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Lawinensuche: Wie gehst Du im Ernstfall richtig vor?

8 Minuten Lesezeit
Ein Fall, der beim Skitourengehen und Freeriden hoffentlich nie eintritt? Ein Lawinenabgang. Doch was muss ich beachten, wenn der Ernstfall doch eingetreten ist und wie gehe ich richtig vor? Bergzeit Mitarbeiter und Bergführer Markus erklärt die wichtigsten Schritte der Lawinensuche.

Beim Skitourengehen, Freeriden und sonstigen Winteraktivitäten im freien Gelände, wie zum Beispiel Schneeschuhgehen oder Eisklettern, haben wir immer die Hoffnung, dass ein Ereignis nie eintritt: ein Lawinenabgang. Die Ausrüstung haben wir zwar dabei, aber die Übung in einem Lawinenkurs oder das selbstständige Auffrischen des Wissen ist doch was anderes, als der Ernstfall selbst. Damit Du Dein Wissen noch einmal auffrischen kannst und immer wieder nachlesen kannst, wie Du Dich nach einem Lawinenabgang verhältst, habe ich Dir die wichtigsten Schritte der Lawinensuche noch einmal zusammengefasst.

Wichtig ist: Dieser Beitrag ersetzt keinen Lawinenkurs, sondern ist nur als Ergänzung zu verstehen. Bitte frische Dein Wissen in regelmäßigen Kursen auf!

1. Wie bin ich an einem Lawinenabgang beteiligt?

Zuerst müssen wir klären, wie wir an der Lawine beteiligt sind. Bin ich Opfer (von der Lawine erfasst) oder Retter (bei einem Lawinenunfall, aber nicht in der Lawine)? Und ist die Lawine im Aufstieg oder in der Abfahrt abgegangen?

Von der Lawine in der Abfahrt erfasst – der häufigste Fall

Habe ich genug Geschwindigkeit, versuche ich die Schussflucht. Das kann funktionieren – besonders am Rand des Schneebretts – aber man darf sich keinesfalls darauf verlassen. Nicht nur ich bewege mich, sondern auch die ganze Schneefläche um mich herum. Darum kann ich die Ski nicht mehr steuern. Sollte ich mich nicht zufällig gerade Richtung Lawinenrand bewegen, werde ich wahrscheinlich nicht herauskommen.

Sieh Dir dazu am besten unser Video über Lawinen-Mythen an:

Von der Lawine im Aufstieg erfasst – der seltenste Fall

Wenn es irgendwie geht, versuche ich Ski und Stöcke loszuwerden. Die Stöcke sollte ich grundsätzlich nicht mit den Handschlaufen am Handgelenk befestigen. Besonders die für den Aufstieg verriegelte Bindung geht nicht von allein auf. Ohne Stöcke und Ski verbessern sich die Chancen, in der Lawine oben zu bleiben und das Verletzungsrisiko reduziert sich deutlich.

2. Was mache ich, wenn mich die Lawine erfasst hat?

Ich versuche zuerst mein Notfallequipment zu aktivieren (Lawinenairbag auslösen, Avalung/Schnorchel in den Mund, Lawinenball lösen usw.). Solange sich die Lawine bewegt, versuche ich oben zu bleiben. Vielleicht kann ich mich an Sträuchern, Bäumen, Felsen etc. festhalten. In jedem Fall versuche ich den Kopf oben zu halten und durch Strampeln oder Schwimmbewegungen an der Oberfläche zu bleiben.

Wenn Dich eine Lawine erfasst, versuche unbedingt Deinen Lawinenairbag auszulösen.

Pieps

Wenn Dich eine Lawine erfasst, versuche unbedingt Deinen Lawinenairbag auszulösen.


Bevor die Lawine zum Stillstand kommt, kauere ich mich zusammen, bringe die Hände vor mein Gesicht und schaffe so eine Atemhöhle. Achtung: ein schneefreier Mund ist bereits eine Atemhöhle! Darum Mund zu in der Lawine! Ist die Lawine zur Ruhe gekommen, kann ich einmal versuchen, mich mit einem Ruck zu befreien. Vielleicht liege ich nur knapp unter der Oberfläche. Wenn das nicht gelingt, muss ich Ruhe bewahren, Kräfte sparen und mich auf meine Kollegen verlassen.

3. Was mache ich, wenn ich einen Lawinenabgang beobachtet habe?

Zuallererst gebe ich Acht, nicht selbst von einer Lawine erfasst zu werden. Denn manche Lawinen lösen durch die Erschütterung des Geländes weitere Lawinen aus anderen Hängen aus. Deshalb muss ich das komplette Gelände über mir im Blick haben: Eigenschutz geht vor!

