Knackige Firngrate, Genusskletterei im blockigen Fels, abwechslungsreiche Zwischenabfahrten und ein Gipfelerfolg bei Traumwetter. Die Skibesteigung des Piz Bernina (4.049 m) ist eine anspruchsvolle Tour für Fortgeschrittene.

Es gibt laut offizieller UIAA-Liste 82 Gipfel über 4.000 Meter in den Alpen. Während 81 Gipfel stolz in den westlichen Alpenhimmel ragen, ist nur ein Viertausender einsam und fern im Südosten der Schweiz zu finden. Der Piz Bernina ist der einzige Ostalpenriese, der es auf dieses magische Metermaß bringt.

Der nächsthöhere Berg ist das 4.274 Meter hohe Finsterarhorn – es ist allerdings über 130 Kilometer entfernt. Entsprechend beeindruckend muten Piz Bernina, Piz Palü und Co. an. Speziell dann, wenn man aus dem Unterengadin kommend das „Silberschloss der Alpen“ plötzlich vor sich stehen hat, wie die Berninagruppe in der Bergliteratur auch genannt wird. Sie bringt mit ihren schroffen Pfeilern, den mächtigen Gletschern, schmalen Firngraten und abweisenden Felsflanken etwas Westalpenflair nach Graubünden.

Auf dem Persgletscher Vorsicht geboten: Der Gletscher verändert sich im Frühjahr täglich. | Foto: Michael Hrobath
Auf dem Persgletscher Vorsicht geboten: Der Gletscher verändert sich im Frühjahr täglich. | Foto: Michael Hrobath

Prolog: Aufwärmrunde am Piz Palü

Die Skibesteigung dieses Klassikers beginnen wir mit der Überschreitung des Piz Palü. Frühmorgens starten wir den langen Skitouren-Tag nach einem ausgezeichneten Frühstück.  Ausgangspunkt ist die Bergstation der Seilbahn auf die Diavolezza.

Nach einer kurzen Abfahrt zum Persgletscher führt die Route relativ gemütlich, aber trotzdem konzentriert über spaltenreiches Gelände. Im Frühjahr verändert sich der Gletscher täglich und es ist große Vorsicht geboten. Angeseilt erreichen wir den Fuß des Piz Cambrena, wo es etwas steiler zwischen Gletscherabbrüchen über den Osthang hinauf zum Kamm geht.

Der folgende Grat zum Ostgipfel des Palü ist ein guter Vorgeschmack auf die Grate, die uns auf der Route heute noch erwarten. Am Plateau des Hauptgipfels angekommen genießen wir das wunderbare Panorama und den Blick hinüber zur Bellavista, zur Bernina, zum Piz Morteratsch. Es gibt hier unzählige reizvolle Touren, die die Herzen von Hochtourengehern und Skibergsteigern höher schlagen lassen.

Abfahrt vom Piz Palü zum Rifugio Marco e Rosa

Am Gipfel tauschen wir die Steigeisen gegen die Ski und fahren in Richtung Südwesten hinab. Bei einer Felspassage packen wir die Ski wieder kurz auf den Rücken und schalten in den Klettermodus um. Über einen spaltigen, steilen Hang geht es schließlich zur Scharte zwischen der Bellevue und dem Piz Palü, wo wir die Felle anlegen und wieder auf die Nordseite wechseln.

Nach einer steilen Abfahrt vom Hauptgipfel des Piz Palü wartet flacheres Gelände. | Foto: Michael Hrobath
Nach einer steilen Abfahrt vom Hauptgipfel des Piz Palü wartet flacheres Gelände. | Foto: Michael Hrobath

Über die gewaltige Bellevue-Terrasse geht es durch mächtige Eisbrüche hinunter in etwas flacheres Gelände. Der spitze, fast viertausend Meter hohe Piz Zupo lockt im Westen – er ist aber heute nicht unser Ziel.

