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Ein Freund, ein guter Freund

Friends, Klemmkeile & Co: Welche Klemmgeräte setze ich wann ein?

7 Minuten Lesezeit
Wo werden Klemmgeräte eingesetzt? Was unterscheidet Alpine- von Trad-Climbing? Welche Arten von mobilen Sicherungen existieren neben Friends und Klemmkeilen noch? Bergzeit Experte Franz beantwortet Dir diese und weitere Fragen.

Verklemmt sein kann oft etwas. Eine verklemmte Kette am Rad ist etwas Nerviges. Ein verklemmtes Date ist wenig erfüllend. Ein richtig verklemmter Keil hingegen ist etwas Wunderbares. Was noch alles an Metall in den verschiedensten Felsstrukturen verklemmt werden kann, wollen wir Dir hier etwas näherbringen.

Wo kommen mobile Sicherungen zum Einsatz?

Überall dort, wo es keine oder wenige fixe Sicherungen wie zum Beispiel Bohrhaken oder Schlaghaken gibt, kommen Klemmgeräte zum Einsatz. Dies mag in kurzen Routen im Altmühltal oder in einer der hohen Alpenwände sein. Abhängig davon, ob Klemmgeräte zur zusätzlichen Absicherung, zum Beispiel bei weiten Abständen von fixen Sicherungspunkten, oder zur alleinigen Absicherung einer ganzen Seillänge oder Tour dienen, fällt die Auswahl an Typen, Größen und Anzahl unterschiedlich aus.

Trad-Climbing, Alpinklettern & Aid-Climbing: Was sind die Unterschiede?

Auch vor dem Klettern machen die Anglizismen nicht halt: das Rack (Englisch = die Schlosserei) beispielsweise bietet eine umfangreiche Auswahl an Klemmgeräten.

Clean- bzw. Trad-Climbing

Black Diamond Camalots
Einsatz des Black Diamond Camalots – dem Klassiker unter den aktiven Klemmgeräten. | Foto: David Lochner

… bezeichnet jene Ein- oder Mehrseillängen-Touren, welche ohne fixe Sicherungspunkte geklettert werden. Hierbei werden alle Sicherungspunkte selber angebracht und natürlich auch wieder entfernt. Alternativ wird beim Trad-Climbing auch vom traditionellen Klettern gesprochen, was die Abkürzung Trad schnell erklärt. Anders als bei mit Bohrhaken präparierten Routen ist das Besondere bzw. besonders Herausfordernde beim Trad-Climbing die Tatsache, dass der Kletterer im Stande sein muss, seine Route eigenständig zu planen. Das beinhaltet nicht nur, den Verlauf der Route im Vorfeld zu definieren, sondern auch die entsprechende Ausrüstung so zusammenzustellen, dass einem nicht die Klemmgeräte mitten in der Route ausgehen.

An Klemmgeräten kommen Cams, Klemmkeile, Tricams, Hexentrics, Friends, Gipsys und/oder Slider bzw. Ball-Nuts in verschiedenen Größen und Farben zum Einsatz. Was genau diese Klemmgeräte voneinander unterscheidet und welches Gerät wann zum Einsatz kommt, erklären wir Dir weiter unten. Alle genannten Klemmgeräte haben in jedem Fall gemein, dass Du sie nach ihrer Benutzung ohne (nennenswerte) Spuren wieder aus der Felswand entfernst.

Ein weiterer Aspekt beim Trad-Climbing ist der Kopf! Während beim Sportklettern das Bewältigen schwerer Sequenzen oder einfach nur der Spaß an der Bewegung im Vordergrund steht, kommt beim traditionellen Klettern das mentale Spiel hinzu – kombiniert mit höherer Selbstverantwortung und größerem Verletzungsrisiko. Um dem mentalen Faktor gerecht zu werden, wird oft zusätzlich zur reinen Kletterschwierigkeit noch eine Ernsthaftigkeitsbewertung, z.B. der E-Grad, mit angegeben.

Alpine-Climbing bzw. Alpinklettern

… beschreibt – wie der Name bereits verrät – das Klettern in hohen Wänden im alpinen Umfeld. Anders als beim Sportklettern bestehen die Routen beim Alpinklettern aus mehreren Seillängen. Hier liegt der Fokus auch nicht auf einem (ggfls. möglichst hohen) bestimmen Schwierigkeitsgrad, sondern auf dem Durchsteigen großer Wände bzw. auch schlicht auf dem Erreichen des Gipfels. Wie schwierig die Route dahin letztendlich ist, gibt der Fels/der Berg vor. Je nach Tour stecken auch hier mehr oder weniger viele bzw. verlässliche, fixe Sicherungspunkte. Entsprechend müssen Kletterer im alpinen Gelände mit Cams, Friends & Co ausgestattet sein und sie bei Bedarf setzen können.

Aid-Climbing

… oder auch technisches Klettern ist das Gegenteil vom Freiklettern (= Klettern, bei dem technische Hilfsmittel wie Kletterseil, Expressschlingen & Co nur zur Absicherung und nicht zur Fortbewegung dienen). So kommen beim Aid-Climbing Schlingen, Leitern und diverseste Fixpunkte zum Einsatz.

