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Das Ultraleicht-Flaggschiff

Petzl Sirocco Kletterhelm im Test

6 Minuten Lesezeit
Ein Helm, so leicht wie eine Banane! Der neue Sirocco Kletterhelm von Petzl wurde schnell zum Lieblingshelm unserer Autorin Erika "Ulligunde" Spengler. Über die ersten Erfahrungen mit dem Sirocco berichtet sie in ihrem Testbericht.

Wenn ein Bersportprodukt als »leicht« angepriesen wird, geht das ja oft auf Kosten der Bedienbarkeit und der Langlebigkeit. Dass ein Helm, der nur noch so viel wiegt wie eine Banane, nicht dazu gemacht ist, ihn an die Enkel weiterzuvererben ist selbsterklärend, aber die Bedienbarkeit spielt auch im Hier und Jetzt eine Rolle. Wie sieht’s also mit dem Sirocco, dem Ultraleicht-Flaggschiff von Petzl aus? Nettes High-End-Gimmick für echte High-End-Athleten oder ein wirklich brauchbares Teil für uns Normalverbraucher, um Gewicht zu sparen?

Der erste Eindruck des Sirocco

Wertig kommt er daher, der neue Sirocco von Petzl. Schneeweiß oder matt-schwarz steckt er im eigenen Karton, zusätzlich gibt es nicht nur Ersatzpolster für innen, sondern auch ein eigenes Transporttäschchen im Petzl-Look. „Du hast Dir was Besonderes gegönnt!“ spricht die edle Verpackung. Hält man den Sirocco dann ausgepackt in Händen, bleibt ein ungläubiger Blick. „Fehlt da noch was?“. Er ist leicht, so richtig leicht. 160 Gramm in der kleinen Größe „1“. Da wirkt ein ordentlicher Apfel glatt wie ein schwergewichtiges Pummelchen dagegen – der wiegt nämlich locker ein Drittel mehr!

Der Sirocco besteht wie seine Vorgänger nur aus Hartschaum - mit filigranen Applikationen. | Foto: Erika Spengler
Der Sirocco besteht wie seine Vorgänger nur aus Hartschaum – mit filigranen Applikationen. | Foto: Erika Spengler

Feinjustierung am Sirocco

Plastikverstärkerungen an den hinteren Einstellschlaufen oder gar ein Polster am Kinn sucht man beim Sirocco natürlich vergeblich – irgendwie muss der Helm ja zur Banane werden! Die Einstellungsmöglichkeiten sind aber mit klassischen Helmen vergleichbar: Eine Längsverstellung an den Ohren, eine Justierung für den Kopfumfang und natürlich eine am Kinn.

Die Einstellung erfolgt durch eine ultraleichte, ausgeklügelte Bandkonstruktion, die überraschend gut funktioniert. Besonders die Einstellung für den Kopfumfang, die man wohl am häufigsten verändert (mal Mütze, mal dünnes Stirnband…ihr kennt das!) funktioniert perfekt und steht einem klassischen „normalen“ Kletterhelm in nichts nach. Insgesamt sitzt der Helm sehr gut – auch noch nach einigen Klettermetern. Schiefer Bauarbeiterhelm? Fehlanzeige!

Kletterhelm mit praktischem Magnetverschluss

Beim Verschlussmechanismus am Kinn wurde auf einen Magnetverschluss gesetzt. Der funktioniert zuverlässig und einfach – einziges Problem könnte Dreck oder magnetische Felspartikel sein. Während ein paar Wochen z.B. im Yosemite Valley sollte der Verschluss immer wieder gereinigt werden, sonst kann es tatsächlich passieren, dass der Mechanismus nicht mehr richtig verschließt. Im Normalfall fällt das aber schon beim Zumachen auf, denn er rastet dann nicht mehr richtig ein.

Stirnlampenhalterung

Auch die Stirnlampenhalterung ist minimalistisch und auf Gewicht getrimmt. Dennoch funktioniert das Einspannen gut und die Lampe verrutscht nicht unmittelbar beim ersten Stoß. Im Vergleich zu vielen anderen Konstruktionen geht das Einspannen beim Sirocco sogar leichter vonstatten, denn anstatt die Stirnlampe in eine starre Plastikhalterung zu popeln kann man den Gummistraps kinderleicht auf- und zumachen.

Form follows Function

Besonders angenehm ist der verhältnismäßig weitreichende Schutz am Hinterkopf. Der Helm reicht weit hinunter, sodass man nicht nur gegen Steinschlag direkt auf den Kopf geschützt ist, sondern auch z.B. beim Runterschauen oder natürlich vor allem auch bei einem Sturz, bei dem man eben auch oft mit der Seite oder dem Hinterkopf gegen die Wand prallt. An den Rundumschutz eines Vector-Helms von Black Diamond reicht er zwar nicht ganz ran, aber es ist doch mehr als bei vielen anderen Helmen. Noch dazu ragt der Sirocco nicht ganz so weit nach oben wie z.B. der Meteor von Petzl. Vorteilhaft für die Optik, falls das eine Rolle beim Kauf spielen sollte!

