Der Graustock Klettersteig oberhalb des Jochpasses bietet eine spannende Route und eine grossartige Aussicht auf die Zentralschweizer Alpen. Kletter- und Wanderpassagen wechseln sich ab. Über die Begehung eines abwechslungsreichen Steigs, der keine Klettersteig-Wünsche offen lässt.
Auf dem Weg zum Graustock: Zum großen Teil führt der Weg am Felskamm entlang, rechts von uns fällt das Gelände steil ab. | Foto: Marco Peter
Auf dem Weg zum Graustock: Zum großen Teil führt der Weg am Felskamm entlang, rechts von uns fällt das Gelände steil ab. | Foto: Marco Peter

Der Klettersteig auf den 2.662 Meter hohen Graustock in den Unterwaldner Voralpen in der Schweiz ist ein abwechslungsreicher Steig und führt vom ersten bis zum letzten Meter immer an einem Felsgrat entlang. Der Graustock Klettersteig ist zwar „nur“ als Schwierigkeitsgrad C/K3 eingestuft, hält aber eine herausfordernde Passage bereit, die als D/K4 oder gar E/K5 einzuordnen ist. Egal wo auf der Route wir uns befinden – nur einige Meter rechts von uns bricht die Wand steil ab und unten in der Tiefe liegt der türkisblaue Trübsee, dahinter sehen wir den Talboden des Engelberger Tals. Wir sind zu viert unterwegs heute; einer von uns ist erfahren, zwei sind Frischlinge, einer feiert sogar seine Klettersteig-Premiere.

Über Rot Nollen und Oberi Gumm auf den Schafberg

Direkt neben der Bergstation Jochpass beginnt der blau-weisse Alpinwanderweg hinauf Richtung Graustock. Über ca. 400 Meter Distanz folgt der Pfad dem Berggrat, steigt kontinuierlich an und führt schließlich zur ersten Klettersteigpassage mit Stahlseil und Eisenklammern. Der Aufschwung mit dem Namen Rot Nollen (2.309 m) hat schätzungsweise 20 Höhenmeter und wir meistern ihn alle problemlos.

Entlang der Ostflanke geht es weiter in die Höhe. Bei jedem Blick scheint der Steilhang zur rechten etwas weiter in die Tiefe abzufallen. Das Alp-Plateau „Oberi Gumm“ wird immer steiler. Auf den letzten Metern schlängelt sich der Weg im Zickzack an den nächsten befestigten Abschnitt des Klettersteigs heran. Vom Rot Nollen haben wir nun einen weiteren guten halben Kilometer zurückgelegt. Der zweite steilere Aufschwung hat etwa 60 Höhenmeter und ist zwar etwas anspruchsvoller, aber noch immer gut zu bewältigen. Die gesamte zweite Felspassage ist durchgehend mit Stahlseil und Eisenklammern versehen.

Beim Anstieg begeistert immer wieder der Blick hinunter auf die Engstlenalp und den Engstlensee. | Foto: Marco Peter
Beim Anstieg begeistert immer wieder der Blick hinunter auf die Engstlenalp und den Engstlensee. | Foto: Marco Peter

Der Fels, der Kletterer zur Umkehr zwingt

Oben angekommen, befinden wir uns auf einem Hochsattel mit dem Namen Schafberg. Es ist eine faszinierende Landschaft – Grünes hat es kaum mehr hier oben, Schwarz, Grau, Anthrazit und Weiss dominieren, es ist felsig und karg; so muss es wohl auf dem Mond aussehen. Während wir wandern, fällt uns auf, dass gewisses Gestein gar in einem schwefelähnlichen Gelb gefärbt ist. Über Fels, Schutt und Geröll folgen wir dem Weg über ungefähr 400 Metern bis hin an den Fuss einer senkrechten Wand. Wir wissen, dass es nun ernst wird.

Ein älteres Ehepaar aus Fribourg ist gerade in die Wand eingestiegen, als die Frau noch auf den ersten Metern entscheidet, den Rückweg anzutreten. „Ich begehe seit 20 Jahren Klettersteige und habe nicht mehr so viel Kraft. Es wäre eine dumme Entscheidung, hier hochzugehen“, begründet sie ihr Umkehren mit einem sympathischen französischen Akzent, als sie bei uns vorbeikommt. Ein besonnener Entschluss, wie wir finden. Die Wolkendecke hat sich den ganzen Tag hartnäckig gehalten und reisst jetzt ein bisschen auf. Warme Sonnenstrahlen fallen auf die Felswand.

