichst direkte Betreuung. Bei steileren Passagen kann es auch mal Sinn machen, direkt hinter dem Kind zu gehen, sodass es förmlich spürt, dass man da ist und ihm hilft. Das vermittelt dem Kind vor allem mental viel Sicherheit. Aber Vorsicht: man muss ganz nahe am Kind sein und das Kind darf nicht zu schwer sein, nicht dass man durch einen Sturz des Kindes selbst aus der Wand gerissen wird. Selbst muss man dem Schwierigkeitsgrad des Klettersteigs bei solcher Absicherung absolut überlegen sein.

Über Ausrüstung haben wir ja schon ein wenig gesprochen. Kann ich Kletterausrüstung, die ich in der Halle oder im Klettergarten nutze, auch für den Klettersteig verwenden?

Markus Höß: Die Kletterhelme und Gurte müssen die selben Normwerte erfüllen. Die Helme sind für beide Sportarten gleich, bei den Klettergurten gibt es kleine Unterschiede. Ein Gurt zum Sportklettern ist dicker gepolstert, weil man da öfter im Gurt sitzt. Zum Klettersteiggehen eignen sich Hochtourengurte sehr gut, da sie dünner sind und sich angenehmer tragen lassen. Idealerweise sitzt man beim Klettersteiggehen nicht im Gurt. Auch würde ich verstellbare Beinschlaufen empfehlen, da man hier  je nach Wetter auch mal dickere Hosen anziehen kann.

Welche Schuhe würdest Du denn einem Klettersteiggeher empfehlen? Gibt es da bestimmte Arten von Schuhen oder hängt das vom eigenen Geschmack oder der Schwierigkeit in dem man unterwegs ist.

Markus Höß: Ideal sind Bergschuhe der Kategorie C. Sie sind steif genug, um sicheren Halt auf den Eisenklammern zu gewähren, haben an der Sohle im Zehenbereich eine Climbing-Zone für guten Halt im Fels und sind trotzdem einigermaßen leicht, um unbeschwert zu steigen. Man sollte abhängig von der Länge des Zustieges oder Abstieges ein

Was muss man über Klettersteigausrüstung noch wissen? Was sind denn die häufigsten Fragen, die Du in Sachen Klettersteigausrüstung zu hören bekommst?

Markus Höß: Klettersteiggehen ist an sich eine Risikosportart! Man ist draußen unterwegs und ist allen alpinen Gefahren wie Absturz, Steinschlag, Gewitter und Wettersturz ausgesetzt. Deshalb gehören in jeden Rucksack ein Handy, ein Erste-Hilfe-Set und ein Biwaksack. Genauso macht es keinen Sinn, ohne Wetterschutzkleidung loszuziehen, weil das Wetter schneller umschlagen kann, als man denkt.

Wenn man das alles berücksichtigt und sich nicht überschätzt, dann ist das  Klettersteiggehen ein großartiges Erlebnis!

Ich bedanke mich sehr herzlich für das Interview!

Übrigens: Im Bergzeit Shop findet du spezielle Klettersteigsets für Einsteiger!

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