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Kunstfaser trifft Umweltschutz

Nachhaltige Synthetikfasern in Outdoor-Kleidung

6 Minuten Lesezeit
Synthetikmaterialien und Nachhaltigkeit? Das scheint sich auf den ersten Blick zu widersprechen. Doch ist die Naturfaser wirklich immer die bessere, nachhaltigere Wahl? Bergzeit Autorin Julia Gebauer hat genauer hingeschaut und erklärt Dir, was nachhaltige Synthetikmaterialien sind und worauf Du beim Kauf von Outdoor-Textilien achten solltest.

Die Outdoor-Textilindustrie hat den Nerv der Zeit erkannt und bemüht sich um immer mehr Kunstfasern, die nachhaltig hergestellt werden. Denn nicht immer ist die Naturfaser per se die „bessere“ und nachhaltigere Variante. Auch dort wird viel Energie, Chemie und Material für den Anbau und die Weiterverarbeitung aufgewendet – was sich auch in der Ökobilanz niederschlägt. Doch welche nachhaltigen Synthetikmaterialien gibt es eigentlich und worauf solltest Du beim Kauf achten?

PET und recyceltes Polyester

Polyethylenterephthalat – oder einfach PET – ist die weltweit meist verbreitete Kunststoffart und die Basis für Polyester. Neu produziertes Polyester ist definitiv keine nachhaltige Option für Outdoor-Textilien, da es aus genau diesem PET hergestellt wird und damit auf dem immer knapper werdenden Erdöl basiert. Immer mehr Unternehmen jedoch greifen auf recyceltes Polyester zurück, das man auch unter dem Kürzel rPET erkennt. Dabei wird „alter“ Kunststoff eingeschmolzen und zu neuen Fasern versponnen. Die Vorteile: Nicht mehr gebrauchtes Plastik wird wiederverwendet und landet nicht auf Mülldeponien oder, noch schlimmer, im Ozean. Auch ist die Herstellung von rPET um einiges ressourcenschonender als die Neuproduktion – bei fast gleicher Qualität.

Frau in grüner Regenjacke von Vaude
Kleidung aus PET-Flaschen, Altkleidern oder Fischernetzen? Der deutsche Hersteller Vaude setzt schon seit längerem auf Recycling-Kunststoff. | Foto: Vaude

Oft kann man hören und lesen, wie auf diesem Wege aus Getränkeflaschen T-Shirts werden – zumindest theoretisch. Es gibt jedoch auch einen Haken: Wurde das Polyester mit anderen Materialien vermischt (etwa Naturfasern), ist die Wiederverwertbarkeit nur sehr aufwendig oder gar nicht möglich.

Welche Hersteller verwenden recyceltes Polyester (rPET)?

Kreislauf-Wirtschaft bei Pyua: Die kleine deutsche Marke nutzt recyceltes Plastik für ihre Stoffe. | Foto: Pyua

Allen voran verwendet Patagonia für ihre Textilien (vor allem Tops, T-Shirts, Longsleeves, Fleeces, Funktionswäsche und Leggings) gebrauchte Flaschen, Produktionsabfälle und alte Kleidung. Der deutsche Hersteller Vaude bietet ebenso viele Teile an, die aus Recycling-Kunststoff bestehen – aus PET-Flaschen, Altkleidern und teils sogar aus alten Fischernetzen. Aber auch Marken wie Adidas, Nike und Mammut haben die Problematik von Plastik in ihren Lieferketten erkannt und setzen mehr und mehr auf den Einsatz von Synthetikfasern, die aus recyceltem Plastikmüll entstanden sind. Die kleine deutsche Marke Pyua nutzt zum Beispiel ausschließlich recyceltes Plastik für ihre Stoffe.

Du erkennst Teile aus recyceltem Polyester meist an den entsprechenden Produkt-Anhängern, oder aber wenn Du aufs eingenähte Etikett schaust, wo der Recycling-Anteil ausgewiesen ist.

ECONYL® – ein Garn aus Plastikmüll

Das Ziel hinter dem Garn Econyl ist es, neue Produkte aus Nylon zwar zu produzieren, dafür aber keine Ressourcen zu verschwenden oder gar Rohöl einzusetzen. Wie das geht? Der italienische Hersteller Aquafil sammelt dafür weltweit Abfälle aus Nylon auf Deponien und in den Weltmeeren. Alte Fischernetze, Teppichschnitt, Industriekunststoffe und Stoffreste werden zum „regenerierten“ Nylon Econyl umgewandelt. Es ist genauso wertig wie neu hergestelltes Nylon, kann aber immer wieder recycelt, neu geschaffen und neu geformt werden. So werden für je 10.000 Tonnen Garn 12.600 Tonnen Abfall wiederverwertet. Keine schlechte Bilanz.

Econyl ist fein, dennoch robust und reißfest und wird so zu einer idealen, nachhaltigen Alternative für Polyamide, das oft in Outdoor-Textilien zum Einsatz kommt. In der Outdoor-Branche setzen zum Beispiel der Schuhhersteller Dachstein oder die US-Amerikaner von Prana auf die innovative Faser, für die Aquafil sogar 2014 den deutschen Nachhaltigkeitspreis erhalten hat.