Auf das Notwendigste reduziert: Petzl setzt beim Sirocco auf ein minimalistisches Design. | Foto: Erika Spengler
Auf das Notwendigste reduziert: Petzl setzt beim Sirocco auf ein minimalistisches Design. | Foto: Erika Spengler

Die Lüftungslöcher sind groß und zahlreich – abgesehen davon, dass man den Helm ohnehin wegen seines Gewichts nach wenigen Sekunden auf seinem Kopf vergessen hat, kommt man dort sicher nicht ins Schwitzen. Ebenfalls in die Kategorie „Außenwirkung“ spielt die glatte Oberfläche des neuen Sirocco. Wo der komplett orangene Vorgänger ausschließlich aus Hartschaum bestand, hat die neue Version eine glatte Oberfläche verpasst bekommen. Ob das nun zur Beruhigung des Kunden („doch nicht nur Schaum auf dem Kopf“) umgesetzt wurde oder dafür, dass dort die GoPro besser hält, darf sich jeder selbst aussuchen. Fakt ist, dass die Stabilität durch die Verstärkung auf der Oberseite nicht speziell besser ist als beim „alten“ Sirocco – beide Helme bleiben Ultraleichtmodelle, die nach einem harten Schlag ausgetauscht werden sollten.

Kletterhelm aus EPS-Hartschaum

Der Sirocco wurde als Kletterhelm zertifiziert, was bedeutet, dass er Steinschlag und Stürze aushält (wobei für die Norm nur der Steinschlag geprüft wird!). Generell funktoniert dieser Schutzmechanismus derart, dass der Helm die Energie durch Verformung aufnimmt und so den Kopf im Inneren schützt.

Dieser Mechanismus ist allen Helmen gleich, nur dass die Druckverteilung bei einer zusätzlichen, harten Schale etwas günstiger ist. Wobei das natürlich nur für moderne Helme gilt, deren EPS (»Styropor«)-Innenleben die gesamte Schale des Helms füllt. Ein alter Hartschalenhelm – mit ggf. etwas Dämpfung an der Kopf-Oberseite – ist ungünstig, denn das Material, das den Schock absorbieren wird, ist der eigene Kopf.

Beim Sirocco, der ausschließlich aus Hartschaum besteht, empfiehlt Petzl, ihn nach einem harten Schlag auszutasuchen. Auch dann, wenn keine Mängel direkt erkennbar sind.
Generell sollte man mit dem Sirocco möglichst pfleglich umgehen – man soll ihn laut Anleitung weder in den Rucksack stopfen noch ihn fallen lassen, man soll ihn auch nicht in Kontakt mit spitzen Gegenständen bringen und sowieso nicht besonderer Hitze (parkendes Auto in der Sonne!) aussetzen.

Wer sich allerdings beklagt, dass der Helm schon nach dem ersten Steinschlag gesprungen ist, sollte im Kopf behalten, dass auch bei klassischen Helmen empfohlen wird, sie nach harten Schlägen auszutauschen. Die Verformungskapazität ist dann eventuell nicht mehr gegeben. Bloß weil man den Sprung unter der harten Schale nicht so gut sieht, heißt das nicht, dass der Helm noch einsatztauglich ist. Fakt ist aber natürlich auch, dass der Sirocco schlechte Behandlung als Ultraleichtmodell weniger verzeiht!

Der Sirocco in Aktion auf dem Langkofel. | Foto: Erika Spengler
Der Sirocco in Aktion auf dem Langkofel. | Foto: Erika Spengler

Fazit, oder: Ist der Sirocco von Petzl was für mich?

Für mich persönlich ist er auf jeden Fall was, ja! Er ist so leicht und bequem, dass er problemlos mit klassischen Helmen mithalten kann. Wer etwas mehr Wert auf Gewicht statt auf Langlebigkeit legt, für den ist der Sirocco eine gute Wahl. Wer chronisch grobmotorisch ist, gerne alles inklusive Steigeisen und Helm in einen Rucksack stopft oder die geschaffte Tour gerne auf dem Helm sitzend nochmal bestaunt, der sollte besser einen anderen wählen!

Ich habe den Sirocco jedenfalls seit gut drei Monaten in Verwendung und seither keinen anderen mehr aufgesetzt. Egal ob beim Alpinklettern im „Jahrhundertsommer“, wo seine gute Belüftung genau das richtige war oder auf Hochtour, wo er seinen Gewichtsvorteil ausspielen konnte und spätestens bei den ohnehin schon schweren Rucksäcken bei Hike&Fly bzw. Climb&Fly-Aktionen möchte ich ihn nicht mehr missen. Für mich persönlich ist der Sirocco der neue Lieblingshelm!

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