Die Sächsische Schweiz gilt als die Wiege des Freikletterns. Uwe Daniel liefert alle Information über die Kletterfelsen zwischen Schmilka und Rathen, Gebietstipps für Einsteiger, Kletterregeln, Absicherung mit Knotenschlingen und einiges mehr.

Zum Anfang eine Geschichte aus dem letzten Jahr: Wir verbrachten einige Stunden damit, die Talseite der Rauschenspitze zu durchsteigen und kamen gerade  an den Wandfuß zurück, als wir zwei Jungs sahen, von denen gerade einer zum anderen sagte „Ich komm zurück, hier ist nix zum Festmachen“.

Klassisch barfuss. Die Rengerkante an der Brosinnadel ist nix für schwache Nerven. | Foto: Uwe Daniel
Klassisch barfuss. Die Rengerkante an der Brosinnadel ist nix für schwache Nerven. | Foto: Uwe Daniel

Wir beäugten die beiden skeptisch – unsere Ausrüstung konnte unterschiedlicher nicht sein und die Einbindetechnik der beiden war uns schlichtweg unbekannt. Wir waren mit Knotenschlingen, einem Dutzend Exen, einer Wasserflasche und Helmen behangen wie ein Weihnachtsbaum. Die Jungs lediglich mit drei Schraubern und zwei Knotenschlingen, die noch nie einen Felsen gesehen hatten.

Über uns die drei Seillängen der Talseite mit weniger als einer Handvoll Ringe. Wir fanden dann gemeinsam heraus, dass sie eigentlich ganz woanders hinwollten. Wir erklärten ihnen den Zustieg und empfahlen ihnen einen Kletterweg, der so einfach und ungesichert ist, dass es weder auf die Anzahl der Schlingen noch auf die Einbindetechnik ankommt. Solche oder so ähnliche Geschichten gibt es viele – und ab und an enden sie leider auch dramatisch.

Ich selbst wuchs zwischen den zahlreichen Sandsteingipfeln der Sächsischen Schweiz auf und habe dort gleich nach dem Laufen mit dem Klettern angefangen. Die Besonderheiten des Gebiets lernte ich anfangs mit meinen Eltern und später, über die Jahre, im Freundeskreis kennen. Mit diesem kleinen Gebietsüberblick reiche ich allen die Hand, die schon immer mal in „die Sächsische“ kommen wollten, damit der Start gelingt.

Bergsteigen – nicht Klettern!

Wer in der Sächsischen Schweiz klettert, der ist Bergsteiger. Geklettert wird an freistehenden Sandsteintürmen, deren Gipfel nur über Kletterwege erreicht werden können.

Für mich bedeutet Bergsteigen auch, dass es Momente gibt, in denen alles richtig gemacht werden muss; in denen im Falle des Falles ernste Konsequenzen drohen und Dir niemand außer Du selbst helfen kann. Dort, wo ein weiter hinauf besser ist als ein hinunter – darin unterscheidet sich das Klettern vom Bergsteigen, und genau das gibt es im Elbsandsteingebirge.

Das soll nicht abschrecken, sondern einladen. Die Möglichkeit, tagsüber ein richtiges Abenteuer zu erleben und zum Nachmittag gemütlich an der Elbe ein Bier zu trinken, hat was. Die Kehrseite ist, dass hier die Erfolge auch mal auf sich warten lassen und sich eine Selbstüberschätzung nicht einfach mit einem Opferkarabiner wiedergutmachen lässt.

Die berühmten sächsischen Kletterregeln

Ein Knotenschlingen-Einsteigerset. Locals haben jedoch deutlich mehr Knotenschlingen im Rucksack. | Foto: Uwe Daniel
Ein Knotenschlingen-Einsteigerset. Locals haben jedoch deutlich mehr Knotenschlingen im Rucksack. | Foto: Uwe Daniel

An den Sandsteinfelsen darf nur geklettert werden, wenn diese trocken sind. Der Felsen ist einfach nicht so fest, wenn er nass ist. Also muss nach dem Regen mindestens ein Tag gewartet werden, bis die Felsen wieder trocken sind. Andernfalls droht Felsbeschädigung und Absturz durch Griffausbruch.

Chalk ist in jeder Form verboten. Deshalb sollten die Kletterziele so ausgewählt werden, dass im Sommer z.B. die schattigen Nordwände aufgesucht werden. Interessant wird das ganze dann bei Onsight-Ambitionen, wenn die Griffe nicht mehr markiert sind.

