Bei einer Bergtour auf den Krn in den Julischen Alpen in Slowenien trifft man auf Schauplätze europäischer Geschichte, besondere Bergziegen und im Herbst auf nur wenige Menschen. Ein ausblickreicher Aufstieg führt über den Silva Koren-Klettersteig.

Der Krn, gelegen im slowenischen Soca-Tal bei Kobarid, ist einer der südlichsten Berge der Julischen Alpen. Die Italiener nennen ihn den „Monte Nero“, den „Schwarzen Berg“. Warum, haben wir uns gefragt. Denn mit seinen Wiesenhängen und der hellen Karstlandschaft, die für die bei Outdoorsportlern beliebte Region so typisch ist, sieht er doch vielmehr aus wie ein „grauer“ Riese. Mit seinen 2.244 Metern ist der Krn, dessen vokalarmen Namen man als Deutscher kaum korrekt auszusprechen vermag, auch einer der höchsten Berge der Region in Slowenien.

Der Krn – ein geschichtsträchtiger Berg

Bei sonnigem Wetter kann man sich kaum vorstellen, dass die Grenzregion in den Julischen Alpen zwischen Slowenien und Italien eine dunkle Geschichte hat: Hier wurden im Ersten Weltkrieg blutige Schlachten ausgetragen.
Bei sonnigem Wetter kann man sich kaum vorstellen, dass die Grenzregion in den Julischen Alpen zwischen Slowenien und Italien eine dunkle Geschichte hat: Hier wurden im Ersten Weltkrieg blutige Schlachten ausgetragen.

Wie so viele – oder eigentlich alle – Gipfel rund um das Soca-Tal hat auch der Krn im Ersten Weltkrieg eine wichtige und zugleich traurige Rolle gespielt. Während der Isonzoschlachten (1915 bis 1917) verlief hier die Frontlinie zwischen Italien und Österreich. Auf dem Krn hatten sich die italienischen Alpini verschanzt und den Gipfel mit zahlreichen Kavernen regelrecht ausgehöhlt und stark befestigt.

Sie lieferten sich erbitterte Kämpfe mit der österreichischen Armee – ein Gebirgskrieg, der nicht nur tausende Soldaten auf beiden Seiten das Leben kostete, sondern auch den Krn Teile seines Gipfels. Denn im starken Artilleriefeuer wurde er im Wortsinne in Schutt und Asche gelegt und misst heute einige Meter weniger als vor dem Krieg.

Der Krn ist somit unfreiwillig zu einem ewigen Mahnmal für das sinnlose Ringen um Berge und Gipfel in den Stellungskriegen des „Grande Guerra“ geworden. Alles in allem ein imposanter Berg also, voller Geheimnisse und mit einer zweifelsohne „dunklen“ Geschichte, dessen Gipfel wir erklimmen wollen.

Ausgangspunkt: Das Bergdorf Drežnica bei Kobarid

Ein Tag Anfang Oktober, wie er so typisch für das slowenische Soca-Tal ist: Alles liegt im Nebel und die Berge ringsum sind kaum noch zu erkennen. Aber es soll sonnig werden, verspricht der Wetterbericht, und so machen wir uns auf nach Drežnica, einem kleinen Bergdorf oberhalb von Kobarid. Von dort wollen wir unsere Bergtour starten, ausgestattet mit Helm und Klettersteigset. Denn wir haben uns für die schwierigste der Routen auf den Krn durch die Westwand entschieden, die den Klettersteig „Silva Koren“ beinhaltet. Denn wenn schon, denn schon, und vielleicht finden wir sie so ja dann noch, seine „dunkle“ Seite.

Das kleine Bergdorf Drežnica ist für seine schwarzen Ziegen bekannt.
Das kleine Bergdorf Drežnica ist für seine schwarzen Ziegen bekannt.