Wenn ich live einen Lawinenabgang sehe, dann beobachte ich ihn so genau wie möglich, präge mir ein, wie viele Personen erfasst sind, wo sie erfasst werden und wo sie verschwinden. Damit kann ich den Suchbereich bereits deutlich einschränken und gewinne wertvolle Sekunden.

4. Was muss ich vor der Lawinensuche beachten?

Bevor die Suche beginnt, übernimmt der oder die Erfahrenste der Gruppe die Leitung und verteilt die Aufgaben. Hier sind klare und konsequente Ansagen nötig! Alle Nicht-Verschütteten schalten ihr LVS-Gerät auf Empfang. Somit senden nur noch die Geräte der Verschütteten. Sind ausreichend viele Tourengeher verfügbar, setzt eine Person einen Notruf ab. Ist die Gruppe sehr klein, müssen alle sofort mit der Kameradenrettung beginnen, denn: 90% der komplett verschütteten Tourengeher und Freerider überleben den Lawinenabgang und die ersten 15min danach.

In diesem kurzen Zeitfenster muss jeder Erstretter mit aller Kraft versuchen, die Verschütteten zu bergen und es darf keine Sekunde mit Warten auf die organisierte Rettung verschwendet werden. In den anschließenden 20min ersticken über die Hälfte der Verschütteten. Erst danach kann für gewöhnlich die alarmierte Bergrettung eintreffen. Darum muss der Ernstfall immer und immer wieder trainiert werden.

5. Welche Schritte sind bei der Lawinensuche notwendig?

Signalsuche

Die Suche beginnt mit der Signalsuche. Je nachdem, wo ich mich befinde, beginne ich den Lawinenkegel so schnell wie möglich abzusuchen. Komme ich von oben, lasse ich die Ski an. Komme ich von unten, laufe ich ohne Ski, immer so, wie ich mich am schnellsten auf der Lawine bewegen kann. Ganz wichtig ist, nicht nur auf das LVS-Gerät zu schauen, sondern die Lawine mit Auge und Ohr abzusuchen. Nur ein Drittel der von einer Lawine erfassten Personen ist vollständig verschüttet. Das heißt, bei zwei Dritteln laufe ich sofort zum sichtbaren Teil (Bein, Ski, Stock, Rucksack etc., was auch immer an der Oberfläche sichtbar ist) und beginne mit der Rettung. Ist der Verschüttete nicht zu sehen und ich empfange das erste Mal Signal, muss ich mir die Stelle unbedingt markieren – zum Beispiel durch eine Mütze, einen Skistock usw. – und rufe laut: „Signal“, damit weitere Suchende informiert sind. Falls ich weiterlaufe und das Signal wieder verliere, kann ich immer zurück zum Erstsignal.

Folge bei der Grobsuche in jedem Fall der Richtungsanzeige auf deinem LVS-Gerät.

Pieps

Folge bei der Grobsuche in jedem Fall der Richtungsanzeige auf deinem LVS-Gerät.


Grobsuche

Ab jetzt verlasse ich mich uneingeschränkt auf mein LVS-Gerät und folge der Richtungsanzeige im Display und dem akustischen Signal. Es wird mir der Abstand zum Verschütteten ungefähr in Metern angezeigt. Solange das Gerät mehr als zehn Meter anzeigt, ist Laufschritt angesagt. Je näher ich dem Verschütteten komme, desto langsamer kann ich werden.

Ab angezeigten „10m“ gehe ich in den Landeanflug (Airport Approach) und rufe laut „10“. Sollte ich die Ski noch am Fuß haben, muss ich sie spätestens jetzt ausziehen. Ab fünf Metern bewege ich das LVS-Gerät entlang der Schneeoberfläche und rufe laut „5“. Dabei halte ich das LVS waagerecht, verdrehe es nicht mehr und gehe über in die Feinsuche.  

Feinsuche

Im Übergang zur Feinsuche ist es sehr wichtig die exakte Richtung, die mir das LVS-Gerät im Landeanflug angezeigt hat, nicht mehr zu verlieren. Je nach Gerät verschwinden die Richtungspfeile bei zwei bis drei Metern Abstand zum Sender und ich muss weiterhin der Feldlinie folgen, bis ich den niedrigsten Abstandswert auf der Anzeige habe. Um sicher zu gehen, dass ich den besten Wert erreicht habe, gehe ich einen guten Meter über das Signalmaximum hinaus und dann wieder zurück. Jetzt kann ich rechtwinklig zur gedachten Feldlinie mein Gerät über die Schneeoberfläche bewegen und versuchen, einen noch geringeren Abstand zum Sender zu finden.

Gehe in der Feinsuche direkt an die Schneedecke um das Signal einzukreuzen.

Pieps

Gehe in der Feinsuche direkt an die Schneedecke um das Signal einzukreuzen.


