100 Kilometer nördlich des Polarkreises, auf der Inselgruppe der Lofoten in Norwegen, versprechen kompakte Granitwände und einsame, raue Landschaft anspruchsvolle Kletterei mit Abenteuer-Faktor.

Perfekter Granit, Berge, Meer, Blaubeeren, Pilze und Fische im Überfluss, und das alles fast unberührt, menschenleer und einsam. Wir sind etwa einhundert Kilometer nördlich des Polarkreises auf der Inselgruppe der Lofoten in Norwegen. Mit unserem VW-Bus, bis unter das Dach vollgestopft mit Essen und Kletterzeug, machen wir uns im August von Bad Tölz aus auf die Reise. Nach vier erschöpfenden Tagen Autofahrt und der Einsicht, dass das Landesinnere in Deutschland und Norwegen mit seinem ganzen Wald und den wenigen Bergen doch auf Dauer recht eintönig ist, kommen wir endlich auf den Lofoten an.

Keine Nacht in Kalle

Klettern in Norwegen | Foto: David Lochner
Urplötzlich ist es nicht mehr flach und langweilig. Die Finger fangen schon an zu kribbeln bei dem Anblick.

Wir fahren direkt zum Kletterer-Campingplatz bei Kalle. Anfang August ist es noch die ganze Nacht hell auf den Lofoten. Kaum angekommen kann uns deshalb nichts mehr bremsen. Trotz der späten Stunde, es ist schon 23:00 Uhr, geht es direkt ins nahe Bouldergebiet, wo wir den Granit erst einmal gründlich abtasten und schon erste Haut lassen. Am nächsten Tag wird’s Zeit für was Alpines. Wir klettern gleich mal den Klassiker Puffrisset. Die Linie folgt in insgesamt vier Seillängen einem perfekten Riss durch eine Platte und ist genau das Richtige, um unsere Motivation für weitere Routen anzustacheln. Am ersten Stand der Route gibt es dann gleich mal eine kleine Überraschung. Dass man hier größtenteils selbst absichern muss, war uns bewusst, aber dass es an den Ständen nicht einmal einen einzigen Schlaghaken gibt, das ist dann doch etwas ungewohnt. Nach kurzem Nachdenken entschließen wir uns, dass uns das eigentlich ziemlich gut gefällt.

Der Abenteuer-Faktor steigt und das Standbauen mit Klemmkeilen und Friends funktioniert, wenn man sich ein bisschen Zeit lässt, hervorragend. Der Fels ist kompakt und bietet viele bombenfeste Placements. Motiviert durch die ersten vier Seillängen hängen wir gleich noch die sieben Seillängen der Route Myggapillaren hinten dran. Zurück am Zelt sind wir dann erst wieder um zwölf Uhr nachts: Zeit en masse, aber leider nicht so viel Ausdauer!

Raues Klima und alpine Granitkletterei in Henningsvaer

In Henningsvaer auf den Lofoten ist schon allein der Blick Luxus. Gezeltet wird hier auf dem, was einst die Gletscherriesen übrig gelassen haben.
In Henningsvaer auf den Lofoten ist schon allein der Blick Luxus. Gezeltet wird hier auf dem, was einst die Gletscherriesen übrig gelassen haben.

Am nächsten Tag wechseln wir den Campingplatz und fahren in die Nähe des circa zehn Kilometer entfernten Ortes Henningsvaer. Hier ist das Ambiente fast noch eindrucksvoller als in Kalle. Wir schlagen unser Lager auf Granitplatten direkt am Meer auf. Allerdings müssen wir hier auf die Annehmlichkeiten des Campingplatzes in Kalle, ein Plumpsklo und einen Wasserhahn, verzichten. Beides wurde dort kostenlos zur Verfügung gestellt.
Das Meer ist leider auch hier extrem kalt. Bleibt man länger als einige Minuten im Wasser, zittert man trotz Daunenjacke den Rest des Tages. Wärmt man sich allerdings vorher auf den warmen Granitplatten auf und springt dann nur kurz ins eiskalte Wasser, dann lässt es sich aushalten.