Die Verwendung von Klemmkeilen und Friends ist verboten. Alles, was aus Metall ist, darf nicht zur Absicherung benutzt werden. Zur Absicherung dienen allein Knotenschlingen. Die Platzierung von Knotenschlingen erfordert ein wenig Übung und einen sogenannten Riss-Spatel, mit dem die Schlingen in den Riss hinein- und wieder hinausgefummelt werden.

Wer Erfahrung mit Klemmkeilen hat, wird schnell ein gewisses Gefühl dafür entwickeln. Ich empfehle das Legen von Knotenschlingen am Wandfuß zu üben und sich auch mal mit dem Klettergurt in die Schlinge zu setzen um sie zu testen. Der Tag nach dem Regen – an dem nicht geklettert werden darf – ist dafür gut geeignet.

Schwer klettern heißt sicherer klettern

Sicherungsringe sind in der Sächsischen Schweiz relativ selten. Wer hier richtig klettern möchte, kommt an Knotenschlingen nicht vorbei. In den hohen Schwierigkeitsgraden ab IX (UIAA 8) gibt es allerdings Ausnahmen. In Routen bis zum sächsischen Grad V (UIAA 4) sind Sicherungsringe sehr selten. Ab dem VI. Grad (UIAA 5) steigt die Chance auf einen Ring im Weg. Aber Ringabstände – also mehr als einen Ring – gibt es in der Regel erst ab dem VII Grad (UIAA 6).

In jedem Fall gibt es Ringe nur dort, wo keine Knotenschlingen gelegt werden können. Es täuscht nicht darüber hinweg, dass Stürzen in den allermeisten Kletterwegen im Elbsandsteingebirge keine gute Idee ist. Auch Locals stürzen nicht gern in Schlingen. Vorsicht auch vor „ausreichend“ abgesicherten Wegen. „Ausreichend“ bedeutet einfach nur, dass man nicht auf dem Boden aufschlägt.

UIAA- und Sächsische-Schwierigkeits Skala im Vergleich

Für alle, die nicht regelmäßig in der sächsischen Schweiz unterwegs sind, ist die eigene sächsische Schwierigkeitsbewertung etwas gewöhnungsbedürftig. Die nachfolgende Tabelle gibt Auskunft über die Umrechnung in die UIAA-Schwierigkeit – auch wenn eine 1:1-Übersetzung mit Vorsicht zu genießen ist.

UIAA 1 2 3 4 5- 5/5+ 6- 6 6+ 7- 7 7+/8- 8- 8 8+/9- 9- 9 9+/10- 10- 10 10+
Sachsen I II III IV V VI VIIa VIIb VIIc VIIIa VIIIb VIIIc IXa IXb IXc Xa Xb Xc XIa XIb XIc

 

Elbsandsteingebirge – Gebietsüberblick

Es gibt sechs Gebiete in der Sächsischen Schweiz, von denen jedes seinen eigenen Reiz hat:

  • Bielatal: DAS Gebiet für Einsteiger. Geringe Gipfelhöhen, die Wege sind meist vollständig von unten einsehbar, viele einfache und einfachste Wege, schnell zu erreichen und gern von Familien aufgesucht.
  • Gebiet der Steine: Im Wesentlichen ist das die Region um Pfaffenstein mit seiner berühmten Barbarine (an der wegen Einsturzgefahr nicht geklettert werden darf). Bei schwülen Temperaturen wird es durch den besonders festen Fels schnell „schlonzig“  -also schmierig.
  • Rathen: Lohnende Kletterziele an zumeist sandigem Fels. Gut zu erreichen und die Möglichkeit, eine der Sehenswürdigkeiten, wie z.B. die Bastei, zu besichtigen. Vorsicht nach Regen und im Frühjahr – die Felsen müssen richtig richtig trocken sein! Am besten mit der S-Bahn erreichbar.
  • Schmilka und Schrammsteine: Lohnende Kletterziele, aber wenig Optionen für Einsteiger. Schroffe Landschaft mit steilen Abbrüchen (Vorsicht mit Kindern). Gut mit der S-Bahn erreichbar.
  • Affensteine: Das wohl wildeste Gebiet in der Sächsischen Schweiz. Oft Mehrseillängen mit Abenteuerpotential.
  • Zschand: Abgelegene Felstürme inmitten des Nationalparks. Meist mit langen Zustiegen verbunden. Schlechte Parksituation.

