Der Ortler ist mit seinen 3.905 Metern nicht nur der höchste Gipfel in Südtirol, sondern bietet auch einen der beeindruckendsten Normalwege in den Ostalpen. Bergzeit Magazin-Autor Sebastian Fiedler ist dem Gletscherriesen aufs Haupt geklettert.

Wenn man aus Richtung Norden kommt, den Fernpass hinter sich gelassen hat und am Reschenpass die Augen vom im Wasser versunkenen Kirchturm wendet, sticht er einem sofort ins Auge. Der Ortler, mit 3.905 Metern der höchste Berg Südtirols. Aufgrund seiner Lage und seiner großartigen Form, die ihn unverkennbar macht, gehört er zu den großen Zielen in den Alpen, die jeder Bergsteiger einmal in seinem Leben aufgesucht habe sollte. Im folgenden Bericht möchte ich euch beschreiben, wie ich die Hochtour über den Normalweg erlebt habe und kurz über die Geschichte des Ortlers berichten.

Über die Tabaretta- zur Payerhütte

Seit mehr als einem Jahrhundert der Stützpunkt am Normalweg: Die wunderschöne, authentische Payerhütte. | Foto: Basti Fiedler
Seit mehr als einem Jahrhundert der Stützpunkt am Normalweg: Die wunderschöne, authentische Payerhütte. | Foto: Basti Fiedler

Unser Weg beginnt am Parkplatz des Langensteinlifts. Bereits hier gilt es, die erste Entscheidung zu treffen. Wer den Ortler komplett „by fair means“ besteigen möchte, nimmt den Weg Nr. 4 unterhalb des Lifts. Wer hingegen (vor allem im Abstieg wird man es freudig annehmen) den Lift nehmen will, kann sich die ersten knapp 500 Höhenmeter sparen und startet an der Bergstation, der sogenannten K2-Hütte.

Von hier geht der Weg Nr. 10 nach Norden (in Richtung Tabarettahütte, angezeichnet) zuerst relativ parallel zum Hang entlang. Unterwegs sammelt man den Weg Nr.4, der vom Parkplatz her kommt, wieder ein und steigt nach der Durchquerung einiger großer Schuttfelder zur Tabarettahütte auf (ab K2-Hütte ca. 1 Stunde).

Nun bleibt man auf dem bezeichneten Weg zur Payerhütte, der sich immer steiler in Serpentinen zur sog. Bärenkopfscharte emporschlängelt. Von hier aus bleibt man nun westseitig des Rückens und geht hinauf zur Payerhütte, die exponiert auf dem Rücken thront und einen fantastischen Blick auf den Ortler und die Umgebung erlaubt (ab Tabarettahütte ca. 1,5 Stunden). Hier gilt es, das Nachtlager aufzuschlagen und das grandiose Abendessen zu genießen!

Früher Aufbruch zum Ortler

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker früh und die Hütte erwacht zum Leben. Nach einem kurzen Frühstück marschieren wir im Dunkeln los und folgen der Stirnlampenkette und dem Pfad südwärts. Es ist sinnvoll, sich ein wenig zu beeilen, denn es herrscht ordentlich Andrang auf den Normalweg und Stau ist an den nun kommenden Schlüsselstellen vorprogrammiert. Je weiter vorne man sich also einordnet, umso besser!

Der Pfad führt zu einer Scharte an der Tabarettaspitze, von wo aus in gut griffigem IIer-Gelände etwas abgeklettert werden muss. Auf den meist gut sichtbaren Steigspuren und immer wieder drahtseilversichert geht es in einem ständigen Auf und Ab bis zum ca. 60 Meter hohen Tschierfeckwandl. Dies ist die Schlüsselstelle, da es sich um eine relativ steile, mit Ketten versicherte Felswand im IIIer-Gelände handelt, die jedoch durch Stahltritte und -Griffe entschärft wurde.

