Eine Alpenüberquerung gilt als Traum vieler Bergenthusiasten. Der Klassiker ist die Wanderung auf dem Fernwanderweg E5. Die Wanderguides Renate Steinacher und Christoph Werntgen stellen die beliebte Route von Oberstdorf nach Vernagt vor.

Im Netz der Europäischen Fernwanderwege verbindet der E5 auf über 3.000 Kilometern Strecke das Kap Pointe du Raz in der Bretagne ganz im Westen Frankreichs mit der nordost-italienischen Stadt Verona im Veneto. Das Herzstück dieses Weitwanderweges bildet der Übergang über die Alpen vom bayrischen Allgäu durch Tirol bis nach Südtirol.

Schon in Oberstdorf weckt der Ausblick auf die Allgäuer Alpen unsere Vorfreude auf die Alpenüberquerung auf dem E5. | Foto: Christoph Werntgen
Schon in Oberstdorf weckt der Ausblick auf die Allgäuer Alpen unsere Vorfreude auf die Alpenüberquerung auf dem E5. | Foto: Christoph Werntgen

Beschrieben wird in diesem Artikel eine sechstägige Wanderung von Oberstdorf über die Gebirgsgruppen der Allgäuer, Lechtaler und Ötztaler Alpen bis nach Vernagt (mit Fortsetzungsmöglichkeit nach Meran). Auf dieser Alpenüberquerung legt man eine Strecke von über 80 Kilometern mit über 5.000 Höhenmetern zurück – in der Regel auf mittelschweren Wegen und Pfaden.

Die Bergwelt der Alpen präsentiert sich hier von Norden nach Süden mit ihren abwechslungsreichen Landschaften, ihrer vielfältigen Tierwelt und bunt blühenden Flora. Einige Transfers mit Bus, Taxi und Seilbahn erleichtern die Überquerung auf weniger reizvollen Abschnitten.

Voraussetzungen für eine Alpenüberquerung auf dem E5

Wer diesen Abschnitt des E5 bewältigen möchte, sollte eine gute Grundlagenausdauer mitbringen, in der Lage sein, mit dem Rucksack auf dem Rücken Strecken bis zu 20 Kilometer und bis zu 1.400 Höhenmeter täglich zurückzulegen, und über Trittsicherheit im Gelände verfügen.

Wie viel schleppen wir eigentlich mit über die Berge? Weniger ist hier jedenfalls mehr. Außerdem geht es bei dieser Tour auch darum, die Komfortzone etwas zu verlassen. Was brauche ich also wirklich an Gepäck? Ein Gewicht von acht bis maximal zehn Kilogramm sollte der Rucksack nicht überschreiten. Ein wenig Erfahrung hilft dabei ‐ oder der eine oder andere Tipp des begleitenden Wanderguides. So kann man vielleicht noch ein schweres Teil am Startort zurücklassen und muss es nicht sinnlos über die Alpen tragen.

Tag 1: Von Oberstdorf (Spielmannsau) zur Kemptner Hütte

1. Etappe: 6,5 Kilometer, 900 Höhenmeter bergauf

Abwechslungs- und aussichtsreich - der Aufstieg zur Kemptner Hütte auf der ersten Etappe der Alpenüberquerung. | Foto: Christoph Werntgen
Abwechslungs- und aussichtsreich – der Aufstieg zur Kemptner Hütte auf der ersten Etappe der Alpenüberquerung. | Foto: Christoph Werntgen

Mit dem Linienbus fahren wir vom Bahnhof in Oberstdorf zu unserem Ausgangspunkt – der Spielmannsau. Von dort geht es dann gleich bergauf – zunächst etwas sanfter entlang der Trettach, später steiler durch den Sperrbachtobel. Wer früh in der Saison unterwegs ist, kann bereits hier den ersten Kontakt mit Schnee haben.

Nach dieser relativ kurzen, aber dennoch mit einigen steilen Anstiegen gespickten ersten Etappe, erreichen wir die Kemptner Hütte (1.844 Meter). Hier lohnt es sich durchaus, Ausschau nach Murmeltieren zu halten. Wenn man die kurzen lauten Pfiffe vernimmt, mit denen sich die Nager gegenseitig vor drohender Gefahr warnen, können sie nicht mehr weit sein. In die grünen Hänge der Allgäuer Alpen haben sie ihr ausgedehntes unterirdisches Netz gebaut.

Tag 2: Von der Kemptner zur Memminger Hütte

2. Etappe: 14 Kilometer, 1.030 Höhenmeter bergauf, 950 Höhenmeter bergab

Grenzschild am Mädelejoch. | Foto: Christoph Werntgen
Grenzschild am Mädelejoch. | Foto: Christoph Werntgen

Schon nach kurzer Zeit überschreiten wir am Mädelejoch die Grenze zwischen Deutschland und Österreich und bewegen uns in den nächsten Tagen durch ganz Tirol Richtung Süden. Ein altes Grenzschild macht uns darauf aufmerksam und ist beliebtes Fotomotiv – wann passiert man schließlich schon mal eine Grenze zu Fuß?