Nach rund sechs Stunden erreichen wir endlich das Rifugio Marco e Rosa (3.600 Meter). Eigentlich wollte das sympathische Wirtspaar heute die Hütte mit uns als erste Gäste eröffnen, der Wind lässt jedoch keinen Hubschrauberanflug zu. Wir stehen also vor verschlossenen Türen und uns bleibt nur der kleine, kalte Winterraum. Er ist zwar mit einem großen Bettenlager und zahlreichen Decken ausgestattet – ein betriebsbereiter Ofen fehlt jedoch. Damit wird es eine erfrischend kühle Nacht …

Piz Bernina via Spallagrat

Über einen steilen Gletscherhang geht es frühmorgens bei herrlichem Wetter hinauf zu den Felsen des Spallagrats. Auf halber Strecke hören wir das laute Flappen der Rotorblätter eines Hubschraubers. Hüttenwart Giancarlo „Bianco” Lenatti kommt für uns leider einen Tag zu spät auf sein Rifugio.

Die Felsen sind grob und bieten gute Griffe. In feinster Genusskletterei (II) geht es über große Platten hinauf zur Grathöhe. Es gibt immer wieder Sicherungsringe und Schlingen. Dann wird es knackig, denn links und rechts des Grats geht es ordentlich runter. Wir sind heute die ersten, der Firngrat ist unverspurt und recht spitz. Die Überwindung, die Steigeisen in den jungfräulichen Schneegrat zu vergraben, ist nichts für schwache Nerven. Man will schließlich weder auf der schweizer noch auf der italienischen Seite runterrasseln …

Die Route ist ziemlich ausgesetzt, aber nie schwieriger als UIAA II. Der letzte Abschnitt zum höchsten Gipfel der Ostalpen führt über einen einfachen Blockgrat. Endlich oben! Das Panorama ist unbeschreiblich. Ein Blick hinunter offenbart einen Vorgeschmack auf die Abfahrt auf dem Gletscher. Der Blick nach Westen reicht bis zum Gran Paradiso. Auch der Mont Blanc ist in der Ferne auszumachen. Wir genießen die Aussicht – und die Schweizer Schoggi. Der Abstieg zum Rifugio Marco e Rosa erfolgt über den gleichen Weg. Die Schwierigkeiten werden beim Abstieg durch das Abseilen deutlich entschärft.

Abfahrt vom Rifugio Marco e Rosa

Spaltenbrücken und leichte Eiskletterei wartet auf der Abfahrt ins Tal. | Foto: Michael Hrobath
Spaltenbrücken und leichte Eiskletterei wartet auf der Abfahrt ins Tal. | Foto: Michael Hrobath

Auf der Hütte angekommen, wechseln wir ein paar Worte mit dem Hüttenwirt und ehemaligen Steilwand-Skifahrer Giancarlo und machen uns bereit für die Abfahrt. Angeseilt, mit rund zwölf Meter Abstand, geht es runter in den sogenannten „Buuch“. Das gewaltige Gletscherlabyrinth verlangt uns einiges ab. Teilweise müssen wir in schneegefüllte Spalten abfahren. Manchmal erfordert es sogar leichte Eiskletterei, um auf der anderen Seite wieder herauszukommen. Immer wieder müssen wir gefährlich bröcklige Spaltenbrücken queren. Dazwischen kommen wir aber durchaus auch in den Genuss, ein paar schöne Schwünge in den Schnee zu setzen.

Nach Morteratsch sind von der Hütte immerhin gut 1.700 Höhenmeter zurückzulegen, mitunter durch schwieriges Gelände. Doch in dieser zauberhaften Umgebung nimmt man die anspruchsvolle Abfahrt gerne in Kauf!