Kletterführer Sächsische Schweiz – ein Überblick

Einheimische Kletterer „arbeiten“ mit dem sogenannten „Heinicke“-Kletterführer. Für jedes Gebiet gibt es einen eigenen Band. Die Führer gibt es vom Bergverlag Rölke. Die Qualität der Führer ist sehr gut. Diese Führer sind jedoch nicht vergleichbar mit Kletterführern wie man sie sonst so kennt. Der Umgang damit muss regelrecht erlernt werden.

Es existiert zwar ein System zur Bewertung von Wegen (sogenannte Sternchenwege), aber es ist nicht so, dass der Kletterer an die Hand genommen wird und sich durch den Führer inspirieren lassen kann. Bis auf wenige Ausnahmen sind Heinicke-Kletterführer reine Textwerke, die in einem funktionierenden System einfach alle Gipfel und Wege auflisten. Nachteilig ist, dass ein Band immer nur ein Gebiet abdeckt und somit für ein Kletterwochenende schon mal drei Bände gekauft werden müssen. Wer öfter in der Sächsischen Schweiz bergsteigen möchte, ist mit diesen Führern aber gut beraten und es lohnt sich, den Umgang mit ihnen zu erlernen!

Eine Alternative für Wege ab dem VIII. Grad bietet der sogenannte TOPO-Führer, der in der Dresdener „Bouldercity“ erworben werden kann. Im Panico-Verlag gibt es darüber hinaus einen Auswahlführer von Bernd Arnold, der aktuell leider vergriffen ist.

Kletterziele in der Sächsischen Schweiz für Elbsandstein-Anfänger

In den oberen Schwierigkeitsgraden kann das Schlingenset reduziert werden. Gebietskenner warten auch schon mal die niedrigen Herbsttemperaturen ab. | Foto: Uwe Daniel
In den oberen Schwierigkeitsgraden kann das Schlingenset reduziert werden. Gebietskenner warten auch schon mal die niedrigen Herbsttemperaturen ab. | Foto: Uwe Daniel

Für einen ersten Besuch in der Sächsischen Schweiz empfehle ich das Bielatal. Die Felsen dort sind meist so beschaffen, dass die Kletterwege vom Wandfuß aus einsehbar sind. Es gibt gute Lagerstellen ohne Steilabbrüche, die auch für Familien geeignet sind. Die ersten Felsen sind nach fünf Minuten Gehzeit erreichbar. Das Gestein ist vergleichsweise fest und es gibt sehr viele leichte und lohnende Wege. Einzig die Leistungselite wird hier nichts zu klettern finden, da es hier nur ganz wenige Wege in den obersten Schwierigkeitsgraden gibt.

Egal wie die Entscheidung nach dem ersten Kletterziel ausfällt, sollte vor Ort gewissenhaft geprüft werden, ob tatsächlich der richtige Gipfel vor einem steht. Für den Beginn ist es gut, einen Kletterweg auszuwählen, der von unten bis oben vollständig einsehbar ist. Die Wegbeschreibung sollte überprüft werden, indem alle darin erwähnten Felsstrukturen und Ringe in der gewünschten Wand identifiziert werden. Sind beispielsweise zwei Ringe erwähnt und nur einer sichtbar, dann stimmt wahrscheinlich etwas nicht. In solch einem Fall einfach drauflos zu klettern ist keine gute Idee!

Zusammen mit dem Sicherungspartner wird eine Strategie für den Vorstieg überlegt. Dabei wird vor allem nach möglichen Knotenschlingen Ausschau gehalten. Dazu gehört es natürlich auch, sich einen Plan B zurechtzulegen. Was tue ich, wenn eine erhoffte Knotenschlinge doch nicht gelegt werden kann? Kann ich zurückklettern? Kann ich zur Seite in leichteres Gelände ausweichen und wie würde es dann dort weitergehen?

Gebietsneulingen sei zu Beginn zunächst empfohlen, Kletterziele deutlich unterhalb der persönlichen Leistungsgrenze anzusteuern. In leichten Kletterwegen kann ein Gefühl für die unterschiedlichen Techniken wie Reibungskletterei, Rissklettern und das Schlingenlegen entwickelt werden, ohne dass gleich die Nerven auf Grundeis gehen. Es existiert zwar eine Umrechnungstabelle für die sächsische Kletterskala, aber die Erfahrung zeigt, dass eine maritime Sportkletterroute in der Schwierigkeit 6a etwas ganz anderes sein kann als eine sächsische VIIIa.