Mit etwas Glück begegnen wir hier auch schon den nächsten Alpenbewohnern. So zeigen sich vielleicht einige Steinböcke in der Ferne. Bei feuchtem Wetter lohnen sich auch genauere Blicke, wenn sich auf nassem Stein etwas bewegt. Bei dieser Witterung tauchen nämlich Alpensalamander auf, die ansonsten nur schwierig zu entdecken sind.

Der zunächst steile, in der Folge etwas sanftere Abstieg führt uns vorbei an einem mächtigen Wasserfall und über eine 200 Meter lange Hängebrücke nach Holzgau im Lechtal. Die Strecke nach Bach und bis zur Materialseilbahn der Memminger Hütte legen wir mit dem Taxi zurück und machen uns dort an den letzten Aufstieg des Tages. Dieser ist gleichzeitig unser Einstieg in die Lechtaler Alpen – über einige Kehren, durch Latschen und vorbei an vielen kleinen Wasserfällen.

Rund um die Memminger Hütte (2.242 Meter) ist die Chance, Steinböcke hautnah zu erleben, relativ groß, da dort vor einigen Jahren eine Population angesiedelt wurde.

Tag 3: Von der Memminger Hütte nach Zams

3. Etappe: 14,7 Kilometer, 600 Höhenmeter bergauf, 2.070 Höhenmeter bergab

Vorbei an den Seewiseen (unterer, mittlerer und oberer), in denen sich die umliegende Bergwelt traumhaft schön spiegelt, gelangen wir nach teils steilem Aufstieg zur Seescharte, von wo es uns in einem langen Abstieg mit etwa 2.000 Höhenmetern nach Zams ins Oberinntal führt. Auf dieser Etappe bekommen wir alle Seiten der Bergwelt zu sehen und zu spüren. Wir passieren steinige Pfade – früh in der Saison durchaus auch Schneefelder -, wandern über saftige Almwiesen und bekommen die bunt blühende Pflanzenwelt in ihrer vollen Pracht präsentiert. Wenn es die Temperaturen erlauben, bietet sich Mutigen hier auch die Abkühlung im eisigen Gebirgsbach.

Die erste und einzige Nacht im Tal, abseits vom Betten‐ und Matratzenlager auf den Hütten, kann man auf dieser Tour in einem der vielen Hotels oder Gasthöfe in Zams genießen.

Tag 4: Von Zams zur Braunschweiger Hütte

4. Etappe: 17,4 Kilometer, 1.060 Höhenmeter bergauf, 1.250 Höhenmeter bergab

Einfach machen wir es uns beim „Aufstieg“ von Zams zur Bergstation der Venetbahn. Diesen legen wir nämlich mit der Seilbahn zurück und wandern anschließend entweder über den Gipfelweg mit Glanderspitze und Wannejöchl oder über den Panoramaweg nach Wenns – und verlassen damit wieder die Lechtaler Alpen. Der Postbus bringt uns von Wenns durchs Pitztal nach Mittelberg, wo unser Aufstieg in die Ötztaler Alpen zur Braunschweiger Hütte beginnt. Dieser Abschnitt kann getrost als Königsetappe der Alpenüberquerung auf dem Fernwanderweg E5 bezeichnet werden. Zum einen verlangt uns der Aufstieg viel ab, zum anderen haben wir oben einen atemberaubenden Blick auf die umliegende Gletscher‐ und Bergwelt, unter anderem auf die Wildspitze, mit 3.768 Metern der höchste Berg der Ötztaler Alpen und der zweithöchste Berg Österreichs. Hier einen Sonnenuntergang und das Glühen der Berge zu erleben, bleibt ein Leben lang in Erinnerung. Auf einer Höhe von 2.758 Metern über NN verbringen wir die höchste Nacht unserer Tour.

Tag 5: Von der Braunschweiger zur Martin‐Busch‐Hütte

5. Etappe: 18 Kilometer, 1.025 Höhenmeter bergauf, 1.000 Höhenmeter bergab

Eine der schwierigsten Passagen unserer Alpenüberquerung führt uns nun über das Pitztaler Jöchl oder das Rettenbachjoch, wo wir an der 3.000-Meter‐Marke kratzen, herunter zum Restaurant Rettenbachgletscher.

Von dort geht es mit Bus oder Taxi entweder zur Haltestelle „Sölden Maut“ zu Fuß weiter durch die blühende Landschaft, vorbei an einigen Almen mit Einkehrmöglichkeit, nach Bodenegg, von wo wir wiederum einen Transfer ins Bergsteigerdorf Vent in Anspruch nehmen – oder wir lassen uns durch den Rosi‐Mittermeier‐Tunnel zum Tiefenbachferner fahren und nehmen schließlich die Route über den Venter Panoramaweg.

Für die letzten anderthalb Tage verlassen wir nun den Wegverlauf des E5, der über Zwieselstein, Timmelsjoch und das Passeiertal, vorbei an Meran und Bozen, weiter nach Verona führt. Stattdessen nehmen wir den Übergang ins Schnalstal.

