• Seit 1999 online
  • Powered by 350 Bergsportler
  • Am Puls der Berge
"Colossalischer" Sandstein

Die Sächsische Schweiz: Wandern und Boofen unter Felsen

5 Minuten Lesezeit
Kleine Fluchten, große Felsen und die vielleicht schönsten Schlafplätze Deutschlands: Die Sächsische Schweiz ist die reine Inspiration – für berühmte Maler ebenso wie für ganz normale Wanderer.

Vor einer Viertelstunde noch saß der Wanderer auf dem Gipfelplateau und konnte sich gar nicht einkriegen. Was für eine Aussicht! Die Berge standen wie riesige Monolithen in der böhmischen Ebene. Die Wände und Türme in der Nähe wirkten jäh und unnahbar. Dafür waren die Wälder einladend, und die Sonne wärmte prächtig. Dann schlug das Wetter um. Dunkelgraue Schatten schieben sich nun über das Gestein des Carolafelsens. Der Vormittag verfinstert sich. Eine Regenwand rückt von Böhmen auf die Sächsische Schweiz zu. Wind kommt auf. Unten in den Wäldern krakeelen Vögel. Die wenigen Menschen auf dem Felsen stellen das Staunen über das prächtige Panorama ein; sie verstauen die Brotzeit im Rucksack und ziehen Anoraks über. Zeit zum Aufbruch. Gleich wird es ungemütlich hier oben.

Ob berühmte Aussichtspunkte wie die Basteibrücke, einsames "Boofen" unter Fels und Sternenhimmel oder Klettern am Sächsischen Sandstein - die Sächsische Schweiz hat Inspiration für jeden Outdoor-Geschmack. | Foto: Jens Schwarz
Ob berühmte Aussichtspunkte wie die Basteibrücke, einsames „Boofen“ unter Fels und Sternenhimmel oder Klettern am Sächsischen Sandstein – die Sächsische Schweiz hat Inspiration für jeden Outdoor-Geschmack. | Foto: Jens Schwarz

Es hat sich nichts geändert. So war’s hier in der Sächsischen Schweiz immer, wenn die Natur ihre Kapriolen schlug. Schon im 17. Jahrhundert schrieb Christian Lehmann, der Chronist der Region: „Wenn die Wälder jählings anfangen zu rauschen oder die Hohlkrähe kläglich schreiet oder die Raben und Krähen mit großem Geschrei gar niedrig hinschießen und auf die Wälder zueilen, bricht ein ungestümes Wetter ein.“ Ja. Ungestümes Wetter. Wer hätte das am Morgen noch geahnt?

Boofen im Fels

Die Nacht war sternenklar, ein Genuss: so auf dem Rücken zu liegen, hinter sich die Felsen zu wissen, mit Blick auf den Wald und das Tal und die flackernden Lichter der Häuser im Sebnitztal. Still war sie, die Nacht. Kein Wind ging, ab und zu versuchte sich ein Kauz mit einem Klagelaut, ließ es dann aber wieder sein. Von weit unten im Tal war das Rauschen der Kirnitzsch zu hören. Es war eine dieser Nächte, die süchtig machen können: Die Hektik der Welt ist weg, der Wanderer liegt in seinem Schlafsack, guckt in die Sterne, verliert das Gefühl für die Zeit, lässt den Alltag außen vor.

Dieses Lustgefühl haben die Menschen in der Sächsischen Schweiz kultiviert. „Boofen“ nennen sie diese ganz besonderen Schlafplätze – meist weitläufige Höhlen oder Aussichtsflächen unter felsigen Überhängen. Es hat sich nichts geändert. Die „Boofen“ waren schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, dann während der großen Kriege und später in den Zeiten des real existierenden Sozialismus die kleinen Fluchten für die Liebhaber der Sächsischen Schweiz. Vor allem die Dresdner Bergfreunde zog es in die Felsenwelt links und rechts der Elbe bei Bad Schandau.

Berühmte Maler

Kühn, prächtig und "colossalisch" - so empfand schon Maler Caspar David Friedrich die Felskulisse des Elbsandsteingebirges. | Foto: Jens Schwarz
Kühn, prächtig und „colossalisch“ – so empfand schon Maler Caspar David Friedrich die Felskulisse des Elbsandsteingebirges. | Foto: Jens Schwarz

Schon im 18. Jahrhundert waren Maler hierhergekommen und hatten sich von der bizarren Szenerie inspirieren lassen. Die Schweizer Künstler Adrian Zingg und Anton Graff, 1766 an die Dresdner Kunstakademie berufen, fühlten sich an den Jura in ihrer Heimat erinnert und gaben der Region den Namen „Sächsische Schweiz“ – besser hätten es sich Tourismusexperten auch nicht einfallen lassen können.