Die Vorzüge unseres Zeltplatzes bei Henningsvaer sind schnell gefunden: Der für Kletterer wohl wichtigste Berg der Lofoten, der Presten, liegt nur 15 Minuten Fußmarsch entfernt und steht als 400 Meter hohe, extrem kompakte Granitwand in der Landschaft. Die Kletterei folgt meist Schuppen und Rissen, die sich durch die ganze Wand ziehen. Der Fels ist zwar kompakt, doch nicht ganz so unstrukturiert und abweisend wie etwa im amerikanischen Yosemite. Das heißt auch in Platten finden sich Unebenheiten und Leisten. Dadurch kann man die Hände und Füße auch mal aus den Rissen herausnehmen.

Klettern in Norwegen | Foto: David Lochner
Bouldern in feinster Kulisse mit Meereswind. Eigentlich ist ja Ruhetag, aber so ist das eben manchmal bei Kletterern, man kann die Finger nicht in den Hosentaschen lassen!

Die wichtigste Klettertechnik ist hier das Piazen: Nach hinten gelehnt, beide Hände an einer Schuppe, die Füße an der Wand, geht es mit dieser Technik Stück für Stück nach oben. Insgesamt haben wir den Presten drei Mal bezwungen. Am eindrucksvollsten war die Kombi aus den Routen Kostorget und Klokkeren (8-). Aber auch der Megaklassiker Vestpillaren (7) und die Route Himmelen kan vente (7+) waren in puncto Felsqualität und Erlebnis exzellent.

Die Ruhetage verbringen wir mit Bouldern, also ganz im Sinne der Regeneration. Direkt in der Nähe des „Campingplatzes“ gibt es ein sehr schönes Bouldergebiet. Hier kann man, wenn man am Ruhetag unruhig wird, noch ein paar Meter machen. Die Kletterei reicht von Plattengeschiebe und Leistengezwicke bis hin zu großgriffigen Überhängen. Außerdem gibt’s einen überhängenden Klemmriss, der stark an die Route Separate Reality im Yosemite erinnert.

Sportklettern in Eggum

Klettern in Norwegen | Foto: David Lochner
Sportklettern in norwegischem Granit. Einmal keine Gedanken über die eigene Absicherung machen und Friends und Klemmkeile im Rucksack lassen.

In erster Linie ist auf den Lofoten für uns zwar Alpinklettern angesagt, aber nach zwei Wochen Traumwetter wird die Witterung etwas unbeständiger und wir entscheiden uns dafür, das überhängende Sportklettergebiet Eggum aufzusuchen. Es ist das beste Sportklettergebiet auf den Inseln. Hier ist für jeden etwas dabei. Die Fahrt von Henningsvaer dauert circa zwei Stunden. Der Granit ist hier überraschend griffig und besitzt ungewöhnliche Formen. Es gibt Hörner, Löcher und Waben, wie man sie sonst nur vom Sandstein her kennt. In Kombination mit der Steilheit ergeben sich sehr athletische und ausdauernde Routen. Der Fels ist wahrscheinlich ähnlich wie in der Flatanger Höhle, die ja in letzter Zeit durch die Begehungen von Adam Ondra recht berühmt geworden ist. Bloß weniger steil und nicht so groß natürlich. Die Schwierigkeiten bewegen sich hier meist im 8. und 9. Grad, obwohl in jedem Grad etwas Lohnendes zu finden ist. Die Halbseile werden gegen Einfachseile getauscht. Die Absicherung mit vielen, guten Bohrhaken kommt uns nach der cleanen Kletterei der letzten Wochen fast schon übertrieben vor. Es klettert sich auf jeden Fall wesentlich entspannter, wenn man nicht bei jedem Zug über die Qualität des letzten Klemmkeils nachdenken muss. Insofern ist das Sportklettern in Eggum eine willkommene Abwechslung, die bei einem Lofoten-Trip nicht ausgelassen werden sollte.

