Margalef ist eines der Top-Klettergebiete im Norden Spaniens inmitten des Montsants. Touren in allen Schwierigkeitsgraden locken Kletterer aus aller Welt in das ganzjährig attraktive Konglomeratgebiet, dessen Erschließung noch voll im Gange ist.
Margalef Klettern, Foto: A. Grusser
Margalef und seine roten Konglomeratfelsen mit ihren Wülsten und Dächern haben bisher jeden überzeugt. Hier wird gerade in der Route Maligna 7c+ (lange) Überzeugungsarbeit geleistet. Die Landschaft im Hintergrund ist typisch für das Gebiet des Montsant-Gebirges. In der Nähe befinden sich andere spanische Topgebiete wie Siurana und Rodellar.

Loch um Loch, Zug um Zug. Von einem Traumgriff zum nächsten. Keine Bierhenkel, aber herrliche Griffe. Man könnte glauben, diese Felsen in Margalef sind keine Überbleibsel aus dem Tertiär beziehungsweise der Sedimentationsgeschichte des Aquitanischen Beckens, sondern schlicht und einfach zum Klettern geschaffen worden. So ähnlich ging es mir auch in Siurana. So unterschiedlich diese beiden Gebiete auch sein mögen, in Sachen „Wow-Effekt“ nehmen sie sich nichts.

Konglomerat vs. Jurakalk

Margalef ist, sagen wir mal frech und provokant, die „edlere Fränkische Schweiz“. Damit meine ich jetzt nicht den Charme der Fränkischen Landschaft, die netten Bewohner oder gar das einzigartige Bier oder das zarte Schäuferle, sondern ich meine den Fels. In den meisten Fällen ist es der Fels, der den Kletterer in ein Klettergebiet lockt. In Margalef ist das auch der Fall: Wie in Franken überwiegt ganz klar die Lochkletterei, obwohl die beiden Gebiete in ihren Gesteinsarten eigentlich nicht vergleichbar sind. Für Kletterer sind ohnehin nur die Strukturen beziehungsweise Griffe auf oder im Fels interessant. Die Touren sind gespickt mit kräftigen Zügen an guten und natürlich auch schlechten Löchern und ähnlichen Griffformen. Die feinen Unterschiede liegen im Detail, denn das Konglomerat von Margalef ist kompakter, fester und etwas grifffreundlicher, da die Löcher weniger kantig sind, als es im Kalk des Frankenjura der Fall ist. Aber auch für den Genusskletterer gibt es in Margalef viel zu klettern und die Routen lohnen sich auf jeden Fall. Griffige plattenähnliche Touren in den unterschiedlichsten Graden lassen da selbst bei hartgesottenen „Plattengegnern“ Freude aufkommen.

Kiesel und Geröll auf bis zu 30 Metern

Margalef Klettern, Foto: A. Grusser
Sehr schön sieht man hier die Strukturen des Konglomerats. Wie man sieht, kann an denselbigen ordentlich angerissen werden. Hier in der Route Bitx, 7a

Konglomerat ist ein Sedimentgestein, welches zum größten Teil aus Kies oder Geröll besteht. Die Kiesel und das Geröll haben sich seit dem Tertiär unter verhältnismäßig niedrigem Druck und Temperaturen gebildet und stehen uns heute zum Klettern zur Verfügung. Die Wandneigung reicht von liegend bis sehr steil, wobei sich die meisten lohnenswerten Routen im Senkrechten bis leicht Überhängenden abspielen. Oft fordert ein wulstiger, kräftiger Einstieg ein beherztes Starten und dann folgt homogene Kletterei in oft beeindruckend geradlinigen Wänden. Durch die Einstiegswülste haben einige Routen Boulderstellen, aber generell ist die Kletterei ausdauernd, nicht zuletzt weil viele Routen an die 30-Meter-Marke herankommen. Auf jeden Fall sollte man hier genügend Expressschlingen und ein gut gefülltes Chalkbag dabei haben!