Und so fahren wir mit dem Auto früh am Morgen – wir rechnen mit etwa achteinhalb Stunden reiner Geh- beziehungsweise Kletterzeit – von Kobarid aus über die Napoleonbrücke auf die andere Seite der smaragdgrünen Soca und weiter hinauf auf der kleinen Asphaltstraße, bis wir Drežnica erreichen. Das kleine Bergdorf ist unter anderem für seine Ziegen, die Drežnica-Ziegen, bekannt. Hierbei handelt es sich um die einzige anerkannte autochthone slowenische Ziegenrasse. Zusammen mit den Bovec-Schafen sieht man sie reichlich auf den Wiesen und Hängen der Bergregion in den Julischen Alpen. Die Ziegen sind stolze, meist schwarze Tiere, die sehr widerstandsfähig sind und wie für das Leben in den slowenischen Bergen gemacht zu sein scheinen.

Ein Bergdorf, viele Ziegen, wenig Wanderer: Der Aufstieg zum Krn

Das Bergdorf Drežnica liegt auf 540 Metern. Wir wollen hinauf auf 2.244 Meter – es liegen also gut 1.700 Höhenmeter vor uns. Und so geht es auch gleich steil auf verblockten Wegen bergauf. „Na Krn“ steht auf dem Holzschild – kein Zweifel, wir müssen hier richtig sein. Schon bald sehen wir die ersten Drežnica-Ziegen und steigen über weitläufiges Wiesengelände auf in den Triglav-Nationalpark.

Vor uns taucht der Krn aus den Wolken auf. Bis zum Gipfel begegnen wir keiner Menschenseele.
Vor uns taucht der Krn aus den Wolken auf. Bis zum Gipfel begegnen wir keiner Menschenseele.

Nach einiger Zeit gabelt sich der Weg und wir halten uns Richtung „Bivak“. Denn vorbei am „Bivak na Crniku“ verläuft die Route hinein in die Westwand. Wer dem Schild „Krn“ folgt, der trifft auf den Wanderweg von der „Planina Kuhinja“ – einer Alm oberhalb des Dorfes Krn auf rund 1.000 Metern gelegen. Dieser Wanderweg ist sozusagen der „Normalweg“, den die meisten Bergwanderer wählen. Wobei „die meisten“ hier relativ sein dürfte. Denn viel begangen sind die Berge im Soca-Tal zum Glück nicht – und schon gar nicht im Herbst. Wir sehen in den nächsten Stunden keine Menschenseele. Am Gipfel erst treffen wir auf einen Wanderer, der von Krn hinaufgekommen ist – ein Wanderer in insgesamt gut neun Stunden, das ist zu „ertragen“.

Einstieg in den Silva Koren-Klettersteig

Wir steigen weiter auf Richtung Biwak (1.160 Meter), das wir nach etwa eineinhalb Stunden erreichen. Gut versteckt im Wald schmiegt sich die kleine Holzhütte in den Hang. Hier gibt es frisches Wasser aus einer Quelle in Form eines Gamskopfes und ein Buch des slowenischen Alpenvereins, in das wir uns eintragen. Und weiter geht es immer recht steil bergauf gen Einstieg zum Silva Koren-Klettersteig auf etwa 1.400 Metern. Noch eine gute Stunde und wir sind dort. Durch ein tiefes Schotterkar müssen wir klettern, bis wir die Drahtseile erreichen – früher im Jahr gibt es hier ein Schneefeld, dessen Reste noch zu sehen sind.

Klettern durch die Wolken

Jetzt geht es hinauf in den Fels, teils gesichert mit Drahtseilen, doch auch oft frei kraxelnd und wandernd. Schwindelfrei und trittsicher sollte man sein, gute Bergstiefel natürlich vorausgesetzt. Denn „üppig“ mit Seilen ausgestattet ist der Steig wahrlich nicht. So geht es einige Zeit im Nebel dahin und manchmal fragen wir uns, wo er denn eigentlich hingekommen ist, der Krn. Mittlerweile sehen wir nur noch wenige Meter weit. Dann haben wir die Wolkengrenze erreicht, die in dieser Jahreszeit bei 1.500 Metern liegt, und steigen sozusagen in den Wolken auf. Eine unvergleichliche Kulisse, auch wenn die Sicht begrenzt ist.

