Das Oberengadin bietet Traum-Skitourenziele für einen ganzen Winter. Abseits der bekannten Routen am Julierpass, Bernina und Piz Nair locken zwischen Zuoz und Pontresina jede Menge Tagestouren mit weiten Hängen und weißem Terrain.

„Hoch oben in Bergen wohnt ein Büblein so wie ihr…“ beginnt eine alte und schöne Engadiner Geschichte vom Schellen-Ursli. Sie handelt von der Tradition der Chalandamarz, welche am 1. März im Engadin stattfindet. Alle Buben eines Dorfes sollen mit lautem Glockenläuten den Winter vertreiben. Derjenige mit der größten Glocke darf den Zug anführen. Der Ursli bekommt als jüngster jedoch nur eine kleine Schelle. Über einen abenteuerlichen Weg gelangt er schließlich an die größte Glocke und darf somit vorneweg laufen.

Einer der besten Skitouren-Berge im Oberengadin: Piz Griatschouls. | Franz Mösbauer
Einer der besten Skitouren-Berge im Oberengadin: Piz Griatschouls. | Franz Mösbauer

Für alle Skifreunde bietet gerade das Oberengadin sowohl vor als auch nach der Chamalatsch ein hervorragendes Gelände, um sich auszutoben. Und so wie sich der Ursli nicht mit einer kleinen Schelle zufrieden gibt, wird man auf den weitläufigen Hängen des Engadin gerade mit den breiten Freerideski seinen Spaß haben. Durch die Höhenlage findet man normalerweise den ganzen Winter über gute Verhältnisse. Außerdem ist die Infrastruktur so vielfältig, dass jeder nach seinem Gusto glücklich wird: Weltcup- und olympiabewährter Skizirkus zum Freeriden und für Ski-Plus-Aktivitäten, ge- und verspurte Genussskitouren oder einsames Spuren durch eine wilde Berglandschaft für die Skitourengeher unter uns.

Skitouren im Oberengadin: Überblick

Abgesehen von den Hotspots St. Moritz, der Bernina und dem Julierpass, respektive Bivio, gibt es im Engadin noch jede Menge weißes Terrain. Sobald sich bei der Anfahrt aus Landeck kommend das Oberengadin bei S-chanf öffnet, ist Vorfreude gewiss. Nicht weil sich die ultimative sharma’sche King-Line aufbaut, sondern fast das Pendant in Weiß: die bis zu 1.400 Meter hohen, ebenmäßigen Hänge des Piz Griatschouls kann man nicht oft genug befahren. Zumal sich fast immer eine unverspurte Variante finden lässt.

Piz Arpiglia

Über dem Val Pischa zeigt sich die ebenmäßige Pyramide des Piz Blaisun - wenn sich nicht gerade der Gipfel hinter Wolken versteckt. | Foto: Franz Mösbauer
Über dem Val Pischa zeigt sich die ebenmäßige Pyramide des Piz Blaisun – wenn sich nicht gerade der Gipfel hinter Wolken versteckt. | Foto: Franz Mösbauer

Gegenüber steht der Piz Arpiglia. Der Berg hat zahlreiche Vorzüge. Der Parkplatz befindet sich fast direkt neben der Kaffeerösterei Cafè Badilatti in Zuoz, der man nach der Tour einen Besuch abstatten sollte. Zudem hält der Berg mehrere schöne Abfahrtsvarianten bereit und die Skitour lässt sich durch verschiedene Gipfel erweitern, die deutlich weniger besucht werden.

Piz Belvair und Piz Kesch

Ähnlich steht es um den gegenüberliegenden Piz Belvair. Eine wunderbare Hochwintertour mit sonnigem, freiem Aufstieg und vielen Abfahrtsvarianten in alle Richtungen. Und warum nicht auch gleich weiter zum Piz Kesch? Sowohl als Tagestour von Zuoz aus, als auch mit Übernachtung auf der Esch-Cha-Hütte lässt sich diese Prominenz angehen. Abenteuerlustige können die Skitour zu einer feinen Runde Richtung S-chanf ausbauen.

Crasta Mora

Während im Sommer der Albula-Pass nicht zur Ruhe kommt, hält er zur kalten Jahreszeit seinen Winterschlaf. Ein vergleichsweise hohes Verkehrsaufkommen gibt es fast nur hinauf zur Crasta Mora, welche sich aber durch den kühlen Albulawind oft von ihrer abweisenden Seite zeigt. Doch spätestens am Gipfel stechen die Hänge des Piz Blaisun ins Auge. Hier scheint es so, als ob Frau Holle ihre Betten über den Gipfel gespannt hätte. Weite, freie Hänge. Allerdings auch steile Hänge. Ebenso wie am benachbarten Piz Kesch lässt sich eine feine Überschreitung einbauen.