An der Gletscherzunge des Morteratschgletschers angekommen, schnallen wir die Ski wieder einmal an den Skirucksack und marschieren nach insgesamt neun Stunden auf Tour nochmals rund 45 Minuten auf dem Wanderweg zur Station Morteratsch an der Berninabahn. Am Wegesrand veranschaulichen Tafeln, wie sich der Gletscher in den letzten Jahrzehnten verändert und zurückgezogen hat.

  • Hinweis: Entsprechende Ausrüstung und Gletschererfahrung sind Voraussetzung für die Abfahrt durch den „Buuch“! Von Erfahrungen im Abfahren am Seil und soliden Kenntnissen in der Spaltenbergungstechnik ganz zu schweigen.

Rückkehr zum Berghaus Diavolezza

Mit der Bahn geht es in wenigen Minuten zurück zur Talstation der Diavolezza und wieder hinauf zum Berghaus. Das ist sicher nicht die übliche Variante – aber wir wollen nach der anstrengenden Tour noch etwas Hüttengaudi. Die Weinauswahl und das Essen ist da oben sehr, sehr fein. Die erfolgreiche Überschreitung des Piz Palü und die Besteigung des höchsten Berges der Ostalpen werden gebührend gefeiert.

Whirlpool mit Aussicht - die Belohnung für die erfolgreiche Besteigung des Piz Bernina. | Foto: Michael Hrobath
Whirlpool mit Aussicht – die Belohnung für die erfolgreiche Besteigung des Piz Bernina. | Foto: Michael Hrobath

Am nächsten Morgen wartet nach dem Frühstück ein weiteres absolutes Highlight der Tour. Denn auf der Terrasse des Berghotels dampft und blubbert der wohl höchstgelegenene Whirlpool der Ostalpen!

Im großen Holzzuber lassen wir uns vor kitschigstem Bergpanorama jeglichen Kater aus den Muskeln sprudeln. Es werden Bademäntel und Leih-Badehosen bereitgestellt und natürlich Getränke direkt an den Rand des Sprudelbeckens serviert.

Allerdings müssen wir uns einige neidische Blicke von anderen Besuchern gefallen lassen – aber wir haben uns schließlich dieses besondere Badeerlebnis redlich verdient!

Alle Tourdaten zur Skitour auf den Piz Palü

  • Anreise: von Süddeutschland und Österreich über das Inntal und Landeck in die Schweiz. Weiter über Scuol ins Oberengadin und nach Pontresina und schließlich Richtung Berninapass bis zur Talstation der Seilbahn auf die Diavolezza
  • Charakter und Schwierigkeit: schwere Skihochtour mit Gletscherpassagen bis 40 Grad, Firngraten und Felskletterei bis UIAA II. HINWEIS: Die lange Gletscherabfahrt durch den „Buuch“ ist aufgrund der Spalten und der für Laien kaum ersichtlichen Abfahrtsroute nur mit Führer empfehlenswert (Anm. d. Autors: Luki von den Bergführern Pontresina kennt den Berg wie seine Westentasche).
  • Ausrüstung: Lawinenausrüstung, Skihelm, Harsch- und Steigeisen, Pickel und Seil 
  • Höhenmeter und Dauer: Diavolezza (3.000 Meter)-Piz Palü (3.900 Meter)-Rifugio Marco e Rosa (3.600 Meter) / ca. 1.300 Höhenmeter/6-8 Stunden; Rifugio Marco e Rosa (3.600 Meter) – Piz Bernina (4.049 Meter) /ca. 450 Höhenmeter/3 Stunden
  • Stützpunkte: Berghaus Diavolezza, Rifugio Marco e Rosa
  • Karte: Schweizerische Landeskarte Nummer 1277; Kompass-Karte WK 93 Bernina-Sondrio
  • Benachbarte Skitouren: Piz Palü, Piz Morteratsch (von der Tschiervahütte), Bellavista

Noch Ausrüstung für die Skihochtour gesucht?

Weitere (Ski)Hochtouren-Tipps im Bergzeit Magazin:

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
wpDiscuz