Ausdauer und Durchhaltevermögen sind anschließend gefragt, denn auf dem letzten Abschnitt der längsten Etappe unserer Tour wandern wir von Vent auf einem einfachen, relativ leicht ansteigenden, aber langen Weg zur Martin‐Busch‐Hütte (2.501 Meter).

Tag 6: Von der Martin‐Busch‐Hütte zum Tisenhof in Vernagt

6. Etappe: 10,2 Kilometer, 530 Höhenmeter bergauf, 1.200 Höhenmeter bergab

Die letzte Etappe beginnt wieder mit einem Anstieg. Dieses Mal zum höchsten Punkt auf unserer gesamten Tour. Bei der Similaunhütte am Niederjoch erreichen wir 3.019 Meter. Wer noch weiter aufsteigen möchte, kann einen Abstecher zur Ötzi‐Fundstelle machen (etwa 200 Höhenmeter von der Similaunhütte Richtung Hauslabjoch).

Nach einer Stärkung auf der jüngst renovierten Similaunhütte führt unser letzter Abstieg zunächst steil und steinig, später flacher über grüne Wiesen, auf denen Kühe grasen und sich die berühmten Ötztaler Bergschafe tummeln, zum Tisenhof über Vernagt.

Dort erblickt man allerorts die strahlenden Gesichter der erfolgreichen Alpenüberquerer, die sich ihre wohlverdiente Jause gönnen.

In zwei weiteren Etappen nach Meran

Wer jetzt noch nicht genug vom Wandern hat, kann in zwei weiteren Tagesetappen bis nach Meran laufen. Nach einem kurzen Bustransfer vom Vernagt-Stausee nach Katharinaberg, geht es auf dem Meraner Höhenweg weiter bis zum Gasthaus Giggelberg, in dem übernachtet werden kann. Am nächsten Tag führt uns die Wanderung schließlich zunächst ins Tal und über Waalwege nach Meran. Waale sind Bewässerungsgräben, die die Landwirtschaft vor allem in trockenen Sommern mit dem nötigen Wasser versorgen. Landschaftlich reizvoll und kulinarisch wie geschichtlich interessant ist dieser Abschnitt allemal. Von Meran aus erreicht man auch den ursprünglichen Verlauf des Fernwanderwegs E5 wieder, zum Beispiel mit einer Fahrt mit der Seilbahn.

Alle Infos zur Alpenüberquerung auf dem Fernwanderweg E5

  • Start/Ziel: Oberstdorf im Allgäu (Spielmannsau) ‐ Vernagt in Südtirol
  • Länge: 6 Etappen, 81 Kilometer, 5.200 Höhenmeter bergauf, 6.500 Höhenmeter bergab
  • Etappen:
    • 1. Etappe: Oberstdorf (Spielmannsau) – Kemptner Hütte (6,5 km, 900 Hm bergauf)
    • 2. Etappe: Kemptner Hütte – Memminger Hütte (14 km, 1.030 Hm auf, 950 Hm ab)
    • 3. Etappe: Memminger Hütte – Zams (14,7 km, 600 Hm auf, 2.070 Hm ab)
    • 4. Etappe: Zams – Braunschweiger Hütte (17,4 km, 1.060 Hm auf, 1.250 Hm ab)
    • 5. Etappe: Braunschweiger – Martin‐Busch‐Hütte (18 km, 1.025 Hm auf, 1.000 Hm ab)
    • 6. Etappe: Martin‐Busch‐Hütte – Vernagt (10,2 km, 530 Hm auf, 1.200 Hm ab)
  • Empfohlene Jahreszeit: Mitte Juni bis Ende September
  • Geführte Touren zum Beispiel durch Anbieter wie wandererlebnis.guide. Je nach Anbieter inklusive Begleitung durch zertifizierte Wanderführer, Übernachtung/Frühstück, Transfers auf der Tour, Rücktransfer nach Oberstdorf.
  • Anfahrt/Rückfahrt: Oberstdorf erreicht man gut mit dem Zug oder dem Auto, das man auf einem der Langzeitparkplätze abstellen kann (für 6 Tage gut € 30,‐ in Kleingeld bereithalten). Einen Rücktransfer von Vernagt oder Meran nach Oberstdorf bieten einige Anbieter auch für kleinere Gruppen oder Einzelpersonen an.
  • Übernachtung: Die Übernachtung auf dieser Route erfolgt auf Hütten, lediglich in Zams ist eine Übernachtung im Tal vorgesehen
  • Literatur & Karte: Rother Wanderführer Fernwanderweg E5, Alpenvereinskarten 1:25.000 BY4 Allgäuer Hochalpen, 3/3 Lechtaler Alpen Parseierspitze, 30/1 Ötztaler Alpen Gurgl, 30/6 Ötztaler Alpen Wildspitze, Kompass 1:50.000 Europäischer Fernwanderweg E5, Teil Nord, Europäischer Fernwanderweg E5, Teil Süd
  • Wanderausrüstung gibt’s bei Bergzeit: 

Unterkünfte für den Start des E5



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Kommentare

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Joki

Die E5 Alpenüberquerung muss man einfach mal gemacht haben!
TIP – noch den Similaun als Gipfel-Highlight mitnehmen ;-)

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