Wer sich mit Kindern an einen anspruchsvolleren Klettersteig wagt, sollte sich vorher gut über die Anforderungen informieren. Im Artikel erklären drei Experten, was bei Klettersteigsets für Kinder und beim Verhalten auf Klettersteigen zu beachten ist.

Klettersteige erfreuen sich immer größerer Beliebtheit – auch bei Kindern. Viele bergbegeisterte Eltern wollen ihre Kinder auch mit auf einen Klettersteig nehmen. Doch geht das überhaupt so ohne weiteres? Was muss bei Ausrüstung und Tourenplanung beachtet werden? Wir haben drei Experten zum Thema befragt.

Klettersteigsets – nichts für Kinder? Die DAV Sicherheitsforschung

Bei der Wahl des Kinder-Klettersteigsets ist einiges zu beachten! | Foto: <a href="/edelrid-klettersteig/" title="Klettersteigausrüstung von Edelrid im Bergzeit Shop">Edelrid</a>/Simon Graf
Bei der Wahl des Kinder-Klettersteigsets ist einiges zu beachten! | Foto: Edelrid/Simon Graf

Die DAV Sicherheitsforschung hat das Thema „Klettersteigsets – Nichts für Kinder?“ in der DAV-Mitgliederzeitschrift „Panorama“ im Jahr 2011 ausführlich beleuchtet und damals für recht viele Diskussionen, aber auch Bewegung gesorgt. Wie ist der aktuelle Stand bei Klettersteigsets für Kinder? Wir haben bei Florian Hellberg von der DAV Sicherheitsforschung nachgefragt:

Die damals und heute noch gültige Norm für Klettersteigsets EN 958 ist für Testgewichte von 80 Kilogramm ausgelegt. Das heißt: Die Fangstoßdämpfer lösen erst bei einer gewissen Kraft aus und der zulässige Bremsweg von 1,20 Meter [die Strecke, über die der Bandfalldämpfer kontrolliert aufreißt; d. Red] – der den Sturz weicher machen würde – wird von leichten Personen oder eben Kindern nur minimal ausgenutzt.

Durch den kurzen Bremsweg landen diese besonders hart und die auftretenden Fangstoßkräfte können zu sehr schweren bis sogar tödlichen Verletzungen führen. Daran soll nun eine neue Norm mit einem längeren Bremsweg, die sich aktuell in der Abstimmung befindet, für leichtere Personen etwas ändern. Auf der Outdoor im Sommer 2016 sollen Produkte vorgestellt werden, die nach dieser neuen Norm zertifiziert sind. Im Frühjahr 2017 sollen diese auch für Kinder geeigneten Klettersteigsets in den Handel kommen.

Nichtsdestotrotz, betont Florian Hellberg, bleiben alle Klettersteigsets immer eine Notfallausrüstung, die zwar vor einem tödlichen Absturz bewahren soll, gegebenenfalls aber schwere Verletzungen toleriert! Daran wird auch eine neue Norm nichts ändern. Dessen muss man sich bewusst sein. Das Verhalten im Klettersteig sollte stets dem Gelände angepasst sein, um einen Sturz zu verhindern!

  • Im horizontalen und leicht ansteigendem Gelände bedeutet das beim Gehen mit Kindern ein waches Auge sowie unter Umständen eine Betreuung.
  • An schwierigen Stellen sollte das Kind in jedem Fall unmittelbar betreut werden, eventuell braucht es Hilfestellung beim Umhängen.
  • In senkrechtem Gelände und bei akuter Sturzgefahr ist unbedingt eine zusätzliche Seilsicherung empfehlenswert! Das wiederum setzt voraus, dass die betreuende Person zu mehr in der Lage sein muss, als nur das eigene Klettersteigset zu bedienen. Sie sollte die Sicherungstechniken beherrschen und sie situationsbedingt anwenden können.

Klettersteigsets für Kinder – die Herstellerposition

Das Klettersteigset "Buddy" für Kinder von Skylotec. | Foto: Skylotec
Das Klettersteigset „Buddy“ für Kinder von Skylotec. | Foto: Skylotec

Wie haben die Hersteller auf die 2011 entdeckte Problematik reagiert? Martin Hanke von Skylotec erläutert, welchen Ansatz seine Firma verfolgt, um die Funktion von Klettersteigsets für Kinder und leichte Personen zu verbessern.

