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Der Klassiker über die Alpen

Alpenüberquerung auf dem Fernwanderweg E5

8 Minuten Lesezeit
Eine Alpenüberquerung gilt als Traum vieler Bergenthusiasten. Der Klassiker ist die Wanderung auf dem Fernwanderweg E5. Die Wanderguides Renate Steinacher und Christoph Werntgen stellen die beliebte Route von Oberstdorf nach Vernagt vor.

Im Netz der Europäischen Fernwanderwege verbindet der E5 auf über 3.000 Kilometer das Kap Pointe du Raz in der Bretagne ganz im Westen Frankreichs mit der norditalienischen Stadt Verona im Veneto. Das Herzstück dieses Weitwanderwegs bildet die Alpenüberquerung vom Allgäu durch Tirol bis nach Südtirol. Diese Strecke sind wir in sechs Tagen von Oberstdorf über die Allgäuer, Lechtaler und Ötztaler Alpen bis nach Vernagt (mit Fortsetzungsmöglichkeit nach Meran) gewandert. Auf diesem Abschnitt legst Du über 80 Kilometer und über 5.000 Höhenmeter zurück – in der Regel auf mittelschweren Wegen und Pfaden. Dabei präsentiert sich die Bergwelt von Norden nach Süden mit abwechslungsreichen Landschaften sowie einer vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt. Transfers mit Bus, Taxi oder Seilbahn erleichtern die Überquerung auf weniger reizvollen Abschnitten.

Für den E5 schnürten schon einige Wanderer ihre Schuhe - und es lohnt sich jedes Mal.

Christoph Werntgen

Für den E5 schnürten schon einige Wanderer ihre Schuhe – und es lohnt sich jedes Mal.


Voraussetzungen für eine Alpenüberquerung auf dem E5

Wer diesen Abschnitt des E5 bewältigen möchte, sollte eine gute Grundlagenausdauer mitbringen, in der Lage sein, mit dem Rucksack auf dem Rücken Strecken bis zu 20 Kilometer und bis zu 1.400 Höhenmeter täglich zurückzulegen und über Trittsicherheit im Gelände verfügen.

Zu Beginn solltest Du dir außerdem die Frage stellen: Wie viel Gewicht möchte ich über die Berge schleppen? Weniger ist hier jedenfalls mehr. Außerdem geht es bei dieser Tour auch darum, die Komfortzone etwas zu verlassen. Ein Gewicht von acht bis maximal zehn Kilogramm sollte der Rucksack deshalb nicht überschreiten. Ein wenig Erfahrung hilft dabei ‐ oder der ein oder andere Tipp des begleitenden Wanderguides. So kannst Du vielleicht noch ein schweres Teil am Startort zurücklassen und musst es nicht sinnlos über die Alpen tragen.

Tag 1: Von Oberstdorf (Spielmannsau) zur Kemptner Hütte

Mit dem Linienbus fahren wir vom Bahnhof in Oberstdorf zu unserem Ausgangspunkt – der Spielmannsau. Von dort geht es gleich bergauf – zunächst etwas sanfter entlang der Trettach, später steiler durch den Sperrbachtobel. Wer früh in der Saison unterwegs ist, kann bereits hier den ersten Kontakt mit Schnee haben.

Nach dieser relativ kurzen, aber dennoch mit einigen steilen Anstiegen gespickten ersten Etappe, erreichen wir die Kemptner Hütte (1.844 Meter). Hier lohnt es sich Ausschau nach Murmeltieren zu halten. Sie haben in die grünen Hänge der Allgäuer Alpen ihr ausgedehntes unterirdisches Netz gebaut. Wenn Du die kurzen lauten Pfiffe vernimmst, mit denen sich die Nager gegenseitig vor drohender Gefahr warnen, können sie nicht mehr weit sein.

Aufstieg zur Kemptner Hütte.

Christoph Werntgen

Aufstieg zur Kemptner Hütte.


Tag 2: Von der Kemptner Hütte zur Memminger Hütte

Schon nach kurzer Zeit überschreiten wir am Mädelejoch die Grenze zwischen Deutschland und Österreich und bewegen uns in den nächsten Tagen durch Tirol Richtung Süden. Ein altes Grenzschild macht uns darauf aufmerksam und ist beliebtes Fotomotiv – wann passiert man schließlich schon mal eine Grenze zu Fuß?

Der zunächst steile, in der Folge etwas sanftere Abstieg führt uns vorbei an einem mächtigen Wasserfall und über eine 200 Meter lange Hängebrücke nach Holzgau im Lechtal. Die Strecke nach Bach und bis zur Materialseilbahn der Memminger Hütte legen wir mit dem Taxi zurück und machen uns dort an den letzten Aufstieg des Tages. Dieser ist gleichzeitig unser Einstieg in die Lechtaler Alpen – über einige Kehren, durch Latschen und vorbei an vielen kleinen Wasserfällen.