Über den Wolken beginnt der eigentliche Klettersteig und die Ausblicke lassen uns unsere Anstrengung rasch vergessen.
Über den Wolken beginnt der eigentliche Klettersteig und die Ausblicke lassen uns unsere Anstrengung rasch vergessen.

Belohnt werden wir für die Anstrengungen des Aufstiegs, als wir bei etwa 1.600 Metern aus den Wolken heraussteigen und sich vor uns die Bergwelt der Julischen Alpen in ihrer ganzen Pracht ausbreitet. Gipfel und Grate ragen aus dem wabernden Wolkenmeer unter uns und über uns strahlt die Sonne mit dem blauen Himmel um die Wette. Auf rund 1.700 Metern erreichen wir eine kleine Plattform und es beginnt der „eigentliche“ Klettersteig – wir hoffen auf etwas mehr Seil als bisher, werden aber eines Besseren belehrt.

Auch hier ist der Aufstieg nur dann versichert, wenn es gar nicht mehr anders geht. Einfach immer auf den Fels schauen und nicht nach unten – weit reicht die Sicht sowieso nicht, denn die Wolken versperren gnädigerweise den Blick in die Tiefe. Und so klettern wir hinauf gen Krn-Gipfel.

Der warme, trockene Kalkstein gibt uns Halt und die Ausblicke, die sich uns bieten, lassen uns die Anstrengungen der letzten 500 Höhenmeter wie im Flug vergehen. Es gilt noch, zwei Leitern zu erklimmen und einen Pfeiler emporzusteigen, und dann spuckt uns der Steig auch schon direkt an der Krn-Hütte (2.210 Meter) aus. Fünf Stunden haben wir für den Aufstieg gebraucht.

360-Grad-Panorama inmitten der Julischen Alpen

Die Hütte, die nur im Sommer – und da auch nur spärlich – bewirtschaftet ist, verfügt über einen Winterraum, den wir aber nicht benötigen. Die Sonne strahlt und so wollen wir unsere Brotzeit auf den Holzbänken der Terrasse zusammen mit der grandiosen Aussicht genießen. Doch zuerst geht es natürlich noch die wenigen verbleibenden Meter hinauf zum Gipfel – vorbei an den Resten der Kavernen, die uns daran erinnern, dass wir uns auf historischem Boden bewegen, der viel Blut getrunken hat. Auch der Gipfel des Krn, der flach und ein bisschen wie eine Schutthalde wirkt, lässt keinen Zweifel daran, was sich hier einst abgespielt hat. Der Rundumblick, der sich uns hier bietet, lässt uns die dunkle Seite dieses Berges aber bald wieder vergessen. Wir können uns gar nicht satt sehen an diesem 360-Grad-Panorama – darüber der strahlend blaue Himmel und darunter das weiße Wolkenmeer.

Abstieg durch Tolkiens Mittelerde

Oben strahlend blauer Himmel, unten unendliches Wolkenmeer - wir können uns kaum sattsehen am Bergpanorama.
Oben strahlend blauer Himmel, unten unendliches Wolkenmeer – wir können uns kaum sattsehen am Bergpanorama.

Nach einer ausgiebigen Brotzeit machen wir uns an den Abstieg. Wir wählen die „Normalroute“ Richtung Planina Kuhinja und schrauben uns in unzähligen Serpentinen bergab, bis wir Richtung Drežnica abzweigen und wieder in die Wolken und den Nebel eintauchen. Wir fühlen uns wie in Tolkiens Mittelerde, als wir den Crznik, den Bergrücken, der dem Krn vorgelagert ist, nun auf der andere Seite umsteigen und gen Drežnica wandern. Auch hier führt uns unser Weg an zahlreichen Kavernen vorbei, die wie schwarze Augen in den Hängen aus dem Nebel auftauchen. In einige gehen wir kurz hinein – aber die Zeit drängt, denn wir wollen vor Einbruch der Dunkelheit wieder unten sein.