Jahrzehnte später war der Meister der Romantik, der Maler Caspar David Friedrich, Stammgast in den Schrammsteinen und rund um den Großen Winterberg, an der Bastei und im Handwerkerdorf Krippen an der Elbe. Er empfand die Landschaft als kühn, schwindlig, fürchterlich, prächtig, „werth“ und „colossalisch“. Schon Friedrich und seine Zeitgenossen spürten, dass in der „Sächsischen“ ganz eigene Gesetze gelten. Der Künstler setzte sich dem bewusst aus. „Einmal wohnte ich eine ganze Woche im Uttewalder Grund zwischen Felsen und Tannen, und in dieser Zeit traf ich keinen einzigen lebenden Menschen. Diese Methode rate ich niemandem – auch für mich war das schon zu viel: Unwillkürlich tritt Düsternis in die Seele.“ Auf Neudeutsch würde dieser Friedrich’sche Selbstversuch wohl als „Extrem-Boofen“ zu bezeichnen sein.

Einfach nur hinauf war zu wenig – die Wiege des Freikletterns in der Sächsischen Schweiz

Auch in den Zeiten, als man mit dem Begriff „Kalter Krieg“ noch etwas anfangen konnte, waren politische Zwänge in der beim Klettern in der Sächsischen Schweiz aufgehoben. Die oberbayerischen Extremkletterer Alexander und Thomas Huber erinnern sich noch gut, wie sich der Vater um den Eisernen Vorhang wenig scherte. „Das Freiklettern haben wir wirklich in der Sächsischen Schweiz bei Dresden gelernt. In den Alpen war es noch wenig populär. Da hat man einfach versucht, die Wände hinaufzukommen. Egal wie. In der Sächsischen Schweiz dagegen ging es irgendwann nicht mehr nur darum, hinaufzukommen – so hoch ist es ja dort nicht. Da musste man sich schon anders sportlich motivieren, indem man die Haken nur zum Sichern benutzt hat, aber nicht zum Klettern. Wenn man nur an der natürlichen Felsoberfläche klettert, betrachtet man das Ganze nicht nur als Erlebnis, sondern auch als Sport.“

 Text: Detlef Vetten 


Zwei Wandertipps im Elbsandsteingebirge

1. Paradegipfel: die Schrammsteine

Eine der fantastischsten Aussichten der Sächsischen Schweiz bietet sich dem Wanderer auf den Schrammsteinen. Der Aufstieg beginnt bei der Schrammsteinbaude im Zahnsgrund und führt über den Schießgrund, vorbei an der Nassen Tilke, über den Elbleitenweg zum Großen Schrammtor. Von dort hinauf zur Schrammsteinaussicht und nach einer Rast wieder retour. Bewältigt werden 237 Höhenmeter (davon rund 100 über ein leicht begehbares Leitersystem). Dieser 5,5 Kilometer lange Anstieg zu den Schrammsteinen ist ein abwechslungsreicher Ausflug für Familien mit trittsicheren Kindern.

  • Ausgangspunkt: Zahnsgrund
  • Länge: 11 Kilometer
  • Höhendifferenz: 237 Meter
  • Dauer: 3 Stunden

2. Durchmarsch: im Nationalpark

Eine Tagestour für konditionsstarke Wanderer führt durch den Nationalpark in der gesamten Länge der Kernzone. Mit dem Bus wird Hinterhermsdorf erreicht. Nach einem kurzen Anstieg geht es ins Kirnitzschtal, dort bachabwärts, dann linker Hand wieder bergauf. Weitere Stationen: die Hickelhöhle, die Richtergrotte, das Kirnitzschgrab. Danach ist man schon fast am Großen Winterberg (556 Meter) mit Einkehrmöglichkeit. Nach dem Großen Winterberg folgt man einer blauen Wegmarkierung in Richtung Schrammsteine. Die Leitersysteme auf dem Höhenweg sorgen für Kurzweil beim Gehen, die Ausblicke sind grandios.

  • Ausgangspunkt: Hinterhermsdorf
  • Länge: 20 bis 25 Kilometer
  • Höhendifferenz: 700 Meter
  • Dauer: 8 Stunden
Abonnieren
Benachrichtige mich zu:
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments

Unsere Top Outdoor Kategorien


Bergzeit Magazin - Dein Blog für Bergsport & Outdoor

Willkommen im Bergzeit Magazin! Hier findest Du Produkttests, Tourentipps, Pflegeanleitungen und Tipps aus der Outdoor-Szene. Von A wie Alpspitze bis Z wie Zwischensicherung. Das Redaktionsteam des Bergzeit Magazins liefert zusammen mit vielen externen Autoren und Bergsport-Experten kompetente Beiträge zu allen wichtigen Berg- und Outdoorthemen sowie aktuelles Branchen- und Hintergrundwissen.