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Notfälle bei Schnee und Kälte

Erste Hilfe bei Erfrierung, Unterkühlung, Ski- und Lawinenunfällen

8 Minuten Lesezeit
So schön der Winter für jeden Wintersportler auch ist, mit Schnee und Kälte bringt er auch seine Tücken und Gefahren mit sich. Damit Du im Ernstfall nicht ganz hilflos da stehst, haben wir hier für Dich wichtige Erste-Hilfe-Themen für den Wintersport im Überblick dargestellt.

Hinweis: Die Grundlagen der Ersten Hilfe (Schritt-für-Schritt-Vorgehen im Notfall, lebensrettende Sofortmaßnahmen usw.) erklärt Bergzeit Autor und Mediziner Basti Fiedler im Beitrag: 8 Tipps für Erste Hilfe beim Berg- und Outdoorsport.

Bei Touren im Hochgebirge und in hochalpinen Lagen spielen Gefahren durch Kälte und extreme Wetterverhältnisse ganzjährig eine Rolle. Durch den sogenannten Windchill-Effekt kühlen der Körper oder einzelne Körperteile schneller aus, als es normalerweise bei der gleichen Temperatur ohne Wind der Fall ist. Wenn die Wintersaison in den Alpenregionen Fahrt aufnimmt, kommen mit Wintersport, Schnee und Minusgraden zusätzliche Faktoren hinzu, die auch in niedrigeren Lagen rasch problematisch werden können. Auch der Skisport selbst birgt nicht unerhebliche Risiken für Verletzungen durch Stürze und andere Unfälle. Speziell im ungesicherten Gelände abseits markierter Pisten besteht zusätzlich die Gefahr von Lawinen. Gut zu wissen ist daher, worauf man achten sollte, wenn bei Kälte, Schnee und Eis der Ernstfall zuschlägt.

In diesem Artikel bekommst Du einen Überblick über Erste Hilfe und vor Ort umsetzbare Maßnahmen bei:

  • Erfrierungen
  • Hypothermie/Unterkühlung
  • Lawinenopfern
  • Ski- und Snowboardunfällen

Was ist eine Erfrierung?

Eine lokale Erfrierung tritt immer dann auf, wenn Körperstellen besonders lange besonders niedrigen Temperaturen ausgesetzt sind. Gefährdet sind dabei vor allem Bereiche des Körpers, die weit vom Körperzentrum entfernt und somit schlechter durchblutet sind, etwa Hände und Füße. Aber auch die Ohren oder die Nase sind durch ihre exponierte Lage und die relativ geringe Durchblutung anfällig für Erfrierungen.

Wenn Erfrierungen entstehen, nimmt durch die Kälte die Durchblutung in den betroffenen Arealen ab: Es kommt zum Absterben der Zellen. Das Gefährliche daran ist, dass die Erfrierung meist zu spät bemerkt wird, da sie anfangs oft relativ schmerzarm verläuft.

Man unterscheidet zwischen oberflächlichen (nur die obersten Hautschichten betreffenden) und tiefen Erfrierungen, die zum Beispiel auch die Muskulatur betreffen können. Erfrierungen werden (ähnlich wie Verbrennungen) in Stadien eingeteilt.

Nicht nur im Winter, auch bei Unternehmungen im hochalpinen Gelände, setzen wir unseren Körper extremen Wetterverhältnissen wie Schnee, Wind und Kälte aus.

Bergzeit

Nicht nur im Winter, auch bei Unternehmungen im hochalpinen Gelände, setzen wir unseren Körper extremen Wetterverhältnissen wie Schnee, Wind und Kälte aus.