Nach gut zweieinhalb Stunden treffen wir wieder auf unsere Aufstiegsroute, an dem Punkt, an dem wir uns heute Morgen für die Variante über das Biwak, also den Klettersteig, entschieden haben. Jetzt noch vorbei an den Drežnica-Ziegen und wir sind nach rund drei Stunden Abstieg wieder am Parkplatz unweit der Kirche. Geschafft – nach rund neun Stunden!

Ein unvergesslicher Bergtag auf den Spuren der europäischen Geschichte liegt hinter uns und wir sind überwältigt von der Bergwelt des Krn und seiner Geschichte – auch wenn dies unzweifelhaft eine dunkle ist. Unter diesem Aspekt ist der Name „Monte Nero“ dann vielleicht doch gerechtfertigt.

Info Krn und Soca-Tal

  • Wandern am Krn: Für die Tour auf den Krn sind insgesamt acht bis neun Stunden einzuplanen. Beste Zeit sind die Sommermonate und der Herbst, Vorsicht ist nach Schneefällen geboten. Ausgangspunkt für die Tour ist das Bergdorf Drežnica, das von Kobarid aus über die Napoleonbrücke erreichbar ist.
  • Silva Koren: Der Klettersteig auf den Krn ist mit gut 900 Höhenmetern eine echte sportliche Herausforderung. Auch wenn sich die technischen Schwierigkeiten im mit 3-B/C klassierten Steig in Grenzen halten, erfordert die Tour ein hohes Maß an alpiner Erfahrung, da der Steig nahezu durchgehend durch Absturzgelände führt und auch heiklere Passagen teilweise ohne Seilversicherung gemeistert werden müssen.
  • Karte & Führer: Klettersteige Julische Alpen von Alois Goller und Hanns Heindl, Rother Verlag. Kompass-Karte 2801, Julische Alpen – Steiner Alpen, 1:75.000
  • Anreise: Das Soca-Tal mit den Outdoorsport-Zentren Bovec und Kobarid ist von Deutschland und Österreich aus über die österreichische A10 (Tauernautobahn) zu erreichen. Von Villach kommend nimmt man kurz nach der italienischen Staatsgrenze die Autobahnausfahrt Tarvisio (mautfrei). Von hier ist der Predil-Pass und in weiterer Folge Bovec und Kobarid ausgeschildert.
  • Outdoorparadies Soca-Tal: Das Soca-Tal lockt das ganze Jahr über Outdoorsportler nach Slowenien. Während im Winter das Skigebiet Kanin bei Bovec einen guten Ruf als „Schneeloch“ genießt, pilgern mit dem hereinbrechenden Frühling die ersten Kajakfahrer ins Tal. Besonders in den Sommermonaten ist die Soca bei Wassersportlern (Kajak, Rafting, Canyoning, Hydrospeed), aber auch bei Fliegenfischern sehr beliebt. Die umliegenden Julischen Alpen locken Bergsteiger, Wanderer, Gleitschirm- und Drachenflieger, Segelflieger und Mountainbiker in die Region.
  • Übernachten: Touristisch ist das Soca-Tal optimal auf seine outdoorbegeisterten Gäste eingestellt. Am Ufer der wunderschönen Soca gibt es in Kobarid, Bovec und Trnovo zahlreiche erstklassige Campingplätze. Auch Ferienwohnungen, Pensionen und Hotelunterkünfte sind in den Gemeinden des Soca-Tales verfügbar.
  • Kulinarik-Tipps: Tolle Fischgerichte gibt es im Restavrancija Kotlar im Zentrum von Kobarid, auch im Bistro des Camp Lazar lässt es sich gut essen (tolle Crepes und Forelle vom Grill). In Bovec lockt der Letni Vrt mit enormer Auswahl und der besten Pizza des Tales. Das passende Dessert gibt’s gleich nebenan in der kleinen Konditorei.
  • Museum: Das Museum in Kobarid gewährt einen umfassenden Einblick in die traurige Geschichte des Soca-Tales.

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