Schon von Weitem haben wir gesehen, dass sich ein Kletterer mit einer blauen Jacke weiter oben in der Wand befindet. Mehrmals bewegt er sich am selben Ort vor und zurück. Wir erkennen, dass er Mühe mit einer ganz bestimmten Stelle hat. Schliesslich gibt er auf und legt den Rückwärtsgang ein. Wir warten, bis er abgestiegen ist und keuchend an uns vorbeikommt. „Da oben hat es einfach keine Eisen mehr“, meint er schulterzuckend. Wir wechseln einige Sätze darüber, wie Klettersteiggehen in solchen Situationen zur Kopfsache wird, bekräftigen seine Entscheidung, wünschen ihm einen guten Rückweg und machen uns an die Arbeit.

In der senkrechten Felswand

Auf einem kleinen Felsvorsprung mitten in der Wand kann man sich hinsetzen wie auf eine Parkbank. Der Blick reicht bei guter Sicht bis weit in die Ferne. | Foto: Marco Peter
Auf einem kleinen Felsvorsprung mitten in der Wand kann man sich hinsetzen wie auf eine Parkbank. Der Blick reicht bei guter Sicht bis weit in die Ferne. | Foto: Marco Peter

Die vor uns liegende Felswand hat ungefähr 80 Höhenmeter und kann grob in drei Etappen unterteilt werden. Anfangs ist die Wand leicht überhängend, dafür aber mit viel Eisen ausgestattet. Dieser erste Abschnitt braucht vor allem Kraft. Der mittlere Teil ist weniger steil, dafür sind Griffe und Tritte Mangelware. Mir wird klar, warum der Kletterer vor uns hier Mühe hatte, denn die wenigen Eisenklammern sind hier weit voneinander entfernt angebracht. Dazu kommt, dass das Sicherungsseil stellenweise schlapp durchhängt. Wer sich hier mit dem ganzen Körpergewicht reinhängt und hochhangelt, würde zwangsläufig nach links hinaus ins Nichts wegpendeln.

Ich konzentriere mich, setze die Fußspitzen Tritt für Tritt in die kleinen Kerben am Felsen, verankere die Finger im nächsten Riss und klettere langsam weiter. Als ich die heikle Passage durchquert habe, hänge ich mich mit einer Expresse direkt am nächsten Eisen ein und mache einen Moment Pause. Der dritte Abschnitt hält wieder mehr Tritte und Griffe bereit und ist gut zu meistern. Wir sind erleichtert, als wir oben ankommen!

Gipfelfoto und Abstieg im Freistil

Nachdem die Schlüsselstelle gemeistert ist, führt der Pfad weiter dem Grat entlang hinauf zum Gipfel des Graustocks. Wir sichern uns am Stahlseil, der letzte Abschnitt entspricht aber eher alpinem Wandern als Klettern. Glücklich und gelöst kommen wir auf dem Graustock auf 2.662 Meter über Meer an, klatschen eine runde High-Fives ab und genießen die Aussicht. Es ist ein fantastisches Gefühl, hier oben zu stehen!

Während die eigentliche Abstiegsroute wieder am Sicherungsseil entlang zurückführen und vor der grossen Wand rechts abbiegen würde, wählen wir die Route über den Felsrücken direkt vor uns. Im losen Schutt erkennen wir, dass wir nicht die ersten sind, die diese Route nehmen. Zügig marschieren wir talwärts, durchqueren ein Geröllfeld am Fusse des Gipfelaufschwunges und erkennen in der Ferne die Pfeilmarkierungen an den Felsen, die uns den Weg zurück zum Jochpass weisen.

Das Wichtigste zum Graustock Klettersteig in Kürze

  • Schwierigkeitsgrad: primär K3, stellenweise K4-K5 (C/D)
  • Dauer bis zum Gipfel: ca. 3 Stunden
  • Dauer Abstieg: ca. 1 bis 1.5 Stunden
  • Erreichbarkeit: Mit Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln nach Engelberg, mit den Bergbahnen bis auf den Jochpass, alpiner Wanderweg zum Klettersteig startet direkt bei der Bergstation Jochpass

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