Skylotec hat die angesprochene Problematik schon seit längerem erkannt und eine Lösung parat: Das Two Step Bandfalldämpfersystem TSS arbeitet progressiv, d.h. es funktioniert für Kinder, leichte Personen und auch für schwerere Klettersteiggeher. Es löst in mehreren Phasen aus. Beim Sturz eines Kindes werden die ersten Phasen ausgelöst, sodass der Fangstoß unter 3,5 kN bleibt. Bei Stürzen von schwereren Personen lösen alle Phasen aus. Das Resultat ist ein progressives Dämpfungsverhalten, das den Fangstoß unabhängig vom Nutzergewicht zuverlässig unter 6 kN hält. Ein Sturz im Klettersteig ist dennoch der Worst Case und geht meist mit schweren Verletzungen einher. Deshalb in schwierigem Gelände unbedingt Nachsichern! Skylotec entwickelt gerade ein Klettersteigset mit einem System, welches einen Sturz an sich verhindern soll. Das wird an unserem Stand auf der Outdoor vorgestellt. Natürlich werden wir auch mit neuen Produkten, die der neuen Norm für leichtere Personen entsprechen, dabei sein. Das aktuelle Buddy Ferrata ist ein Klettersteigset, welches in Design und Ergonomie (kleinere Karabiner, kürzere Sicherungsarme) den Ansprüchen der Kinder gerecht wird. Im Prinzip arbeitet hier das gleiche TSS Dämpfungssystem, da es eben für unterschiedliche Gewichtsklassen funktioniert!“

Auch von Edelrid gibt es ein Klettersteigset für Kinder: das Cable Vario. Bei diesem Klettersteigset kann der Bremswiderstand auf das Körpergewicht des Benutzers zwischen 30 und 80 Kilogramm eingestellt werden, ähnlich dem Z-Wert einer Skibindung. Dadurch wird der Fangstoß und damit auch das Risiko schwerer Verletzungen bei leichten Personen reduziert. Mammut bietet für Personen von 30-100 Kilogramm das Tec-Step Klettersteigset an. Dieses arbeitet, ähnlich wie bei Skylotec, mit einem mehrstufigen Bandfalldämpfer, also einem „weichen“ und „harten“ Teil.

Am Klettersteig mit Kindern – die Perspektive des Bergführers Korbinian Rieser

Gerade in steileren Passagen sollten Kinder nachgesichert werden. | Foto: <a href="/edelrid-klettersteig/" title="Klettersteigausrüstung von Edelrid im Bergzeit Shop">Edelrid</a>/Simon Graf
Gerade in steileren Passagen sollten Kinder nachgesichert werden. | Foto: Edelrid/Simon Graf

Der Bergführer Korbinian Rieser von der Klettersteigschule Berchtesgaden hat Erfahrung im Umgang mit Kindern am Klettersteig. Er bietet spezielle Kurse für Eltern und Kinder an. Hier kommen seine Antworten zum Thema Kinder am Klettersteig:

Ulrike Heidinger: Ab welchem Alter macht es denn überhaupt Sinn, Kinder mit in einen Klettersteig zu nehmen?

Korbinian Rieser: Das ist – wie bei anderen Sportarten auch – stark abhängig von der körperlichen Konstitution. Es gibt sicher 6-jährige, die von ihrer Koordination und Kondition in der Lage sind, einen einfachen Steig zu gehen. Das „Gros“ an Kindern, die bei uns einen Klettersteig gehen, ist aber eher 10 Jahre und älter.

Wie sieht denn das empfohlene Nachsichern von Kindern im Klettersteig aus und wie können Eltern das lernen?

Korbinian Rieser: Ob zusätzlich gesichert werden sollte oder nicht, ist stark abhängig von der Tourenwahl. In leichten Steigen, die vorwiegend aus Querungen und leichten Anstiegen bestehen, ist eine Zusatzsicherung nicht notwendig. In steileren Passagen mit Sturzgefahr ist eine zusätzliche Seilsicherung der Kinder absolut empfehlenswert! Das Sichern erfolgt mittels Seil und HMS oder Sicherungsgerät wie beim Klettern. Ein 20 Meter langes Halbseilstück, das im Rucksack verstaut wird, reicht hier normalerweise aus. Als Standplatz wird ein Klettersteig-Sicherungsstift verwendet und das Kind hängt sich am einfachsten mit einem Achterknoten in den Karabiner am Gurt ein. Wir bieten Kurse speziell für Eltern an, in denen sie das Sichern am Klettersteig lernen können. Generell ist ein wenig Sportklettererfahrung beim Begehen von Klettersteigen mit Kindern durchaus sinnvoll.