Einteilung von Erfrierungen1

Grad IAnfangs oft weiß-bläuliche Verfärbung, nach dem Erwärmen Rötung und Schwellung durch Hyperämie (reaktive vermehrte Durchblutung), Taubheitsgefühle
Therapie: Erwärmung
Grad II Rötlich-bläuliche Verfärbung, nach dem Erwärmen Rötung, Blasenbildung (gefüllt mit klarer Flüssigkeit), oberflächliche Hautschäden, ggf. stark schmerzhaft aber auch Taubheit möglich
Therapie: Erwärmung, Wundverbände
Grad IIIBläulich-schwarze Verfärbung der Haut, blutgefüllte Blasen, zunehmende Schädigung auch der tieferen Hautschichten, Gewebe stirbt ab (= Nekrosen), Taubheit, Endstadium erst im Verlauf ersichtlich
Therapie: Klinik, medikamentöse oder chirurgische Therapie, Gefahr der Amputation
Grad IVTotalerfrierung, alle Gewebeschichten sind von Erfrierung betroffen, Taubheit
Therapie: Klinik, medikamentöse oder chirurgische Therapie, hohes Amputationsrisiko

Was ist eine Unterkühlung (Hypothermie)?

Neben der lokal begrenzten Erfrierung ist eine allgemeine Unterkühlung des gesamten Körpers ein weiteres Risiko bei Touren im Hochgebirge oder winterlichen Unternehmungen. Von einer Hypothermie spricht man in der Regel, wenn die Körpertemperatur unter 35°C absinkt. Man unterscheidet folgende Bereiche2:

  • Milde Hypothermie: 32-35°C Körpertemperatur
  • Mäßige Hypothermie: 28-32°C Körpertemperatur
  • Schwere Hypothermie: < 28°C Körpertemperatur

Bis zu einer Körperkerntemperatur von circa 32°C kann der Körper durch Regulationsmechanismen gegensteuern, zum Beispiel durch Muskelzittern oder durch eine Umverteilung des Blutes in die Körpermitte. Unter dieser Grenze versagen diese Hilfsmechanismen und es kommt zu einer „Abwärtsspirale“: Die Körpertemperatur fällt weiter. Fällt sie unter 30°C, bestehen zunehmend lebensbedrohliche Risiken wie Herzrhythmusstörungen bis hin zu Herzstillstand, Atemstillstand, Bewusstlosigkeit oder Koma.

Erste Hilfe bei Erfrierung und Unterkühlung

Tritt eine leichte Erfrierung an Händen oder Füßen auf, so sollte man primär auf den generellen Wärmerhalt achten. Oft ist eine Erfrierung die Folge einer allgemeinen Unterkühlung. Nasse oder gefrorene Kleidung sollte entfernt werden und man sollte einen warmen und windstillen Ort aufsuchen (zum Beispiel eine Hütte). Hier hilft eine langsame Erwärmung von außen (Wärmedecke, warme Kleidung, Raumtemperatur).

Auch eine zusätzliche Erwärmung von innen durch warme Getränke kann helfen. Sind einzelne Gliedmaßen betroffen, kann ein Wasserbad (ca. 37°C) ebenfalls unterstützen. Es sollte jedoch keinesfalls heißes Wasser benutzt werden, da dies durch die herabgesetzte Sensibilität am betroffenen Körperteil zu Verbrennungen führen kann (gilt auch für andere heiße Gegenstände, offenes Feuer etc.). Auch eine Erwärmung am eigenen Körper (zum Beispiel unter den Achseln) kann helfen. Grobes Reiben sollte unterlassen werden, da die Gefahr zusätzlicher Hautschäden besteht. Ebenso sollte der Konsum von Alkohol und Nikotin vermieden werden. Alkohol öffnet die Gefäße und kann zu einem weiteren Auskühlen führen – der wärmende Effekt wirkt nur kurzzeitig. Auch leichte Erfrierungen können erst im Verlauf (über Wochen) ihr endgültiges Bild zeigen, deshalb ist eine ärztliche Betreuung sinnvoll.