Felspotential ohne Ende

Margalef Klettern, Foto: A. Grusser
Margalef und seine Highlights. Die Route Pedra, paper, tisora 8c, gehört allein wegen ihrer Aussicht zu den populärsten in Margalef – ob man jetzt beim Klettern zuschaut oder selber am Seil hängt!

Eingebettet sind die Sektoren von Margalef in eine Wildnis von urigen weiten Tälern und Schluchten, die sich vom Bergstock des Montsant nach Norden übers Land ziehen. Wenn man in der Abendsonne die Aussicht über die Weite genießt, fühlt man sich in den Jurassic Park versetzt, in ein Land vor unserer Zeit. Über einen auftauchenden Dino würde man sich weniger wundern, als über ein knatterndes Motorrad. Margalef befindet sich zwei Autostunden von Barcelona und ein gutes Stück von der Küste entfernt in den Hügeln nördlich des Montsant. Die umliegenden Schluchten und Täler sind schier endlos mit Fels bestückt und momentan sind lediglich die gut erreichbaren Sektoren eingerichtet. Es ist nach Siurana das zweitbedeutendste Gebiet in Katalonien und derzeit noch voll in der Erschließungsphase.

Derzeit bietet Margalef 57 Sektoren, davon einige kleine und einige große. Oft ergänzen in Margalef die Bohrer der Hiltis mit ihren Hämmern den Wind, der um die Felsen pfeift. Hier erschließen Klettergrößen wie zum Beispiel Dani Andrada laufend neue Routen. Durch die unglaubliche Qualität der Routen wird es an Wochenenden schon mal voll an den populärsten Wänden. Das Potential ist riesengroß und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch für den „Mehralsfünfminutenzusteiger“ das Angebot an Routen deutlich gewachsen ist. Was die Schwierigkeitsgrade betrifft, so kommt in Margalef sicher jeder auf seine Kosten. Insgesamt 150 Routen bis 6a lassen den Genießer nicht so schnell zur Ruhe kommen. Knapp 300 Routen bis 6c+ benötigen ganz sicher mehrere Urlaube, um die überragenden Touren zu klettern. Ebenso viele französische Siebener warten auf die Liebhaber der Konglomeratklettereien, wobei „leider“ wenige Routen unlohnend sind. Im achten Franzosengrad bestehen derzeit 200 Touren und 10 weitere im neunten Grad, wobei mit „First round, first minute“ von Chris Sharma auch ein Testpiece mit 9b auf die Kletterelite wartet. Wer sich vornimmt, alle Touren in Margalef klettern zu wollen, könnte hier schon locker ein ganzes Kletterleben ausfüllen.

Meine Lieblingssektoren in Margalef

Margalef Klettern, Foto: A. Grusser
Typisch für Margalef stehen die Komglomeratfelsen in ihrer ganzen Pracht in den Abendstunden in der Sonne. Hier sieht man eine der lohnendsten Touren: To tieso 6b+

Richtig lohnend bis zum Schwierigkeitsgrad 6a sind die Sektoren Can Pesafigues, Cingles del Molí, und die Wände um El Tobogán. Wirklich gute Touren im Bereich 6b und 6c finden sich eigentlich überall. Ein Highlight für die Grade 7a bis 7c ist der Dreitürmige Sektor Culample, der gleich über zwanzig verschiedenen 30-Meter-Traumrouten aufweist. Ebenso herrlich sind die Sektoren Can Regino, Ca la Marta und Can Verdures. Der wohl größte zusammenhängende Sektor ist Raco de la Finestra. Hier findet man neben 8ern und 9ern auch perfekte Touren im mittleren 7ten Grad. Ganz großes Kino bekommt man im Raco de la Coma Closa und in der Catetral (8a bis 9a bei Längen bis 50 Meter). Kinderwagenfreundlich sind alle Sektoren an der Zufahrt zum Stausee, zu denen zum Beispiel El Laboratori zählt, in dem sich Klettereien von 6a bis 9b finden.