Wie kann ich verhindern, dass dem Kind beim Umhängen Fehler passieren?

Korbinian Rieser: Ich sollte immer ein Auge darauf haben und mich gemeinsam mit dem Kind vorab mit der Ausrüstung vertraut machen und den Ablauf üben. Generell sind Kinder recht konsequent in der Umsetzung der Abfolge im Klettersteig, also dem Aus- und Einhängen der Karabiner. Wie lange sie das jedoch konzentriert machen können, ist wieder stark abhängig von der Länge und Schwierigkeit des Steigs und der Konstitution des Kindes. Daher sollte immer ein Erwachsener beim Kind gehen. Auf keinen Fall sollte ich aber vor lauter Schauen meine eigene Sicherung vergessen!

Was kann man tun wenn das Kind plötzlich mitten im Steig Panik bekommt und weder vor noch zurück mag?

Korbinian Rieser: Derartige Blockaden treten auch immer wieder bei Erwachsenen auf und sind eine Folge von Überforderung. Soweit darf es eigentlich nicht kommen, wenn ich bei der Tourenauswahl sorgfältig bin. In diesem Fall kann ich dem Kind auch in leichteren Passagen ein Seil anlegen, sofern ich eins dabei habe, und es durch aufmunternde Worte beruhigen. Meist führt der „leichtere“ Ausweg nach oben, anstatt alles (auch noch gegen den Strom) wieder abzuklettern.

Klettersteig-Set, Gurt und Helm, genau wie bei Erwachsenen auch. Gurt und Helm sollten verstellbar sein und dem Kind gut passen. | Foto: Vaude/Bastian Morell
Klettersteig-Set, Gurt und Helm, genau wie bei Erwachsenen auch. Gurt und Helm sollten verstellbar sein und dem Kind gut passen. | Foto: Vaude/Bastian Morell

Welche Ausrüstung ist zwingend notwendig, wenn ich mit Kindern im Klettersteig unterwegs bin?

Korbinian Rieser: Klettersteig-Set, Gurt und Helm, genau wie bei Erwachsenen auch. Gurt und Helm sollten verstellbar sein und dem Kind gut passen. Ob Hüftgurt oder Kombigurt ist abhängig von der Entwicklung und Körperspannung des Kindes. Besteht die Gefahr des Herausrutschens, würde ich einen Kombigurt wählen, sonst langt ein Hüftgurt. Wichtig sind noch feste Schuhe mit einer guten, griffigen Sohle!

Wie kann ich Klettersteige mit Kindern üben, also erstmal spielerisch ausprobieren?

Korbinian Rieser: Bei uns in der Klettersteigschule in Berchtesgaden haben wir einen Übungsklettersteig, der ist ca. 40 Meter hoch. Optimal, um sich mit der Ausrüstung und der Höhe vertraut zu machen und die Sicherungstechnik zu lernen.

Welche Klettersteige sind für den Einstieg mit Kindern zu empfehlen?

Korbinian Rieser: Den Schützensteig am Jenner oder der Grünstein-Steig (Isidor), oder auch den Zahme Gams – Steig in Lofer/Weißbach, der schön im Zick-Zack angelegt ist. Außerdem gibt’s noch die Walchseerunde im Kaiserwinkel und den Klettersteiglehrpfad Gelbe Wand am Tegelberg.

Fazit zum Thema Klettersteig mit Kindern

Know-How, Erfahrung und Tourenplanung ist das A und O! Man sollte sich über den Steigverlauf im Klaren sein, die Ausrüstung kennen und im Idealfall selbst ein routinierter Kletterer oder Klettersteiggeher sein. Bei der Ausrüstung sollte man unbedingt darauf achten, dass Klettersteigset und Gurt für das Gewicht der Kinder geeignet sind.

Ist man unsicher, sollte man sich unbedingt Wissen bei einer Bergschule in einem entsprechenden Kurs aneignen und erstmal einen geführten Steig mitgehen. Auf leichten Klettersteigen mit entsprechender Ausrüstung und erfahrener, umsichtiger Begleitung steht dem Abenteuer Klettersteig auch für Kinder nichts im Wege!

Mehr zum Thema Klettersteig und Ausrüstung im Bergzeit Magazin

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