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Das Klettern im Karwendel hat nicht gerade den besten Ruf: Oft brüchig und unschön heißt es. Alles Mythen, erklärt David Lochner. Man muss halt an die richtigen Wände gehen und in die richtigen Routen einsteigen.

 So entstand das Karwendel wirklich

Bekanntermaßen schuf der Klettergott am dritten Tag die Berge und Felsen auf der ganzen Welt. Als er fertig war, sah er sich jedes einzelne Gebiet noch einmal an. Die Gebiete in Amerika, in Frankreich, in Norwegen. Ihm gefiel, was er sah.

... das wohl beste Risssystem der Ostalpen, genannt "Tschechenplatte” (8-) im Karwendel ...
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… das wohl beste Risssystem der Ostalpen, genannt „Tschechenplatte” (8-) im Karwendel …

Doch plötzlich fiel sein Blick auf das Karwendelgebirge – „oh je, das ist ja fast alles brüchig geworden“, rief er. „Da müssen wir noch ein bisserl was machen!“ Schwupps nahm er ein großes Messer und schnitt erst einmal auf der Nordseite des kleinen Lafatschers, einem Berg hoch über dem Inntal, ein ordentliches Kuchenstück heraus. Die oberste Schicht war recht noch brüchig, doch je weiter er schnitt, desto kompakter wurde der Fels. So fest wie in den weltbesten Klettergebieten. Der Schnitt war kerzengerade. Fast zu gerade, man sollte da ja auch noch klettern können. Was jetzt noch fehlte, war etwas zum Festhalten. Da der Abend schon nahte und der Klettergott etwas in Eile war, nahm er schnell sein Messer und ritzte mit der Messerspitze vorsichtig ein paar kleine Risse und Ecklein in den glatten Felsen. „Jetzt bloß nicht wieder alles kaputt machen“, dachte er sich. Für Tritte, wie es sonst in seinen Lieblings-Gebieten üblich war, war dann einfach keine Zeit mehr – es wurde ja schon dunkel.

Und als er die ersten Kletterer sah, die mit Müh und Not durch die Wände des Karwendel schrubbten, entschied er, dass es eine gute Idee gewesen war, die Tritte wegzulassen. So war es viel interessanter zum Zuschauen und den Kletterern schien es auch zu gefallen. Auch wenn sie zu Beginn viel fluchten, was der Klettergott gar nicht gerne hörte. Einmal da gewesen kamen die Kletterer jedenfalls immer wieder. Besonders die große Verschneidung im Eck des herausgeschnittenen Kuchenstücks gefiel ihnen. „Lafatscher-Nordverschneidung“ (6-, Erstbegeher: Weber/Fick) nannten sie diese eindrucksvolle Linie. Sogar in das berühmte Buch von Walther Pause „Im extremen Fels“ schaffte sie es irgendwann.

Da staunt der Kletterer: Die Route "Hundertwasser" (8) an der Speckkarspitze. | Foto: David Lochner
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Da staunt der Kletterer: Die Route „Hundertwasser“ (8) an der Speckkarspitze. | Foto: David Lochner

Weil ihm das Zuschauen so viel Spaß machte, legte der Klettergott nach einiger Zeit ausnahmsweise noch einmal nach. Mit drei geübten Schnitten ließ er sein Messer erneut durch den Fels gleiten und so entstanden noch drei weitere spiegelglatte Wände: Die Schnittlwände, die Wände der Speckkarspitze und die Repswand. Letztere schuf er gütigerweise ein gutes Stückchen näher Richtung Tal, damit auch die Gehfaulen in den Genuss dieser Kletterei kommen sollten.

Als besonderes Schmankerl baute er in die Repswand eine runde Rampe in die ansonsten völlig glatte Wand ein. „Singetrail“ (8-, Erstbegeher: R. Scherer, D. Stöhr) wurde diese bestens abgesicherte Kletterei getauft.
Auch bei den Schnittlwänden ließ sich der Klettergott nicht lumpen und erzeugte mit ein paar wenigen Handgriffen das wohl beste Risssystem der Ostalpen, genannt „Tschechenplatte“ (8-, Erstbegeher: Novak, Krupka, Dubal; erste freie Begehung: Zak, Walch).