Piz Vadret und Piz Muragl

Unten oft waldig, nach oben hin immer wilder - eine typische Skitour im Oberengadin. | Foto: Franz Mösbauer
Unten oft waldig, nach oben hin immer wilder – eine typische Skitour im Oberengadin. | Foto: Franz Mösbauer

Die beiden Gipfel Piz Vadret und Piz Muragl können entweder vom Tal aus angegangen werden, oder die Anstiege werden mit Hilfe der Bahn hoch nach Muottas Muragl abgekürzt. Schöne, freie Hänge findet man hier ausreichend. Wenn auch das Tal im Hochwinter einem Tiefkühlfach gleich kommt, so darf man hier öfters auf den heiß ersehnten Pulver hoffen.

Je weiter nun der Blick Richtung Maloja oder Berninapass gerichtet wird, umso mehr Touren eröffnen sich einem. Ein Blick in den dicken, weißen SAC-Skitourenführer Graubünden verrät: Hier gibt es noch viel zu tun!

Exkurs: Auch Eisklettern kann man hier

Als Abwechslung sind im Übrigen auch die Eisklettergebiete von Silvaplana oder am Julierpass zu empfehlen. Darüber hinaus lassen sich oberhalb von Pontresina nicht nur die leichten, längeren Fälle in sonniger Lage unter die Eisen nehmen, auch in der Schlucht nahe des Ortszentrums gibt es einige besondere Eisklettermöglichkeiten. Quasi Sport-Eisklettern. Doch sind hier die objektiven Gefahren gerade in der zivilisierten Umgebung nicht zu unterschätzen, insbesondere bei Schneefall! Denn sobald die Sirene in der Schlucht losgeht, sollte man sich einen geschützten Platz suchen. Sekunden später donnern die Schneemassen durch die Schlucht. Hat was von Spindrift in einem Couloir, ist aber nur der Schnee aus dem Ort, den der Winterdienst lastwagenweise hier entsorgt. Dennoch, die Eis- und Mixedtouren sind genial.

Tourenvorschläge für Skitouren rund um Zuoz

Sonnenaufgang über dem Oberengadin am Munt Griatschouls. | Franz Mösbauer
Sonnenaufgang über dem Oberengadin am Munt Griatschouls. | Franz Mösbauer

Achtung: Die hier vorgestellten Touren sind nicht die Standardtouren. Sie beinhalten (Abfahrts-) Varianten, welche aufgrund der Lawinenverhältnisse nicht immer durchführbar sind. Alternativ bzw. im Zweifel entlang dem Aufstieg über die Normalrouten zurück ins Tal.

Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass die hier bereitgestellten GPS-Tracks nur zur Grundorientierung dienen und keine genaue Aufstiegsspur beschreiben. Vor der Tour ist es immer erforderlich, sich Infos zu den Verhältnissen einzuholen (z.B. Lawinenlagebericht) und eine Karte zu konsultieren. Die Nutzung der GPS-Daten erfolgt auf eigene Gefahr.

Kartenmaterial und Skitourenführer zum Oberengadin

Die topographischen Karten der Schweiz sind über jeden Zweifel erhaben. Eine optimale Ergänzung sind die braunen 1:25.000 Karten mit den Skitourenkarten 1:50.000. Für viele weitere Anregungen sei der SAC-Skitourenführer „Graubünden“ empfohlen. Zur Planung bietet alpenvereinaktiv.com einen guten Tourenplaner, inklusive einer farblichen Anzeige der Hangneigungen.

Piz Griatschouls

  • Beste Zeit: Hochwinter
  • Schwierigkeit: mittel
  • Höhenmeter: 1.500

Von Zuoz aus vorbei an der Alp Griatschouls über den Ost-/Nord-Ost-Rücken auf den Munt Griatschouls (Punkt 2801). Hinab in die südseitig gelegene Mulde bis auf ca. 2.500 Meter. Nun über die meist vorhandene Spur hoch zum Skidepot (Punkt 2955) des Piz Griatschouls. Zuletzt zu Fuß zum Gipfel. Abfahrt vom Skidepot wieder in die Mulde östlich des Gipfels und die breite Hänge hinab nach Zuoz. Nicht zu sehr ins Val Gianduns abdriften, da dies oft in einem „Gehackl“ endet!

Piz Uter – Piz Arpiglia

  • Beste Zeit: Hochwinter
  • Schwierigkeit: mittel
  • Höhenmeter: 1. 700

Vom Langlaufparkplatz Zuoz über die markante Waldschneise zur Alp Arpiglia und weiter über die Fuorcla Giavagl auf den Piz Uter. Abfahrt nach Süden in die Scharte bei Punkt 2753. Nun ins Val Vaüglia bis zur Alp Margun. Von hier über die Osthänge auf den Piz Arpiglia. Nordseitig hinab bis auf circa 2.400 Meter, um nach einer linkshaltenden Querung die Plaun d’Arpschellas und den Normalweg zurück zum Auto zu erreichen.