Klettern im Elbsandstein bei Regen und Nässe?

Ein Kletterführer der Sächsischen Schweiz. Jeder Weg wird darin mit einer kurzen Wegbeschreibung aufgeführt. | Foto: Uwe Daniel
Ein Kletterführer der Sächsischen Schweiz. Jeder Weg wird darin mit einer kurzen Wegbeschreibung aufgeführt. | Foto: Uwe Daniel

Nachdem das Klettern im Elbsandstein bei Regen und am Tag danach nicht möglich ist, braucht es ein Alternativprogramm – zum Beispiel:

  • Wanderungen in der Sächsischen Schweiz gehen auch gut bei Regen (Es helfen Wanderführer, etwa aus dem Bruckmann– oder Rother-Verlag). Es ist durchaus reizvoll, durch die märchenhafte Nebellandschaft Caspar-David Friedrichs zu wandern. Gebietsneulingen sei empfohlen, bereits dabei Zustiege und Kletterziele für den nächsten Klettertag zu erkunden.
  • Das Legen von Knotenschlingen an einem Wandfuß kann an solchen Tagen ebenfalls geübt werden
  • Klettern im nahen Erzgebirge (neuer Kletterführer von Geoquest). Kein Sandstein – also auch keine Gefahr durch Nässe!
  • In Dresden und Umgebung gibt es diverse Indoor-Klettermöglichkeiten:

Praktische Informationen

  • Anreise: Am besten mit dem Auto, damit auch die schlecht erreichbaren Klettergebiete eine Option sind.
  • Beste Jahreszeit: immer wenn es trocken ist (gute Chancen von Mai bis September)
  • Unterkünfte: Eine der vielen Alpenvereinshütten, die auf der Internetseite des Sächsischen Bergsteigerbundes zu finden sind. Außerdem gibt es zahlreiche Pensionen direkt in den Dörfern.

Kletter-Ausrüstung fürs Elbsandstein

  • Seil: Geklettert wird in der Regel mit einem Einfachseil. Ausreichend sind 50 Meter. Wer in Graden über UIAA 7 klettert, ist mit 70 oder 80 Metern gut beraten.
  • Helm: Locals klettern oft ohne Helm. Steinschlag ist kaum ein Thema. Jedoch: Ein Sturzhelm ist hier nie verkehrt!
  • Knotenschlingen (minimales Set):
    • Einen sogenannter Riss-Spatel (ich nutze den Holzstiel einer Rückenbürste aus dem Drogeriemarkt)
    • 5-6 Millimeter dicke Kevlarschlinge(n) zum Fädeln von Sanduhren oder als einlitzige Knotenschlinge. Zwei Stück sind gut.
    • 10 Millimeter dicke Schlingen aus einem ausgemusterten Seil. Mehrere solcher Schlingen bilden einen noch dickeren Knoten.
    • 7-8 Millimeter dicke Schlinge aus einem ausgemusterten Halbseil
    • diverse Bandschlingen für Köpfl und zum Verlängern von Zwischensicherungen
  • Risshandschuhe: Ich hab die von Ocun.
  • Sicherungsgeräte: Die meisten Locals nutzen Tuber. Es gibt aber auch viele, die einen Halbautomaten zum Sichern und einen Tuber zum Abseilen dabeihaben.
  • Kletterklamotten: Lange Hosen schützen vor rauem Sandstein und im Frühjahr helfen sie auch gegen Zecken. Mir persönlich sind neue bzw. preisintensive Klamotten zu schade, da Risse und Kamine deutliche Spuren hinterlassen.
  • Großer Schraubkarabiner: Auf jedem Gipfel befindet sich eine Abseilöse. Da passt kein kleiner Schrauber hinein.

Auf zum Klettern in der Sächsischen Schweiz!

Lasst Euch nicht von diesen ominösen Knotenschlingen abschrecken! Wer mit mobilen Sicherungsmitteln umgehen kann, wird in der Sächsischen in jedem Fall ein Paar schöne Klettertage verbringen. Die passende Ausrüstung gibt’s natürlich bei Bergzeit.

Du hast noch Fragen oder Anmerkungen? Dann ab damit ins Kommentarfeld!

Mehr zum Thema Klettern und Klettergebietstipps im Bergzeit Magazin

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