Und weil ihm die Schnittlwände und die Repswand so gut gelungen waren, ließ der Klettergott sich für die Speckkarspitze nochmal etwas ganz Neues einfallen; etwas, was so nirgends gab. Er nahm einen übergroßen Bottich, tauchte diesen tief in den nahegelegenen Inn und trug ihn zum Gipfel der Speckkarspitze. Dann kippte er den Bottich in Richtung Abgrund und ließ das Wasser ganz langsam aber stetig entweichen und die Wand entlangrinnen. So grub sich das Wasser mit der Zeit eine riesige, viele Dutzend Meter lange Rinne in den steilen und sonst spiegelglatten Fels. Hier würde man gut klettern können, da war er sich sicher. Und als die Kletterer kamen und die Route „Hundertwasser“ (8, Erstbegeher: Scherer, Stöhr) zum ersten Mal kletterten, da war der Klettergott zufrieden mit seinem Werk.

So, oder so ähnlich muss es wohl gewesen sein …

Klettern um das Halleranger-Haus

Auch mir als Kletterer haben es die Felsen rund um die Halleranger-Hütte angetan und ich bin immer wieder begeistert, wie solche tollen Formationen entstehen konnten. Meine Routenempfehlungen sind: Lafatscher Nordverschneidung, Tschechenplatte, Hundertwasser, Singletrail und Woodstock. Alle fünf Routen haben einzigartige Eigenschaften und gehören unbedingt gemacht.

Lafatscher Nordverschneidung (6)

Lafatscher Nordverschneidung im Karwendel. | Foto: Franz Mösbauer
Die Toplinie am Halleranger ist ohne Frage die „Lafatscher Nordverschneidung“ (6) am gleichnamigen Berg. Allein weil sie so schön aussieht, muss man sie irgendwann machen. Sitzt man mit einem Weißbier auf der Halleranger-Hütte wird der Blick immer wieder wie magisch von dieser unglaublichen Verschneidung angezogen. Die Kletterei ist dann eher alpin. Die 4-er Platten zu Beginn müssen praktisch ohne Sicherung geklettert werden, danach steilt die Verschneidung immer weiter auf. Bis schließlich die Schlüsselstelle an einem schönen Riss überwunden wird. Nach oben raus ist es dann natürlich noch etwas brüchig. Dafür sind die Stände gebohrt und das Ambiente ist genauso eindrucksvoll, wie man es von unten schon vermutet. Klassisches Alpinklettern vom Feinsten eben.

Tschechenplatte (8-) an den Schnittlwänden

Die anspruchsvolle Tschechenplatte an den Schnittlwänden - Tapen empfohlen. | Foto: David Lochner

Die Tschechenplatte (8-) an den Schnittlwänden konnte ich letzten Herbst endlich punkten, nachdem ich vor ein paar Jahren schon mal drin war. In der Route gibt’s wirklich keine Tritte und außer den Ständen meist keine fixe Absicherung – nur den elenden Riss. Da wird in den sechs Seillängen dann halt geschrubbt, geklemmt, gepiazt und vor lauter Pump ein Cam nach dem anderen versenkt. Grad schön ist es. Zwar ist nur die zweite Seillänge im 8. Grad, allerdings kamen mir auch die nachfolgenden Risslängen, die von Heinz Zak alle mit dem 7. Grad angegeben werden, kaum leichter vor. Irgendwie hängt man immer ziemlich dumm da: In dem nach links gerichteten Riss würde man die Füße gern auch links hinstellen, um seine Arme zu entlasten. Weil die Wand aber so glatt ist, ist das kaum möglich. Folglich bleibt einem nichts anderes übrig als den rechten Fuß im Riss zu verstauen und im Wesentlichen an den Armen zu hängen. Da im Riss tendenziell nur wenige Griffe sind, empfiehlt es sich viel zu klemmen, wofür ein Tape-Handschuh unerlässlich ist. Genauso extrem glatt wie die Wand, so extrem rauh ist der Riss. Ohne Handschuhe wird’s eine blutige Angelegenheit.

Woodstock (9+/10-) an den Schnittlwänden

Die Route Woodstock (9+/10-) zieht durch die beeindruckend glatte Wand der Schnittlwände. | Foto: David LochnerDie Route Woodstock (9+/10-, Erstbegeher: Scherer/Stöhr, erste freie Begehung: Lama) an den Schnittlwänden führt an einem kleinen Wulst mit winzigen Seitgriffen direkt durch die glatten Platten der Speckkarspitze und ist an Ausgesetztheit wohl nicht zu überbieten. Die Züge in der Schlüssellänge habe ich letzten Herbst beim Ausbouldern auf Anhieb alle klettern können. Vielleicht geht sich da diesen Sommer ja noch was aus …