Dennoch müssen hier viele Seilschaften sichern, und das kostet Zeit. Daher erneut der Appell früh zu starten, um nicht auch hier noch wertvolle Zeit zu verlieren. Nach dem Tschierfeckwandl wird der Rücken etwas breiter. Das Gelände sieht auf den ersten Blick einfach aus, entpuppt sich aber als zum Teil sehr exponiert – absolute Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sowie sicheres Kraxeln im IIer-Gelände ist hier Grundvoraussetzung. Zusätzlich ist der Weg sehr eng, sodass „Drängeln“ oder Überholen nur schwierig möglich ist.

Über das Lombardi-Biwak zum Gipfel des Ortler

Auf dem Weg zum Gipfel des Ortler bieten sich spektakuläre Blicke auf Gletscherabbrüche. | Foto: Basti Fiedler
Auf dem Weg zum Gipfel des Ortler bieten sich spektakuläre Blicke auf Gletscherabbrüche. | Foto: Basti Fiedler

Schlussendlich gelangt man aufs Eis – kurz vorher ist auf dem Rücken ein breiter Platz, der sich perfekt zum Anseilen und Anlegen der Steigeisen eignet. Man quert nun auf dem Gletscher kurz nach Westen um einen Vorsprung herum, bevor sich ein erster Eisaufschwung in die Quere stellt. Je nach Schneeverhältnissen kann es hier bereits heikel werden, da keine Sicherungsmöglichkeiten vorhanden sind und das Gelände bei Blankeis ungemütlich werden kann.

Hat man den bis zu 35° steilen Hang gemeistert, kommt man auf eine kurze Ebene, an der das Bivacco Lombardi (Notunterkunft) steht. Über einen weiteren Gletscheraufschwung, der häufig durch große Gletscherspalten gekennzeichnet ist, geht es weiter nach Süden. Die Gletscherspalten sind dankbarerweise häufig durch Bergführer mit Leitern oder Fixseilen versichert.

Nach diesem letzten Steilaufschwung gelangt man auf ca. 3.800 Metern auf das sogenannte Ortlerplatt. Hier neigt sich der Gletscher zurück. Meist wird der Gipfel über den Westrücken erreicht, zu dem man über einen Bogen gelangt. Die Orientierung ist bei guter Sicht sehr einfach – bei Nebel fehlen jedoch jegliche Anhaltspunkte. Dies sollte nicht unterschätzt werden, speziell bei Neuschnee kann die Routenfindung schwierig werden. In unserem Fall haben wir die Schwierigkeiten jedoch an dieser Stelle gemeistert und gelangen schlussendlich zum Gipfel, wo sich auch die Bergsteiger, die über den Hintergrat und andere Routen aufgestiegen sind, zu uns gesellen.

Abstieg mit Stau – an schönen Tagen am Ortler keine Seltenheit

Nach einer gemütlichen Gipfelrast machen wir uns wieder auf den Abstieg, der uns über den gleichen Weg hinabführt. Wir wollen nicht zu viel Zeit verlieren – denn wir wissen, dass uns noch ein größerer Stau bevorsteht (ja, auch der am Fernpass, aber zuerst der auf dem Abstieg selbst). Während der Gletscher keine Probleme bereitet, gibt es am Tschierfeckwandl einen ordentlichen Stau. Viele Seilschaften müssen einzeln abseilen und benötigen hierfür sehr viel Zeit.

Da gilt es Geduld zu bewahren und selbst eine effektive Seilschaft zu bilden, um den Stau nicht zu vergrößern. Auch nach dieser letzten Steilstufe folgen wir dem Aufstiegsweg, müssen uns aber nochmals ordentlich konzentrieren, denn auch wenn die Hauptschwierigkeiten hinter uns liegen, gibt es ausreichend Stellen, an denen Ausrutscher fatal wären (bis Payerhütte ab Gipfel ca. 2,5-3h).

Nach einer Stärkung auf der Payerhütte (Kaiserschmarrn!) geht es über den Aufstiegsweg zurück. Als wir schließlich an der K2-Hütte ankommen, sind wir heilfroh, dass wir uns am Vortag für den Lift entschieden haben. Denn nach mittlerweile 1.600hm plus Abstieg sind wir dankbar, dass nicht nochmals 500 Abstiegshöhenmeter hinzukommen.