Piz Belvair

  • Beste Zeit: Hochwinter
  • Schwierigkeit: mittel
  • Höhenmeter: 1.350

Von Madulain über die Alp Belvair hoch zum Piz Belvair. Vom Gipfel aus in die südseitigen Mulden bis zu einem kleinen Absatz (circa 2.650 Meter) abfahren. Nicht weiter hinab (Felsen), sondern nach einer Rechtsquerung zu einem Rücken und hinab ins Val Müra bis auf rund 2.300 Meter. Wieder hinauf zum weiten Sattel unterhalb des Piz Belvair. Im Folgenden die südostseitigen Hänge der Bos-chetta hinab nach Madulain genießen.

Piz Kesch

  • Beste Zeit: Frühjahr
  • Schwierigkeit: schwer
  • Höhenmeter: 1.800

Von Madulain über die Capanna Es-cha in die Porta Es-cha, die zuletzt zu Fuß erreicht wird. Jenseits auf den Vadret da Porchabella und weiter hoch zum Skidepot Nordostgrat des Piz Kesch. In leichter Kletterei durch die Ostflanke hinauf zum Gipfel. Abfahrt vom Skidepot bis auf circa 2.800 Meter östlich der Felsinsel (Punkt 2867) am Vadret da Porchabella. Nach einem kurzen Aufstieg zur Fuorcla Viluoch folgt die lange Abfahrt ins Val Viluoch. Wehmutstropfen der Tour: durch das Val Susauna hinaus zum Bahnhof Cinuos-chel. Mit dem Bähnli zurück nach Madulain.

Piz Blaisun

  • Beste Zeit: Frühjahr
  • Schwierigkeit: schwer
  • Höhenmeter: 1.500

Von La Punt auf der Albulastraße hinauf bis auf rund 2.200 Meter und nordöstlich weiter in die Fuorcla Gualdauna. Jenseits ins obere Val Pischa und in die Fuorcla Pischa. Über den Nordgrat auf den Piz Blaisun. Über die ebenmäßige Südwestflanke hinab Richtung Albulasee und zurück nach La Punt.

Piz Vadret/Piz Muragl

  • Einordung: Hochwinter – Frühjahr
  • Schwierigkeit: mittel
  • Höhenmeter: 1.400

Von Punt Muragl hoch bis ins obere Val Muragl (circa 2.700 Meter). Dieses kann auch nach einer Bergbahnfahrt von Muottas Muragl und einer langen Querung auf dem Rücken der Tschimas da Muottas erreicht werden. Nun entweder auf den steileren Piz Vadret oder den schattigeren Piz Muragl – oder beide.
Der felsige Gipfelstock wird über west- und nordseitige Hänge umgangen, um letztlich zu Fuß entlang des Nordgrates den höchsten Punkt zu erreichen. Auf den Piz Muragl gelangt man durch das gestufte Nordkar und zuletzt steht man nach einigen Spitzkehren über die Ostflanke auf dem höchsten Punkt. Abfahrt wie Aufstieg.

Anreise und Übernachtung

Von München bzw. Süddeutschland aus ist die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht optimal. Dennoch kann man mit dem Zug über Bregenz und Chur anreisen oder ebenfalls mit dem Zug durch das Inntal nach Landeck, um von dort mit dem Bus ins Oberengadin zu fahren. Beides dauert ab München gute sieben Stunden in Verbindung mit mehrmaligem Umsteigen. Mit dem Auto von München über Garmisch und den Fernpaß – alternativ das Inntal – nach Landeck und am Inn entlang ins Oberengadin. Vom Westen kommend geht es am besten über das Schweizer Rheintal und dann entweder per Autoverladung durch den Vereina-Tunnel oder über den auch im Winter geöffneten Julierpass.

Übernachten kann man je nach Vorliebe in den ruhigeren und kleinen Orten zwischen S-chanf und Bever jenseits der Tourismushochburgen. Mehr wintertouristische Infrastrukturen bieten Celerina – St. Moritz – Pontresina.

Die passende Ausrüstung für Ihre Skitour gibt’s bei Bergzeit

Weitere Skitourentipps im Bergzeit Magazin:

Nützliches Wissen rund um die Skitourenausrüstung:

Kommentare

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Ursin Godin

Allegra.
Der Brauch heisst „Chalandamarz“
Salüds dal Engiadina

Hallo Ursin,
vielen Dank für Deine Korrektur – wir habens geändert
Stefan vom Magazin Team

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