Dieses Verfahren nennt sich Einkreuzen. Achtung: Die Bewegungsgeschwindigkeit des LVS-Geräts beim Einkreuzen ist 30cm/sec (im Stress unerträglich langsam und erfordert viel Disziplin und Übung). Habe ich dann mein bestes Signal festgestellt, markiere ich den Punkt wieder (z.B. mit einem Handschuh) und beginne das Sondieren.

Punktortung

Wenn ich als Einzelperson suche, nehme ich erst hier den Rucksack ab und packe meine Schaufel und Sonde aus. Bei mehreren Suchenden macht nur einer die Feinsuche und der/die anderen bringen währenddessen Schaufel und Sonde in Position.

Die Sonde wird am obersten Segment gehalten, ausgeworfen und während des Wurfs an der innenliegenden Spannleine gezogen, damit sich alle Elemente im Flug zusammenfügen. Dann wird am markierten Punkt begonnen, senkrecht zur Schneeoberfläche zu Sondieren. Sollte man nicht gleich Erfolg haben, wird rund um die Markierung in Form einer Spirale weiter sondiert. Dabei sollte der Abstand zwischen den Einstichlöchern der Sonde ca. 25cm sein.

Bringe für die Punktortung Schaufel und Sonde in Position und falte im Wurf Deine Lawinensonde aus.

Pieps

Bringe für die Punktortung Schaufel und Sonde in Position und falte im Wurf Deine Lawinensonde aus.


Achtung: Wenn auf dem LVS-Gerät ein Abstand von 1,2m angezeigt wird, dann macht es Sinn, nur im Umkreis von 1,2m und auch nur 1,2m tief zu sondieren. Weiter kann der Verschüttete nicht entfernt sein.

Die Standardverschüttungstiefe liegt – nebenbei bemerkt – bei weniger als einem Meter.

Das Sondieren kann und muss man üben! Ein verschütteter Körper ist (mit etwas Übung) sehr gut von einem Stein oder dem Erdboden zu unterscheiden. Auch ändert sich die Einstechtiefe der Sonde deutlich. Bin ich erfolgreich und habe den Verschütteten geortet, beginnt das Schaufeln.

Ausgraben

Die Sonde bleibt zur Orientierung stecken und ich beginne hangabwärts im Abstand der Verschüttungstiefe zu graben. Steckt die Sonde ein Meter tief, beginne ich ein Meter hangabwärts der Sonde und grabe mich keilförmig zur Sondenspitze.

Für schnelles und kraftvolles Arbeiten hat sich ein teleskopierbarer Schaufelstiel sehr gut bewährt. Je näher ich dem Verschütteten komme, desto vorsichtiger muss ich graben, damit ich ihn nicht verletze.

Stecke die Sonde in den georteten Punkt und beginne hangabwärts mit dem Graben.

Ortovox

Stecke die Sonde in den georteten Punkt und beginne hangabwärts mit dem Graben.


Willst Du schnell und kraftvoll graben, dann ist auf jeden Fall ein Teleskop-Schaufelstiel von Vorteil.

Pieps

Willst Du schnell und kraftvoll graben, dann ist auf jeden Fall ein Teleskop-Schaufelstiel von Vorteil.


Wenn mehrere Personen graben, sticht der erste nur den Schnee ab und schiebt ihn hinter sich. Die dahinterstehenden Retter schaffen den Abraum weg. Da das Abstechen sehr anstrengend ist, bildet man Schaufelketten. Der Abstecher wird minütlich getauscht.

Bergen und Erste Hilfe

Sobald die verschüttete Person erreicht ist, wird durch Ansprechen das Bewusstsein überprüft und man versucht möglichst schnell zum Kopf zu gelangen, um die Atemwege zu kontrollieren. Wichtig ist, das Lawinenopfer vorsichtig zu bergen. Sobald es aus der Lawine befreit ist, muss immer für ausreichend Wärmeerhalt (Biwaksack und Rettungsdecke) gesorgt werden. Auf der Schneeoberfläche hat man immer leichte Luftströmungen, die für ein sehr schnelles Auskühlen sorgen.

Weitere Erste-Hilfe-Maßnahmen werden hier beschrieben: Erste Hilfe bei Erfrierung, Unterkühlung, Ski- und Lawinenunfällen

Fazit

Alles, was hier ausführlich beschrieben steht, braucht man erst, wenn es schon zu spät ist! Lawinenprävention beginnt bei der Tourenplanung, der Geländewahl, dem persönlichen Können aller Tourengänger und natürlich auch der Kenntnis des Lawinenlageberichts. Bereite Dich bestmöglich auf Deine Touren vor. Nur so kannst Du die Wahrscheinlichkeit senken, von einer Lawine überrascht zu werden!

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