  • Zur schnellen Übersicht: Auf der Erste-Hilfe-Seite des Alpenvereins wird das Vorgehen bei Erfrierungen und Unterkühlungen übersichtlich in Stichworten zusammengefasst.
Oft findest Du in den Bergen Schutzhütten oder andere wind- und witterungsgeschützte Unterstandsmöglichkeiten.

Unsplash

Oft findest Du in den Bergen Schutzhütten oder andere wind- und witterungsgeschützte Unterstandsmöglichkeiten.


Höhergradige Erfrierungen sind ein Fall für eine spezialisierte Klinik, da hier oftmals eine spezielle chirurgische und medikamentöse Therapie nötig ist, um möglichst viel Gewebe zu retten. In so einem Fall sollte der Rettungsdienst alarmiert oder das nächste Krankenhaus aufgesucht werden. Zwischenzeitlich sollten die allgemeinen Regeln der Erwärmung (siehe oben) beherzigt werden. Bestehende Wunden gehören steril verbunden. Blasen sollten nur unter sterilen Bedingungen abgetragen und anschließend verbunden werden.

Eine starke Hypothermie (Unterkühlung) ist ein Notfall – entsprechend muss unverzüglich Hilfe (Bergwacht, Rettungsdienst, …) alarmiert werden. In diesem Temperaturbereich sind Patientinnen oft bereits wirr/benommen und können sich nicht mehr orientieren. Auch die Leistungsfähigkeit nimmt rapide ab. Das Risiko besteht vor allem darin, dass sich der Zustand der Betroffenen rasch verschlechtern kann und Komplikationen des Herz-Kreislaufsystems drohen. Bei stabilen Patienten und einer Temperatur über 30°C erfolgt in der Klinik dann in der Regel eine Überwachung und Erwärmung durch äußere Maßnahmen (Wärmedecken) und gegebenenfalls auch durch warme Infusionen.

Ist die Körpertemperatur unter 30°C gefallen, so handelt es sich in aller Regel um einen akut lebensbedrohlichen Zustand – die Patienten sind in der Regel nicht mehr ansprechbar. Es besteht ein hohes Risiko für Herzversagen (zum Beispiel durch Kammerflimmern). Besteht beim Auffinden kein Kreislauf, so sollte umgehend mit einer Reanimation begonnen werden. Durch die Abkühlung des Körpers wird der Stoffwechsel heruntergefahren und Betroffene können auch nach längerer Reanimation und langsamer Erwärmung erfolgreich wiederbelebt werden. Es gilt ein alter Leitspruch aus der Notfallmedizin: „Niemand ist tot, bis er warm und tot ist“. Als Ersthelfer vor Ort sollte man sich diese Entscheidung nicht aufbürden, sondern mit der Ersten Hilfe beginnen, bis professionelle Hilfe vor Ort ist.

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Erste Hilfe bei Lawinenopfern

Lawinenopfer sind leider keine Seltenheit. Jeder, der im freien Gelände unterwegs ist, sollte daher sicher im Umgang mit der Lawinenausrüstung und der Bergungstaktik sein. Zudem sind Grundkenntnisse in der Ersten Hilfe essentiell.

Dabei gelten nach der Bergung die allgemeinen Regeln: Kontrolle von Bewusstsein, Atemwegen sowie Puls. Die Kälte kann die Beurteilung allerdings sehr schwer machen, da der Puls nicht gut tastbar ist und durch die Kälte auch die anderen Vitalzeichen aussetzen können oder sehr schwach sind. Im Zweifel sollte mit einer Reanimation begonnen werden bis weitere Hilfe eintrifft – man macht hiermit nichts falsch und hilft dem Verschütteten im Ernstfall!

Sind die Vitalzeichen vorhanden und der Patient stabil und wach, ist in erster Linie der Kälteschutz wichtig, um eine weitere Unterkühlung zu verhindern (Wärmedecke, warme Jacke, …).