In Margalef Klettern heißt nicht nur Ausdauer zu haben

Margalef Klettern, Foto: A. Grusser
Wer Sonne, gute Gesteinsqualität und allgemein spanisches Ambiente dem deutschen Winter vorzieht, sollte gleich seine Klettersachen packen. Die beiden haben alles richtig gemacht und vergnügen sich in Draculin, 7a+

„Boah, ist das heftig!“ ruf ich zu Timon runter, der mich geduldig sichert. Anstatt einer Ruheposition kommt nur ein weiterer schwerer Zug und ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie diese Einzelstelle überhaupt im Ansatz gehen könnte. Die 25 Meter leicht überhängende Route wartet mit circa 20 Zügen auf, die ohne Ruhepunkt hintereinander gezogen werden müssen. Da kommen schon mal Zweifel auf, wenn nicht mal der Einzelzug hier geht. Endlich gelingt es und ich raste mit links in einem kleinen leistenartigen Loch ein. Nach jedem beherzten Zug an den nächsten Griff werde ich aufs Neue ernüchtert: Wieder ein Seitgriff, ein flaches Loch oder nur ein Untergriff, aber auf jeden Fall kein guter Griff. Wie soll ich das hier denn je sturzfrei aneinanderreihen? Aber irgendwie, auf eine unterschwellige Art und Weise, finde ich genau das herausfordernd! Ich komme nur hoch, wenn ich diese 20 schwierigen Züge am Stück klettern kann. Beim Ablassen quält mich der Gedanke an diesen weiten Zug in die kleine Lochleiste immer noch. Und siehe da, links ein zuvor übersehener Zweifingerlochuntergriff, der dermaßen tief ist, dass ich mit hohem Antreten direkt hochblockieren kann. Dort erwartet mich schon ein einigermaßen guter Schlitz. Danach nur ein überkreuzter Zug in einen Untergriff und endlich kann ich die Expressschlinge klippen! Später, in einem erneuten Versuch habe ich schon das Gefühl, dass ich alle Einzelzüge sauber klettern kann. Morgen mache ich Pausetag, versuche mich bestmöglichst zu regenerieren, indem ich nur in der Sonne sitze, in gewissen Abständen Kaffee koche, ein bisschen plaudere und mich auf übermorgen freue. Ich sehne mich jetzt schon wieder hoch an den Fels, um wieder all meine Energie in diese Wand und in diese Tour zu stecken. Das Leben kann so einfach sein!


Klettern in Margalef

  • Anreise Auto: Barcelona – LLeida/ Tarragona – LLeida/ Zarragoza –  Ausfahrt l’Albi –  LP-7013 nach El Vilosell / La Pobla de Cérvoles – C 242 Bellaguarda/ La Granadella – vor Bellaguarda auf T 713 – Margalef/ La Bisbal de Falset.
  • Anreise Flugzeug: Barcelona – Mietwagen (ziemlich günstig in Spanien) – Margalef (siehe oben). Von dort aus sind es noch ca. 2,5Std. mit dem Auto nach Barcelona. Mit Billigflieger nach Reus – C 14  Tarragona AP-7 – T 11 Falset – N-420 – C 242 Les Borges del Camp – Cornudella de M. / Albarca / Ulldemolins – Bellaguarda – T 713 Richtung Margalef/ La Bisbal de Falset.
  • Reisezeit: Margalef ist in der Regel ganzjährig besuchbar. Sonnen- und Schattensektoren halten sich in etwa die Waage. Im Winter kann Nebel zum Problem werden, der hält sich in den Schluchten. Im Sommer kann es zu heiß werden, aber das ist bekanntlich Geschmackssache.
  • Führer, Übernachtung, Lebensmittel, Café: Das Refugi „El Raco de la Finestra“ bietet neben Übernachtungen auch den aktuellen Margalef-Kletterführer an. Auch im Hostel „Els tres pins“ finden sich Betten. Zwei Cafés, ein sehr kleiner Lebensmittelladen und das war es auch schon. Die nächsten Supermärkte befinden sich in Reus oder LLeida.

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