Der Westen der Lofoten

Klettern in Norwegen | Foto: David Lochner
So nehmen wir Abschied. Auf der Straße Richtung Süden haben wir noch lange dieses Bild vor Augen.

In der dritten Woche regnet es dann leider fast jeden Tag. Das ist in Norwegen im August aber anscheinend nichts Besonderes. Unser Glück ist, dass das Wetter zumindest die ersten zwei Wochen perfekt gehalten hat. Wir sind inzwischen weitergefahren in den spärlich besiedelten Westen der Lofoten. An den wenigen regenfreien Tagen steht das Berggehen im Vordergrund. Die Landschaft ist wunderschön. Man trifft nur wenige Gleichgesinnte an und die ganze Gegend wirkt verlassen, ohne den sonst gewohnten Trubel. Touristen und andere Kletterer sind hier noch weniger als in Henningsvaer anzutreffen. Es gibt zwar auch Kletterrouten, allerdings nur mit recht weitem Zustieg, relativ wenigen Begehungen und schwierigem Rückzug. Für solche Vorhaben ist das Wetter inzwischen leider nicht mehr stabil genug. Die letzte Woche verbringen wir wieder in Henningsvaer, wo uns noch einige schöne Routen gelingen. Nach vier Wochen ist der Traum dann schon wieder vorbei. Wir wollen auf jeden Fall wieder kommen. Die Landschaft, die Kletterei und die Einsamkeit auf den Lofoten werden wir so schnell nicht vergessen.

Tipps zum Klettern in Norwegen auf den Lofoten

  • Kletterführer: „Lofoten Rock“ von Chris Craggs and Thorbjørn Enevold, Rockfax Verlag (sehr guter Führer mit genauen Beschreibungen, vielen Fotos und allen relevanten Infos zu den Lofoten).
  • Beste Jahreszeit: Juni, Juli (August kann auch noch sehr gut sein, aber je länger man bleibt, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit für schlechtes Wetter).
  • Anfahrt: Mit Auto und Fähre über Dänemark: circa vier Tage; mit Flugzeug nach Bodo und dann Schnellboot: ein Tag.
    Prinzipiell kann man durchaus auch ohne Auto auf die Lofoten kommen. Allerdings muss man dann sparsam packen und ein gutes Buch mitnehmen, da die Bewegungsfreiheit bei Regen im Zelt ziemlich eingeschränkt ist.
  • Verpflegung: Verpflegung ist teuer. Viele Sachen kosten doppelt so viel wie in Deutschland. In Henningsvaer gibt es einen Supermarkt, der zu Fuß vom „Campingplatz“ in einer halben Stunde erreichbar ist.
  • Schwierigkeit: Die meisten Routen sind im 6. oder 7. Grad (UIAA) und komplett clean. Auch im 8. Grad gibt es einiges. Zusätzlich gibt es einige wenige, aber trotzdem sehr gute Routen im 5. Grad.
  • Ausrüstung und Topo: ein bis zwei Sätze Camalots und zwei Sätze Klemmkeile reichen für die meisten Routen, 50 Meter oder besser 60 Meter-Halbseile (Seillängen sind meist 50 Meter lang, um so wenige Stände wie möglich bauen zu müssen), zwei 240 Zentimeter-Bandschlingen für den Standplatzbau mit abgebundener Ausgleichsverankerung. Topo-Führer und anderes Material gibt es im Kletterer-Café in Henningsvaer.

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Kommentare

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Kai Cürette

Ich möchte im Mai ebenfalls auf die Lofoten zum Klettern. Da der Kletterführer „Lofoten Rock“ momentan im Internet nicht aufzutreiben ist (Nachdruck lässt auf sich warten), wäre ich sehr an einem (gebrauchten) Exemplar interessiert. Wäre toll wenn jemand weiterhelfen könnte.

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