Wichtig: Länger verschüttete Lawinenopfer sollten nicht rasch passiv bewegt werden! Durch die Bewegung wird das kalte Blut aus den Extremitäten ins Körperinnere transportiert und senkt die Körperkerntemperatur unter Umständen schlagartig. Dies kann zum Schock oder im Extremfall zum Herzstillstand und damit zum sogenannten „Bergungstod“ führen. Bis weitere Hilfe vor Ort eintrifft, sollte das Lawinenopfer daher lediglich stabilisiert, überwacht sowie gewärmt werden.

Erste Hilfe bei Snowboard- und Skiunfall

Beim Skifahren sind durch die Hebelwirkungen der Ski vor allem die Knie gefährdet (32 Prozent aller Verletzungen im alpinen Skisport3). Beim Sturz kommt es durch ein Verdrehen der Ski zu einer Kraftweiterleitung auf die Knie, das dann unter der Kraft „nachgibt“. Ein Klassiker der Skisaison ist dabei die Verletzung des vorderen Kreuzbandes, aber auch andere Strukturen wie die Menisken oder die Seitenbänder sind stark gefährdet.  

Beim Snowboarden kommen zusätzlich noch Verletzungen der oberen Extremitäten dazu, da sich gerade Einsteiger bei Stürzen auf den Armen abfangen. Hierzu zählen Brüche vor allem des Handgelenkes sowie Brüche/Bandverletzungen im Bereich der Schulter bzw. des Schlüsselbeines.

Durch die hohe Geschwindigkeit sind auch schwere Verletzungen des Kopfes oder der Wirbelsäule leider keine Seltenheit.

Beim Wintersport, insbesondere beim Ski- und Snowboardfahren, bestehen nicht unerhebliche Risiken für Verletzungen durch Stürze oder andere Unfälle.

Bergzeit

Beim Wintersport, insbesondere beim Ski- und Snowboardfahren, bestehen nicht unerhebliche Risiken für Verletzungen durch Stürze oder andere Unfälle.


Leider gibt es hier keine allgemein gültige Regel, wie man sich im Falle eines Unfalles verhalten soll und wann eine Abfahrt ins Tal noch möglich ist, da dies stark von der Verletzung abhängt. Sollte eine eigenständige Abfahrt ins Tal schmerzbedingt nicht möglich sein, hilft nur die Alarmierung der Bergwacht.

Gerade bei Skitouren ist dies leider nicht immer möglich, dann muss unter Umständen improvisiert werden. Ein stabilisierender Verband kann zum Beispiel das Knie bei einer (vorsichtigen) Abfahrt bis zur nächsten Hütte unterstützen, ebenso eine improvisierte Ruhigstellung bei Verletzungen der Schulte

Entscheidungs-Flow-Chart für den Notfall

Die Notfallkarte zur Ersten Hilfe kann Dich im Ernstfall unterstützen.

Basti Fiedler

Die Notfallkarte zur Ersten Hilfe kann Dich im Ernstfall unterstützen.


Anmerkung

Ein Übersichtsartikel wie dieser kann nie alle Eventualitäten abdecken und ersetzt nicht die persönliche Ausbildung (Erste-Hilfe-Kurs, LVS-Kurs, …). Zudem kommen im alpinen Umfeld weitere Gefahren (Abgelegenheit, Wetter, Gelände, …) hinzu, die oft eine Improvisation nötig machen. Der Artikel dient lediglich als Übersicht zum Thema und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Quellen

1 Sachs A, Lehnhardt M, Daigeler A, Goertz O: The triaging and treatment of cold-induced injuries. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 741–7. DOI: 10.3238/arztebl.2015.0741

2 Larsen R. Hypothermie. Anästhesie und Intensivmedizin für die Fachpflege. 2016;994-997. Published 2016 Jun 14. doi:10.1007/978-3-662-50444-4_71

3 Unfälle und Verletzungen im alpinen Skisport, Zahlen und Trends 2018 / 2019, ASU (Auswertungsstelle für Skiunfälle) in Kooperation mit der Stiftung für Sicherheit im Skisport

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