Singletrail (8-/8) an der Repswand

Route Singletrail (8-/8) an der Repswand. | Foto: David Lochner

Die Singletrail (8-/8) an der Repswand ist im Vergleich zur Woodstock-Route eine reine Genussroute mit einer unglaublich logischen Linie. Durch den kompletten oberen Wandteil von links unten nach rechts oben zieht sich die runde Rampe, die einen in absolut eleganter Kletterei relativ einfach im 7. Grad durch dieses eigentlich unnahbare Gelände führt. Für den Zustieg zur Rampe muss man eine 8-/8 überwinden, die sich aber recht gut auflöst und reichlich mit Bohrhaken bestückt ist. Die Absicherung hat hier Klettergartenstandard und nur in der letzten, 7. Seilänge (8-) kann man den ein oder anderen Cam stecken, um die Hakenabstände zu entschärfen.

Hundertwasser (8) an der Speckkarspitze

Blick aus der Route Flachdach in die "Hundertwasser" an der Speckkarspitze

In der „Hundertwasser“ (8) an der Speckkarspitze braucht man aufgrund der vielen Bolts keine Cams, dafür etwas mehr Ausdauer, da die Schwierigkeiten fast durchgehend im 8. Grad sind. Beim Klettern kommt man aus dem Staunen noch weniger heraus als in der Singletrail: Links diese unglaublich kompakte Kalkwand und vor einem die perfekte, rauhe, 60 Meter lange, steile Wasserrinne, in der es im 8. Grad ganz schön zur Sache geht. Insgesamt sechs Seillängen dauert der Genuss.

Weitere Alpinkletterrouten im Karwendel

Die „Lafatascher Nordverschneidung“ und die vier anderen genannten Routen gehören unbedingt gemacht! Wer damit durch ist, ist noch lange nicht fertig am Halleranger: Zu den vorgestellten Routen lassen sich noch einige weitere zuordnen, die ihnen vom Stil und Anspruch ähneln:

Zur Lafatscher Nordverschneidung gehören die alten, zum Teil sanierten Klassiker wie der Buhldurchschlag (7-) und der Burattipfeiler (5+).

Die Tschechenplatte fällt in die Kategorie der mit Cams komplett selber abzusichernden Rissklettereien. Ähnlich sind zum Beispiel die Routen Good old Friends (8) und Coachcrack (8, allerdings mit ein paar Zwischenhaken und wesentlich leichter als die Tschechenplatte, trotzdem wunderschön!).

Dann gibt es noch die Routen, die sich an kleinsten Griffen und guter Absicherung durch die Platten direkt hindurch mogeln. Da sind neben der Woodstock die Routen Himmel und Hölle (9/9+) und Bike two Crack (9) zu nennen.

Die Routen Singletrail und Hundertwasser gehören zu den modernen, vorbildlich abgesicherten Routen von Scherer und Stöhr, die gezielt die Schwachstellen der Wand suchen und mit toller Genusskletterei aufwarten. Weitere tolle Routen in diesem Stil sind Flachdach (8), 6 mal 7 ist 8 (8-) und viele weitere, die sich auf der Website des Kletterzentrums Tivoli finden.

Und eine 5. Kategorie gibt es natürlich auch noch: Die Routen, die im Zak’schen Stil (kaum Haken, potentiell weite, gefährliche Stürze) erstbegangen wurden (Born to be wild (8), Wunderland (8-), Der letzte Mohikaner (8-)…). In diese traut sich meines Wissens allerdings kaum jemand hinein …

Ein großer Dank in jedem Fall an alle Erstbegeher. Insbesondere an Reinhold Scherer und Dieter Stöhr, die erst vor kurzem noch so viele geniale, neue Linien gefunden haben.

Alle Informationen zum Klettern im Karwendel:

  • Kletterführer: Karwendel, Kletterführer Alpin von Panico (leider derzeit vergriffen)
  • Zustieg: von Scharnitz mit dem Rad 45 Minuten durchs Hinterautal zur Repswand. Danach zu Fuß 1,5 Stunden zum Halleranger-Haus von dort in 15 Minuten zu den Einstiegen
  • Alternativer Zustieg: Von Hall mit dem Halltaltaxi das Halltal hinauf, von dort in ca. 2 Stunden zum Einstieg
  • Beste Jahreszeit: Sommer/Herbst (alles Nordwände)

Die passende Kletterausrüstung gibt’s natürlich bei Bergzeit

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David Lochner

... klettert am liebsten im alpinen Gelände, wo er sich die Schmankerl des alpinen Kletterns bzw. Sportkletterns holt. Dabei testet David als Bergzeit Kletterteam Mitglied ständig neue Ausrüstung. Pfeil Alle Artikel von David Lochner