Tipp: Mit etwas Glück begegnest Du auf dieser Etappe auch schon den nächsten Alpenbewohnern: Steinböcke. Rund um die Memminger Hütte (2.242 Meter) ist die Chance, Steinböcke hautnah zu erleben, relativ groß, da dort vor einigen Jahren eine Population angesiedelt wurde. Bei feuchtem Wetter lohnt sich außerdem ein genauer Blick auf die Felsen am Wegrand. Bei dieser Witterung tauchen nämlich Alpensalamander auf, die ansonsten nur schwierig zu entdecken sind.

Steinböcke in der Nähe der Memminger Hütte

Christoph Werntgen

Steinböcke in der Nähe der Memminger Hütte


Tag 3: Von der Memminger Hütte nach Zams

Vorbei an den Seewiseen (unterer, mittlerer und oberer), in denen sich die umliegende Bergwelt traumhaft schön spiegelt, gelangen wir nach teils steilem Aufstieg zur Seescharte, von wo es uns in einem langen Abstieg mit etwa 2.000 Höhenmetern nach Zams ins Oberinntal führt. Auf dieser Etappe bekommen wir alle Seiten der Bergwelt zu sehen und zu spüren. Wir passieren steinige Pfade – früh in der Saison durchaus auch Schneefelder -, wandern über saftige Almwiesen und bekommen die bunt blühende Pflanzenwelt in ihrer vollen Pracht präsentiert. Wenn es die Temperaturen erlauben, bietet sich Mutigen hier auch die Abkühlung im eisigen Gebirgsbach.

Die erste und einzige Nacht im Tal, abseits vom Betten‐ und Matratzenlager auf den Hütten, kannst Du auf dieser Tour in einem der vielen Hotels oder Gasthöfe in Zams genießen.

Unterer Seewisee bei der Memminger Hütte.

Christoph Werntgen

Unterer Seewisee bei der Memminger Hütte.


Blühende Wiesen beim Abstieg nach Zams.

Christoph Werntgen

Blühende Wiesen beim Abstieg nach Zams.


Tag 4: Von Zams zur Braunschweiger Hütte

Einfach machen wir es uns beim „Aufstieg“ von Zams zur Bergstation der Venetbahn. Diesen legen wir nämlich mit der Seilbahn zurück und wandern anschließend entweder über den Gipfelweg mit Glanderspitze und Wannejöchl oder über den Panoramaweg nach Wenns – und verlassen damit wieder die Lechtaler Alpen. Der Postbus bringt uns von Wenns durchs Pitztal nach Mittelberg, wo unser Aufstieg in die Ötztaler Alpen zur Braunschweiger Hütte beginnt. Dieser Abschnitt kann getrost als Königsetappe der Alpenüberquerung auf dem Fernwanderweg E5 bezeichnet werden. Zum einen verlangt uns der Aufstieg viel ab, zum anderen haben wir oben einen atemberaubenden Blick auf die umliegende Gletscher‐ und Bergwelt – unter anderem auf die Wildspitze, mit 3.768 Metern der höchste Berg der Ötztaler Alpen und der zweithöchste Berg Österreichs. Hier einen Sonnenuntergang und das Glühen der Berge zu erleben, bleibt ein Leben lang in Erinnerung. Auf einer Höhe von 2.758 Metern über NN verbringen wir die höchste Nacht unserer Tour.

Der Panorama Weg heißt nicht umsonst so.

Christoph Werntgen

Der Panorama Weg heißt nicht umsonst so.


Sonnenuntergang auf der Braunschweiger Hütte.

Christoph Werntgen

Sonnenuntergang auf der Braunschweiger Hütte.


Tag 5: Von der Braunschweiger Hütte zur Martin‐Busch‐Hütte

Eine der schwierigsten Passagen unserer Alpenüberquerung führt uns nun über das Pitztaler Jöchl oder das Rettenbachjoch, wo wir an der 3.000-Meter‐Marke kratzen, runter zum Restaurant Rettenbachgletscher.

Von dort geht es mit Bus oder Taxi entweder zur Haltestelle „Sölden Maut“ und zu Fuß weiter durch die blühende Landschaft. Vorbei an einigen Almen mit Einkehrmöglichkeit und weiter nach Bodenegg, von wo wir wiederum einen Transfer ins Bergsteigerdorf Vent in Anspruch nehmen – oder wir lassen uns durch den Rosi‐Mittermeier‐Tunnel zum Tiefenbachferner fahren und nehmen schließlich die Route über den Venter Panoramaweg

Steinmandl beim Aufstieg zur Martin-Busch-Hütte

Christoph Werntgen

Steinmandl beim Aufstieg zur Martin-Busch-Hütte


Tag 6: Von der Martin‐Busch‐Hütte zum Tisenhof in Vernagt

Die letzte Etappe beginnt wieder mit einem Anstieg. Dieses Mal zum höchsten Punkt auf unserer gesamten Tour. Bei der Similaunhütte am Niederjoch erreichen wir 3.019 Meter. Wer noch weiter aufsteigen möchte, kann einen Abstecher zur Ötzi‐Fundstelle machen (etwa 200 Höhenmeter von der Similaunhütte Richtung Hauslabjoch).