Viskose

Dieser sehr weiche und pflegeleichte Stoff gilt als halbsynthetisch, da die Basis aus Zellulose besteht: Ein natürlicher Stoff, der aus Holz gewonnen wird. Danach wird jedoch die Zellulose chemisch umgewandelt, weshalb man Viskose früher auch als Kunstseide kannte. In Textilien ist Viskose beliebt, da sie Feuchtigkeit absorbiert und mindestens so angenehm wie Baumwolle zu tragen ist.

Was erst einmal positiv für die Umwelt klingt: Viskose basiert auf dem nachwachsenden Rohstoff Holz. Außerdem wird bei der Herstellung kein Erdöl verwendet. Auch Pestizide kommen beim Zellulose-Anbau weitestgehend nicht zum Einsatz. Aber es gibt auch Schattenseiten: Das Viskoseverfahren benötigt viel Energie. Auch die eingesetzten Chemikalien verschmutzen leider Wasser wie Luft und schaden den meist sehr armen Arbeitern, die Viskose produzieren. Auch wenn Viskose im Vergleich zu vollsynthetischen Stoffen oft besser abschneidet, wiegen die Nachteile schwer. Wenn Du Wert auf Nachhaltigkeit legst, solltest Du Dich also lieber nach Alternativen umsehen.

Regeneratfasern: Modal, Lyocell und Co.

Auch diese Halb-Kunstfasern bestehen aus Zellulose. Sie werden aus natürlich vorkommenden, nachwachsenden Rohstoffen wie Bambus und anderen Holzsorten über chemische Prozesse hergestellt. Zu ihnen zählen zum Beispiel Modal und Lyocell/ Tencel®. Modal stammt meistens aus heimischen Buchen. Achte beim Kauf am besten darauf, dass der Stoff aus besonders nachhaltiger Forstwirtschaft stammt – denn dann hast Du eine höhere Gewissheit, zertifiziertes und damit umweltschonend hergestelltes Modal in der Hand zu halten.

Der deutsche Hersteller Ortovox verwendet in vielen seiner Bekleidungsstücke eine Kombination aus Merinowolle und Tencel. | Foto: Ortovox

Lyocell bzw. Tencel® ist die nachhaltigste Kunstfaser, sie wird ebenfalls aus Holz (Eukalyptus) hergestellt. Der Stoff ist weich, nimmt Feuchtigkeit auf und ist gleichzeitig sehr robust und atmungsaktiv. Die Faser ist biologisch abbaubar, außerdem werden für die Herstellung nur wenige Chemikalien benötigt, die auch noch in einem geschlossenen Kreislauf recycelt werden. Ein weiterer Vorteil: Eukalyptusbäume wachsen schnell, benötigen keine Pestizide und kaum Wasser im Wachstum.

Lebensmittel in Kleidung – eine Alternative?

Immer öfter werden auch Lebensmittelreste wie Maisabfälle, Kokosnussschalen oder getrockneter Kaffeesatz in der Kunstfaser-Produktion eingesetzt. Das Ziel: weg vom Erdöl. Sie sollen in Membranen zum Einsatz kommen und dort Polyester-Fasern ersetzen oder aber die Geruchsbildung verhindern. Sogar nicht mehr verwendbare Milch wird zum Beispiel von Vaude zur Herstellung von Filz eingesetzt.

Leider sind die Materialien jedoch nicht ganz so robust und haltbar, was für Outdoor-Kleidung ja nicht gerade wünschenswert ist. Darüber hinaus sollten Lebensmittel ja in erster Linie als Nahrung dienen und nicht zur Herstellung von Kleidung. Umstritten ist auch, ob die neuartigen Stoffe gut recycelbar sind. Kurzum: Es gibt vielversprechende Ansätze und gute Weiterentwicklungen, die Details solltest Du jedoch immer einen Blick haben.

Nachhaltige Produktion in Deutschland und Europa

Schaue beim Shopping genau hin, wo das Teil produziert wurde. Denn trotz der Verwendung von Kunstfasern: Wenn Du mit Deinem Geld die Produktion in Deutschland und/oder Europa unterstützt, wandern deine Euros schon mal nicht in die oft ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse in Asien oder anderen Billiglohnländern. Außerdem ist dann die Gefahr geringer, dass bei der Produktion giftige Chemikalien in die Umwelt gelangen, da die Anforderungen an Abwasserreinigung in Deutschland und Europa viel höher sind. Die österreichische Marke Löffler lässt zum Beispiel fast ausschließlich in Europa produzieren.

Mann und Frau in Isolationsjacken von Löffler, im Hintergrund Schneeberge
Qualität und Nachhaltigkeit liegt Löffler am Herzen. Der österreichische Hersteller produziert seine Kleidung ausschließlich in Europa. | Foto: Löffler

Übrigens: Auch die Möglichkeit für ressourcensparendere Lieferketten sind bei der Produktion in Europa mehr gegeben, als wenn die Kleidung am anderen Ende der Welt hergestellt wird. Achte beim Kauf trotzdem am besten auf Siegel, da so auch gewährleistet ist, dass Sozial- und Umweltstandards eingehalten werden.

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