Hinweis: Freiklettern bitte nicht mit Free Solo verwechseln! Bei letzterem verzichtet der Kletterer auf jedwede Absicherung durch Klemmgeräte, Seile, Schlingen & Co und begibt sich dabei ab einer gewissen Wandhöhe bewusst in Lebensgefahr, sollte er stürzen.

Übersicht der verschiedenen Klemmgeräte

Klemmgeräte werden in passive und aktive Klemmgeräte unterschieden. Passive Klemmgeräte sind all diejenigen, die ohne bewegte Teile auskommen, ein Keil zum Beipiel. Ein typisches aktives Klemmgerät ist beispielsweise der klassische Friend.

Passive Klemmgeräte: Klemmkeile, Hexentrics, Tricams

Passive Klemmgeräte sind günstiger in der Anschaffung, leichter, benötigen weniger Stauraum und senken die Kosten pro Abseilstelle bei einem Rückzug.

Klemmkeile

Der Klemmkeil ist das klassische Klemmgerät und sollte immer mit dabei sein. Seine trapezförmige Form klemmt in zulaufenden Rissen. Je nach Hersteller kann die Form von halbmondförmig über verschieden Kantenlängen variieren, um verschiedenste Rissformen abzudecken.

Hexentrics

Der Hex ist bei uns etwas aus der Mode gekommen. Er deckt größere Risse als der Klemmkeil ab, bietet pro Größe viele Möglichkeiten und ist dennoch leicht. Ein weiterer Vorteil ist, dass er auch in parallelen Risse zum Einsatz kommt, in denen Klemmkeile nicht immer zuverlässig Halt finden. Auch in vereisten Rissen Schottlands hält er zuverlässiger als etwa ein Friend.

Tricams

Der Tricam fristet, ähnlich dem Hex, bei uns ein Schattendasein. Dennoch ist er äußerst effektiv in horizontalen oder parallelen Rissen und in Löchern. Der vielleicht berühmteste Tricam hängt mit seiner fast durchgescheuerten Schlinge im „Fisch“ an der Marmolada. Lediglich der Nachsteiger hat es mit ihm nicht immer leicht, da diese teilweise schwer zu entfernen sind.

Aktive Klemmgeräte: Friends, Gipsys, Ball-Nuts

Der größte Vorteil aktiver Klemmgeräte ist, dass sie pro Teil größere Rissbreiten abdecken. Zudem sitzen sie in parallelen Rissen oder Taschen oft besser als passive Klemmgeräte. Nachteile sind die höheren Anschaffungskosten und das höhere Gewicht.

Friends

Das erste, aktive Klemmgerät war der 1977 von Ray Jarine entwickelte und von Wild Country auf den Markt gebrachter Friend. Heute gibt es den Friend in den verschiedensten Ausführungen. Das Funktionsprinzip bleibt aber unverändert. Das zugrundeliegende Exzenterprinzip wandelt Zugkraft durch Rotation in Spreizkraft um. Sehr verbreitet ist nach dem Friend von Wild Country der Camalot von Black Diamond. Weitere Vertreter sind die Dragon Cams, Link Cams oder Totem Cams.

Gipsy

Das Gipsy ist ein neues, von Kong entwickeltes Klemmgerät, bei dem sich drei Auflagepunkte in einem parallelen Riss verklemmen. Vorteil ist, dass mit einem Gerät sehr große Rissbreiten abgedeckt werden.

Slider / Ball-Nuts

Die Ball-Nuts kommen fast einem leicht zu setzenden Haken gleich. Sie können einfach in feine Risse gesetzt werden. Ähnlich wie der Tricam sind auch die Ball-Nuts keine Freunde der Nachsteiger, da auch sie sich manchmal sehr widerspenstig verhalten.

Welcher Krafteinwirkung halten mobile Sicherungen stand?

Ob ein mobiler Fixpunkt hält oder versagt, hängt von mehreren Faktoren wie beispielsweise der Bruchkraft des Klemmgerätes oder der Felsqualität ab.

Bruchkraft von Klemmgeräten

  • Klemmkeile besitzen je nach Größe eine Bruchkraft von ca. 2 bis 10 kN.
  • Friends liegen zwischen 4 bis 14 kN.

Eine Zwischensicherung wird bei einem „normalen“ Sturz mit ca. 4 bis 6 kN belastet. Einziger Dämpfer im Sicherungssystem ist das dynamische Kletterseil. Hier sind Seile mit einem niedrigen Fangstoß und, wenn mit einem Halbseil geklettert wird, die Halbseiltechnik zu bevorzugen.

Unterschiedliche Felsqualität

Oft unterschätzt beim Trad-Climbing ist der umgebende Fels. Bei einer Belastung der Zwischensicherung mit 5 kN wirken auf den umgebenden Felsen schnell mal zwei Tonnen! Und je kleiner die Kontaktfläche, umso größer der Druck pro Fläche. Ein weiterer Faktor ist die Gesteinsart bzw. dessen Oberflächenrauheit. Während sich Klemmkeile in zulaufenden Rissen unterschiedlicher Felsarten zuverlässig verkeilen, sind die Haltekräfte von Friends im Kalk durchaus kritisch, da dieser glatter ist als etwa Granit.

 

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