Wieder beim Parkplatz in Sulden angekommen, werfen wir einen letzten Blick zurück zum höchsten Gipfel Südtirols, der über uns thront, und sind uns einig, dass dies (trotz des Andrangs) eine besondere Tour ist, die ihrem Ruf gerecht wird. König Ortler – du bist die Reise wert!

Zur Besteigungsgeschichte des Ortler

Seit 1875 steht die Payerhütte an ihrem exponierten Platz und trotzt den Elementen. | Foto: Basti Fiedler
Seit 1875 steht die Payerhütte an ihrem exponierten Platz und trotzt den Elementen. | Foto: Basti Fiedler

Laut einer Sage war der Ortler einst ein Riese, der vom gegenüberliegenden Stilfser Zwerg bezwungen wurde und daraufhin zu Schnee und Eis erstarrte. Ob es tatsächlich so war, lassen wir an dieser Stelle mal offen. In jedem Fall zeigt es die Faszination, die dieser Berg schon immer auf den Menschen ausgeübt hat – und es immer noch tut. Noch heute zieht es bei guten Bedingungen weit über 100 Bergsteiger pro Tag auf den Gipfel, die von allen Seiten – über Normalwege und ausgefallene Neurouten – nach oben streben.

Bereits 1804 stand erstmals eine Gruppe Bergsteiger unter Führung von Josef Pichler auf dem Gipfel – sie bestiegen den Ortler von Trafoi aus über eine heute kaum noch begangene Route. Es folgte eine Zeit mit mehr oder weniger Besteigungsversuchen, ehe 1865 ein gewisser Julius von Payer über den heutigen Normalweg den bis dato einfachsten Weg auf den Gipfel fand. Damit begann die touristische Erschließung des Berges. 1875 wurde schließlich die nach Payer benannte Schutzhütte errichtet.

Alle Tourdaten zur Ortler-Besteigung

  • Anfahrt nach Sulden: von Deutschland kommend über den Fernpass und Imst auf die Inntalautobahn. Dann weiter über den Reschenpass nach Südtirol und über Mals und Prad in Richtung Stilfserjoch bis Trafoi. Schließlich weiter in das Suldental und in den Talort.
  • Anforderungen/Charakter der Tour: nicht zu unterschätzende Hochtour  in Schnee, Eis und Fels. Durch den z.T. großen Andrang teils langer Stau an den Engstellen (Tschierfeckwandl, Steileispassagen).
  • Schwierigkeit: PD+ / im Fels bis III / im Eis bis 40°
  • Zeitangaben & Höhenmeter Zustieg zur Hütte: Parkplatz Talstation Langensteinlift in Sulden – Bergstation : ca. 1,5 Stunden und 486 Höhenmeter; Bergstation Langensteinlift – Tabarettahütte ca. 1 Stunde und 226 Höhenmeter; Tabarettahütte – Payerhütte ca. 1,5 Stunden und 473 Höhenmeter.
  • Zeitangaben & Höhenmeter am Gipfeltag: Aufstieg zum Gipfel ca. 3,5 Stunden und 876 Höhenmeter; Abstieg zur Payerhütte ca. 2,5 Stunden
    Achtung: Die Zeiten am Gipfeltag hängen stark vom „Verkehr“ am Berg ab und können gerade im Abstieg sehr schnell länger werden!
  • Alternativrouten auf den Ortler: Hintergrat, Meranerweg, Minnigeroderinne, Schückrinne (bei den ersten beiden handelt es sich um anspruchsvolle Grattouren bis UIAA IV, die letzten beiden sind ausgewachsene Steileis/-firntouren bis 60°Grad)
  • Übernachtung: Payerhütte
  • Ausrüstung: vollständige Hochtourenausrüstung
  • Karte: Kompass Karte WK 72 – Ortler
  • Benachbarte Touren: Königsspitze, Monte Zebru, Monte Cevedale

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