Nach einer Stärkung auf der jüngst renovierten Similaunhütte führt unser letzter Abstieg zunächst steil und steinig, später flacher über grüne Wiesen, auf denen Kühe grasen und sich die berühmten Ötztaler Bergschafe tummeln, zum Tisenhof über Vernagt.

Dort warten die strahlenden Gesichter der erfolgreichen Alpenüberquerer, die sich ihre wohlverdiente Jause gönnen.

Der höchste Punkt der Alpenüberquerung am Niederjoch/Similaun-Hütte.

Christoph Werntgen

Der höchste Punkt der Alpenüberquerung am Niederjoch/Similaun-Hütte.


In zwei weiteren Etappen nach Meran

Wer jetzt noch nicht genug vom Wandern hat, kann in zwei weiteren Tagesetappen bis nach Meran laufen. Nach einem kurzen Bustransfer vom Vernagt-Stausee nach Katharinaberg, geht es auf dem Meraner Höhenweg weiter bis zum Gasthaus Giggelberg. Dort kannst Du auch übernachten. Am nächsten Tag führt uns die Wanderung schließlich zunächst ins Tal und über Waalwege nach Meran. Waale sind Bewässerungsgräben, die die Landwirtschaft vor allem in trockenen Sommern mit dem nötigen Wasser versorgen. Landschaftlich reizvoll und kulinarisch wie geschichtlich interessant ist dieser Abschnitt allemal. Von Meran aus erreicht man auch den ursprünglichen Verlauf des Fernwanderwegs E5 wieder, zum Beispiel mit einer Fahrt mit der Seilbahn.

Alle Infos zur Alpenüberquerung auf dem Fernwanderweg E5

  • Start/Ziel: Oberstdorf im Allgäu (Spielmannsau) ‐ Vernagt in Südtirol
  • Länge: 6 Etappen, 81 Kilometer, 5.200 Höhenmeter bergauf, 6.500 Höhenmeter bergab (bei 8 Etappen: 111 Kilometer, 6.000 Höhenmeter bergauf, 8.200 Höhenmeter bergab)
  • Etappen:
    • 1. Etappe: Oberstdorf (Spielmannsau) – Kemptner Hütte (6,5 km, 900 Hm bergauf)
    • 2. Etappe: Kemptner Hütte – Memminger Hütte (14 km, 1.320 Hm bergauf, 950 Hm bergab)
    • 3. Etappe: Memminger Hütte – Zams (14,7 km, 600 Hm bergauf, 2.070 Hm bergab)
    • 4. Etappe: Zams – Braunschweiger Hütte (17,4 km, 1.060 Hm bergauf, 1.250 Hm bergab)
    • 5. Etappe: Braunschweiger – Martin‐Busch‐Hütte (18 km, 1.025 Hm bergauf, 1.000 Hm bergab)
    • 6. Etappe: Martin‐Busch‐Hütte – Vernagt (10,2 km, 530 Hm bergauf, 1.200 Hm bergab)
    • 7. Etappe (optional): Vernagt/Katharinaberg – Giggelberg (14,1 km, 790 Hm bergauf, 460 Hm bergab)
    • 8. Etappe (optional): Giggelberg – Meran (16,1 km, 1.260 Hm bergab)
  • Empfohlene Jahreszeit: Mitte Juni bis Ende September
  • Geführte Touren: Gibt es über verschiedene Anbieter. Je nach Anbieter inklusive Begleitung durch zertifizierte Wanderführer, Übernachtung/Frühstück, Transfers auf der Tour, Rücktransfer nach Oberstdorf.
  • Anfahrt/Rückfahrt: Oberstdorf erreicht man gut mit dem Zug oder dem Auto, das man auf einem der Langzeitparkplätze abstellen kann (für 6 Tage circa 30 Euro in Kleingeld bereithalten). Einen Rücktransfer von Vernagt oder Meran nach Oberstdorf bieten einige Anbieter auch für kleinere Gruppen oder Einzelpersonen an.
  • Übernachtung: Die Übernachtung auf dieser Route erfolgt auf Hütten, lediglich in Zams ist eine Übernachtung im Tal vorgesehen
  • Literatur & Karte: Rother Wanderführer Fernwanderweg E5, Alpenvereinskarten 1:25.000 BY4 Allgäuer Hochalpen, 3/3 Lechtaler Alpen Parseierspitze, 30/1 Ötztaler Alpen Gurgl, 30/6 Ötztaler Alpen Wildspitze, Kompass 1:50.000 Europäischer Fernwanderweg E5, Teil Nord, Europäischer Fernwanderweg E5, Teil Süd

 

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Busrückfahrt von Meran nach Oberstdorf mit Bus Prenner

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